ADHS Daran erkennt man eine Konzentrationsstörung

Ist das schon ADHS?
Na, nicht ganz bei der Sache? © Maria Evseyeva / Shutterstock.com

Vielleicht gehören Sie auch zu denen, die oft unkonzentriert und zerstreut sind, denen es schwerfällt, bei der Sache zu bleiben. Ist das schon ADHS?

Die Geschichten gleichen sich. Sie gehen in etwa so: "Stundenlang sitze ich da und kriege keinen geraden Satz zustande. In meinem Kopf ist nur Brei.“ Oft auch so: "Ich stehe dermaßen unter Strom, dass ich im Meeting kaum still sitzen kann. Das Gelaber macht mich wahnsinnig.“ Oder so: "Ich muss jeden Absatz 4-mal lesen und weiß immer noch nicht, was drinsteht.“ Kaum jemand scheint noch in der Lage zu sein, sich über längere Zeit auf irgendetwas zu konzentrieren. Vielleicht wissen auch Sie längst nicht mehr, wie es sich anfühlt, ganz bei der Sache zu sein, gut voranzukommen und dabei sogar Spaß zu haben. Was ist da nur los?

Haben neuerdings alle ADHS, oder was?

"Die Fähigkeit, sich auf anspruchsvolle Aufgaben zu konzentrieren, ist sehr empfindlich“, sagt Dr. Verena Steiner, Expertin für Lern- und Arbeitsstrategien und Autorin des Buches "Energiekompetenz“ (Pendo, um 20 Euro). "Sie geht als Erstes verloren, wenn die Arbeitsbedingungen nicht gut sind oder man nicht genug mentale Kraft hat.“ Deshalb führen körperliche Erkrankungen und jede psychische Belastung fast immer auch zu Konzentrationsschwächen.

Doch diese haben jetzt Dimensionen angenommen, dass man glauben könnte, es würde sich eine Art ADHS ausbreiten. Tatsächlich wird die Aufmerksamkeitsdefizitstörung (ohne Hyperaktivität ADS genannt) immer öfter erst im Erwachsenenalter diagnostiziert. Die Bundesärztekammer schätzt, dass inzwischen 2 bis 3 Prozent der Erwachsenen betroffen sind (bei Kindern sind es 5 bis 6 Prozent). Doch die Experten sind sich einig: "Der Anstieg kommt durch das größere Bewusstsein für die Störung zustande; sie entsteht nie erst später im Leben“, sagt die Psychologin Eva Wiedemann von der Universität Tübingen, die eine Studie mit erwachsenen Betroffenen durchführt. Wer nicht schon als Kind mit den typischen Symptomen wie übermäßige Impulsivität und Sprunghaftigkeit oder Transusigkeit gekämpft hat, muss die Ursache für schwere Konzentrationsprobleme also woanders suchen.

Ist das Smartphone die Ursache für die Konzentrationsschwäche?

Ein "Digitaler Burnout“ könnte der Grund sein, wie Alexander Markowetz in seinem gleichnamigen Buch (Droemer, um 20 Euro) beschreibt: "Durch die modernen Medien hat sich der Alltag für viele Menschen total fragmentiert, und das bleibt nicht ohne Folgen“, sagt der Junior-Professor vom Institut für Informatik an der Universität Bonn, der in einer Studie das Verhalten von 300 000 Smartphone-Besitzern untersucht hat. Danach nutzen sie es im Schnitt täglich 53-mal (ohne Musik hören), und zwar zu 90 Prozent für Spiele, Textnachrichten, Newsdienste oder Social-Media-Angebote. Dazu kommen 35 kurze Checks ohne Aktion. Bei 16 wachen Stunden fummelt man also im Mittel alle 11 Minuten am Handy herum. Und die altbekannten Störer wie Festnetztelefon und Kollegen sind ja auch noch da.

Ist das schon ADHS?
Experten machen vor allem das Smartphone für die wachsenden Konzentrationsschwierigkeiten verantwortlich. © Maria Evseyeva / Shutterstock.com

Firmen engagieren inzwischen Berater wie Ulrike Stöckle, weil der Kommunikationswildwuchs sie Millionen kostet: versimste Zeit, schlechtere Ergebnisse und Fehlzeiten durch Burn-out. "Das ist ein Riesenproblem. Viele Leute bekommen nichts mehr auf die Reihe“, sagt die Kommunikationsexpertin Ulrike, die Menschen zu gesünderen Online-Gewohnheiten coacht – auch "Digital Detox“ genannt (www.thedigitaldetox.de). Der Beratung geht ein aufwendiger Check voraus, bei dem unter anderem das Handy-Nutzungsverhalten aufgezeichnet wird (kostenlose Apps: "Menthal“ für Android und "Moment“ für iOS). Wer liest morgens schon im Bett die ersten Nachrichten? Wer zückt bei kürzesten Wartezeiten reflexartig das Handy? Wer ist auch in der Freizeit für die Firma erreichbar? Wie groß ist die Angst, etwas zu verpassen?

