Orthorexie Wenn gesundes Essen zum Zwang wird

Essstörung Orthorexie
Orthorektiker können nichts dagegen tun: Sie müssen sich gesund ernähren! Komme was wolle. © Aleshyn_Andrei / Shutterstock.com

Wenn man nicht mehr anders kann, als sich gesund zu ernähren, hat das einen Namen: Orthorexie. Wir erklären Ihnen, wie gefährlich dieses zwanghafte Essverhalten wirklich ist

In diesem Artikel:

Immer mehr Menschen beschäftigen sich mit dem Thema Ernährung und versuchen, sich so gesund wie nur möglich zu ernähren. Was zunächst total vorbildlich und nachahmenswert klingt, kann sich mit der Zeit jedoch zu einer Art Sucht entwickeln. Fast unbemerkt und meist schleichend, wird die vermeintlich so "gesunde" Ernährung zum Zwang. Diese regelrechte Besessenheit gesund zu essen, nennt sich Orthorexie und ist eine Krankheit, die mittlerweile immer öfter auftritt und die gefährlicher ist, als es im ersten Moment vielleicht den Anschein haben mag.

Was ist Orthorexie überhaupt?

Orthorexie ist gleichzusetzen mit einer sogenannten "krankheitswertigen Störung", die nichts mit einer gesunden Ernährung an sich gemeinsam hat. Betroffene beschäftigen sich zwanghaft mit gesundem Essen und stellen sich selbst strenge Regeln auf, die für Sie definieren, was gesund ist und gegessen werden darf. Das Problem: Gesund oder ausgewogen ist ein orthorektisches Essverhalten aber in keinem Fall. Die Orthorexie überschreitet nämlich die Grenze des Gesunden. Bereits 1997 gab der amerikanische Arzt Steven Bratman der Krankheit ihren Namen. Er selbst war nach eigenen Angaben Orthorektiker.

"Suchtartiges Gesundessen ist geprägt von zahlreichen und umfassenden Einschränkungen", warnt Prof. Dr. med. Huber, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie am Klinikum am Korso. "Viele der vermeintlich gesunden Ernährungsregeln sind gar nicht so gesund, wie man denken mag. Der Körper kann dabei Schaden nehmen, selbst wenn ursprünglich der Erhalt der Gesundheit das Ziel war", so der Experte.

Welche Symptome sind typisch für die Krankheit?

Orthorektiker schränken ihren Konsum auf nur noch wenige ausgewählte Lebensmittel ein. Sie essen nichts, über dessen Herkunft oder Nährwerte sie nicht bis auf das kleinste Detail Bescheid wissen. Diese Lebensmittel werden am liebsten nur noch vom vertrauenswürdigen Bauern gekauft oder im Extremfall sogar im eigenen Garten angebaut. Steven Bratman hatte beispielsweise eine Grundregel, die es ihm erlaubte, Gemüse nur innerhalb von 15 Minuten nach der Ernte zu essen.

Essstörung Orthorexie
Nicht nur frisch muss es sein: Orthorektiker kaufen am liebsten beim Bio-Bauern ein oder pflanzen Gemüse bei sich im Garten © Yulia Grigoryeva / Shutterstock.com

Eine so strikte Ernährung führt kurz über lang nicht nur zu zahlreichen Einschränkungen im Speiseplan, sondern auch in anderen Lebensbereichen. "Es dreht sich fast alles nur noch ums Essen und oft vereinsamen die Betroffenen zunehmend. Schuld daran sind die zahlreichen Ernährungsregeln, von denen Orthorektiker nur schwer oder gar nicht abweichen können", meint Prof. Dr. Huber. Einladungen zum Essen bei Freunden oder in einem Restaurant lehnen Orthorektiker oft ab und isolieren sich so immer weiter aus ihrem sozialen Umfeld.

Ein weiteres, sehr typisches Symptom für Menschen mit orthorektischem Essverhalten ist, dass sie sich anderen Menschen gegenüber überlegen fühlen. Fast Food-Esser oder Currywurst-Liebhaber begehen für Orthorektiker quasi "Selbstmord", indem sie jede Menge schädliche Inhaltsstoffe in sich reinstopfen. Orthorektiker sind nämlich zu 100 Prozent von ihrer Ernährungsform überzeugt und übernehmen deswegen nur allzu gerne eine Missionars-Rolle. Sie wollen Freunde und Familie, die sich – ihrer Meinung nach – ungesund ernähren, zu einem besseren Lebensstil bekehren. Sie machen es sich zum Auftrag ihr eigenes Essverhalten, als das einzig richtige zu verkaufen.

