Lebenskrisen Wie man lernt, besser mit Krisen umzugehen

Lebenskrisen überwinden
Nimm es nicht so schwer! Wie man Krisen meistert und leichter durchs Leben geht © Kalamurzing / Shutterstock.com

Stress bei der Arbeit oder eine plötzliche Trennung – Lebenskrisen haben viele Gesichter. Wie kann man Tiefpunkte überwinden? Und wie Kraft aus Krisen ziehen?

Eigentlich lief gerade alles so gut und plötzlich stimmt überhaupt nichts mehr – dramatische Trennung, vermasselte Klausuren oder ein schrecklicher Verlust in der Familie. Solche Lebenskrisen kommen häufig völlig unerwartet und werfen uns erst einmal in ein tiefes, dunkles Loch. Wir haben mit zwei Krisen-Experten über Überwindungsstrategien und innere Stärke gesprochen:

In diesem Artikel:

(Lebens-)Krisen lassen sich nicht planen

Wir leben in einer Gesellschaft, in der alles optimiert und kontrolliert wird. Dank Fitnesstrackern, Kalorienzählern und Checklisten haben wir jeden Aspekt unseres Lebens im Griff. Dass das Leben selbst aber gar nicht planbar ist, merken wir in Krisensituationen – und werden dadurch ganz schön aus der Bahn geworfen. Wie wir mit Tiefpunkten umgehen, hängt von einer ganz essentiellen psychischen Qualität ab: der Resilienz.

Resilienz – was ist das?

Resilienz könnte man etwa mit 'innere Stärke' oder 'Stressresistenz' übersetzen. Es ist die Fähigkeit, eine Krise zu bewältigen und gestärkt aus ihr herauszugehen. Doch nicht nur das: Resilienz hilft uns in turbulenten Phasen einen kühlen Kopf zu bewahren und allgemein stressresistenter zu bleiben. Die Grundsteine für unsere psychische Widerstandskraft werden schon in der frühen Kindheit gelegt, sagt Dr. med. Mirriam Prieß, Autorin des Buches 'Resilienz. Das Geheimnis innerer Stärke. Widerstandskraft entwickeln und authentisch leben' (Südwest Verlag, um 20 Euro, mit einem 12-Punkte-Selbsttest): Wachse ein Kind in einem offenen und liebevollen Umfeld auf, erlebe es die Grundlagen der Resilienz, also Augenhöhe, Empathie, Offenheit, Respekt und Wertschätzung als selbstverständliche Werte.

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Unser Leben dreht sich immer schneller. Manchmal so schnell, dass man es kaum ertragen kann. © Kalamurzing / Shutterstock.com

Kann man Resilienz trainieren?

Die gute Nachricht zuerst: Ja, die Fähigkeit, Krisen gut zu bewältigen, kann man trainieren. Aber: Es ist ein langer Prozess und erfordert absolute Ehrlichkeit zu sich selbst. Viele Menschen, die sich mit einer Krise konfrontiert sehen, verleugnen dies nämlich. "Resilienz ist die Fähigkeit, zu sich und zu dem, was ist, zu stehen“, definiert Dr. Prieß, die häufig mit Burn-Out-Patienten arbeitet. Laut Prieß verlieren viele Menschen Zeit und Kraft damit, Dinge abzuwehren, anstatt sich ihnen zu stellen.

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Auch Resilienztrainer Ulrich Siegrist, der Betroffenen mit seinem Ausfüllbuch ‘Resilienz trainieren. Wie Sie Schritt für Schritt innere Stärke erlangen und Krisen überstehen‘ (mvg Verlag, um 9 Euro) einen wichtigen Helfer an die Seite stellt, erklärt: "Akzeptanz – das anzunehmen, was sich nicht ändern lässt – ist einer der ersten wichtigen Schritte der Resilienz."

5 Strategien, die Ihnen bei der Krisenbewältigung helfen können

Eines vorab: Ein anfängliches Gefühl der Hilflosigkeit und der Überforderung ist angesichts einer Lebenskrise oder eines Schicksalsschlages nicht verwunderlich. Befürchten Sie aber, alleine nicht mit der Situation umgehen zu können, holen Sie sich Hilfe! Ein Therapeut oder Coach hat das Wissen und die praktische Erfahrung, Ihnen zur Seite zu stehen.

1. Innehalten und die Krise akzeptieren

Im Angesicht einer Krise neigen wir dazu, immer weiter funktionieren zu wollen und uns abzulenken. Versuchen Sie, bewusst innezuhalten. Sondieren Sie Ihre Lage und versuchen Sie, die Krise zu definieren und anzunehmen. Siegrist nennt diesen Schritt "persönliche Standortanalyse".

2. Klarheit durch Visualisierung

Ulrich Siegrist hat erkannt, dass Visualisierung und Aufschreiben ein wichtiger Schritt zur Bestandsaufnahme und Verarbeitung ist und hat daher für sein Buch hilfreiche Tests und Aufgaben entwickelt. Vielen Menschen helfen Checklisten mit kleinen Zielen, Klarheit und Kontrolle über eine Situation zu erlangen. Auch ein Tagebuch kann helfen, mit schwierigen Situationen umzugehen und später aus ihnen zu lernen.

