Bodypositivity Jetzt definieren wir Fitness neu!

Müssen Fitnessmodels eigentlich immer dem typischen Ideal entsprechen? Wir finden: Nö. © Jacob Lund / Shutterstock.com

Bikini-Body? Haben wir alle! – Dehnungsstreifen? Lieben wir an uns! – Fitness-Vorbilder? Sehen sich immer noch sehr ähnlich... Da stimmt doch etwas nicht?!

In der Fashion-Szene gehört es schon fast zum guten Ton, Plus Size Models über die Laufstege zu schicken und Onlineshops wie Asos retuschieren die Dehnungsstreifen ihrer Unterwäschemodels bewusst nicht weg. Nur die Fitness-Branche scheint noch so ihre Startschwierigkeiten mit dem neuen Körperbewusstsein der Frau zu haben.

Die Fitness-Ikonen auf Instagram und Models in Fitnessvideos oder Fotostrecken sind sich in einigen Merkmalen oft immer noch sehr ähnlich: trainiert, schlank und mit Rundungen an genau den richtigen Stellen. Diese Bodygoals sind für einige sicher eine tolle Motivation und natürlich schön anzusehen – keine Frage. Aber mit der Realität hat das für die meisten Frauen wenig zu tun. Anlass genug, dieses Idealbild mal kritisch zu hinterfragen:

Falsche Schönheitsideale und Bodygoals

Ja, auch in unseren Texten kursieren manchmal noch Begriffe wie "Bikinibody", aber eigentlich hat doch schon längst ein Umdenken stattgefunden. Denn mal ehrlich: Niemand von uns macht Sport, nur um im Bikini eine gute Figur zu machen. Wir machen Sport aus Leidenschaft. Weil wir Fitness und Bewegung lieben und auf das sprudelnde Endorphin-Hoch nach dem Training nie verzichten wollen. Dass sich auch der Body dadurch verändert und insgesamt straffer, stärker und leistungsfähiger wird, ist eher ein willkommener Nebeneffekt als unser Hauptantrieb.

Veränderungen sind immer ein Prozess. Alle unsere Artikel entsprechend dem neuen selbstbewussten Körperbewusstsein der Frau zu überarbeiten, braucht seine Zeit. Wir bemühen uns, wir lernen dazu und wir sind überzeugt: Fitness hat keine festgelegten Maße. Fitness zeigt sich nicht über ein bestimmtes Erscheinungsbild. Fitness sieht bei jedem etwas anders aus. Und das ist gut so! Wenn Sie Formulierungen veralteter Schönheitsideale auf unseren Seiten entdecken, sehen Sie es uns bitte nach und geben uns unter usermail@womenshealth.de sehr gern einen kleinen Hinweis.

Wir wissen aber auch, dass es vielen unserer Leserinnen da etwas anders geht: Artikel zum Thema Abnehmen werden von vielen gelesen. Schließen sich Selbstliebe und der Wunsch an sich zu arbeiten denn grundsätzlich aus? "Nicht unbedingt", sagt Selbstliebe-Ikone und Instagram-Star Lousia Dellert. "Wir alle haben mal einen schlechten Tag. Dann wollen wir abnehmen, besser aussehen und denken, dass es uns danach besser geht. Aber beim Sport sollte sich nicht immer nur alles ums Aussehen drehen." Genau, Sport soll Spaß machen. Nur blöd, wenn man (bei aller Selbstliebe) dann anfängt, sich mit den durchtrainierten Fitness-Stars zu vergleichen.

Wer erlaubt uns eigentlich, über die Körper anderer zu urteilen?

Denn das große Problem an Idealen ist, dass wir uns daran messen – und (noch schlimmer) von anderen daran gemessen werden. Im Netz werden Frauen, die den allgemeinen Schönheitsidealen nicht entsprechen, häufig heftig angegangen. Klar, dass wir uns untereinander vergleichen, ist nichts Neues, auch nicht, dass wir schnell darüber urteilen, ob wir jemanden hübsch oder eben weniger hübsch finden. Doch wie skrupellos so ein Urteil heute im Netz herausposaunt wird, ist tatsächlich neu. Dehnungsstreifen, Leberflecken, Körperhaare – zu allem haben die Hater eine Meinung. Und sie teilen sie uns auch noch mit. Natürlich ungefragt und oft anonym.

Das bekommt auch Louisa Dellert zu spüren: "Sie schreiben, ich würde mich gehen lassen, ich sei ein fettes Schwein und mein Körper eine komplette Baustelle", erzählt sie. Darauf hat Louisa eine klare Antwort: "An alle Leute, die mich als fett oder ekelhaft beschimpfen. Es liegt nicht an mir. Ihr seid das Problem!", postet die Braunschweigerin unter ein unretuschiertes Bikini-Foto von sich. Von fiesen Kommentaren im Netz lässt sie sich schon lange nicht mehr dazu bringen, ihren Körper verändern zu wollen. "Inzwischen prallt sowas einfach an mir ab. Früher wäre das sicher anders gewesen."

2013 litt die Braunschweigerin noch unter einer schlimmen Essstörung, aß nur Salat und trainierte wie verrückt, um ihren Sixpack halten zu können. Erst eine Herz-OP brachte sie 2014 zum Umdenken: "In diesem Moment habe ich gemerkt, was wirklich wichtig ist: Wir haben alle nur ein Leben und perfekt auszusehen, sollte da nicht unsere erste Priorität sein."

