Bewegung, solange die Beine tragen Darum gibt Elena das Tanzen nicht auf

Elenas große Leidenschaft ist das Tanzen
Seit 7 Jahren wohnt Elena in Frankfurt am Main. © Stephan Wieser

Elena fehlen von Geburt an ein Muskel und Fettgewebe im linken Bein. Ihre Tanzleidenschaft gibt sie trotz täglicher Schmerzen dennoch nicht auf

Seit ihrer Kindheit treibt Elena gerne Sport – vor allem Tanzen. In ihrer Jugend bekam sie starke Knieschmerzen, da im linken Bein ein Oberschenkelmuskel und Fettgewebe fehlen. Ein Leben ohne Tanz und Bewegung ist für Elena allerdings unvorstellbar – deshalb tanzt die 31-Jährige weiter, solange ihre Beine mitspielen.

Sportsfreunde 2018: Elena im Interview

Women's Health: Bevor wir anfangen du kannst etwas sehr außergewöhnliches mit Hula-Hoop-Reifen?

Elena: Ich kann, während ich einen Hula-Hoop-Reifen um die Hüfte kreisen lasse, gleichzeitig Seilspringen. Oder auch dabei auf die Knie gehen, mit den Knien einen Ball vom Boden aufheben, wieder aufstehen und den Ball mit einer Hand nehmen. Es gibt davon auch Beweisvideos!

Wir glauben dir auch ohne Video! Hast du schon früh mit Sport angefangen oder wieso kannst du das?

Na ja, ich gehöre schon zu den glücklichen Menschen, die ziemlich gelenkig sind, ohne dafür viel tun zu müssen, zum Beispiel dehnen. Aber ich stand auch schon mit 3 oder 4 Jahren das erste Mal auf Skiern. Mit 6 ging es bei mir auch mit dem Tanzen los, seitdem ist Sport einfach ein sehr wichtiger Teil meines Lebens.

Allerdings musstest du im Leben schon auf Sport verzichten. Kannst du uns erzählen, warum?

Mir fehlen seit der Geburt an der Außenseite meines linken Beines das gesamte Fettgewebe sowie ein Oberschenkelmuskel. Außerdem fehlt ein Teil der Kniescheibe. Bisher konnte sich kein Arzt erklären, warum das eine Bein so und das andere normal ist. Es war ein schleichender Prozess, bis mein linkes Knie aufgegeben hat. Mit 14 wurde ich zum ersten Mal am Knie operiert, danach ging es steil bergab: Chronische Schmerzen und weitere OPs, bis ich 18 war. An Sport war überhaupt nicht zu denken, da ich kaum ein Treppe ohne höllische Schmerzen hoch oder runter kam.

"Ich habe das Glück, von Natur aus recht gelenkig zu sein"
"Ich habe das Glück, von Natur aus recht gelenkig zu sein" © Stephan Wieser

War es schwer, Sport aufgeben zu müssen?

Dadurch, dass es sich über einen längeren Zeitraum angedeutet hat, war es nicht überraschend. Man könnte von Glück im Unglück sprechen, da es in einem Alter auftrat, in dem ich dann doch viele andere Dinge im Kopf hatte. Aber das hielt ja nicht ewig und irgendwann merkte ich einfach, dass etwas Wichtiges fehlt.

Wann hast du es nicht mehr ausgehalten und wieder mit Sport angefangen?

Als ich studierte, habe ich mit Joggen angefangen, da war ich Anfang 20. Mir fehlten einfach Bewegung und Sport. Ich bin sehr regelmäßig gelaufen, eigentlich jeden Morgen vor der Uni und hatte auch wirklich Spaß dabei. Nach einem Waldlauf mit meinem Papa hatte ich plötzlich sehr starke Knieschmerzen, danach war sogar schnelles Gehen schmerzhaft. Ich bin wohl auf dem weichen Waldboden falsch aufgetreten und dabei schien es, dass etwas im Knie abgesplittert ist. Dann war Sport erstmal wieder absolut tabu.

