Wandern und Klettern Zwischen Höhenrausch und Höhenangst

04.11.2014 , Autor:Juliane Hemmerling
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Sie fürchtet sich davor und will trotzdem ganz nach oben. In Innsbruck wagt sich unsere Redakteurin auf sportliches Neuland: Wandern, Klettern, Gipfel stürmen. Und der blanke Fels wird zu ihrer persönlichen Grenzerfahrung

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Wandern und Klettern: Zwischen Höhenrausch und Höhenangst
Da bleibt einem die Luft weg © Manu Theobald
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Berge faszinieren mich – aus der Ferne oder wenn Schnee darauf­liegt. Auch wenn ich Ski oder ein Snowboard am Fuß habe, kann ich mit ihnen um­gehen. An Ausdauer, Kraft und Beweglichkeit mangelt es mir nicht, aber: Wenn ich an die Höhe denke, den Blick nach unten in den Abgrund, wird mein Magen flau. Den Eiffelturm habe ich nur von unten gesehen, und gläserne Fahrstühle sind für mich das Grauen. Um steile Felswände habe ich bisher einen weiten Bogen gemacht. Aber heute nehme ich die Herausforderung an. Will mir beweisen, dass die Angst ein Gespenst ist, das ich mit eigener Willenskraft verscheuchen kann. 

Herausforderung: Keine Sicht


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Herausforderung: Schlechte Sicht beim Wandern

Schlechte Sicht? Kein Problem! Surreale Bergstimmung pur

© Manu Theobald

Als Bergneuling begleitet mich professionelle Unterstützung: Ohne Bergführer Stefan Stocker geht nichts. Wir beginnen früh in Innsbruck, wo trubeliger Stadtkern und imposantes Bergpanorama so nah beieinanderliegen. Start ist die Altstadt, Ziel die Seegrube auf 1900 Metern, läuft’s gut, geht’s weiter bis auf 2300 Meter Höhe. Zusatzherausforderung: Das Wetter ist schlecht, die Sicht gleich null – meine Stimmung aber ungetrübt. Nach wenigen Minuten durchs Zentrum, vorbei am Goldenen Dachl, überqueren wir den Holzsteg, die Brücke über den Inn, und es wird sofort steil – und still. Alle Stadtgeräusche sind schlagartig verflogen. Wir marschieren los über matschigen Wald­boden, es ist rutschig, und der Regen prasselt über uns auf das Baumdach. Schritttempo ist ungewohnt, bin ich doch eigentlich im Laufschritt unterwegs. Bergführer Stefan mahnt, ich solle meine Kräfte von Beginn an einteilen, schließlich warten noch einige Höhenmeter. Dennoch pendelt sich unser Geh-Rhythmus auf ein sportliches Niveau ein, ich schwitze, und mein Herz schlägt so schnell wie sonst beim Dauerlauf auf flacher Strecke. Das monotone, zügige Nach-oben-Gehen, das Gewicht auf dem Rücken verlangen mir zunächst einiges ab. Ich versuche, einen gleichmäßigen Atemrhythmus zu halten: einatmen, bewusst tief ausatmen, den Puls etwas beruhigen. So kann ich das Tempo lange halten. Ich gewöhne mich an die Belastung, fühle mich gut und empfinde den Rucksack bald nicht mehr als Fremdkörper.

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Wandern und Klettern in Innsbruck

Wer hoch hinaus will, muss manches Hindernis überwinden

© Manu Theobald

Steil, immer Steiler
Der Hang wird steiler, der Weg schmaler und steiniger. Wir gehen hintereinander, kämpfen uns voran. Mein Blick ist auf den Boden gerichtet, der Untergrund ist glitschig, mit jedem Schritt muss ich Halt finden. Ich bin konzentriert, und dennoch ist mein Kopf so herrlich frei, der Alltag vergessen. Das ist ein neues Sportempfinden für mich: Die Anstrengung fühlt sich entspannt an! Ich genieße die frische Luft, spüre den Nieselregen auf der Haut und nehme die Arbeit, die meine Beine leisten, gar nicht als anstrengend wahr. Dennoch ist Krafttanken angesagt. In der Ferne höre ich Kuhglocken, ein Zeichen, dass wir bald die Bodensteinhütte erreichen. Die vermeintlichen Kühe entpuppen sich im Nebelschleier als Schafe. Ich bin nass geschwitzt, nass geregnet – die Pause, ein kurzes Aufwärmen, kommt genau richtig. Selten hat eine Apfelschorle mit heißem Wasser leckerer geschmeckt! Meine Alm-Vorstellung bewahrheitet sich: die urige Hütte und eine freundlich-grantige Wirtin, die froh über Gesellschaft ist. Der Schnaps geht aufs Haus.

