Selbstliebe: Wie man lernt sich selbst zu lieben

Wie man lernt sich selbst zu lieben
Selbstliebe üben in einer Zeit, in der überall der Vergleich mit anderen droht – keine leichte Aufgabe © Stefaniya Gutovska / Shutterstock.com

Alle reden davon, wie wichtig es ist, sich anzunehmen wie man ist. Aber wie soll das gehen, sich selbst lieben? Und brauchen wir wirklich mehr Selbstliebe in einer Gesellschaft voller Selbstdarsteller?

Liebe Dich selbst! Akzeptiere Deine Schwächen! Umarme Dein inneres Kind! steht heute in vielen Ratgeberbüchern. Selbstliebe lautet das Wort der Stunde und zugegeben, das klingt toll und nach „will ich haben“. Aber wie um alles in der Welt soll man sich selbst lieben, während uns bei Instagram Sophia Thomallas gebräunte Brüste entgegen purzeln und man uns suggeriert, Körperbehaarung sei etwas Widerliches, wofür wir uns schämen müssten? Ist bedingungslose Selbstliebe da nicht ein bisschen viel verlangt?

Heul doch, inneres Kind!

Ehrlicherweise ist der Großteil von uns weit, weit entfernt von all der Makellosigkeit, von der man uns weismachen will, sie existiere wirklich und man müsse nur ein klitzekleines bisschen in seine Selbstoptimierung investieren und – schwupps – würde man dazugehören. Zum erlesenen Kreis der schönen und begehrenswerten Spezies mit den straffen Oberschenkeln und den symmetrischen Brüsten. Schön und sexy zu sein, das liege immerhin in den eigenen Händen und wer da nicht mitmache, der sei eben selber schuld. „Heul doch, inneres Kind und suhl Dich in Selbstmitleid und Deinem schlechten Bindegewebe! Und jetzt viel Erfolg bei der Selbstliebe!“

Vergleichen macht unglücklich. Besonders im Netz

Fakt ist, dass es inzwischen etliche Studien gibt, die belegen, dass der permanente Vergleich in den sozialen Netzwerken unglücklich macht und unser Selbstbild in Mitleidenschaft zieht. Wissenschaftler des dänischen Happiness Research Institutes beispielsweise sagen: Wer sich Tag für Tag durch die Postings seiner Freunde, Kollegen und der Schönen und Reichen scrolle, sei am Ende neidisch und fühle sich unzulänglich.

Selbstbestimmt statt fremdbestimmt
Selbstbestimmt statt fremdbestimmt. Machen Sie sich frei von den Vorstellungen und Erwartungen anderer © Stefaniya Gutovska / Shutterstock.com

Frei nach dem Motto „Hey Loser-Ich, warum sitzt Du nicht am Strand und schlürfst Cocktails wie Deine Nachbarin mit der tollen Wohnzimmereinrichtung?“ Am Ende der Timeline stünde die ernüchternde Erkenntnis, dass alle ein cooles, aufregendes Leben hätten, nur man selbst eben nicht.

Die dänischen Forscher ließen für ihre Studie außerdem die Hälfte ihrer Probanden eine Woche lang auf Facebook & Co. verzichten; mit dem Resultat, dass deren Lebenszufriedenheit binnen kürzester Zeit signifikant anstieg. Wissenschaftler der Universität Innsbruck kommen übrigens zu einem ähnlich düsteren Ergebnis: Dort befragte man Probanden nach ihrer Laune, unmittelbar nachdem diese einige Zeit bei Facebook verbracht und sich die Postings ihrer Freunde angeschaut hatten. Je länger sich sich im Netzwerk aufhielten, desto mieser war anschließend ihre Stimmung. Eine Online-Umfrage unter unseren eigenen Userinnen ergab ähnliches: 14 Prozent der Teilnehmerinnen fühlt sich ernüchtert, nachdem sie bei Instagram oder Facebook unterwegs waren und bedauern, dass ihr eigenes Leben offenbar nicht so spannend ist wie das der anderen. Bei 16 Prozent würde Neid aufkommen beim Anblick all der tollen Körper und hübschen Gesichter.

Brauchen wir Selbstliebe in einer Gesellschaft voll von Selbstverliebten?

