Orgasmus: Alles über den weiblichen Höhepunkt

Der weibliche Orgasmus
Beim Orgasmus wird der Körper mit Oxytocin überflutet, das die typischen Kontraktionen der Vagina und das unendlich köstliche Gefühl auslöst © Zamurovic Photography / Shutterstock.com

Kann man eigentlich ganz ohne Sex zum Höhepunkt kommen und warum erleben so viele Frauen nur dann einen Orgasmus, wenn sie selbst Hand anlegen? Wir klären auf ...

Zuerst müssen wir uns mal bedanken! Nämlich bei den Frauen, die furchtlos im Magnetresonanz­tomographen (MRT) Hand an sich gelegt haben. Denn ihr Solo im Dienst der Wissenschaft machte diese Einsichten zum Orgasmus überhaupt erst möglich. Echte Heldinnen! Dann mal los mit der Erregung öffentlicher Erkenntnisse.

Was passiert im Körper der Frau beim Orgasmus?

Die erste Berührung

Klick. Ah, jetzt schaltet sich der genitale sensorische Kortex ein. Diese Region des Scheitellappens in der Großhirnrinde verarbeitet die Berührungen in der Genital­region. "Unsere Studien zeigten, dass Klitoris, Vagina, Gebärmutterhals, aber auch die Brustwarzen dort in unterschiedlichen Regionen repräsentiert werden", erklärt Barry Komisaruk, Neurowissenschaftler an der Rutgers University in Newark, New Jersey. Pflücken Sie sich das vom Baum der wissenschaftlichen Erkenntnis: "Weil der Orgasmus an unterschied­lichen Punkten ausgelöst werden kann, wird er intensiver, wenn nicht nur an einem Spot, sondern gleich an mehreren stimuliert wird", so der Studienleiter.

Die Spannung baut sich auf

Summ. Wenn mehr Lust entsteht, wird auch die Aktivität in den grauen Zellen stärker – und nun auch im limbischen System, wo Gefühle verarbeitet werden und Triebe ihren Ursprung haben. Die Erregung befeuert den Hippocampus, der Langzeiterinnerungen speichert, und die Amygdala, den Mandelkern in der Mitte des Gehirns, wo die Affekte wohnen – Furcht wie Lust. Jetzt steht eher Letzteres im Vordergrund.

Der Höhepunkt steht bevor

Wow. Im Gehirn ist ganz schön was los: Gleich werden Bereiche miteinander vernetzt, die ansonsten unverbunden sind. Kurz vor dem Orgasmus veranlasst das Kleinhirn einen Spannungsaufbau in Oberschenkeln, Po und Bauch, während der präfrontale Kortex im Frontallappen – also dem Kontrollzentrum des Gehirns, das fürs Planen und abstrakte Denken zuständig ist – Fantasien auslöst. Das Erreichen des Orgasmus hängt wesentlich mit einer Deaktivierung von Arealen zusammen, die sonst planen und ordnen, dazu werden Angst und Hemmungen unterdrückt. Auch der vordere Gyrus cinguli, dem eine Schlüsselrolle in der Vermittlung verschiedenster kognitiver wie emotionaler Prozesse zukommt, und die Insula oder Inselrinde mischen mit: Diese Regionen können unser Schmerzempfinden dämpfen – und wenn sie das jetzt tun, machen sie den Weg frei für eine entgegengesetzte Empfindung: intensive Lust.

Es knallt: Hallo Orgasmus!

Bumm, däng, ding. Das Feuerwerk zündet, leuchtet und kracht: Der Hypothalamus überflutet den Körper mit Oxytocin, das die typischen Kontraktionen der Vagina und unendlich köstliche Gefühle auslöst. Der Orgasmus ist aber nicht nur eine körperliche Sensation, denn Oxytocin ist zugleich das zentrale menschliche Liebes- und Bindungshormon. Deshalb also will man nicht nur die ganze Welt umarmen, sondern vor allem den Liebsten an unserer Seite. Auch der Nucleus accumbens, unser Belohnungszentrum im Hirn, wird mit Dopamin überschwemmt – das Glückshormon lässt uns noch höher fliegen.