Wir sind auf 1700 Metern, kurz oberhalb verläuft die Baumgrenze. Der Nebel hält sich hartnäckig, und ich bin enttäuscht, dass ich das faszinierende Bergmassiv nur erahnen kann, der Blick ins Tal versperrt ist. Dann realisiere ich: Gerade weil ich nicht in die Ferne sehen kann, ist mein Blick für das geschärft, was unseren Wegesrand säumt. Und das ist beeindruckend: Auf einen Schlag sind Laub- und Nadelbäume verschwunden, es wachsen kleine Sträucher und zarte Moose, ich pflücke wilde Erdbeeren. Der Weg wird felsiger, die Luft dünner, es ist fast 10 Grad kühler als im Tal. Wie Treppensteigen fühlt sich der Weg an, bald bilden dicke Felsbrocken den Untergrund. Noch mal konzentrieren! Umknicken im Geröll wäre kein guter Tagesabschluss. Oben angekommen, ist es immer noch diesig, die Bergketten sehe ich nur auf dem Foto der Infotafel. So ist der Berg, meint Stefan, das Wetter ändert sich oft schnell zum Guten, ist manchmal aber einfach mies. Und langsam spüre ich die nasskalten Füße, die angestrengten Oberschenkel und freue mich auf die warme Badewanne im Tal. Abwärts fahren wir Seilbahn und ziehen Bilanz: 4 Kilo­meter sind wir gelaufen, haben ungefähr 4,5 Stunden reine Gehzeit hinter uns und dabei sportliche 1300 Höhenmeter überwunden.

Nass, kalt – und wunderschön


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Der Blick ins Zentrum von Innsbruck

Vom 2400 Meter hohen Gipfel blickt Juliane ins Zentrum von Innsbruck

© Manu Theobald

Herausforderung: Klare Sicht
Tag 2 beginnt deutlich sonniger, endlich sehe
ich das spektakuläre Bergpanorama rund um Innsbruck. Ins Fitness-Studio gehen wir heute, sagt Stefan und meint damit den Kaiser-­Max-Klettersteig. Mit Fitness-Studios kenne ich mich bestens aus, aber der blanke Fels der Martinswand, steil nach oben, ist mein persönlicher Angstgegner. Dennoch bin ich zuversichtlich, lasse mich ein auf das, was kommt: Ich setze meinen Helm in sicherer Entfernung zum Felsmassiv auf. Selbst kleine Kieselsteine werden schnell zum schmerzenden Geschoss, erklärt der Bergführer. Mein Vertrauen in ihn und sein Equipment ist groß. Ich steige in den Klettergurt, ziehe alle Riemen fest, befestige die Karabiner, die mich am Fels sichern. Am liebsten würde ich so schnell wie möglich los: bloß keine Zeit zum Nachdenken haben! Schon nach dem ersten Schritt hänge ich frei am
Fels, soll in geringer Höhe ein Gefühl dafür bekommen, dass mich Gurt und Seile halten. Mit einem weiteren Schritt ist einiges an Höhe gewonnen, über mir geht es senkrecht hoch. Je weiter ich mich am Stein hochziehe, meine Sicherung umhänge und nach oben greife, wird mein Respekt größer. Die Felsvorsprünge sind klein, ich muss mir jeden Griff erarbeiten und merke, dass mir die Weitsicht dafür fehlt – ich werde nervös, weiß nicht, wo mein Fuß als Nächstes sicheren Tritt finden soll.

Weiche Knie, starrer Kopf


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Wandern und Klettern in Innsbruck

An der steilen Felswand fordert der Berg volle Konzentration, hohe Beweglichkeit und Mut

