Tablettenabhängig Nehmen Sie zu viele Tabletten?

22.09.2016 , Autor:Kirsten Segler
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Bei Bedarf Tabletten einzuwerfen ist für viele normal – häufig mit bösen Überraschungen. Besonders trügerisch: Schlafmittel, die immer häufiger auch jungen Frauen verschrieben werden

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Schlaftabletten Überdosierung: Nehmen Sie zu viele Tabletten?
Die modernen Wirkstoffe von Schlaftabletten sind zwar körperlich sehr verträglich, machen aber rasend schnell abhängig © Kaponia Aliaksei / Shutterstock.com
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Der Termin morgen könnte endlich Lösungen bringen für Probleme, die sich schon seit Wochen aufstauen – und Sie liegen wach. Zum hundertsten Mal sagen Sie innerlich Ihren Text, hören die skeptischen Kommentare. Blick zum Wecker: 2.27 Uhr, noch keine Minute geschlafen. ­Dabei müssen Sie morgen doch unbedingt fit sein! In einer solchen Lage erscheinen Schlafmittel wie ein Geschenk des Himmels. Einfach eine Tablette aus der Packung drücken, schlucken, und schon verflüchtigen sich die Sorgen – sodass Sie endlich in den ersehnten Schlummer sinken können. Happy End? Schön wär's. 

Ausnahmsweise?
Würde es dabei bleiben, dass Beruhigungs- und Schlafmittel nur der Ausweg für echte Notfälle sind, wäre der Artikel an dieser Stelle zu Ende. Doch die Realität sieht oft anders aus. Sobald die Pillen zum Runterkommen, Einschlafen und Eindämmen von Ängsten im Arzneischränkchen liegen, verschiebt sich meist sehr schnell die Definition dafür, was als Ausnahmesituation gilt. "Die Mittel sind ungeheuer verführerisch, weil sie so effektiv wirken", sagt der Arzneimittelexperte Prof. Gerd Glaeske von der Uni­versität Bremen. Er begegnet vielen Menschen, die bis in den späten Abend arbeiten und am anderen Morgen trotzdem um 5 Uhr rausmüssen: "Manche von ihnen organisieren ihren Schlaf praktisch nur noch mit Tabletten." Das Problem: Die modernen Wirkstoffe sind zwar körperlich sehr verträglich, machen aber rasend schnell abhängig. "Auch wenn manche immer noch das Gegenteil behaupten: Das gilt nicht nur für die ­Benzodiazepine, sondern ebenso für die sogenannten Z-Substanzen. Sie heißen so, weil ihre Namen alle mit Z beginnen", sagt der Pharmakologe Prof. Bernd Mühlbauer vom Vorstand der Arznei­mittelkommission der Deutschen Ärzteschaft. "Mittel wie Zolpidem oder Zopi­clon binden am selben Rezeptor im Gehirn, beeinflussen ihn auf dieselbe Weise und haben deshalb auch dieselben unerwünschten Wirkungen – wie eben das Potenzial, ­abhängig zu machen."

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Nehmen Sie zu viele Tabletten?

Vermutlich kommt es bei den Betroffenen lange vor der körperlichen zur psychischen Abhängigkeit

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Fataler Sog
Die Experten wollen die Mittel keineswegs verdammen: "Es sind wertvolle Arzneien, die Menschen in schweren Situationen helfen können", so Glaeske. "Aber man muss verantwortungsvoll damit umgehen und sollte sie nur 8 bis 14 Tage nehmen." Doch durch den enormen Sog, den 'Benzos' und Z-Substanzen entwickeln, läuft es oft ­anders: Die Konsumenten wollen nicht mehr von den Ta­blet­ten lassen, die sie wie durch Magie von ihren Ängsten und ihrer Ruhelosigkeit erlösen. "Vermutlich kommt es lange vor der körperlichen zur psychischen Abhängigkeit", erklärt Prof. Katrin ­Janhsen, Dekanin an der ­Bochumer Hochschule für Gesundheit, die sich intensiv mit dem Thema beschäftigt. Neu ist das Phänomen nicht, schon 1966 haben die Rolling Stones mit 'Mother's Little Helper' einen Song daraus gemacht, doch inzwischen hat das Problem ungeheure Ausmaße angenommen. 2014 wurden offiziellen Angaben zufolge hierzulande rund 17,4 Mil­lio­nen Packungen Schlaf- und Beruhigungs­mittel verkauft (ohne pflanzliche Produkte). Doch niemand weiß, wie viele der 'User' tatsächlich abhängig sind. Selbst bei vorsichtigster Schätzung geht Glaeske von 1,5 Millionen Menschen in Deutschland aus. Wahrscheinlich sind es aber bis zu doppelt so viele.