Nach dem Orgasmus

In den Lustzentren des Gehirns geht das Licht aus – das Gefühl totaler Entspannung ist die Folge der hormonellen Gehirnwäsche. Schlafen oder kuscheln Sie schön!

Was passiert im Körper beim Orgasmus?
Übersprudelnde Gefühle: Beim Orgasmus wird unser Belohnungszentrum im Hirn mit Dopamin überschwemmt © Zamurovic Photography / Shutterstock.com

Sie kommen einfach nicht zum Orgasmus? 5 Tipps, wie's klappen könnte

Manche Frauen kommen sehr selten zum Orgasmus, und einige erleben sogar nie einen Höhepunkt. Darum sollte jede diese gemeinen Orgasmus-Saboteure kennen und schnellstens aus dem Weg räumen. Nachfolgend die effektivsten Tipps für die Höhepunkt-Garantie:

1. Tipp: Zweifel am eigenen Körper

Nackt! Da unterziehen viele Frauen Bauch, Busen und Po erst mal einer kritischen Bestandsaufnahme. Dann könnten Sie im Prinzip auch gleich kalt duschen gehen. Über­legen Sie sich: Sollen Ihnen diese kleinen Makel auf ewig den Spaß verderben? Das dürfen die nicht! Finden Sie 3 Körperstellen, auf die Sie stolz sind, und an die denken Sie im Bett. Und konzentrieren Sie sich auf das eigent­liche Ziel: streicheln, küssen, lieben. Schon ist kein Platz mehr da für fiese Komplexe und miese Gedanken.


2. Tipp: Schlechtes Gewissen

Gute Mädchen tun das nicht? Stimmt. Aber zum Glück sind Sie ja eine erwachsene Frau! Leider schlummern solche Botschaften trotzdem oft in unserem Unterbewusstsein. Mal ehrlich: Guter Sex ist nicht sauber, sondern, Verzeihung: geil, feucht, laut und körperlich, also nur schwer mit Mrs. Perfekt & Sauber zu vereinbaren. Wir empfehlen, dass Sie sich selbst mal eine Motivationsrede halten, wie ein Trainer: "Ich kann das, ich will das, ich lebe meine Sexualität selbstbestimmt ohne Hemmungen." So!

3. Tipp: Zu tief ins Glas geguckt

"Alkohol kann sich positiv auswirken – und negativ, je nach Menge", so Wegmann. Belassen Sie es bei ein bis 2 Gläsern, egal wovon, damit die Lust nicht ertrinkt.


4. Tipp: Zu wenig Know-How

Wenn es zu zweit nicht hinhaut, müssen Sie vielleicht solo noch etwas üben, um genauer zu wissen, was Sie zum Abheben bringt. Wenn Sie die heißesten Techniken kennen, können Sie ihm Ihr Wissen einflüstern. Außerdem rät unsere Expertin: "Warten Sie nicht darauf, dass er von selber draufkommt, was er tun soll." Zeigen Sie's ihm!

5. Tipp: Gesundheitliche Belastungen

Kleine Liste: Diabetes, Stoffwechselerkrankungen (an Schilddrüse, Nebennieren) oder Medikamente wie die Pille (nur manche), Bluthochdruck-Hemmer und Antidepressiva können die Lust am Fliegen stören. "Wenn man merkt, dass erst in letzter Zeit Probleme mit dem Höhepunkt auftauchen, sollte man das unbedingt mit einem Arzt besprechen", so Expertin Wegmann.

Kann man eigentlich ohne Sex zum Orgasmus kommen?

Immer wieder hört man von Fällen, in denen Menschen berichten ganz ohne Sex zum Orgasmus zu kommen. Ist das wirklich möglich? Wir haben nachgeforscht ...

Orgasmus beim Sport

Vielleicht können Sie nicht gerade im Liegestütz zum Höhepunkt kommen, aber in einer neuen Studie der University of Indiana berichteten 124 Frauen übereinstimmend von heißen Gefühlen im Schritt, die vom Sport ausgelöst wurden.


