Lebensmittelverschwendung So landet bei Ihnen weniger Essen im Müll

Hand aufs Herz: Wie viel werfen Sie täglich weg?
Hand aufs Herz: Wie viel Essen landet bei Ihnen eigentlich im Müll? Zu viel, oder? © nenetus / Shutterstock.com

Jeden Tag landen Tonnen an Lebensmitteln im Müll – Tendenz steigend. Welche Gründe Food Waste hat und wie jeder Lebensmittelverschwendung vermeiden kann, erfahren Sie hier.

Suchend springt mein Blick durch den Kühlschrank. Wo ist nur der Parmesan? Doch während ich den Käse offenbar aufgegessen habe, stolpere ich über andere Schätze aus vergangenen Zeiten: 2 abgelaufene Jogurts, ein Bund schrumpelige Radieschen und eine angebrochene Flasche Apfelsaft mit Pelz auf der Oberfläche. Im Obstkorb sieht es nicht viel besser aus, darin liegen 3 rabenschwarze Bananen. Kurzerhand entschließe ich mich, auch mal einen Blick in die Vorratskammer zu werfen – und bin wenig später entsetzt über die Menge an aussortierten Lebensmitteln. Das ist ja fast ein Einkaufskorb voll, der da im Müll landet!

Das Schlimmste: So wie mir geht es den meisten Deutschen, denn die Zahlen sprechen für sich: Jährlich landen in Deutschland 11 Millionen Tonnen Lebensmittel im Müll. Im Schnitt werden 81 Kilo Nahrungsmittel pro Person und Jahr weggeworfen! Dabei ist es ganz leicht, diese Menge an Lebensmittel-Müll zu reduzieren. Und Geld spart man auch: 940 Euro pro Jahr in einem 4-Personen-Haushalt! Wir verraten Ihnen die besten Tipps, um Lebensmittelverschwendung zu vermeiden.

Lebensmittelverschwendung beginnt beim Einkauf

Food Waste stoppen: Wie viel Essen werfen Sie weg?
Wie viel Essen werfen Sie täglich weg, was viel zu gut für die Tonne ist? © nito / Shutterstock.com

Warum statistisch gesehen ein Drittel meines Einkaufs im Mülleimer oder der Biotonne landet, erklärt Selvihan Koç aus dem Referat für Lebensmittel und Ernährung der Verbraucherzentrale Schleswig-Holstein: „Wir kaufen häufig viel zu viel ein. Unter anderem, weil der Handel ständig mit vermeintlich attraktiven Angeboten lockt und verstärkt große Gebinde anbietet. Dann kostet ein Netz mit 10 Orangen genauso viel wie 5 einzeln gekaufte. Doch wenn ich letztlich 6 Früchte wegwerfe, habe ich sogar mehr bezahlt – und abgesehen davon wertvolle Lebensmittel verschwendet.“ Eine Entwicklung, die sich seit 1970 verdoppelt hat.

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Wegwerf-Gesellschaft: Was sind uns Lebensmittel noch wert?

Die Wertschätzung gegenüber Nahrungsmitteln hat sich in den letzten Jahrzehnten extrem verändert: Während wir 1950 noch 50 Prozent unseres Einkommens für Essen und Trinken investieren mussten, geben wir heute gerade mal 10 Prozent dafür aus.

Lebensmittelverschwendung? Nein, danke!
Diese Äpfel sind zum Wegwerfen viel zu schade © Elena11 / Shutterstock.com

Milch, Wurst, Äpfel und Blumenkohl sind zu Billigprodukten verkommen und werden entsprechend behandelt: 49 Prozent unseres gekauften Obstes und Gemüses landen unangetastet in der Tonne, 14 Prozent aller Backwaren, bei Fleisch, Fisch und Milchprodukten sind es 11 Prozent. Nahrung ist heute überall, zu jeder Zeit und im Überfluss vorhanden. Und unsere Erwartungshaltung, auch noch um 19:45 Uhr ein frisches Dinkel-Chia-Brot kaufen zu können, sorgt ebenfalls ein Stück weit für volle Regale bis zum Ladenschluss – mit dem erwähnten Ausschuss.

Wie unser Lebensstil die Lebensmittelverschwendung fördert

Auch unser Lifestyle – geprägt durch Mobilität und wenig Zeit – sorgt dafür, dass für immer mehr Lebensmittel-Müll. Laut der aktuellen Verbraucherstudie Consumer’s Choice kochen 42 Prozent aller Deutschen gar nicht mehr, der Konsum von Lebensmitteln sinkt jedoch nur minimal. Und mal ehrlich: Wer hat im Supermarkt schon die nächsten 3 Geschäftsessen im Kopf oder lässt sich vom Spontantrip ans Meer abhalten, nur weil der Kühlschrank prall gefüllt ist?