Ein weiteres Symptom der Orthorexie ist ein starker Gewichtsverlust. Wer sich so gut wie alles verbietet und seinen Nahrungsmittelkonsum so extrem einschränkt, wie Orthorektiker es tun, verliert irgendwann ganz automatisch an Gewicht. Ein orthorektischer Ernährungsplan mit zig Regeln und Verboten schränkt die Erkrankten so weit ein, dass sie ohne es zu wollen abmagern und durch die einseitige Ernährung sogar häufig an Mangelerscheinungen leiden. Orthorektiker oder Magersüchtige sehen sich rein äußerlich (Statur, Gewicht) dann meist sehr ähnlich.

Was unterscheidet die Orthorexie von der Magersucht?

Der größte Unterschied zwischen der Orthorexie und der Magersucht ist das Motiv, warum die Betroffenen ihr Essverhalten von Grund auf ändern. "An Magersucht Leidende reduzieren ganz bewusst ihre Nahrungsaufnahme, um abzunehmen. Menschen die sich orthorektisch ernähren, schränken ihre Nahrungsmittelaufnahme aufgrund zahlreicher Regeln ein", erklärt Experte Huber. Kurz: Orthorektikern geht es nicht um die Quantität (Menge), sondern um die Qualität von Lebensmitteln. Pizza und Co. wurden nicht vom Speiseplan gestrichen weil sie dick machen, sondern weil sie potenziell ungesund sind und schlechte Inhaltsstoffe haben. Doch obwohl es Orthorektikern eigentlich nicht darum geht abzunehmen, verlieren sie im Verlauf der Krankheit oft stark an Gewicht.

Wer ist besonders gefährdet an Orthorexie zu erkranken?

Essstörung Orthorexie
Doppelcheck im Supermarkt: Ist das Lebensmittel auch wirklich "gesund genug"? Orthorektiker achten penibel auf die Lebensmittel-Qualität © Maria Savenko / Shutterstock.com

"Menschen mit einem Hang zu zwanghaftem Verhalten und solchen mit Essstörungen, sind besonders gefährdet", meint Prof. Dr. med. Huber. "Ebenso Menschen in ästhetisch orientierten Berufen, wie beispielsweise Tänzerinnen gehören zur Risikogruppe." Auch Menschen, die sich einer bestimmten Ernährungsform (Paleo, Low Carb etc.) verschrieben haben, welche sehr strenge Regeln vorgeben, haben ein erhöhtes Risiko, zum Ernährungsfanatiker zu werden. Denn auch Teil der Orthorexie ist es, ein Leben nach Regeln zu führen. Eine strenge Diät kann insofern zu einem orthorektischen Ernährungsverhalten führen, dass immer extremere Regeln aufgestellt werden.

Welche Therapiemöglichkeiten gibt es?

Da die Orthorexie bis dato (noch) nicht als Krankheit anerkannt ist, gibt es, was das Therapieverfahren angeht, noch keine einheitlichen Leitlinien, um sie zu behandeln. Das heißt aber nicht, das es keine Hilfe für Betroffene gibt! Wie bei anderen Essstörungen auch, gilt es im Fall der Orthorexie, den Betroffenen wieder beizubringen mit Genuss zu essen, ohne sich Gedanken über mögliche "schlechte" Inhaltsstoffe oder ähnliches zu machen. "Ziel einer Therapie ist die Entwicklung eines gelassenen und flexiblen Essverhaltens ohne strenge Regeln", erklärt Prof. Dr. med. Huber, der im Klinikum am Korso auch immer mehr Orthorektiker behandelt.

Essstörung Orthorexie
Orthorektiker machen in ihrer Diät keine Ausnahmen und isolieren sich so immer weiter aus ihrem sozialen Umfeld. © Wayne0216 / Shutterstock.com

Wie viele Menschen sich zwanghaft gesund ernähren, ist nicht ganz klar, da es bis jetzt noch keine verlässlichen Daten gibt. Aufgrund verschiedener Erhebungsinstrumente schätzt Prof. Dr. med. Huber, dass rund 1,5 Millionen Menschen in Deutschland ein orthorektisches Ernährungsverhalten aufweisen.