Wie erkennt man ADHS?

"Und wenn es nun doch AD(H)S ist?“, fragen Sie sich vielleicht, wenn Sie als Kind viel Gemecker wegen Hibbelei, Trödelei oder schludriger Hausaufgaben gehört haben. Eine korrekte Anamnese der Aufmerksamkeitsdefizit-(Hyperaktivitäts)-Störung ist aufwendig: "Das Ausfüllen der Fragebögen und die standardisierten Interviews dauern insgesamt 6 bis 8 Stunden“, so Wiedemann. "Erst aus der Fülle der Symptome und ihrer Ausprägung ergibt sich ein Bild.“

Doch was verursacht AD(H) S überhaupt? Eine wichtige Rolle spielt der Nervenbotenstoff Dopamin im Gehirn, durch den Impulse in Handlungen umgesetzt werden können, während das Frontalhirn entscheidet, dies tatsächlich zu tun. Diese Struktur benötigt in der Kindesentwicklung am längstenfür die Reifung, und diese ist zudem besonders anfällig für Störungen. Dazu gehören belastende Erlebnisse, die Familiendynamik und unvorteilhafte Ernährung. Die meisten Experten sehen diese Faktoren aber nur als Verstärker für die eigentliche Ursache an. Es gilt als sicher, dass die Veranlagung für AD(H)S angeboren ist, sich aber vor allem in einer Umwelt der Reizüberflutung ausprägt.

Na, nicht ganz bei der Sache?
Reizüberflutung sorgt dafür, dass sich ADHS ausprägt. © Maria Evseyeva / Shutterstock.com

Vermutlich ist das Dopaminsystem bei vielen Kindern schon von Geburt an übermäßig aktiv, entweder genetisch bedingt oder durch verschiedene Einflüsse in der Schwangerschaft. Es reagiert dann stärker auf Stimulation, und das regt die Empfindlichkeit noch weiter an. Manche Kinder agieren diese Reizsensibilität aus, andere schotten sich ab. Beides kann sich "auswachsen“, denn das Gehirn formt sich zeitlebens weiter, doch in 60 Prozent der Fälle geschieht das eben nicht. Dann werden aus den AD(H)S-Kindern erwachsene Chaoten oder Schlafmützen.

Welche Medikamente helfen bei ADHS?

Egal in welchem Alter: Wenn die Diagnose AD(H)S feststeht, stellt sich die nächste Frage: Was nun? Die Einnahme von Methylphenidat (bekannter als Ritalin oder Medikinet) wird oft verteufelt, aber für manche war es bisher die einzige Chance, von weiter gehenden Angeboten wie Verhaltenstherapien überhaupt profitieren zu können. Doch inzwischen macht eine andere Form der Behandlung durch nachhaltige Erfolge von sich reden: Neurofeedback, eine Art Gerätetraining fürs Gehirn.

ADHS-Behandlung mit Neurofeedback

Nina, 9, sitzt in einen Sessel gekuschelt und mit am Kopf klebenden Elektroden vor einem Bildschirm, der Lucky Luke zeigt. 8 Sekunden lang reitet der Cowboy von links nach rechts, währenddessen soll Nina ihn mit der Aktivität ihres Gehirns über oder unter die Linie bringen, die den Bildschirm quer teilt – je nachdem, was der Orientierungspfeil vorgibt. Es klappt, und Luckys Hund erscheint als Belohnung. Wie den Verkabelten das gelingt, weiß niemand genau. Sicher ist: Je weniger sie sich anstrengen, desto eher hat ihr Unterbewusstsein den Dreh raus. Doch bis dahin ist das Training oft ganz schön frustrierend. Es kann 10 bis 20 Sitzungen mit je 120 Durchläufen dauern, bis man erste Verbesserungen im Alltag spürt, und dann noch mal so viele, bis sich das neue Können gefestigt hat.

