Von Monogamie bis Polyamorie Machen offene Beziehungen glücklich?

06.01.2016 , Autor:Christiane Kolb
© WomensHealth.de

Die Ewigkeit ist ein ganz schön langer Zeitraum. Deswegen setzt ein neues Beziehungsmodell auf emotionale Treue – und sexuelle Freiheiten: die offene Beziehung - "quasi monogam".

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Offene Beziehung: Offene Beziehung
Neue Zeiten, neue Beziehungen: Jede dritte Frau will Sex mit anderen © Bikeriderlondon/ Shutterstock.com
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Sex-Stellungen

Macht eine offene Beziehung glücklich?

Freie Liebe? Nur so quasi treu? Kennen wir doch, gab’s schon mal. Nach der sexuellen Re­volution in den 70ern hieß die Spielart noch "offene Beziehung" – was aber im Rückblick klingt wie "Sex, egal mit wem".

Motto: beliebig statt liebevoll. Wir kennen den Katzenjammer dieser Bewegung aus Erzählungen, Filmen oder People-Magazinen: Einer heulte am Ende immer (meist die Frau) oder lief Amok (der Mann). Und nun kommt das Ganze mit neuem Namen als brand­aktueller Trend daher: "Quasi monogam" heißt das Beziehungs­modell jetzt.

Wie klappt sexuelle Freiheit ohne Tränen und Eifersucht?

Der wichtigste Grund: Bei "quasi monogamen" Beziehungen ist das Fundament die emotionale Treue, auf der ein Paar sexuelle Offenheit aushandelt. Die Beziehung ist also der sichere Hafen, von dem man von Zeit zu Zeit ausläuft für kleine Abenteuer auf stürmischer See. "Die Liebe basiert auf Ehrlichkeit zueinander, nicht auf Exklusivität", erklärt Sexkolumnist Dan Savage aus Seattle, der dem Trend den Namen gab: "monogamish", was man mit "quasi monogam" oder "ziemlich treu" übersetzen kann - also eine ziemlich offene Beziehung. Ein Widerspruch in sich.

Bleibt die Liebe auf der Strecke, wenn sexuelle Grenzen offen sind?

Esther, 32 Jahre, fiel jedenfalls aus allen Wolken, als Leo, mit dem sie seit 5 Jahren glücklich war, die Sprache darauf brachte. "Ich fand den Vorschlag, unsere Beziehung zu öffnen, zuerst bizarr", erzählt die Marketing-Fachfrau aus Düsseldorf. Klar, sie ­hatten über einen Dreier fantasiert. Aber das war doch etwas völlig an­deres! Leo fühlte sich unverstanden: "Ich hab mich einfach nur getraut, eine Fantasie auszusprechen. Danach fragst du doch immer", muffelte er. Und außerdem ginge es ja um gegenseitige Freiheit.

Sie ließen das Thema fallen. Bis Esther einige Wochen später merkte, dass ihr Leos Vorstoß nicht mehr aus dem Kopf ging. Nicht, weil sie sich noch ärgerte. Sondern weil es verlockend klang. Ja, sie war glücklich mit ihm. Aber sie hatte sich auch schon gefragt: Ist er wirklich der einzige Mann, mit dem ich in meinem Leben noch Sex haben werde? Dieser Gedanke hatte sie befremdet. Und so begannen die beiden, vorsichtig zu diskutieren, was überhaupt und wie das gehen könnte mit der sexuellen Freiheit – und landeten anschließend immer erregt zusammen im Bett.

Ist offene Monogamie das ideale Modell für die Liebe von heute?

Immerhin bringt sie zwei gegenläufige Strömungen zusammen: Einerseits werden Werte wie Treue und Vertrauen wieder hoch gehandelt. In einer Umfrage der Dating-Website Parship erklärten 88 Prozent der Befragten, Treue sei ihnen besonders wichtig. Andererseits diskutieren Evolutionsforscher, ob der Mensch monogam gemacht ist, weil unsere Vorfahren wohl nicht nur Höhle und Mammut, sondern auch die Partner teilten. Selbst bei den Primaten und Säugetieren sind nur 3 bis 5 Prozent der Arten treu. Beleg für die Wirkung der Steinzeit-DNA: Es wird fremdgegangen, und zwar in jeder zweiten Ehe. "Das heutige Treuemodell 'Alles mit einem für immer' gibt es noch gar nicht so lange", kommentiert Psychologe Holger Lendt aus Hamburg.

Die Idee der romantischen Liebe kam nämlich erst in den letzten Jahrhunderten auf. "Das pflanzt völlig überzogene Erwartungen an die Partnerschaft in uns ein", so Lendt. Jenseits von Biologie und Moral lässt das 21. Jahrhundert die Treue ziemlich alt aussehen: "Ökonomie, Technologie und Demografie haben unser Sozial­leben umgekrempelt", sagt US-Historikerin Pamela Haag, die sich mit der flexiblen Monogamie beschäftigt.

Konkret: Frauen haben die finanzielle Freiheit, um über ihre Beziehungen zu bestimmen. Das Internet verbindet Menschen mit gleichen emotionalen und erotischen Wünschen im Nu. ­Zudem leben wir heute deutlich länger und haben dabei noch viel mehr ­Möglichkeiten bei der Partnersuche. Holger Lendt und die Paarberaterin Lisa Fischbach plädieren in ihrem Buch "Treue ist auch keine Lösung" (Piper Verlag, um 10 Euro) für mehr Freiheit in der Liebe und stellen die Zweierbeziehung als einzig erstrebenswerte Form des Zusammenlebens generell infrage. Ihre Argumentation: "Liebe und das Besitzen eines anderen schließen einander aus", so Lendt.