Ein fieser Rückschlag. Aber du hast dich nicht unterkriegen lassen?

Im Masterstudium habe ich es nochmal versucht. Ich konnte Fitnessgeräte wie Laufband und Heimtrainer im Keller meiner Eltern benutzen, um zu laufen oder Rad zu fahren. Allerdings habe ich mit dem Tanzen erst dann wieder richtig angefangen, als ich nach Frankfurt gezogen bin und mir eine Tanzgruppe gesucht habe. Das Tanzen hat mir immer mehr Spaß gemacht als alle anderen Sportarten. Geräte langweilen mich sehr schnell und wenn ich keine Lust auf einen Sport habe, dann muss ich mich unweigerlich dazu zwingen – und das kann es ja nicht sein.

Und seitdem klappt es wieder mit dem Sport?

Seitdem habe ich mein Sportpensum hochgefahren und tanze wieder regelmäßig. Außerdem bin ich regelmäßig bei meiner Orthopädin, um alles im Blick zu behalten.

Beim Tanzen vergisst Elena alles um sich herum.
Beim Tanzen vergisst Elena alles um sich herum. © Stephan Wieser

Hast du noch Schmerzen?

Was die Schmerzen angeht, so hab ich die leider schon seit Jahren an 365 Tagen im Jahr – ob mit oder ohne Sport. Aktuell sieht es so aus, dass beide Knie so kaputt sind, dass auch ein Sportstopp nicht mehr verbessern würde. Dass ich wieder mit Tanzen angefangen habe, fanden meine Knie vermutlich nicht so toll. Aber ich habe schon lange gelernt, mit den Schmerzen zu leben. Natürlich höre ich trotzdem auf meinen Körper, falls ein oder beide Knie etwas nicht gut finden. Ich lebe damit – und ganz ehrlich: Es gibt auch wirklich deutlich Schlimmeres.

Was sagt denn deine Orthopädin?

Beim letzten Termin meinte sie: "An Ihrer Stelle würde ich all das machen, worauf Sie Lust haben. Ich würde den Sport nicht reduzieren und solange Sie die Schmerzen aushalten können, machen Sie weiter wie bisher. Mehr können Sie nicht kaputt machen." Das fand ich gut und so mache ich das auch.

Woran liegt es, dass du deinen Sport auf keinen Fall aufgeben willst, bevor du es musst?

Mir hat mal jemand gesagt, die mich auf der Bühne gesehen hat, dass sie fasziniert war, wie ich vor so vielen Menschen einfach in meiner eigenen Welt zu sein schien und dabei völlig glücklich und zufrieden aussah. Das trifft es ganz gut: Tanzen lässt mich alles vergessen, zudem kann ich damit auch Gefühle und Stimmung sehr gut ausdrücken. Wenn ich zum Beispiel Choreographien für meine Gruppen mache, offenbart das in der Regel ganz viel über meinen Gefühlszustand in dem Moment. Die Leidenschaft sitzt einfach unglaublich tief, und Tanzen wird für mich nie langweilig.

Steht deine Familie hinter deiner Entscheidung, oder sorgen sie sich um deine Gesundheit?

Beides. Als ich als Kind nur Tanzen und Turnen im Kopf hatte und das auch beruflich machen wollte, waren meine Eltern eher wenig begeistert. Durch mein Knie musste ich dann doch "was Vernünftiges lernen". Ich konnte den Sport aber trotzdem nie loslassen und mache es jetzt ja doch hauptberuflich. Meine Familie und Freunde sind aber mit allem glücklich, das mich glücklich macht, und unterstützen mich. Natürlich machen sich die Menschen in meiner Nähe auch Sorgen, die meine körperlichen Schwachstellen kennen. Das kann ich auch sehr gut verstehen und nachvollziehen, will es aber meist nicht hören.

