Verrückt sein Total crazy: Warum wollen alle immer "verrückt" sein?

Wie verrückt sind Sie wirklich? © Ann Haritonenko / Shutterstock.com

Früher waren verrückte Leute in Behandlung, heute sind sie scheinbar überall. Ist es gut , wenn alle von sich behaupten, total crazy zu sein?

Kennen Sie irgendwen, der nicht von sich behauptet, "ein wenig verrückt" zu sein? Halten Sie diese Menschen fest, sie werden immer seltener. Verrückt soll das neue Normal sein. Wer nicht langweilig sein will, nennt sich "ein bisschen crazy". Verrückt sein gilt als aufregend, wild, rebellisch. Und es ist sexy und cool.

Auf Instagram gibt es 352.000 Beiträge zu #verrückt, zu #crazy sogar über 45 Millionen, und sie stammen nicht aus psychiatrischen Einrichtungen oder von Ärzten. Es gibt überall Bildkärtchen, Kaffeetassen und T-Shirts, die ihre Besitzer*innen als sympathische Verrückte feiern. Die meisten verwenden das Wort in einer Bedeutung wie "speziell, ausgeflippt". Das trägt einem Zeitgeist Rechnung, in dem alle individuell und besonders sein wollen.

Wir tun lieber verrückte Dinge als interessante und spannende oder gar (OMG!) uninteressante. Wir springen nachts im Freibad nackt vom 10er und tanzen dann in den Sonnenaufgang, singen mit bei "Sweet but Psycho", einem aktuellen Trallala-Radio-Song, in dem es um eine niedliche, psychisch zumindest angegriffene Protagonistin geht. Mich überkommen bei all der ganz normalen Craziness langsam sehr zwiespältige Gefühle.

Es ist normal, dass alle mal ein bisschen crazy sein wollen

Natürlich ist es wichtig, dass wir andere psychische Zustände als stoischen Gleichmut und lächelndes Dauerglück in der Mitte des Lebens sichtbar machen und wertschätzen. Das Spektrum unserer Gemütslagen geht weiter als von langweilig bis nett. Es ist auch verständlich, dass Menschen in einer anonymen Massenmetropole oder auch auf dem langweiligen Dorf den Wunsch nach Individualität verspüren, dass sie öfter mal unkontrolliert auf die Kacke hauen und sich darum als "verrückt" bezeichnen wollen. Wobei sich schon die Frage stellt, wie individuell das ist, wenn alle verrückt sind. Zwinkersmiley.

Wer "verrückt" sagt, meint es manchmal nett, manchmal nicht

Die ganze Craziness kann also auch nerven. Es geht sogar die Rede, dass Menschen, die sich selbst unermüdlich "total verrückt" nennen, es meist am wenigsten sind. Der Begriff wird also in vielerlei Hinsicht falsch gebraucht. Vor allem aber kann die Bezeichnung "verrückt" für jemand anderes in ihrer Bedeutung schnell kippen. Der Satz "Die ist total verrückt!" lässt sich begeistert anerkennend ausrufen, aber auch verschwörerisch hinter vorgehaltener Hand tuscheln. Es kann Kompliment sein aber auch üble Nachrede.

Verrückte Verliebtheit kann schnell zu Liebe und Wahnsinn werden

Wie ambivalent der Begriff sein kann, lässt sich auch gut an Liebesbeziehungen illustrieren. Im positiven Sinne bedeutet es da etwas Ähnliches: Wenn Männer über eine Frau schwärmen, sie sei "verrückt" (umgekehrt passiert das eher selten), meinen sie meist, dass sich mit ihr gut feiern lässt und dass sie auf Experimente im Bett steht. Wenn Männer jedoch über eine Ex-Partnerin sagen, sie sei völlig irre, ist das keineswegs freundlich.

Meist versucht da der Mann, der in aller Regel kein Psychologe ist, einer Frau eine Diagnose beizuflicken, weil sie sich nicht den Wünschen des Herrn entsprechend verhalten hat und unterschlägt seinen eigenen Anteil an der "crazy Beziehung". Seine Ex-Partnerin massiv vor Ihnen abzuwerten und ihr psychische Probleme unterstellen könnte übrigens auch ein Zeichen dafür sein, dass der Mann selbst ein Narzisst ist. So ein Verhalten sollte sofort Ihre Alarmglocken klingeln lassen:

Oft verschweigt er, dass es seine Eskapaden waren, die – wieder so eine Formulierung – die Frau "in den Wahnsinn getrieben haben". Gern sagen Männer dann über ihre Ex auch "die ist ein Psycho", und damit sind wir wieder bei dem Lala-Lied von Ava Max, in dem es unter anderem heißt: "Grab a cop gun kinda crazy / She's poison but tasty / Yeah, people say, Run, don't walk away / 'Cause she's sweet but a psycho ..." Haha, verrückt die Kleine, so mit der Knarre, ey. Total süß, oder? Nein.

Die eigentliche Bedeutung der Begriffe wird aufgeweicht

Was wohl Menschen, die tatsächlich eine psychiatrische Diagnose haben, davon halten, dass alle jetzt einen auf "verrückt" machen? Wie fühlt sich das für Menschen mit einer bipolaren Störung oder einer Depression an, wenn psychische Probleme derart verniedlicht werden, ja, gar zum Lebensgefühl erhoben? Ich würde mal vorsichtig sagen: Nicht so gut.

Denn es geht hier eben nicht um mehr Akzeptanz von psychischen Erkrankungen, es geht um ihre Verharmlosung und das Aufweichen von Begriffen. Klar, verrückt sagt heute niemand mehr im medizinischen Sinne. Aber die Intention ist klar, und "psycho" oder "depri" sind eben doch putzige Begriffe für im Grunde sehr ernste Probleme. Spätestens, wenn in Sozialen Netzwerken drollige Katzenvideos als "Antidepressivum" geteilt werden, werden Fachtermini unzulässig verwässert.

Am Ende ist weniger verrückt mehr

Was also tun? Auf alles Verrückte verzichten? Nein. Selbstverständlich sollen alle Menschen weiterhin ihre Spleens und Verrücktheiten zeigen und pflegen. Niemand stirbt von einem "Lieber verrückt als normal"-Post auf Instagram. Aber vielleicht tut es dem Begriff gut, wenn wir ihn nicht mehr ganz so inflationär verwenden. Zur Not tut es ja auch ein "durchgeknallt", auch wenn das schon nah an der Grenze ist.

Letztlich kann man es auch so sehen: Wenn verrückt das neue Normal ist, wird doch normal das neue Verrückt. Nennen wir es doch so. Dann können weiter alle gemeinsam ausflippen und sich freuen: "Endlich ganz normale Leute hier!"

15.05.2019| © womenshealth.de
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