Orgasmus im Schlaf

Während des REM-Schlafes, also der Phase, in der man träumt, wurde in Laborstudien eine Durchblutung und Schwellung der Vagina beobachtet, wie sie sonst nur beim Höhepunkt auftritt.
Brust-Orgasmen Dr. Christiane Northrup, Autorin von "Frauenkörper – Frauenweisheit" (Goldmann-Verlag, um 15 Euro), erklärt: "Werden die Brustwarzen stimuliert, schüttet der Körper Oxytocin aus, was vaginale Kontraktionen wie beim Orgasmus auslösen kann." Darum fühlen sich dort Saugen und Streicheln und sogar Stillen so gut an.


Mental herbeigeführter Orgasmus

"Ich bringe mich mental zum Orgasmus", erklärte Lady Gaga im "New York Magazine". Das geht – sogar wissenschaftlich nach­gewiesen – mit einem Mix aus Atmung und Vorstellungskraft.

Die interessantesten Facts zum weiblichen Orgasmus
Auf das Feuerwerk beim Orgasmus folgt die totale Entspannung © Zamurovic Photography / Shutterstock.com

Keine Lust mehr? Das hilft bei Orgasmus-Flaute

Der Nachbar schaltet Volksmusik an, das Telefon läutet, der Paketbote klingelt: Wer mitten in der Erregung aus der Kurve fliegt, kommt manchmal schwer wieder in Fahrt. So biegen Sie erneut auf die Zielgerade ein.

Ungerecht: Frauen brauchen nicht nur länger, um zu kommen, sie lassen sich auch schneller ablenken. "Das Kopfkino gerät leichter aus dem Takt – Frauen können Störungen und Sorgen oft schwerer beiseiteschieben", bestätigt Regina Wegmann, Frauenärztin bei Pro Familia Hamburg. Mit diesen Szenarien kommt die Lust zurück:

1. Sagen Sie Bescheid

"Grübeln Sie bloß nicht still vor sich hin", rät Expertin Wegmann. Das entfernt Sie beim Liebesspiel noch mehr. Zeigen Sie lieber Flagge und gestehen Ihrem Partner, dass Sie nicht mehr bei der Sache sind, aber es gleich wieder sein wollen!


2. Schwelgen Sie in verwegenen Fantasien

Viele Frauen sorgen sich, dass ihr Liebster sich langweilt, wenn sie mal länger brauchen, um richtig erregt zu sein. Schon der Gedanke daran kann abtörnen. Darum: Beschäftigen Sie ihn (und sich) mit schlüpfrigen Gedanken, während Sie sich stimulieren. Erzählen Sie ihm, was Sie tun, was Sie spüren und wie Sie immer mehr Lust bekommen, ihn in sich zu spüren … Das findet bestimmt kein Mann langweilig.

3. Kuscheln Sie noch mal richtig

Wenn Sie sich erneut Zeit für Nähe nehmen, nimmt das den Druck aus der Sache. Zärtlichkeiten sind ein guter Ausgangspunkt für intensivere Gefühle.


4. Zeigen Sie ihm Liebe

Auch wenn es abwegig klingt, aber wenn es beim Geschlechtsverkehr plötzlich nicht mehr weiter geht – verwöhnen Sie Ihren Partner. Die schlaue Idee dahinter: Wenn Sie alle Aufmerksamkeit auf ihn lenken, kreisen Sie erstens nicht mehr ständig um die eigene (fehlende) Erregung. Und zweitens macht es Sie auch selbst heiß, den Liebsten in voller erotischer Pracht zu sehen.

Dem Orgasmus auf der Spur
Wir verraten, warum Frauen solo am leichtesten zum Orgasmus kommen © Zamurovic Photography / Shutterstock.com

Warum komme ich beim Sex mit meinem Partner nicht zum Orgasmus?

Frauen kommen solo oft leichter zum Orgasmus als beim Geschlechtsverkehr mit dem Partner. Professor Uwe Hartmann, Sexualmedi­ziner an der Universität Hannover, erklärt, warum das so ist und wie man seinem Höhepunkt auf die Sprünge helfen kann.

