Optimierungs-Wahn Warum wir aufhören sollten, unseren Partner umzukrempeln

Warum Frauen ihren Partner ständig ändern wollen
Die Kritik ist am Partner ist ein schmaler Grat. Wo hört Wünschen auf und wo fängt Manipulieren an? © Mikhail_Kayl / Shutterstock.com

Zieh andere Schuhe an, rasier dich, iss gesünder! Warum neigen wir oft dazu, unseren Partner erziehen zu wollen? Was hinter dem Optimierungs-Wahn steckt

Wer frisch verliebt ist, packt den neuen Mann an der Seite auch gerne mal in Zuckerwatte. Mr. Perfect ist über jeden Zweifel erhaben, weichgezeichnet durch die rosarote Brille. Seine ungewöhnlichen Eigenarten schieben wir in die Kategorien "süß" oder "interessant". Doch bald schleicht sich die Alltags-Routine ein – und die ist Killer jedes rosaroten Filters.

Plötzlich finden wir niedliche Macken des Partners nervig oder lächerlich. Wieso trägt er zum Beispiel immer Tennissocken und warum nimmt er sich kaum Zeit, um mit Ihnen zu kochen oder ausführlich über den Tag zu sprechen? Auf einmal ist Mr. Perfect also ziemlich unperfekt. Dabei haben wir uns doch genau so in ihn verliebt.

Woran liegt es, dass Frauen in Beziehungen dazu neigen, den Partner nach ihren Wünschen ändern zu wollen? Wir haben mit dem Berliner Psychotherapeut und Buchautor Dr. Wolfang Krüger ("So gelingt die Liebe, auch wenn der Partner nicht perfekt ist", BoD, um 10 Euro) gesprochen und ihn gefragt, was dahintersteckt.

Wollen wirklich so viele Frauen Ihre Männer ändern?

Dr. Wolfgang Krüger: "Ja, 72 Prozent aller Frauen wollen ihre Partner gern verändern, doch 90 Prozent der Männer lehnen dies ab."

Frauen neigen dazu ihren Mann ändern zu wollen
Fast immer stößt man beim Partner auf Eigenschaften, mit denen wir uns nicht zu 100 Prozent anfreunden können © Mikhail_Kayl / Shutterstock.com

Wollen denn nur Frauen ihre Partner ändern?

Dr. Krüger: "Nein, wir alle stoßen beim Partner immer auf Eigenschaften, die wir gern ändern würden. Doch Männer weichen eher aus, wenn sie spüren, dass sie ihre Frau nicht ändern können. Sie ziehen sich zurück, verbringen mehr Zeit bei der Arbeit oder gehen fremd. Frauen investieren mehr Kraft in die Veränderung der Beziehung."

Haben solche Frauen den falschen Partner oder die falsche Einstellung zu Beziehungen?

Dr. Krüger: "Nur etwa 10 Prozent der Frauen haben einen falschen Partner, meist waren sie anfangs ja auch in ihn verliebt. Doch dann geraten sie in eine Ohnmachtsfalle, weil sie den Partner ändern wollen und es gibt Schallplattengespräche, in denen sie immer wieder das Gleiche kritisieren."

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Was steckt hinter dem Wunsch, den Partner ändern zu wollen?

Dr. Krüger: "Eine gute Partnerschaft ist ein Team. Das ist ein hoher Anspruch, weil jeder negative Eigenschaften in die Beziehung einbringt. Einer zieht sich schnell zurück, ein anderer lässt sich gern bedienen oder ist schnell ungeduldig und wird laut. Es ist normal, dass wir diese Eigenarten nicht akzeptieren."

Das bedeutet, man sollte den Partner also auch nicht immer so annehmen, wie er ist?

Dr. Krüger: "Nein, das wäre fatal. Aber ich muss lernen, welche Wege der Veränderung wirklich sinnvoll sind und wann ich in eine Machtspirale gerate."

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Haben viele Menschen eine unrealistische Wunschvorstellung von der perfekten Partnerschaft?

Dr. Krüger: "Über 90 Prozent aller Jugendlichen hegen bereits den Wunsch nach der großen Liebe. Damit haben wir die Erwartung, dass man immer wieder Herzklopfen verspürt, obgleich man den Alltag zusammen verbringt. Wir erwarten, dass der Partner sehr verlässlich und trotzdem aufregend ist. Unsere Erwartungen an die Liebe sind sehr hoch, aber prinzipiell sind sie erfüllbar, wenn wir bereit sind, unser eigenes Leben zu ändern. Man muss manchmal sehr direkt Veränderungen einfordern. Aber die meisten Veränderungen stellen sich ein, wenn ich all dies endlich erledige, was ich immer aufgeschoben habe. Die Partnerschaft mit sich selbst ist die wichtigste Beziehung und wenn sie gelingt habe ich auch den notwendigen Schwung zur Veränderung meiner Partnerschaft."