Ergo: Keine leichte Angelegenheit diese Selbstliebe. Obwohl bei all den Selfies und Bikinifotos, die sich heute ganz selbstverständlich und ungefragt im Netz tummeln, sich irgendwie auch die Frage aufdrängt, ob wir uns unbedingt noch toller finden und noch lieber haben sollten. Reicht es nicht langsam mit der ganzen Selbstliebe? Ist es vielleicht sogar schon zu viel? „Gerade in dieser Zeit brauchen wir ausgeprägte und stabile Selbstliebe“, sagt Anne Heintze, Therapeutin und Gründerin der Open Mind Akademie. Selbstliebe sei schließlich die Grundlage für Selbstvertrauen und Selbstbewusstein und letztlich der Schlüssel, um endlich damit aufhören zu können sich permanent mit anderen zu vergleichen. Das sei es nämlich, was unsere Selbstliebe ins Wanken bringe und warum Medien-Fasten kein schlechter Anfang sei. Heißt: Mehr Selbstliebe führt zu weniger Vergleichen und dem Bedürfnis im Netz zu zeigen, was man eigentlich nicht ist. Problem gelöst.

Willkommen im Zeitalter der Narzissten und Selbstdarsteller

Wo aber liegt der Unterschied zwischen gesunder Selbstliebe und dem völlig übersteigertem Glorifizieren der eigenen Person? Immerhin sprechen nicht wenige Wissenschaftler inzwischen von einem „Zeitalter der Narzissten“, in dem sich bereits Heranwachsende als ein Gottesgeschenk an die Menschheit sehen.

„Narzissmus ist eine auffällige Selbstverliebtheit und übertriebene Selbstbezogenheit“, erklärt Anne Heintze, „Narzisstische Menschen befassen sich vor allem mit sich selbst und interessieren sich nicht für andere. Sie überschätzen sich maßlos und haben eine überzogene Anspruchshaltung“. Selbstliebe hingegen sei das Annehmen der eigenen Persönlichkeit, die Akzeptanz dessen, was und wie man ist. „Selbstliebe bedeutet, sich selbst zu vertrauen, sich selbst zu achten und den eigenen Wert schätzen zu wissen. Selbstakzeptanz spielt dabei eine entscheidende Rolle“, so Heintze.

Die Angst der Frauen vor Wettbewerb

Die genaue Definition dieser Gratwanderung ist auch aus einem anderen Grund wichtig: Offenbar teilen heutzutage wahnsinnig viele Frauen die Sorge, selbstverliebt rüber zu kommen oder gar als narzisstisch abgestempelt zu werden. Ein Beispiel: Die britische Linguistik-Expertin Judith Baxter von der Aston University in Birmingham fand in einer Studie heraus, dass Männer in 90 Prozent der Fälle Witze auf Kosten anderer machen. 70 Prozent der Frauen dagegen ziehen immer nur sich selbst durch den Kakao. „So absurd es klingt, dieser Negativ-Talk ist eigentlich dazu da, positiv zu wirken“, erklärt Kim Fleckenstein, die Coachings zur Persönlichkeitsentwicklung anbietet (kimfleckenstein.com).

Selbstliebe lernen
67 Prozent unserer Umfrage-Teilnehmerinnen glaubt, dass Menschen, die sich selbst lieben, auch von anderen positiver wahrgenommen werden © Stefaniya Gutovska / Shutterstock.com

Klingt im ersten Moment vielleicht paradox, ist aber evolutionär in uns verankert. Im Laufe der menschlichen Entwicklung waren Männer für eine lange Zeit auf den Wettbewerb mit anderen gepolt, Frauen hingegen hatten schon immer einen stärker ausgeprägten Gemeinschaftssinn. Für sie ist – offensichtlich bis heute – wichtig, wenig bedrohlich auf andere zu wirken und dadurch eine möglichst große Community um sich herum aufbauen zu können. Wer andere hinter die Fassade schauen lässt („Ich war wirklich noch nie gut darin, vor anderen eine Präsentation zu halten“), der reißt damit Mauern ein und wirkt liebenswert.