3. Ressourcen entdecken

Versuchen Sie sich auf sich selbst zu besinnen: Welche Eigenschaften schätzen Sie an sich, welche Eigenschaften könnten Ihnen in der aktuellen Krise hilfreich sein? Wenn Sie an eine andere Krise denken, die Sie in der Vergangenheit gemeistert haben, fallen Ihnen sicher Dinge ein, die Sie gut gemacht haben und andere, aus denen Sie lernen können. Auch Ihr Umfeld gehört zu Ihren Ressourcen: Vielleicht der Partner, der Ihnen immer zuhört, eine gute Freundin oder die Eltern. Scheuen Sie sich niemals, Hilfe anzunehmen: Sie sind nicht allein auf der Welt, auch wenn es sich in schwierigen Situationen manchmal so anfühlt.

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Rückblickend hat man oft schon viel Schlimmeres überstanden. Überlegen Sie, welche Ihrer Eigenschaften Ihnen in dieser schweren Lage helfen könnte. © Kalamurzing / Shutterstock.com

4. Dialogfähigkeit als Basis innerer Stärke

Dr. Prieß sieht die Dialog- und Beziehungsfähigkeit als Basis von Resilienz. Diese Dialogfähigkeit ist essentiell für unser berufliches und privates Leben und beruht auf Interesse, Offenheit, Empathie, Augenhöhe und Wertschätzung. Prieß rät, sich immer mal wieder in sein Gegenüber hinzuversetzen. Dieser Platzwechsel trainiere unsere Empathie- und Dialogfähigkeit. Denn genau da sieht Prieß die Ursache vieler Krisen: "Ob im beruflichen oder privaten Bereich, viele Konflikte entstehen und eskalieren, wenn Betroffene nicht offen sind, sondern in ihrer eigenen Welt leben und diese als Maßstab nehmen." Neben der äußeren Dialogfähigkeit zähle auch die innere Dialogfähigkeit, erläutert Prieß: "Eine gelingende Beziehung zu sich selbst ist Grundlage unserer Gesundheit."

5. Selbstliebe und Achtsamkeit

Ein gesunder Geist wohnt in einem gesunden Körper – klingt wie eine ziemlich abgeschmackte Phrase, ist aber sehr wichtig! Überlegen Sie mal, wie oft Sie schon krank geworden sind, wenn Sie sowieso schon gestresst waren. Oder wie Ihr Körper auf stressige Phasen mit Pickeln, fahler Haut und Krankheitssymptomen reagiert. Psyche und Körper hängen eng zusammen, weshalb man auch in stressigen Zeiten, wenn man trauert oder etwas verarbeitet, für einen gesunden Körper sorgen sollte. Treiben Sie regelmäßig Sport, ernähren Sie sich gesund und versorgen Sie Ihren Körper mit allem, was er braucht, um diese anstrengende Zeit zu überstehen.

6. Lebenskrisen bewältigen: proaktiv handeln

Ein wichtiges Merkmal resilienter Menschen ist laut Resilienzcoach Siegrist die Fähigkeit, selbst in scheinbar aussichtslosen Situationen proaktiv zu handeln. Resiliente Menschen verfallen also nicht in eine passive Starre und lassen sich von der Krise beherrschen, sondern bleiben selbstverantwortlich und bewältigen die Krise mithilfe ihrer eigenen Ressourcen: "Die proaktive Handlung legt Wert darauf, dass das eigene Verhalten ein Ergebnis von bewussten und zielgerichteten Entscheidungen ist", erklärt Siegrist. Zu dieser Proaktivität gehört es, selbstbewusst zu sein, bewusste Entscheidungen zu treffen, realistische Lösungen zu finden und seine nächsten Schritte zu planen.

Resilienz
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Leitsatz von Dr. Prieß: "Innere Stärke entsteht durch die Fähigkeit, das anzunehmen was ist, dem auf Augenhöhe zu begegnen und das Bestmögliche daraus zu machen. Wer seine innere Stärke finden will, hört auf, seine Schwächen zu verteidigen und steht zu dem, wer er ist und was er kann."

Aus einer Krise kann man viel über sich selbst lernen

Eines ist klar: Eine Krise oder ein Schicksalsschlag lässt sich nicht von heute auf morgen überwinden. Mit diesen 5 Strategien für mehr Resilienz sind Sie aber besser für Krisen gewappnet, lassen sich auch vom ganz alltäglichen Stress nicht mehr so stark beeinflussen und lernen sich selbst ganz nebenbei noch besser kennen. Wer alleine nicht mehr weiter weiß, sollte sich unbedingt professionelle Hilfe suchen. Seelische Unterstützung in Notsituationen finden Sie zum Beispiel hier.

09.04.2018| © womenshealth.de
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