Neben dem Tanzen gibt Elena auch Kurse mit Langhanteln.
Neben dem Tanzen gibt Elena auch Kurse mit Langhanteln. © Stephan Wieser

Was hast du denn "Vernünftiges" gelernt?

Studiert habe ich Sozialpädagogik, Soziale Arbeit und Erziehungswissenschaften. Außerdem habe ich meinen Doktor in Erziehungswissenschaften gemacht. Seit rund einem Jahr doziere ich an einer Hochschule und halte Vorlesungen im Studiengang Soziale Arbeit.

Hauptberuflich bist du allerdings Fitnesstrainerin?

Richtig, ich gebe rund 30 Kurse bzw. Stunden pro Woche.

Wie kam es dazu, dass du Trainerin wurdest?

Mir war es irgendwann nicht mehr genug, immer nur die Choreos meiner Trainerin zu tanzen, ich wollte meinen eigenen Stil finden. Zuerst habe ich also meine Hip-Hop-Lizenz gemacht. Dann habe ich als Trainerin mit Tanzkursen für Kinder angefangen, mit tanzbasierten Workouts. Ab dann war es eigentlich immer so, dass ich eine neue Lizenz gemacht habe, sobald mich etwas interessierte oder ich etwas Neues brauchte. Heute habe ich 9 Lizenzen, biete unter anderem Langhantel-Kurse an, Hula-Hoop, bin Personal Trainerin und Ernährungscoach. Meine Kurse machen mir sehr viel Spaß, ich trainiere tolle Leute und habe selten das Gefühl zu "arbeiten".

Wann hast du dich entschieden, deinen ursprünglichen Beruf zu kündigen und den neuen Weg einzuschlagen?

Ich habe irgendwann erkannt, dass ich nicht mehr glücklich war und eine Auszeit brauchte. Ich habe promoviert, Vollzeit gearbeitet und schon Lizenzen gemacht und Kurse angeboten. Alles für sich ist großartig, alles zusammen ist es nicht. Ich war irgendwann ziemlich neben der Spur, weil es einfach zu viel war. Als ich meinen Job gekündigt habe, war ich schon anderthalb Jahre nebenher als Tänzerin aktiv und habe viele Kurse gegeben – also bin ich auch kein finanzielles Risiko eingegangen. Ganz aufgegeben habe ich meinen Beruf nicht, denn ich bin ja heute als Dozentin aktiv. Beide Laufbahnen, akademisch und sportlich, werden in naher Zukunft nicht zu Ende gehen!

Durch deine Knie hast du eine spezielle Beziehung zu Bewegung. Was bedeutet sie dir?

Sie macht mich glücklich. Ich liebe das Gefühl, nach dem Sport völlig ausgepowert zu sein, das bringt immer eine tiefe Zufriedenheit mit sich. Und ich bin immer wieder aufs Neue fasziniert, was mein Körper alles leisten kann.

Wie sieht deine sportliche Zukunft aus?

Meine Knie sind beide hin, das ist leider Tatsache. Ich kann nicht absehen, wie lange ich noch alles machen kann, aber ich hoffe einfach auf das Beste. Ich will definitiv noch so lange tanzen und Kurse geben wie möglich – nebenher arbeite ich allerdings weiter an meiner akademischen Laufbahn. Ich unterrichte gerne und will das weiterhin machen. ich kann mir gut vorstellen, irgendwann einmal ganz auf eine Hochschule zu wechseln, aber der Sport wird, so lange es geht, weiterlaufen. Solange ich Beine und Füße habe, die mich tragen, werde ich nicht aufhören zu tanzen – und selbst danach mache ich einfach im Sitzen weiter.

Auch unsere Partnerseiten Men's Health und Runner's World stellen im Rahmen der gemeinsamen Aktion "Sportsfreunde 2018" Menschen und ihre bewegenden Geschichten vor. Lass dich auch von ihnen motivieren und inspirieren!

14.09.2018| © womenshealth.de
Sponsored Section
Aktuelles Heft