Bodypositivity heißt sich selbst mehr mögen und weniger vergleichen

Wie unsinnig es ist, sich mit gestellten Fitness-Pics im Netz zu vergleichen, zeigt auch Jule (besser bekannt als @datjulschen) aus Kiel. Sie macht keinen Hehl daraus, wenn sie mal ein paar Kilo zugenommen hat – und zeigt wie sie mit der richtigen Pose innerhalb von 3 Sekunden auf Instagram trotzdem super fit aussehen kann.

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Wenn die 29-Jährige nicht mehr in die Jeans vom letzten Sommer passt, macht sie auch das gnadenlos öffentlich: "Ich mache wirklich gerne Sport, aber ich esse eben auch gerne und genieße mein Leben. Klar würde ich gern wieder in die enge Jeans passen – das muss aber nicht diesen Sommer sein. Und: Ich will ja nicht angeben, aber meine Flip Flops vom letzten Sommer passen noch." Klingt nach einer sehr gesunden Einstellung zum eigenen Körper.

Übrigens: Fit-Shaming ist genauso fies

Dass übereifriges Anti-Bodyshaming auch schnell in Fit-Shaming umschlagen kann, erlebt die Sportlerin Imke Salander aus Hamburg immer wieder. Ihr durchtrainierter Körper, sorgt bei Instagram für viel Aufsehen: "Ständig bekomme ich Nachrichten von Frauen, die mich Fragen wie man so ein Sixpack bekommt", sagt die 24-Jährige "Dabei habe ich es nie darauf angelegt. Ich trainiere aus Leidenschaft, nicht für einen bestimmten Body. Mein Sixpack ist mir egal."

Doch nicht bei allen kommt ihr Aussehen so gut an: "Es kommt auch häufig vor, dass mir Leute (meist Männer) schreiben, mein Sixpack wäre 'too much' und unweiblich. Das verstehe ich nicht. Diese Meinung würde mich doch nie davon abhalten weiterzutrainieren!“ Viele scheinen noch immer nicht zu verstehen, dass man Sport auch aus anderen Gründen macht, als nur um einem ästhetischen Ideal zu entsprechen. Das ist schade. Denn Fitness ist so viel mehr als das!

Was bedeutet Fitness wirklich?

Fragt man Sportwissenschaftler und Fitness-Experten nach einer Definition von Fitness nennen sie Faktoren wie Ruhepuls, maximale Sauerstoffkapazität, Blutdruck, Glukose-, Insulin- und Cholesterinwerte und die Komposition des Körpers, also das Verhältnis von Muskeln, Fett, Knochen und Wasser im Körper. Nicht dabei: das Gewicht.

Körperliche Fitness ist von außen nicht sofort sichtbar. Sie können superschlank sein und trotzdem dieselbe Körperzusammensetzung haben wie jemand mit Übergewicht. Jemand, der mehr auf die Waage bringt und stämmig wirkt, kann einen hohen Anteil an Muskelmasse haben, die ja bekanntermaßen schwerer ist als Fett, und demnach sehr fit sein.

Weitere Beweise dafür, dass Fitness keine festgelegten Formen und Größen hat, sehen wir jeden Tag im Gym: Wer auf den ersten Blick vielleicht aussieht, als könne er kaum Gewicht heben, macht am Ende die meisten Klimmzüge oder hebt das schwerste Gewicht beim Kreuzheben. Das Fitness-Level einer Person können wir nicht beurteilen, indem wir uns ihren Körper anschaut. Das einzige, was wir auf diese Weise einschätzen können, ist das Level unserer eigenen Vorurteile. Das ist eine wichtige Botschaft! Nicht nur für diejenigen, die sich selbst für zu schwer oder ihre Schenkel für zu breit halten. Zu viele sehen Sport immer noch nur als Mittel, um schlank zu bleiben, dabei ist die tatsächliche Fitness viel entscheidender für Ihre Gesundheit.

Fitness sieht an jedem anders aus!

Das sollten wir alle endlich akzeptieren lernen. Denn dann fällt es auch umso leichter, sich selbst zu mögen wie man ist und gleichzeitig andere toll zu finden, obwohl oder gerade weil sie anders sind. Weil wir uns dann endlich nicht mehr miteinander vergleichen. Ganz nach dem Motto: I am fit – and you are too!

Wir bei Women’s Health möchten diese Fitness-Vielfalt fördern und endlich sichtbar machen! "Natürlich ist uns unser Einfluss auf das Körperbewusstsein der Frauen bewusst. Niemand soll sich durch die Bilder in unserem Magazin unter Druck gesetzt fühlen. Im Gegenteil: Wir wollen eine positive Einstellung zum eigenen Körper fördern", erklärt Franziska Bruchhagen, Redaktionsleiterin von Women's Health Deutschland.

Deshalb fotografieren wir das 15-Minuten-Workout für unser Magazin ab sofort nicht mehr mit typischen Fitnessmodels (Natürlich wird des weiterhin auch Fitnessmodels in unserem Magazin geben - sie sind auch Frauen!). Stattdessen machen ab jetzt ganz "normale" Frauen mit den unterschiedlichsten Körpertypen die Übungen vor. Und das Beste kommt noch, denn: Sie können sich bewerben – Größe, Gewicht und Körpermaße spielen keine Rolle.

Schreiben Sie uns einfach unter dem Betreff #IAmFit an leserbriefe@womenshealth.de und zeigen uns mit einem Foto, was Fitness für Sie bedeutet. Lassen Sie uns gemeinsam für ein neues Verständnis von Fitness kämpfen.

22.05.2018| © womenshealth.de
Anna Ullrich Fitness-Redakteurin
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