So erkennt man eine Konzentrationsschwäche
Neurofeedback ist eine Art Gerätetraining für's Gehirn. Dabei soll es üben einen entspannt-wachen Zustand aufrecht zu erhalten. © Maria Evseyeva / Shutterstock.com

Für Dr. Edith Schneider aus Bad Cannstatt ist es zur Lebensaufgabe geworden, Menschen mit dieser Technik zu helfen, vor allem Kindern mit AD(H)S – und auch immer mehr Erwachsenen. "Meine älteste Patientin war 64 und konnte ihre Symptome so enorm reduzieren“, sagt Schneider, die auch selbst betroffen ist. "Bei mir ist es immerhin schon 10 Jahre her, dass ich zuletzt vor Wut etwas in der Gegend herumgeschmissen habe“, sagt sie heiter. Damals hat sie das Neurofeedback für sich entdeckt und ihre ergotherapeutische Praxis darauf spezialisiert.

Wie funktioniert die Neurofeedback-Therapie?

Es gibt mehrere Formen, doch das Prinzip ist immer das gleiche: Die Elektroden messen ausgewählte Hirnwellen, und der Computer gibt dem Gehirn eine in Bildern übersetzte Rückmeldung (Feedback), was es gerade macht. In manchen Fällen werden die Kosten (rund 70 Euro pro Sitzung) von den Krankenkassen übernommen. Adresslisten bieten die Deutsche Gesellschaft für Biofeedback (DGBfb.de), das offizielle Portal des sogenannten Othmer-Trainings (eeginfo-neuro feedback.de) oder die Neurofeedback-Organisation Schweiz (neurofeed backorg.ch).

Beim Frequenzbandtraining soll das Gehirn meist üben, einen entspannt-wachen Zustand zu halten. Andere Verfahren arbeiten mit sehr niedrigen elektrischen Potenzialen, die ILF oder SCP genannt werden. Im Vergleich zu den mit griechischen Buchstaben benannten schnellen Frequenzen sind sie eher Zustände und kennzeichnen die Erregbarkeit des Gehirns.

Auch Expertin Schneider arbeitet vor allem mit dem SCP-Training, für das es gerade bei AD(H)S sehr gute Forschungsergebnisse gibt. Sie zeigen: Das Training wirkt, es sind keine Placeboeffekte, und die Verbesserungen sind von Dauer. Viele Betroffene erfüllen 2 Jahre nach dem Ende des Trainings nicht mal mehr die Diagnosekriterien für AD(H)S. Dagegen verpufft der Einfluss der Medikamente spätestens mit dem Absetzen.

Das sagen Kritiker der Neurofeedback-Therapie

Viele macht skeptisch, dass Neurofeedback ähnlich gut auch bei vielen anderen Störungen wie Autismus, Epilepsie, Migräne, Depressionen, Sucht und Angststörungen wirken soll. Der Schlüssel liegt nach übereinstimmender Meinung der Experten darin, dass bei all diesen Phänomenen die Regulationsfähigkeit des Erregungsniveausim Gehirn gestört ist und sich durch das Training verbessert. Hirnscans zeigen, dass das SCP-Training auf 2 Netzwerke einwirkt, die so etwas wie der persönliche Kern eines Menschen sowie seine schützenden Wächter sind. Letztere prüfen die Außenwelt, filtern einströmende Reize und entscheiden, ob etwas wichtig ist. Wenn nicht, wird die Aktivität im Kern größer, dann ist Zeit für die Innenschau: Träumereien, Pläne, Verknüpfung von Erfahrungen und Gelerntem. Halten die Wächteres für nötig, die Aufmerksamkeit nach außen zu richten, wird die Energie entsprechend umgeleitet.

Das SCP-Training stärkt die Fähigkeit des Gehirns, leicht und situationsgerecht zwischen diesen Zuständen wechseln zu können. Doch die Bedeutung der Schnittstelle zwischen innen und außen geht noch tiefer. "Es ist die Quelle für das, was das Ich ausmacht“, sagt Schneider. "Hier wird verknüpft, wie man die Welt wahrnimmt, wie man mit ihr in Beziehung tritt und wie man sich selbst als Individuum darin einordnet.“ Die Vorstellung, mit Computern auf so einen sensiblen Bereich einzuwirken, erscheint gruselig, doch niemand wird umprogrammiert oder bekommt etwas eingetrichtert. Stattdessen wird es für die Trainierenden leichter zu bestimmen, wer sie sein wollen und wie sie der Welt gegenübertreten.

Konzentrationsstörung
"Was tue ich hier eigentlich?" Mit diesen Strategien arbeiten SIe konzentriereter: © Maria Evseyeva / Shutterstock.com

8 Strategien für eine bessere Konzentration

Die Experten Alexander Markowetz, Dr. Verena Steiner und Ulrike Stöckle verraten ihre wichtigsten Tipps, um effektivarbeiten zu können und mehr vom Leben zu haben:

1. Auszeit nehmen

Wenn Sie nicht kommunizieren wollen, dann schalten Sie Ihr Handy aus.
So klappt’s: Sie haben Angst, etwas Wichtiges zu verpassen? Über die App "Offtime“ (für iOS und Android, gratis) können Sie Ausnahmen definieren, die trotzdem durchkommen sollen. Alle anderen bekommen ein Besetztzeichen und eine SMS, wenn Sie wieder erreichbar sind.