Wie Popstar Sting beschwört: "If You Love Somebody, Set Them Free." Sprich, wer liebt, muss seinem Partner Freiheit schenken – womöglich auch die, intime Erfahrungen ohne ihn zu machen.

Was es alles gibt:
Monogamie
Treue – bis dass der Tod euch scheidet. Bedeutet im Ursprung: Ehe mit einem Partner oder exklusive Beziehungen.
Polygamie
Steht eigentlich für Vielehe – also mehrere, auch sexuelle Beziehungen parallel. Rechtlich nicht erlaubt und als sexuelle Lebensform verpönt.

Polyamorie
Stellt das Konzept der Treue ganz infrage. Die Partner erlauben sich im vollen Wissen und Einverständnis Liebesbeziehungen zu anderen.

Verhandelte Monogamie
Als neuer Trend: Setzt die emotionale Treue zu einem Partner voraus, die Paare öffnen die Beziehung aber in sexueller Hinsicht und verhandeln miteinander, was sie sich erlauben.

Wie klappt eine offene Beziehung in der Praxis?

Die Regeln sind frei verhandelbar: Manche Paare erlauben sich One-Night-Stands, andere noch etwas mehr, manche vereinbaren Stillschweigen, andere totale Ehrlichkeit. Aber was ist besser daran, mit Ansage statt heimlich in ein fremdes Bett zu steigen? "Die Öffnung zu vereinbaren ist in jedem Fall besser", rät Holger Lendt. "Denn den Betrogenen schmerzt der Verlust an Vertrauen am stärksten – und nicht die Tatsache, dass der ­Partner Sex mit anderen hatte."

Und wenn es doch zu sehr wehtut? "Dann können beide offen darüber reden und die Vereinbarungen anpassen." Esther und Leo fanden für sich ­folgenden Kompromiss. Erste Regel: nicht mit irgendjemand schlafen, sondern nur mit jemand Besonderem. Zweite Regel: nur Sex, nicht Liebe machen – um die Gefahr für die Beziehung zu minimieren. Die Bilanz nach einem knappen Jahr: Leo ging während einer Geschäftsreise fremd, Esther hatte eine Miniaffäre vor Ort. Aber wer macht denn so was? In unserer Online-Umfrage gaben 7 Prozent der 832 Teilnehmerinnen an, sie würden bereits in einer offenen Beziehung leben. Das ist rein statistisch also jedes 14. Paar.

Sie kennen keines? Kein Wunder, die wenigsten tragen ihr persönliches Arrangement vor sich her. Dazu gilt Fremdsex als moralisch zu zweifelhaft – vor allem, wenn ihn eine Frau genießt. Dabei wünscht sich fast ein Drittel der befragten Frauen, Sex mit einem anderen zu haben. An fehlender Lust kann es also nicht liegen. "Vor 70 Jahren waren Sex vor der Ehe und die gemischte Ehe auch noch ­geächtet", erklärt Historikerin Haag. Heutzutage regt sich kaum einer ­darüber auf. In einer Umfrage von Haag unter 1879 Befragten beider Geschlechter sagten 41 Prozent, dass nichtmonogame Liebe funktionieren kann, wenn sich das Paar darüber verständigt hat. Haag prophezeit deshalb nicht gleich, dass die Beziehungsform bald überwiegen wird, nur dass der Trend langfristig zunimmt.

Für wen eignet sich eine Beziehung mit sexuellen Freiheiten?

Nicht jeder ist allerdings für die neue Freiheit geschaffen: "Die Öffnung der Beziehung ist nur für solche ­Menschen ratsam, die den Partner auch wirklich freigeben können", sagt Psychologe Lendt. Zwangsläufig ­brauchen beide Partner eine hohe Kommunikationsfähigkeit und sehr viel Vertrauen ineinander. "Die Sache ist dann zum Scheitern verurteilt, wenn man mit der Öffnung eine an­ge­schlagene Beziehung kitten oder etwas kompensieren möchte, was in der Liebe fehlt", erklärt der Psy­chologe.

Ein weiterer häufiger Fehler ist, es nur dem Partner zuliebe zu tun. Das funktioniert nie. Stattdessen sind gewisse Grundvoraussetzungen gefragt: zum Beispiel sexuelle Abenteuerlust und die Bereitschaft, die Beziehung ständig neu auszutarieren.

Was bringt mir eine offene Beziehung?

Wer viel riskiert, kann viel gewinnen – aber auch verlieren. Esther und Leo genossen das Liebesarrangement. Sehr. Bis Esther sich verliebte. Als der Lover sich nicht mehr meldete, war sie verletzt – und Leo tröstete sie. "Das war schwierig. Aber hinterher war ich noch sicherer, dass ich den richtigen Mann liebe", erzählt Esther. Ihre Lektion: Re­den hilft. Immer. Und über alles: Wünsche, Ängste, Liebe und Sex.

"Uns hat das Experiment zusammengeschweißt, auch wenn es jetzt auf Eis liegt", sagt sie. Dafür hat der Sex eine neue Qualität. Und das Gefühl, zusammenzugehören und gemeinsam alles schaffen zu können, ist stärker als jemals zuvor. "Liebe ist Entwicklung! Wir fühlen uns vollkommener, wenn wir lieben, und wir reifen nirgends so sehr wie durch Partnerschaften", so Lendt. Aber nur, wenn man offen miteinander umgeht, sexuell und emotional. Vielleicht hält die große Liebe ja dann doch für immer und ewig. Quasi monogam – und fast immer treu.

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