Vom Feld in den Müll: Essen wegwerfen nach dem Schönheitsprinzip

Doch nicht nur in den Privathaushalten landen große Menge an Lebensmitteln im Müll: „Bis zu 30 Prozent der gesamten Obst- und Gemüseernte landen gar nicht beim Konsumenten, sondern werden vorher aussortiert“, erklärt Lebensmittelretterin Amelie Mertin aus München. Sobald Kartoffeln zu groß oder zu klein sind, Möhren ein zweites Bein oder Äpfel eine Druckstelle haben, gelten sie als „unverkäuflich“. Im günstigsten Fall landen sie dann bei Mertin. Sie betreibt mit 3 anderen Gründern das Start-up Querfeld (www.querfeld.bio), das diesen Ausschuss mit Schönheitsfehlern direkt von den Biobauern erwirbt und es an Caterer und Großküchen verkauft.

Nicht schön, aber genau so gesund und lecker, wie "normalen" Karotten
Einzigartig, gesund und lecker: Karotten mit "Makel" © Ralu Cohn / Shutterstock.com

„Das meiste jedoch wird nach wie vor auf dem Acker liegen gelassen, in der Biogasanlage verbrannt oder zu Tierfutter. Dabei freuen sich unsere Kunden sogar über große Exemplare – so müssen sie weniger schälen. Auf Qualität und Geschmack hat ein kleiner Makel eh keinen Einfluss“, so Mertin, die auf diesem Wege mehrere Tonnen einwandfreie Lebensmittel vor der Vernichtung bewahrt hat. Doch es gibt noch viel zu tun: Vom Acker bis zum Teller sind es jährlich 500 000 Lkw-Ladungen Lebensmittel alleine in Deutschland, die nicht gegessen werden. Zum Glück wachsen aber auch die Initiativen, die sich für den verantwortlichen Umgang mit Essen starkmachen (siehe weiter unten).

Food Waste-Ursache: Das Mindesthaltbarkeitsdatum

Ungeöffnet haltbar bis: Dieser Satz mit einem Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD) feuert die Lebensmittelverschwendung zusätzlich an. 43 Prozent aller entsorgten Lebensmittel werden laut einer Studie des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) nur weggeworfen, weil das aufgedruckte Datum überschritten ist. Dabei sagt die Zahl nichts über die Genießbarkeit des Jogurts oder der Nudeln aus. Wie auch – schließlich wissen beide nicht, dass sie am Tag X plötzlich sauer oder schimmelig werden müssten.

Das MHS des Joghurts ist überschritten? Na und!
Das MHS des Joghurts ist überschritten? Na und! © goodmoments / Shutterstock.com

„Das Datum drucken die Hersteller nach eigenem Ermessen auf die Verpackungen. Sie garantieren damit nur, dass das geschlossene, richtig gelagerte Lebensmittel mindestens bis zu diesem Zeitpunkt die zugesicherte Konsistenz, Farbe, den Geruch und Geschmack sowie den Nährwert behält“, erklärt Verbraucherschützerin Koç. Tatsächlich ist die Mehrheit der Produkte noch Tage, Wochen, Monate, wenn nicht sogar Jahre später bedenkenlos verzehrbar. „Grundsätzlich gilt: Je trockener ein Nahrungsmittel ist, desto länger ist es haltbar.“ Deswegen steht auf Zucker und fluorfreiem Salz bereits seit Längerem kein MHD mehr drauf. Selbst der zuständige Minister Christian Schmidt will in Zukunft nur noch ein Verfallsdatum auf leicht verderblichen Nahrungsmitteln, wie Fisch oder Fleisch, zulassen und die andere Kennzeichnung abschaffen.

Unser Tipp, um das Wegwerfen von Lebensmittel zu stoppen: Nach Ablauf des MHDs sollten Sie einfach eine eigene Qualitätskontrolle per Augen, Nase und Mund durchführen. Nur was durchfällt, landet auf dem Kompost oder im Mülleimer.

3 clevere Tipps, wie Sie die Haltbarkeit Ihrer Lebensmittel verlängern

Lebensmittel mit geringer Haltbarkeit landen besonders schnell im Müll. Dabei gibt es clevere Tipps und Tricks, wie Sie die Haltbarkeit verlängern können:

1. Weg mit den Plastikverpackungen
Folien sollen Obst und Gemüse schützen und haltbarer machen. Doch bei Temperaturschwankungen beginnen Möhren und Bananen oft zu schwitzen und verderben schneller. Obst besser ohne lagern, bei Gemüse verzögern spezielle Behälter mit Vakuumdeckel den Verfall.

2. Lebensmittel richtig lagern
Orientieren Sie sich bei der richtigen Lagerung am Herkunftsland des jeweiligen Lebensmittels: Südfrüchte mögen keine Kälte, Kartoffeln lieben es kühl und dunkel. Äpfel und Tomaten separat aufbewahren. Ihr Pflanzenhormon Ethylen beschleunigt den Reifeprozess der Nachbarn.

