Den richtigen Treffer landen So bereichert das Fechten Monikas Leben

Das Sportsfreunde-Porträt im Mai: Monika
Das Sportsfreunde-Porträt im Mai: Monika © Stephan Wieser

Für Monika ist das Fechten mehr als ihr Beruf. Vom Kindesalter bis zur Teilnahme an den Olympischen Spielen hat der Sport ihr viele Türen geöffnet

Mit 11 Jahren kam Monika Sozanska mit ihrer Familie von Polen nach Deutschland. Im fremden Land half ihr der Fechtsport, Anschluss zu finden. Heute ist die 35-Jährige eine der besten Degenfechterinnen Deutschlands und Teil der Nationalmannschaft. Der Sport ist mehr als ein Beruf für Monika – es ist ihre große Leidenschaft.

Sportsfreunde 2018: Monika im Interview


Women's Health: Kannst du beschreiben, was für dich das Faszinierende am Fechten ist?

Monika: Es ist die Ästhetik, Eleganz, und der mentale Aspekt. Konzentration, Mut und Kreativität sind gefragt. Es geht nicht nur um körperliche Fitness oder eine gute technische Ausbildung – wesentlich ist der Kopf, beziehungsweise was sich darin abspielt. Der Sport kann so kompliziert und dann wieder so einfach sein. Kein Duell ist wie das andere, es wird nie langweilig.

Hast du vorm Fechten andere Sportarten betrieben?

Ja, aber nicht lange. Ich war im Ballett und habe danach auch ein wenig getanzt. Danach kam schließlich das Fechten.

Du bist mit 11 von Polen nach Deutschland gekommen. Wie war es, plötzlich in einem fremden Land zu leben?

Als ich nach Deutschland kam, war ich ein sehr schüchternes Mädchen. Und ich war ja ganz neu hier und konnte die Sprache nicht. Für ein Kind, das die Heimat, Opa und Oma, die besten Freunde und die gewohnte Umgebung verlässt, war das ein große Umstellung.

Kontaktsportart Fechten
Kontaktsportart Fechten © Stephan Wieser

Inwiefern hat dir das Fechten damals geholfen?

Meine Eltern haben gehofft, dass ich durch Sport Kontakt zu deutschen Kindern knüpfen kann. Mein Vater ist Fechttrainer und hat mich überredet, zur Kindergruppe zu kommen. Ich konnte beim Fechten aus mir herausgekommen und mich austoben. Ich habe durchs Fechten viele Freunde gefunden und es war meine Hauptbeschäftigung neben der Schule.

Sport verbindet, da hast du recht.

Genau das habe ich in meiner Karriere immer wieder erlebt, Menschen und ihre Geschichten kennengelernt. Integration durch Sport ist eine der besten Methoden und ich würde es jedem empfehlen. Es kommt eine Gruppe zusammen, die das Interesse an einer Sportart teilen. Dabei ist es egal, welche Hautfarbe du hast, aus welchem Land du kommst oder welche Sprache du sprichst. Wenn man etwas gemeinsam betreibt, ist das der Beginn von Integration.

Das Verhältnis zu deinem Vater ist besonders, da er auch dein Trainer war und ist.

Er hat mich definitiv zu der gemacht, die ich heute bin. Dafür bin ich ihm sehr dankbar. Außerdem verbringe ich dadurch sehr viel Zeit mit ihm, das wäre ansonsten bestimmt nicht in diesem Umfang möglich. Natürlich war es nicht immer einfach, zum Beispiel während meiner Pubertät. Und auch, als er 8 Jahre lang Bundestrainer war, musste ich mich immer doppelt für die Nationalmannschaft beweisen, um "üblen Nachreden" den Wind aus den Segeln zu nehmen. Ich habe sehr viel erreicht, das wäre ohne ihn nicht möglich gewesen. Außerdem habe ich meinen größten Erfolg – die Olympischen Spiele 2012 in London – mit ihm teilen können, das ist etwas unglaublich Schönes.

In London 2012 im Team.
Monika lebte ihren Traum: In London 2012 war sie im Olympia-Team. © Stephan Wieser

Wie ist es, bei den Olympischen Spielen anzutreten?

London 2012 war auf jeden Fall eine der schönsten Zeiten meiner Karriere und auch meines Lebens. Es ist ein unbeschreibliches Erlebnis. Es ist eine familiäre Stimmung unter den Athleten – Sport verbindet eben. Trotz des hohen Drucks war die Atmosphäre entspannt. Die Sieger wurden gefeiert, "Verlierer" getröstet.

Für mich waren es die ersten Spiele und ich war sehr, sehr nervös. Ehrlich gesagt, hat alles ein wenig verrückt gespielt und mich ein wenig überwältigt. Die Kulisse, die vielen Zuschauer, der Druck, Träume, Ziele und Erwartungen. Dabei habe ich nicht schlecht gefochten – ich habe Platz 10 im Einzel und im Team Platz 5 erreicht. Natürlich ist man erstmal enttäuscht, dass der Medaillentraum geplatzt ist, aber mittlerweile bin ich sehr stolz auf die Ergebnisse und auf das Privileg, eine Olympionikin zu sein.