Ärzte Machen mit
Unter denen, die von Schlaf- und Beruhigungsmitteln abhängig sind, werden vor allem Frauen jenseits der Wechseljahre auffällig. Es gibt aber Hinweise, dass auch Jüngere immer mehr bereit sind, sich mithilfe von Pillen aus unangenehmen Gemütslagen zu befreien. "Diese Haltung zeigt sich unter anderem darin, dass die Verordnungszahlen für Antidepressiva bei jüngeren Frauen ebenfalls deutlich steigen", sagt Glaeske. Das sei zwar auch ein Zeichen für größere psychische Belastungen, aber eben nicht nur. Studien seines Instituts belegen: "Es steht längst nicht immer eine klar diagnostizierte Depression dahinter. Oft gibt es schon bei gedrückter ­Stimmung rund um die Menstruation ein Rezept." Auch bei Schlafmitteln zögern viele Ärzte nicht lang, ergab ein Versuch bei Stiftung ­Warentest. Die 42-jährige Testperson, die bei 10 ihr unbekannten Ärzten über Schlafprobleme klagte, be­kam 4-mal sofort ein Rezept, 4 weitere Male nach vorsichtigem Nachfragen. Nur ein einziger Arzt versuchte, die Hintergründe der Beschwerden auszuleuchten. "Mir haben so viele Menschen erzählt, dass die Suchtgefahr im Gespräch mit dem Arzt nie ein Thema gewesen sei, dass ich es glauben muss", so Glae­ske. "Der Beipackzettel entbindet Ärzte jedoch in keiner Weise von ihrer Aufklärungspflicht!" Spätestens wenn die auf diese Weise angefixten Pa­tien­ten immer neue Rezepte verlangen, müssten Ärzte eigentlich die Notbremse ziehen. Stattdessen bedienen sich viele einer Verschleierungstaktik. Um die Medikamente länger als 4 Wochen verschreiben zu können, bekommen auch gesetzlich Versicherte fortan Privatrezepte und bezahlen die Tabletten selbst (und sobald die Patienten diesen Trick kennen, werden sie oft sehr ausgefuchst darin, sich ihren Nachschub in verschiedenen Praxen zu besorgen). Warum die Ärzte so handeln, ist ein Thema für sich. Es zu ergründen führt tief in den Sumpf eines Gesundheits­systems, das für Therapien, die zwischenmenschliche Zuwendung benötigen, nur wenig übrighat.

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Da die anfangs hohe Effektivität der Mittel schnell nachlässt, wird eine immer höhere Dosis benötigt, um eine Wirkung zu erzielen

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Folgen der Sucht
Schlafmittel tragen ein Risiko in sich, das auch schon für Erst- und Gelegenheitsnutzer relevant ist. Wer gleichzeitig ein anderes Medikament nimmt, Alkohol intus hat, eine zu hohe Dosis einwirft oder eine Substanz mit längerer Wirkdauer zu spät abends nimmt, kann sich morgens fühlen wie mit dem Sandsack gepudert. Der Hang­over ist eine wesentliche Ursache für Stürze und andere Unfälle. Bei der Abhängigkeit muss man 2 Formen unterscheiden, und nur eine ist auch für Laien klar als Sucht erkennbar. Da die anfangs hohe Effektivität der Mittel schnell nachlässt, wird eine immer höhere Dosis benötigt, um eine Wirkung zu erzielen. Irgendwann funktionieren viele Betroffene nur noch wenige Stunden am Tag und verdämmern den Rest. Viel subtiler ist dagegen die Abhängigkeit von niedrigen Dosen. Die Betroffenen nehmen die anfangs verordnete Menge einfach immer weiter ein – manchmal jahrelang –, weil Unruhe, Ängste und Schlaflosigkeit sonst sofort zurückkehren. "Man nennt das Rebound-Effekt, und es ist nichts anderes als ein Entzugssymptom", so Glaeske. Einige Mediziner finden diese Form der Abhängigkeit nicht dramatisch, doch Glaeske widerspricht: "Langfristig führen die Substanzen zu ­Wesensveränderungen, die Freunde und Verwandte meist viel eher spüren als die Betroffenen selbst." Sie werden reizbar, antriebslos und gleich­gültig – wie innerlich erstarrt. Zudem leiden Konzentration, Auffassungsgabe und Erinnerungsvermögen – womöglich bis hin zur Demenz. Neuen Studien zufolge könnte der Schlafmittelmissbrauch einer der Gründe für die vielen Alzheimer-Erkrankungen sein.