© Manu Theobald

Was ich gestern noch herbeisehnte, wird jetzt zur Zusatzherausforderung: Die Sonne scheint, die Sicht ist weit und mit festem Boden unter den Füßen sicher faszinierend. In meiner Position – ich klammere mich immer mehr an Seil und Fels – führt alles zu Schwindel und Angst vorm Runterfallen. Über den ersten Vorsprung schaffe ich es, auf einer kleinen Ecke im Fels kann ich mich sammeln. So werden meine Hände und Füße entlastet, zumindest theoretisch, denn meine Beine zittern, ich schwitze, kann mich nicht konzentrieren. Tief atmen, meint Stefan. Das beruhigt mich etwas – dennoch frage ich mich: Kann ich nicht umkehren? Nein, ein Stückchen geht noch, spreche ich mir selbst Mut zu. Ich klettere weiter, zwischen 2 Felsvorsprüngen hindurch aufs nächste Miniplateau.
Dort ange­kommen, ist es noch steiler, ich werde panisch. Überall diese Weite, mir ist schwindelig, ich kann das Zittern der Beine nicht kontrollieren. Ich atme wieder tief, aber beruhige mich nicht mehr, bin blockiert. Mein größer Wunsch: zurück zum Boden, auf dem ich ohne Gurt und Seil entspannt stehen kann. Meinen starren Blick bemerkt nun auch Stefan: Wir drehen um, sagt er. Erleichterung und die nächste Herausforderung sind eins: Wie komme ich die 40 Meter wieder runter? Abseilen ist die einzige Option: in den Sitzgurt hängen, Hände weg vom Seil, Beine gespreizt an den Fels stellen, Arme zum Aus­balancieren in die Luft. Meine Angst ist nicht rational, ich weiß, dass mich das Seil hält, aber ich kann es einfach nicht loslassen. Mehr schlecht als recht seile ich mich zentimeter­weise ab, eine gefühlte Ewigkeit hänge ich am Fels, die Angst lähmt mich.

Unten bin ich wie ferngesteuert, voller Adrenalin, durchgeschwitzt und entkräftet. Dabei ist es nicht mein Körper, dem die Kraft fehlte, der Kopf entwickelte ein Eigen­leben. Im Training kann ich mich pushen und Grenzen überwinden. Nun stoße ich an eine unkontrollierbare Grenze, die ich nicht erklären kann: Die Angst vor der Tiefe, dem Fallen, ist stärker als erwartet. Ein seltsames Gefühl, dass der Kopf meinen Körper besiegt und der Berg mich fer­tigmacht. Perfekte äußere Bedingungen und ein starker Wille sind doch keine Garantie, sich nicht selbst im Weg zu stehen. Aber 40 Meter habe ich geschafft, habe sie mir und dem Berg abgerun­gen, darauf bin ich stolz. Als mein Herz wieder normal schlägt, fühle ich den neuen Reiz, der in mir entsteht: Ich werde es wieder versuchen, ich will die Angst überwinden. Ich weiß ganz sicher, dass ich eines Tages doch noch Freundschaft mit dem Fels schließen werde. Nur eben nicht heute.

Die wichtigsten Fakten zu Berg- und Klettertouren in Innsbruck


Ab in die Alpen
Hohe Berge und quirlige Stadt sind sich nah: Innsbruck ist jung, stylish und der perfekte Ausgangsort für Sport, Shopping und Sightseeing – unsere besten Tipps:

Hinkommen

Fliegen lohnt: Der Landeanflug über den Alpen und zwischen den Bergketten ist spektakulär! Der Flughafen Innsbruck liegt zentral, ist direkt ab Frankfurt oder Wien erreichbar. Wer's weniger aufregend mag: regelmäßige Zugverbindungen ab vielen deutschen Städten oder mit dem Auto über die Brennerautobahn.

Wo schlafen?
Das Hotel The Penz liegt mitten im Zentrum, von dort kann man alles in wenigen Minuten erreichen. Ab 80 Euro pro Person im DZ inklusive Frühstück. Günstiger schläft man auf dem Berg: 55 Euro pro Person bezahlen und eine Berg- und Talfahrt mit der Nordkettenbahn auf 2000 Meter bekommen, von dort mit ­schöner Wanderaussicht über den Goetheweg zur Pfeishütte wandern, Übernachtung und HP sind inklusive.

Wo essen und trinken?

Das Restaurant Chez Nico ist klitze­klein und vegetarisch-lecker: Chef Nico kocht außergewöhnliche Menüs mit saisonalen Zutaten aus dem eigenen Biogarten. Danach auf einen Drink in die Bar 360 Grad. Die liegt im Zentrum – aber weit oben –, und man hat von dort einen Rundumblick auf Stadt und Berge.

Beste Reisezeit
Ab Mai ist genug Schnee am Berg geschmolzen, dann sind Klettersteige und Gipfel weitestgehend eisfrei. Die Wandersaison ist Ende Oktober offiziell vorbei, je nach Wetter sind verschiedene Touren auch im November noch machbar.

Gute Führung
Berg- und Kletterunerfahrene sollten in die Begleitung eines Bergführers investieren: Der Guide kennt den Berg, kann Wetter und Fitness-Level der Wanderer einschätzen und eine Tour entsprechend planen – oder auch spontan umplanen. Der Tagestrip ist ab 260 Euro über die Alpinschule Innsbruck buchbar. Bis zu 4 Personen nimmt jeder Guide mit. Equipment kann man sich vor Ort leihen. Weitere Infos unter innsbruck.info

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