Ganz schön blöd manchmal, diese Evolution. Denn in diesem Punkt macht sie Frauen das Leben leider unnötig schwerer. Wenn wir uns die Ergebnisse unserer Selbstliebe-Umfrage anschauen, glauben nämlich 67 Prozent der Userinnen, dass Menschen, die sich selbst lieben, auch von anderen positiver wahrgenommen werden. Gerade einmal 3 Prozent finden, dass Menschen, die sich selbst annehmen und lieben, arrogant wirken. Und 77 Prozent gaben an, noch nie von anderen Menschen gehört zu haben, selbstverliebt zu sein (19 Prozent wurde dies schon einmal vorgeworfen, 4 Prozent hören den Vorwurf sogar ziemlich häufig). Ergo: Sich selbst zu lieben ist kein Verbrechen, sondern macht obendrein auch noch sympathisch.

Nur wer sich selbst liebt, kann auch andere lieben – stimmt das?

Man hört den Satz immer wieder, besonders dann, wenn es mit der großen Liebe irgendwie nicht klappen will. "Lerne erst mal Dich selbst zu lieben. Dann bist Du auch bereit anderen Liebe zu geben und zu bekommen". Klingt nach Weisheit von Oma und irgendwie eine Spur spirituell. Ist da wirklich was dran? Laut unserer Umfrage jedenfalls glaubt die Hälfte, dass das stimmt. Gerade einmal 10 Prozent halten diese These für Unfug. "Dem ist tatsächlich so", weiß Anne Heintze, "Die Akzeptanz der eigenen Person ist der erste Schritt, Akzeptanz durch andere zu erlangen".

Wie man lernt sich selbst zu lieben
Wer lernt, auch seine Schwächen und Fehler anzunehmen, hat nicht mehr das Bedürfnis sich zu verstecken © Stefaniya Gutovska / Shutterstock.com

Umso drastischer erscheinen uns daher die Antworten auf die Frage, ob sich unsere Userinnen in einer Partnerschaft schon einmal die Frage gestellt haben, wie ihr Partner sie eigentlich lieben kann und warum er überhaupt mit ihnen zusammen sein möchte. 60 Prozent gaben hier an, hin und wieder solche Gedanken zu haben, knapp 20 Prozent sagten, sie hätten diese Gedanken permanent. „Du musst anderen keinen Gefallen tun, damit sie dich lieben und achten. Sie sollen dich lieben, WEIL du bist wie du bist und nicht, OBWOHL du so bist, wie du bist“, sagt die Expertin und wir finden, dass sie damit goldrichtig liegt.

Sich selbst lieben – wie geht das denn jetzt eigentlich?

Zugegeben, wir haben kein Patentrezept, nach dessen Anwendung Sie urplötzlich tief in sich ruhen und Liebe aus jeder Pore verströmen. Aber wir geben Ihnen gern ein paar Punkte mit auf den Weg, aus denen Sie sich den einen oder anderen herauspicken können, wenn Sie das Gefühl haben, Ihre Selbstliebe könnte ruhig mal einen kleinen Schubser vertragen.

1. Hören Sie auf sich zu vergleichen

Diese ganze Selbstinszenierung auf Instagram & Co. macht Sie schon lange unglücklich? Dann entabonnieren Sie bitte die Personen, die Ihnen ein ungutes Gefühl vermitteln. Sei es, weil Sie spüren, wie Neid in Ihnen aufkommt oder Wut auf die eigene Person, weil man vielleicht nicht so einen tollen, trainierten Body hat. Vergleiche mit Promis oder Insta-Schönheiten hinken, weil das Bild, das diese Menschen im Netz vermitteln a) nicht echt ist und b) oftmals keine erstrebenswerten Ziele darstellt. Seien Sie der Mensch, der Sie sind. Versuchen Sie nicht die Kopie von jemandem zu sein, den sie nicht kennen und der offline einen Haufen Sorgen, Nöte und Probleme mit sich herumschleppt, von denen man in der Online-Welt rein gar nichts sieht.

2. Zeigen Sie der Perfektionistin in sich die kalte Schulter

Sie müssen nicht perfekt sein. Weder für sich, noch für andere. Oder erwarten Sie von Ihrem Umfeld Perfektionismus? Wahrscheinlich nicht, weil Sie wissen, dass es das nicht gibt. Warum also sind Sie so streng mit sich selbst? Und was haben Sie am Ende von Ihrer vermeintlichen Perfektheit? Lassen Sie mal locker und machen Sie die Erfahrung, dass trotzdem nicht die Welt einstürzt. Getreu dem Motto "Perfect is boring, human is beautyful!"

