Sex ohne Gefühle So verbessert Casual Sex die weibliche Machtposition im Bett

Kaffee? Den kannst du allein trinken. © oneinchpunch / Shutterstock.com

Half-Night-Stand, RRR und Zipless Fuck – es gibt viele Namen, die im Grunde dasselbe bedeuten: Frau nimmt sich, was sie will. Was das mit der Emanzipation zu tun hat und was es für die Männer bedeutet

"Wie, du willst schon gehen? Du bist doch gerade erst gekommen!“ Tja, schade Jungs, jetzt verabschieden sich immer mehr Frauen direkt nach dem Sex mit einem attraktiven Fremden schneller als der "Wie war ich?“ fragen kann. Half-Night-Stand nennt man das, wenn frau auf die Anstandsnacht mit der neuen Eroberung lieber verzichtet. Warum? Tja, weil die Wahrscheinlichkeit hoch ist, dass der Typ, den man im Halbdunklen oder im volltrunkenen Zustand als knackige Cocktailkirsche auf einem lustigen Mädelsabend wähnte, am nächsten Morgen eher an – um im Bild zu bleiben – Dörrobst erinnert. Und, Hand aufs Herz: Auch man selbst ist mit verklebten Wimpern und ungeputzten Zähnen eine ziemlich miese Version der heißen Affäre vom Vorabend.

Ungeachtet dieser Tatsache kommt es zudem gar nicht so selten vor, dass die gemeinsam verbrachte Nacht bei einem der Beteiligten auch Gefühle oberhalb der Gürtellinie weckt. Heißt: Während der eine es bei einem emotionslosen Quickie belassen wollte, machen sich beim anderen plötzlich die Schmetterlinge startklar. Es gibt also gleich mehrere Gefahrenherde, die eine späte Verabschiedung im Morgengrauen zu einem unerträglichen Walk of Shame machen können …

Immer mehr Frauen wollen nur Casual Sex

Es spricht also vieles dafür, sich nachdem Sex ruckizucki zu verdrücken, um die schlafenden Hunde gar nicht erst zu wecken. "Männer machen das doch schon immer genauso“, bemerkt Anna (31). "Die holen sich, was sie wollen, und verschwinden dann schnellstmöglich wieder, bevor es kompliziert wird.“ Dass Frauen dieses männliche Verhaltensmuster jetzt übernehmen, erklären Psychologen sich als Nebeneffekt der Emanzipation: Immer mehr Frauen würden jetzt eben auch in sexueller Hinsicht die Befriedigung ihrer Bedürfnisse viel stärker einfordern als noch vor einigen Jahren. "Warum soll ich denn nach dem Orgasmus noch lange kuscheln und quatschen? Ich bin Single und habe manchmal Lust auf Sex – doch wenn ich lange reden und am nächsten Morgen gemeinsam aufwachen wollte, würde ich mir eine Beziehung suchen“, erklärt zum Beispiel Sarah (28). Es klingt sehr nüchtern, aber auch nachvollziehbar.

Was halten Männer von einer reinen Sexbeziehung?

Wie Männer diese Entwicklung finden? "Es kommt darauf an, ob man mit der Frau wirklich nur einmal Sex haben will oder sich vielleicht doch mehr vorstellen kann“, gibt Martin (34) offen zu. "Wenn Gefühle im Spiel sind, kann so ein polnischer Abgang durchaus verletzend sein, doch wenn für beide Seiten von vornherein klar ist, dass aus der Sache nichts Festes wird, ist es doch völlig okay.“

Und weil diese Art der unkomplizierten Sex-Dates offenbar für viele Singles eine gute Lösung sind, gibt’s dafür natürlich auch schon die passenden Begriffe und Codes. "Zipless Fuck“ ("Sex ohne Verkettungen“) bezeichnet etwa die idealste Form eines Sexabenteuers, die völlig ohne Komplikationen und Diskussionen über die Bühne geht. Bei dem die Bedürfnisse aller Beteiligten optimal befriedigt werden – und darüber hinausgehende Gefühle und Hoffnungen zuvor mit der Wäsche abgelegt wurden.

Sex ohne Gefühle
Kann man Sex und Liebe wirklich trennen? © oneinchpunch / Shutterstock.com

Die 7 wichtigsten Regeln für Sex ohne Gefühle

Damit das klappt, gelten bei schnellem Sex ohne Verpflichtungen natürlich trotzdem auch ein paar Regeln – die wichtigsten haben wir mal für Sie zusammengefasst:

1. Kondome sind Pflicht. Klar, Sie können es nicht mehr hören, wir sagen es Ihnen aber trotzdem immer wieder.

2. Man darf nur machen, was der andere auch möchte. Keine Verpflichtung bedeutet nicht, keinen Respekt zu haben.

3. Beide Seiten sollten sich Mühe geben, dem anderen einen Orgasmus zu schenken. Schließlich ist das der einzige Sinn der Sache.