Ist es normal, dass es Frauen schwererfällt beim Geschlechtsverkehr zum Orgasmus zu kommen?
Ja, Orgasmusprobleme sind nach Lustlosigkeit die zweithäufigste sexuelle Störung bei Frauen. Laut einer Studie litt jede vierte Frau im letzten Jahr darunter. Laut einer anderen fehlt 16 Prozent der
Höhepunkt mit Partner ganz.


Woran liegt's? Ist nicht genug sexuelle Spannung da, oder ist man nicht entspannt genug?
Beides. Denn erst mal muss man entspannt genug sein, um die Nähe und den Kontrollverlust überhaupt zuzulassen. Und dann muss man – das ist oft nicht klar – viel körperliche Erregung und Spannung dafür aufbauen.

Warum gelingt es Frauen alleine häufig besser zum Orgasmus zu kommen?
Ich höre oft, dass Angst besteht, vor dem Partner beim Höhepunkt die Kontrolle zu verlieren. Das ist leichter, wenn niemand zuschaut. Außerdem kennt sich keiner besser als man selbst – und Männer die weibliche Vulva oft ungenau.

Sind wir insgesamt zu stark auf den Orgasmus fixiert?
Einerseits ja: Wir sind zu sehr auf Performance und Perfektion fixiert. Aber ein Orgasmus lässt sich nicht designen. Andererseits: Bekommt man ihn gar nicht, fehlt er sehr.


Wie sollte das Paar bestenfalls reagieren?
Holen Sie sich Hilfe, wenn es gar nicht klappt. Denn ist erst Sand im Getriebe, knirscht es überall. Er denkt, er sei kein guter Liebhaber, sie kommt unter Druck, jeder Sex, die Liebe, alles wird davon überschattet. Man sollte sich in Ruhe darüber austauschen, was helfen könnte. Denken Sie nach: Was stimmt nicht für Sie? Sorgen Sie für sich – damit es auch mit dem Partner besser passt.

Wer kommt eigentlich am häufigsten zum Orgasmus?

Junge oder ältere Frauen? Leidenschaftliche Latinas oder kühle Norddeutsche? Wer hat in puncto Orgasmus eigentlich die Nase vorn?

Männer-Gourmets
Zu versuchen, den am besten aussehenden und männlichsten Hai im Partybecken zu angeln, ist gar nicht so doof: Eine Studie der Pennsylvania State University zeigt, dass Frauen mit maskulineren Partnern häufiger kommen. Sind die Kerle denn wirklich besser im Bett? Egal: Bärte und breite Schultern, wir kommen!

Erfahrene Frauen
Eine Studie der der University of California zeigte: Frauen zwischen 80 und 99 Jahren sind offenbar sexuell zufriedener als junge Mädels. "Vielleicht, weil sie nichts mehr beweisen müssen und sehr vertraut sind mit ihrem Körper", sagt Studienleiterin Susan Trompeter. Vielleicht erreichen aber auch nur sexuell zufriedene Frauen dieses Alter. Übrigens: Laut der "Sexual Wellbeing"-Studie von Durex nimmt auch die Orgasmuszufriedenheit mit dem Alter leicht zu. Das sind doch wunderbare Aussichten!

Genetische Glückspilze
Tut uns leid, aber manche Frauen kommen einfach leichter als andere, und das wird sogar vererbt, wie eine Zwillingsstudie in England bewies. Umfeld und Erziehung spielten dabei nur eine geringe Rolle. Trotzdem: Übung macht den Meister.

Nord-Süd-Gefälle
Bei der Häufigkeit liegt laut Durex in Europa der Süden vorn: 52 Prozent der Frauen in Spanien und 48 Prozent der Italienerinnen gaben an, beim Sex immer oder fast immer zum Höhepunkt zu kommen. Deutschland liegt mit 33 Prozent im guten Durchschnitt. In Mexiko haben 51 Prozent das Vergnügen, in China nur 13 Prozent und in Japan traurige 11 Prozent.

02.03.2017| Christiane Kolb © womenshealth.de
Sponsored Section
Aktuelles Heft
Personal_Trainer App