Leistungssport ohne Tiefpunkte gibt es leider so gut wie nie. Gab es solche in deiner Karriere?

Die gab es immer wieder. Ob es die verpasste Qualifikation für Olympia 2016 war, schmerzhafte Niederlagen bei Großereignissen oder verletzungsbedingte Rückschläge. Ich wage fast zu behaupten, dass ich mehr Tief- als Höhepunkte hatte. Trotzdem bin ich unterm Strich glücklich, weil die schönsten Momente es einfach wert sind. Rückschläge gehören dazu – der Trick ist, von ihnen zu lernen und das Beste daraus zu machen.

Eine Laienfrage zum Fechten: Tut ein Treffer mit dem Degen weh?

Nein, es gibt höchstens einen blauen Fleck. Aber den merkt man meistens erst danach. Unsere Ausrüstung ist sehr sicher, die Anzüge bestehen aus Kevlargewebe, das auch für kugelsichere Westen verwendet wird und unsere Klingen sind sehr biegsam und falls sie abbrechen, sind sie an der Stelle stumpf. Fechten ist heute offiziell eine der sichersten Sportarten überhaupt.

"Rückschläge gehören dazu – der Trick ist, von ihnen zu lernen " © Stephan Wieser

Ein Fechtduell ist geprägt von Explosivität und Taktik. Wie arbeiten Körper und Verstand auf der Planche zusammen?

Die richtige Strategie, Mut, Entschlossenheit und das Gespür für den richtigen Angriffsmoment sind mental. Körperlich sind Explosivität, Schnelligkeit und Ausdauer gefragt. Wenn das alles zusammenspielt, kannst du erfolgreich Treffer setzen. Es geht um Millisekunden, du musst agieren, reagieren und die Balance zwischen Entschlossenheit und Geduld finden.

Für dich ist es sogar etwas schwerer, da du mit 1,62 Metern häufig kleiner als deine Kontrahentin bist.

Ich bin ja nicht so klein, dass man mich gar nicht auf der Planche findet! Aber ja, durch die Körpergröße und die dazugehörige Reichweite habe ich zumindest körperlich oft einen Nachteil. Dafür bin ich sehr gut technisch ausgebildet und versuche meine Kämpfe clever und taktisch auszuspielen. Und nur, weil etwas auf den ersten Blick nachteilig wirkt, heißt es nicht, dass man daraus nicht eine Stärke machen kann.

Wie sieht das Training einer Spitzenfechterin aus?

Es besteht aus vielen Komponenten: Ich arbeite ständig an Kondition, Kraft, Technik und mentaler Stärke. Das Pensum hängt davon ab, ob ich in der Aufbau- oder Wettkampfphase bin. Im Aufbau stehen vor allem Kondition und Kraft auf dem Plan, in der Wettkampfphase ist Fechten die Hauptsache. Der Ausgleich sollte auf jeden Fall nicht zu kurz kommen. Im Moment ist das bei mir Bikram Yoga.

"Ich kriege den Kopf frei!"
"Ich kriege den Kopf frei!" © Stephan Wieser

Kannst du beim Sport entspannen? Immerhin ist das ja quasi dein Beruf.

Auf jeden Fall. Fechten ist ja auch immer meine Leidenschaft, mit allem drum und dran. Generell fühle ich mich nach sportlicher Bewegung lebendiger. Ich kriege den Kopf frei und ich habe schon oft während dem Sport neue Einsichten, Gedanken oder Ideen gehabt. Außerdem kann man auch mal einfach Druck ablassen, wenn nötig. Irgendwie habe ich immer das Gefühl, dass beim Schwitzen auch viel Negatives den Körper verlässt. Und es ist ja bekannt, dass Sport das Glückshormon Endorphin freisetzt. Sport macht einfach glücklich.

Lässt der Leistungssport denn Zeit für Hobbys zu?

Ja, Kunst war schon immer mein Hobby und gleichzeitig der Ausgleich zum Sport. Ich kreiere Mode, zeichne und habe sogar mein eigenes Schmucklabel MOSIKS gegründet. Ich versuche quasi zum 2. Mal, mein Hobby zum Beruf zu machen.

Was ist dein nächstes sportliches Ziel?

Definitiv die Olympischen Spiele 2020 in Tokyo. Die Qualifikation beginnt April 2019. Außerdem stehen noch die EM und WM 2018 und 2019 an, dazwischen jede Menge Weltcups auf der ganzen Welt. Da gilt es zu punkten, um nochmal bei Olympia dabei zu sein.

Auch unsere Partnerseiten Men's Health und Runner's World stellen im Rahmen der gemeinsamen Aktion "Sportsfreunde 2018" Menschen und ihre bewegenden Geschichten vor. Lass dich auch von ihnen motivieren und inspirieren!

07.05.2018| © womenshealth.de
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