4. Sich damit über eine Trennung hinwegzutrösten ist völlig okay. Nicht okay: den fremden Mann pauschal für die Fehler des Ex verantwortlich machen.

5. Man darf die Gastfreundschaft des anderen nicht überstrapazieren. Falls man doch bis zum Morgen bleibt, sollte man sich spätestens nach dem Kaffee höflich verabschieden.

6. Lassen Sie sich gehen! Der Reiz an einem guten, hemmungslosen Half-Night-Stand ist, dass man sich keine Gedanken machen muss, was der andere von einem denkt. Es ist allerdings fair, das Erlebte hinterher nicht an andere (möglicherweise gemeinsame Bekannte) weiterzutratschen.

7. Der Deal ist: Wir haben nur Sex, nicht mehr. Wer sich in Wahrheit doch etwas mehr erhofft, sollte das fairerweise vorher erwähnen.

Stärken diese Sexabenteuer das Selbstbewusstsein?

In Tinder-Chats verabredet man sich mittlerweile bereits im Vorfeld ganz direkt zu einem "RRR“ – was so viel heißt wie "Rein, Raus, Runter“. Tinder. Überhaupt hat diese App – offiziell eine Flirtbörse, in Wahrheit für viele aber eher eine unkomplizierte (und vergleichsweise preiswerte) Plattform für die Suche nach schnellem, unverbindlichem Sex – das Verhalten zwischen Männern und Frauen extrem verändert, sind sich Forscher einig.

Eine aktuelle Studie der Kölner Hochschule Fresenius hat herausgefunden, dass Tinder auf eine etwas ungewöhnliche Art sogar zur Emanzipation der Frau beträgt. Da weibliche Nutzer bei der Auswahl ihrer Sexabenteuer weitaus kritischer sind als Männer, steigt dadurch ihre Machtposition. Frauen würden dadurch lernen, "sich in ihrer Attraktivität positiver einzuschätzen, und an Selbstbewusstsein gewinnen“.

Sex ohne Gefühle
Die neue Unverbindlichkeit im Bett kann unser Selbstwertgefühl pushen. © oneinchpunch / Shutterstock.com

Die Folge daraus ist auch, dass einige Frauen bei einem Half-Night-Stand sogar das Weite suchen, bevor es überhaupt zum Sex kommt. Wenn sie etwa beim Entblättern schon merken, dass sie wortwörtlich an einen Schlappschwanz geraten sind. Beim Abschleppen eines Fremden kauft man ja sozusagen die Katze im Sack.

"Ich muss gestehen, dass ich schon 2-mal darum gebeten habe, dass die Typen sich wieder anziehen und gehen“, sagt Rebecca (29) und beschreibt die wohl kürzeste Variante eines Half-Night-Stands. "Der eine hatte auch in erigiertem Zustand noch einen wirklich winzigen Mikropenis, der andere hatte überhaupt keine Erfahrung darin, wie man eine Frau berührt. Beides wäre für mich definitiv nicht befriedigend geworden. Klar tat es mir im Nachhinein fast leid, aber es wäre auch nicht fairer gewesen, sich auf eine Mitleidsnummer einzulassen.“

Oder ist die Lust auf Casual Sex nur eine Ausrede?

Klar, warum sollte man die Nacht mit einem Mann verschwenden, der es nicht bringt, wenn da draußen so viele heiße Feger warten? Auch wenn diese Begründung absolut verständlich ist – wenn jede Frau frustriert die Flucht ergreift und niemand sich die Mühe macht, den unbeholfenen Männern zu erklären, worauf es ankommt, wie sollen sie es denn dann jemals lernen?

"In einer immer schneller werdenden Gesellschaft gehen auch die tiefen Begegnungen in der Sexualität zurück“, erklärt die Hamburger Sexualtherapeutin Nele Sehrt. "Bei einem One-Night-Stand steht meist die eigene Befriedigung im Mittelpunkt, und so kann der Akt auch als erweiterte Masturbation bezeichnet werden.“

Sex ohne Verpflichtungen, das klingt lässig, aber auch ein wenig traurig. "Diese Monotonie kann auf Dauer als unbefriedigend erlebt werden, da der nötige Raum für Gefühle fehlt. Um wirklich tiefe Befriedigung erleben zu können, wird eine intensive zwischenmenschliche Nähe benötigt“, sagt die Diplom-Psychologin weiter. Sehr viele Menschen würden den Wunsch nach Sex nämlich ohnehin mit einem Bedürfnis nach echter Nähe verwechseln.

Auch, wenn man diese Wahrheit zumindest vorübergehend mit einem schnellen Verschwinden im Stile des Half-Night-Stands verdrängen kann – Tatsache ist: Was alle Abenteurer sich offenbar am sehnlichsten wünschen und was uns oft viel glücklicher macht als jeder Hammersex mit einem heißen Typen, ist genau das, was kommt, nachdem man gekommen ist.

30.03.2018| © womenshealth.de
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