Sind "Trend-Diäten" womöglich der Auslöser für die Orthorexie?

Low Carb, Paleo, Clean Eating, vegane Ernährung: Immer neue – noch "bessere" – Ernährungsformen tauchten in den letzten Jahren auf und stellen viele von uns immer wieder vor die Frage: Ist das jetzt DIE richtige Ernährung für mich? Oder sind diese (eigentlich gesunden) Food-Trends vielleicht sogar Schuld an der steigenden Zahl von Orthorektikern? "Aus meiner Sicht definitiv", sagt Prof. Dr. Huber. Aber warum? "Wir Deutschen scheinen das Vertrauen in eine ausgewogene, genussvolle und "ganz normale" Ernährung verloren zu haben," stellt er fest. Gründe dafür sind unter anderem all die Lebensmittelskandale und schädlichen Inhaltsstoffe, von denen Tag für Tag berichtet wird. Anstatt Essen zu genießen, werden wir immer öfter mit "guten" und "bösen" Lebensmitteln konfrontiert, die Food-Blogger und Fitness-Gurus so betiteln und wir gedankenlos in unsere Ernährung adaptieren. Low Carb verbietet uns, zu unserer Tomatensuppe noch eine Scheibe Brot zu essen und Clean Eating streicht jegliche Fertigprodukte vom Speiseplan. Und wer nicht mit dem Strom schwimmt, wird schräg angeschaut.

Essstörung Orthorexie
Soziale Netztwerke und unzählige Trend-Diäten machen es fast undenkbar, ohne schlechtes Gewissen zu schlemmen © Aleshyn_Andrei / Shutterstock.com

Wer traut sich denn eigentlich noch, ohne schlechtes Gewissen in ein Fast Food-Restaurant zu gehen, wenn eine gesunde Ernährung mittlerweile einen solch hohen Stellenwert in unsere Gesellschaft hat? "Die Menschen suchen nach der einen – der "richtigen" Ernährungsform – um ja nichts falsch zu machen und um sich wohler und sicher zu fühlen. Aus solch einer "Spezial-Ernährung" kann sich dann eine Orthorexie entwickeln", warnt Experte Huber. Und sollte der Trend weiterhin zu einer immer gesünderen Ernährung gehen, wird es sicher nicht mehr lange dauern, bis die Orthorexie eine anerkannte Krankheit sein wird.

Fazit: Essen Sie gesund – ganz zwanglos!

Im aktuellen "Fitnesszeitalter" spielt die Ernährung eine immer wichtigere Rolle. Der eine setzt auf intermittierendes Fasten, der andere auf Paleo – und alle schwören darauf, die beste Ernährungsform von allen für sich entdeckt zu haben. Das mag für den Einzelnen stimmen, doch die "eine" Ernährungsform für alle gibt es nicht! Versteifen Sie sich beim Essen nicht zu sehr auf eine Ernährungsform, denn so steigt die Gefahr, dass Sie sich zu sehr hineinsteigern und im schlimmsten Fall anfangen, ein orthorektisches Essverhalten an den Tag zu legen. Setzen Sie einfach auf das gesunde, leider ein wenig in Vergessenheit geratene, "Mittelmaß".

Probieren Sie immer wieder neue Lebensmittel und Rezepte aus, essen Sie abwechslungsreich und nicht strikt nach Vorgaben. Wenn Sie mitbekommen, dass ein Freund oder eine Bekannte Symptome der Orthorexie zeigt, sprechen Sie sie darauf an. Vielleicht weiß der- oder diejenige gar nicht, dass es sich dabei um ein krankhaftes Verhalten handelt. Sie können die Betroffenen bei Verdacht auf Orthorexie motivieren, fachliche Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Bei Fragen zur Orthorexie können Sie sich vertrauensvoll an unseren Experten und seine Kollegen aus der Klinik am Korso – einer Fachklinik zur Behandlung von Esstörungen aller Art – wenden.

15.12.2016| Melanie Paukner /Kathleen Schmidt-Prange © womenshealth.de
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