3. Einfrieren statt wegwerfen
Fast alle Gemüse- und viele Obstsorten lassen sich einfrieren und später zum Beispiel zu Suppen oder Smoothies verarbeiten. Waschen, klein schneiden, fertig. Manche Meal Preper packen sich auch "Smoothie-Beutel", sprich: Alle Zutaten für einen Smoothie klein schneiden und einfrieren. Bei Bedarf dann einfach herausholen und in den Mixer schmeißen. Der Smoothie ist dadurch angenehm kühl.

Was kann jeder einzelne gegen Lebensmittelverschwendung tun?

Beim Thema Food Waste sind es in erster Linie Kleinigkeiten, die zu großen Veränderungen führen können: Dazu zählen zum Beispiel die gute alte Einkaufsliste und ein bisschen Planung, die sowohl uns als auch die Lebensmittel vor Verschwendung schützen. Fragen Sie sich vor dem Einkauf: Wie viele Mahlzeiten esse ich tatsächlich zu Hause (und nicht außer Haus)?

Aus brauen Bananen können Sie noch einen leckeren Smoothie mixen
Aus braunen Bananen können Sie leckere Pancakes machen © Ai825 / Shutterstock.com

Oder: Werde ich die ganze Staude Bananen wirklich schaffen zu essen? Braune Bananen sind wohl der Klassiker unter den Wegwerf-Lebensmitteln, dabei kann man mit ihnen noch so viel in der Küche anstellen: Machen Sie zum Beispiel eine schnelle Nicecream (gesundes, veganes Bananen-Eis) oder einen leckeren Smoothie/ Smoothie-Bowl. Unser Tipp: Bananen-Pancakes. Die überreife Banane enthält soviel Fruchtzucker, dass Sie kein weiteres Süßungsmittel mehr brauchen.

Auch Meal Prep kann helfen, die Lebensmittelverschwendung zu reduzieren. „Meal Prep“ ist im Grunde nichts anderes als „Vorkochen“. Planen Sie Ihre Mahlzeiten für die Woche und kochen Sie sie vor. Dann verpacken Sie alles in Tupperdosen und haben immer eine vollwertige Mahlzeit parat – ob als Mittagessen to go oder wenn Sie abends nach Hause kommen.

Ein weiterer guter Tipp (der übrigens auch gilt, wenn Sie ein paar Kilo abnehmen wollen): „Gehen Sie nicht hungrig ins Geschäft, sonst kaufen Sie nachweislich mehr, als Sie brauchen“, rät Koç. Das kann auf dem Kompost, aber auch auf den Rippen landen.

Der Kauf beim Bauern oder auf dem Wochenmarkt steigert das Bewusstsein für Waren und befreit aus den kommerziellen Zwängen der Lebensmittelindustrie. Unterstützen Sie zudem Händler, die Produkte mit kurzem MHD verkaufen. Kleiner Tipp: Üben Sie bei Obst und Gemüse doch in Zukunft so viel Nachsicht wie bei Ihrem Freund. Den lieben Sie schließlich auch mit seinen kleinen Macken …

Diese 3 Initiativen, Apps und Restaurants kämpfen gegen Lebensmittelverschwendung

1. Foodsharing: In den letzten 4 Jahren hat die Initiative knapp 7 Millionen Kilo Lebensmittel gerettet. Einfach anmelden und Nahrungsmittelreste mit anderen teilen oder die Reste in einen der bundesweiten "Fair-Teiler"-Kühlschränke stellen. Hier geht's zur Food-Sharing Anmeldung.

2. Zu gut für die Tonne: Mit dieser und der "Restlos genießen"-Aktion reagiert das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft auf den skandalösen Umgang mit Lebensmitteln. Dabei verraten Spitzenköche großartige Reste-Rezepte oder es werden Restaurants aufgelistet, die dem Gast Reste umweltfreundlich verpackt mitgeben. Mehr Infos unter www.zugutfuerdietonne.de

3. ResQ: 10 Prozent aller zubereiteten Mahlzeiten in Restaurants werden weggeworfen. Schluss damit! Dank der Food-Saving-Plattform „ResQ“ können diese günstig abgeholt werden. Gleich Angebote in deiner Umgebung checken.

Fazit: Lebensmittelverschwendung kann jeder von uns verhindern

Jeder kann etwas an der steigenden Lebensmittelverschwendung ändern: Kaufen Sie nicht mehr ein, als Sie wirklich brauchen und greifen Sie bewusster zu zu regionalen und saisonalen Lebensmitteln. Und vor allem: Seien Sie kreativ beim Kochen und verwenden Sie Reste für neue Kreationen. Aus der braunen Banane aus dem Obstkorb lassen sich zum Beispiel leckere Smoothie und sogar Brownies backen.

07.06.2017| Stephanie Arndt © womenshealth.de
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