3. Trauen Sie sich mal was

Was wollten Sie schon immer mal anpacken, haben es aber bislang auf die lange Bank geschoben? Unterschätzen Sie nicht das Gefühl stolz auf sich selbst zu sein, wenn Sie etwas geschafft haben. Egal um welche Herausforderung es sich letztlich handelt – gehen Sie's an und stecken Sie all Ihre Kraft und Ihr Herzblut hinein und kosten Sie am Ende das großartige Gefühl aus, Ihr Ziel erreicht zu haben.

4. Stapeln Sie nicht so tief

Egal ob im Lebenslauf oder beim Online-Dating-Profil: Stellen Sie Ihr Licht nicht unter den Scheffel. Sie sind wer, Sie können was und das darf ruhig jeder wissen. Und hören Sie bitte umgehend auf, sich selbst runterzuputzen. Sätze wie "Ich Idiot!" oder "Verdammt, nie mache ich was richtig" streichen Sie am besten sofort aus Ihrem Repertoire. Gedanken manifestieren sich schneller in Ihrem Kopf als Sie denken. Pushen Sie sich daher stattdessen lieber und loben Sie sich häufiger mal.

Seien Sie die Person, die Sie sein möchten
Welchen Weg will ich eigentlich einschlagen? Wer eine klare Antwort auf die Frage kennt, dem fällt es wesentlich leichter sich selbst anzunehmen © Stefaniya Gutovska / Shutterstock.com

5. Kümmern Sie sich um sich

Dazu zählt beispielsweise, dass Sie häufiger mal "Nein" sagen, wenn Sie es auch so meinen. Nur nein, ohne eine Erklärung hinterher zu schieben. Sie brauchen Zeit für sich und haben keine Lust mit den Mädels am Wochenende um die Häuser zu ziehen? Dann sagen Sie das und erfinden Sie keine Ausreden. Sie sind heute morgen mit dröhnenden Kopfschmerzen aufgewacht, waren aber vor 2 Wochen schon wegen der blöden Erkältung nicht im Büro? Wer sollte Ihnen jetzt den Kopf abreißen, wenn Sie heute pausieren? Hören Sie auf sich und Ihren Körper. Auch das ist Selbstliebe.

6. Seien Sie die Person, die Sie sein möchten

Manchmal liegt der Grund, weswegen wir uns irgendwie selbst nicht leiden mögen, gar nicht an unserer großen Bescheidenheit oder weil wir in der Kindheit nicht oft genug gelobt wurden. Manchmal können wir uns auch deshalb nicht wirklich leiden, weil wir einen Lebensweg eingeschlagen sind, der nicht unserer ist. Dann stellen wir plötzlich fest, dass wir das Jurastudium nur wegen der Eltern begonnen haben oder dass wir mit einem Mann zusammen leben, der uns eigentlich tierisch auf den Wecker geht. Und jetzt? Alles umwerfen, alles neu machen? Die unbequeme Antwort lautet "Wahrscheinlich ja". Gehen Sie einmal in sich und fragen Sie sich, was Sie wirklich vom Leben erwarten und in welchem Leben Sie sich wirklich wohl fühlen würden. Das funktioniert wahrscheinlich nicht beim 5-minütigen Brainstorming und dauert vielleicht auch mal ein paar Wochen oder Monate. Und es ist unbequem - aber es lohnt sich. Wer sich traut, sein bisheriges, ungeliebtes Leben aufzugeben und tatsächlich das zu tun, was sich richtig und gut anfühlt, wird sich anschließend wünschen, den Schritt schon viel früher gegangen zu sein.

Selbstliebe - und jetzt?

Jetzt wünschen wir Ihnen eine ziemlich große und gesunde (!) Portion Selbstliebe und das Bewusstsein dafür, dass Sie der einzige Mensch auf der Welt sind, der es in der Hand hat, wer Sie sind, wie Sie sich selbst sehen und was Sie ausstrahlen. Fangen Sie am besten noch heute damit an, der Mensch zu sein, der Sie wirklich sein wollen. Dann fällt Ihnen das mit der Selbstliebe plötzlich gar nicht mehr so schwer. Versprochen.

12.10.2017| Liv Bernstein © womenshealth.de
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