2. Ruheinseln schaffen

Effektives Arbeiten und Flow-Erlebnisse haben nur dann eine Chance, wenn Sie über längere Zeit ungestört bleiben.
So klappt’s: Deaktivieren Sie alle Signale, die den Eingang von Mails anzeigen, und bear-beiten Sie sie nur noch gesammelt 2- oder 3-mal am Tag. Schalten Sie bei anspruchsvollen Aufgaben zudem alle Telefone aus, hängen ein „Bitte nicht stören“-Schild an die Tür oder tragen einen aktiv Lärm reduzierenden Kopfhörer ("Noise Cancelling System“) .

3. Primetime nutzen

Jeder hat einmal am Tag eine Phase höchster Leistungsfähigkeit -(Primetime), meist ist das der Vormittag. In dieser Zeit sind Sie am konzentrations- und entscheidungsstärksten, innovativ und selbstbewusst. Diesen Drive für schwierige und unangenehme Aufgaben zu nutzen macht produktiver und hilft gegen Aufschieberitis.
So klappt’s: Verteidigen Sie diese Zeit wie ein Löwe. Keine unnötigen Termine! Ziehen Sie sich in die Ruhezone zurück.

4. Rhythmischer arbeiten

Nur wenn Anstrengung und Erholung sich abwechseln, bleiben Sie weiter leistungsfähig.
So klappt’s: Legen Sie alle 90 Minuten eine Pause ein und machen bewusst etwas anderes. Überbrücken Sie Mittagstiefs nicht mit Kaffee (der verflacht das folgende Leistungshoch), sondern mit einem Nickerchen von 30 Minuten – das kann eine zweite Primetime bescheren. Auch gut: Bewegung an der frischen Luft. Geht nichts davon, verlegen Sie alle geistlosen Aufgaben in diese Zeit.

5. Datenflut abspecken

Nur so werden Sie wieder mehr Zeit für das echte Leben haben.
So klappt’s: Lassen Sie sich keine Mails aufs Smartphone leiten, und schalten Sie alle Push-Nachrichten aus. Machen Sie es sich auch schwerer, mal eben aufs Handy zu schauen, etwa indem Sie es in der Handtasche verstauen statt griffbereit in der Jackentasche.

6. Schlaf schützen

Nur ausgeschlafen können Sie konzentriert sein.
So klappt’s: Schalten Sie 2 Stunden, bevor Sie zu Bett gehen, Smartphone, Computer und Tablet aus (Router lassen sich so programmieren, dass sie sichzu festgelegten Zeiten von selbst abschalten). Der hohe Blauanteilder Beleuchtung dieser Geräte bringt das Schlafhormon Melatonin umso stärkeraus der Balance, je dichter der Bildschirm vor dem Gesicht ist.

7. Besser starten

Wer das Aufstehen sanfter gestaltet, wird sich erholter und frischer fühlen.
So klappt’s: Stehen Sie möglichst immer zur gleichen Zeit auf, dann stellt der Körper sich darauf ein, und Sie befinden sich zur richtigen Zeit in einer Leichtschlafphase. Schlafen Sie am Wochenende höchstens an einem Tag aus, sonst verschiebt sich der Biorhythmus zu stark.

8. Regelmäßig abtauchen

Schützen Sie einen Tag pro Woche vor Dingen, die mit dem Job zu tun haben. Und im Urlaub stehen Sie für Jobangelegenheiten nicht zur Verfügung.
So klappt’s: Nutzen Sie konsequent alle genannten Tipps. Richten Sie auch einen Abwesenheitsassistenten ein, der eingehende Mails löscht und den Absender auf Ihre Urlaubsvertretung hinweist.

Bei der Sache statt nur körperlich anwesend

Ob es nun eine tatsächliche Konzentrationsschwäche oder die ständige Ablenkung des Smartphones ist: Den ersten Schritt zu einem konzentriereren, selbstbestimmen Ich müssen Sie selbst tun. Wollen Sie sich wirklich zum Anhängsel Ihres Handys machen? Wer sein Leben als Content behandelt und selbst bei den schönsten Erlebnissen schon überlegt, wie man sie postet, verpasst das Wesentliche. Fragen Sie sich lieber öfter mal "Was tue ich hier eigentlich?".

15.03.2018| Kirsten Segler © womenshealth.de
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