Hilfe finden
Doch niemand sollte versuchen, allein von Schlaf- und Beruhigungsmitteln loszukommen. "Manche setzen die Mittel im Urlaub ab und bringen sich dadurch in echte Gefahr", sagt Glaeske. "Nach einigen Tagen können starke Unruhe bis hin zu Psychosen, Aggressivität, Krämpfe und Blutdruckkrisen auftreten – wie beim Heroinentzug!" Stattdessen muss man die Mittel ärztlich begleitet ausschleichen – das dauert mitunter Monate – oder einen stationären Entzug machen. Adressen von spezialisierten Ärzten und Kliniken können die Kassenärztlichen Vereinigungen des jeweiligen Bundeslandes nennen. Am besten lassen Sie es aber gar nicht erst so weit kommen. Es gibt Möglichkeiten, um Angststörungen, die Nachwirkungen schrecklicher Erlebnisse und schlafraubende Situationen tatsächlich zu bewältigen. So kristallisiert sich die Wirksamkeit verschiedener Körpertherapien immer stärker heraus. "Für Psychotherapien gibt es lange Wartezeiten. Aber es gibt die Möglichkeit, 3 probatische Gesprächsstunden zu bekommen, das geht schneller", sagt Glaeske und verweist zudem auf Angebote für Kriseninterventionen (Adressen kennt das Gesundheitsamt). Statt Leid nur mit Pillen zuzukleistern, bietet Ihnen dieser Weg die Chance, zu einem wirklich erfüllten Leben (zurück) zu finden.

Risiko rezeptfrei


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Niemand sollte versuchen, allein von Schlaf- und Beruhigungsmitteln loszukommen. Ein Alleingang kann fatale Folgen für die Gesundheit haben

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Auch Arzneien, die nicht verschreibungspflichtig sind, enthalten potente Wirkstoffe, die ­unerwünschte Wirkungen haben können. Eine Auswahl:

Kombiprodukte gegen Infekte
Der Wirkstoff ­Ephedrin und seine Abkömmlinge (lassen die Nase abschwellen, etwa in Säften bei grippalen Infekten) ist gefährlich für Asthmatiker, weil er deren ­Atmung verschlechtert. Viele Kombis enthalten Para­ce­tamol, das die Leber belastet. Vorsicht, wenn Sie weitere Schmerzmittel nehmen.  

Präparate mit Johanniskraut
Die antidepressiv wirkende Pflanze beeinflusst viele Wirkstoffe und kann etwa die Pille unwirksam machen. Hohe Dosierungen können außerdem zu den gleichen Problemen führen wie die gebräuchlichsten synthetischen Antidepressiva.

Schlankheitsmittel
Produkte aus dem Internet können undeklariert Appetitzügler enthalten. Oft handelt es sich um Sibutramin, ­teilweise in höherer Dosis als bei dem Präparat Reductil, das verboten ist, weil es Herzver­sagen verursachte.

Keine gute Mischung


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Langfristig führen die Substanzen zu ­Wesensveränderungen, die Freunde und Verwandte meist viel eher spüren als die Betroffenen selbst

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Auch gut verträgliche und vom Arzt verordnete Medikamente können unter Umständen gefährlich werden. Immer, wenn Sie unsicher sind, gilt der bekannte Satz: Fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker!

Antidepressiva  
(Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer, SSRI)
Überdosiert oder in Kombination mit Triptanen (Migränemittel) oder Opiaten, kann zu viel von dem Nervenbotenstoff Serotonin im Gehirn frei werden. Mögliche Symptome des 'Serotonin-Syndroms' sind starke Unruhe, Herzrasen, Schüttelfost, Durchfall sowie Zittern und ­Muskelzuckungen bis zu schweren Krämpfen.

Schlaf- und Beruhigungsmittel
(Benzodiazepine und Z-Substanzen)
Ihre Wirkung wird durch Antibiotika und ­Alkohol verstärkt und verlängert, außerdem dürfen sie nicht zu spät genommen werden. Andernfalls kann es am Folgetag zu gefährlicher Benommenheit kommen. Opiate sollten wegen ihrer Wirkung auf Herzschlag und Atmung nicht mit Schlafmitteln kombiniert werden.

Schmerzmittel

(Opiate)
Darunter fällt nicht nur das Morphium, einige Vertreter können Ihnen auch in Kombipräparaten begegnen, etwa nach einer Zahn-OP. Codein wird zudem als Hustenstiller eingesetzt. Opiate müssen mit Bedacht genommen werden, weil sie Herzschlag und Atmung verlangsamen und mit vielen Mitteln Wechselwirkungen eingehen.

Schilddrüsenhormon
(Levothyroxin)
Wird meist benötigt, wenn die Schilddrüse nicht genug dieses Hormons produziert. Die verordnete Dosis muss vor dem Frühstück geschluckt und genau eingehalten werden. Wer morgens unkonzentriert zu viel nimmt, riskiert für die Überfunktion typische ­Symptome wie Herzrhythmusstörungen.

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