Die Kritik am Partner ist ein schmaler Grat
Unsere Erwartungen an die Liebe sind sehr hoch, aber prinzipiell erfüllbar © Mikhail_Kayl / Shutterstock.com

Kann man jemanden überhaupt erziehen oder ist die Mühe umsonst?

Dr. Krüger: "Natürlich muss die Basis des anderen erhalten bleiben und ich muss den Partner so anerkennen, wie er ist. Aber wir können grundlegende Eigenschaften ändern. Dann achten unpünktliche Partner auf die Uhrzeit, Männer helfen viel in der Küche und werden viel zärtlicher und hören zu."

Wie kann ich denn die Dinge, die mich wirklich stören, ansprechen?

Dr. Krüger: "Freundlich und direkt. Und dann werde ich eine Erfahrung machen. Es gibt Angewohnheiten die jeder mit gutem Willen ändern kann. Das wäre zum Beispiel die nicht zugeschraubte Zahnpastatube. Doch es gibt auch Persönlichkeitseigenschaften, die nur schwer zu ändern sind. Sie sind in der Kindheit entstanden und der Partner ändert sie nur unter großem Druck."

Und wie sieht es mit Äußerlichkeiten aus? Wenn einer der Partner beispielsweise verlangt, dass der Partner sich anders kleidet.

Dr. Krüger: "Friedrich Schiller sagte einmal seiner Frau, er würde sie gern nach seinen Vorstellungen formen. Manche Männer haben noch heute diesen Wunsch und stoßen auf die berechtigten Widerstände der Frauen. Natürlich darf jeder seine Wünsche einbringen, aber er muss grundsätzlich den Partner akzeptieren. Und dann müssen sich aber auch Männer daran gewöhnen, dass Frauen auch ihre Wünsche einbringen. Männer sollen dann mehr auf ihre Kleidung und ihr Gewicht achten und regelmäßig zum Arzt gehen."

Fast immer stößt man beim Partner auf Eigenschaften, mit denen wir uns nicht zu 100 Prozent anfreunden können
Eine zentrale Frage, wenn jemand versucht, den Partner zu ändern: An welcher Stelle sind Veränderungen sinnvoll und wann geht es bloß um Machtspiele? © Mikhail_Kayl / Shutterstock.com

Die Kritik ist am Partner ist ein schmaler Grat. Wo hört Wünschen auf und wo fängt Manipulieren an?

Dr. Krüger: "Beim Wünschen bin ich mir bewusst, dass ich etwas eventuell nicht bekomme. Manchmal muss ich meinerseits etwas tun, ich muss es mir also verdienen. Bei Ansprüchen habe ich die Überzeugung, dass mir etwas zusteht und werde sehr sauer, wenn das nicht eintrifft. Manipulieren ist immer respektlos, ich behandle den Partner, als wäre er ein Hund, den ich mit Leckerli dressiere. Dennoch brauche ich in einer Partnerschaft neben der emotionalen Ebene eine gute Strategie, die auch mit Macht und Anerkennung zu tun hat."

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Wie kann man lernen mit dem "Unperfekten" zu leben und trotzdem glücklich zu sein?

Dr. Krüger: "Indem wir vor allem das Prinzip der indirekten Veränderung praktizieren. Dann hat man den Schwerpunkt des Lebens in sich selbst, man verwirklicht eigene Lebensziele und auf diese Weise ändert sich das System der Partnerschaft. Es kommt auf mich an – in dieser optimistischen Erkenntnis liegt das Geheimnis guter Partnerschaften."

Wie funktioniert das konkret?

Dr. Krüger: "Grundlegend ist zunächst, dass Sie gute Freundschaften eingehen, damit Sie nicht zu abhängig vom Partner sind. Ihre Beziehung muss atmen, dann werden Sie auch wieder für den anderen interessant. Entscheidend ist immer Ihre eigene Entwicklung. Denn Ihre Lebendigkeit, Ihre Lebensfreude wird die Stagnation in der Beziehung auflösen. Es setzt ungeheure Energien frei, wenn Sie lustvoll persönliche Entwicklungen verwirklichen – anstatt den Partner ändern zu wollen."

Ist Selbstliebe also der Schlüssel zum Glück?

Dr. Krüger: "Ja. Gehen Sie also eine Partnerschaft mit sich selbst ein, finden Sie Ihre innere Mitte. Dann spüren Sie, wie ein tiefgreifender lebendiger Prozess beginnt, der Sie und Ihre Partnerschaft umfassend verändert. 90 Prozent aller Liebesbeziehungen lassen sich auf diese Weise nachhaltig verbessern – auch wenn Ihr Partner nicht perfekt ist."

08.05.2017| © womenshealth.de
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