Feminismus Warum Frauen nicht gegen Feministinnen sein sollten

Nicht jede Frau muss für Feminismus auf die Straße gehen. Aber sie sollte das auch nicht verurteilen. © Jacob Lund / Shutterstock.com

Für viele Frauen ist Feminismus ein Phänomen des letzten Jahrhunderts, das heute niemand mehr braucht. Ein fataler Irrtum, findet unser Autor

Entschuldigung, ich muss mal eben mit Feminismus ankommen. In letzter Zeit begegnet mir öfter etwas, das mich sprachlos macht: nämlich Frauen, vor allem aus dem so genannten "Mainstream", die sich gegen Feministinnen wenden. Die Beleidigung "Feminazis" durch Männer ist schon schlimm genug. Aber wenn auch Frauen so anfangen, und dann noch sagen, diese Feministinnen hätten wohl nur zu wenig Sex, verstehe ich echt die Welt nicht mehr. Ja, genau, ich als Mann. Können Sie mal sehen. Ich frage mich und hiermit alle unter Ihnen, die sich davon angesprochen fühlen: Wenn nicht einmal alle Frauen grundsätzlich für Feminismus sind, wie sollen wir dann je die Männer überzeugen?

Ja, Feminismus nervt manchmal geht aber nicht anders

Denn verkrustete Strukturen nerven noch mehr. Mag ja sein, dass die Wahl der Worte und der Mittel moderner Feministinnen nicht jedermanns und jeder Frau Geschmack treffen. Auch ich finde es manchmal befremdlich, wenn da öffentlich angeprangert und (vor-)verurteilt wird. Das ist oft unangenehm und vor allem unbequem. Aber auch wenn ich die Methoden nicht mag, ergeben die meisten Anliegen bei näherem Hinsehen eine Menge Sinn. Ob sexuelle Belästigung, systematisches sprachliches Kleinmachen von Frauen oder Nicht-Anerkennung ihrer Leistungen: Meistens steht die medial erzeugte Unbequemlichkeit einem viel älteren und viel gravierenderen strukturellen Problem gegenüber, das ohne diesen Alarm überhaupt keine Aufmerksamkeit bekäme. Da heiligt der Zweck so manches Mittel.

Frauen gegen Feminismus – das ist wie Einzelhandel gegen Weihnachten

Oder wie ein Eigentor mit Anlauf. Was zunächst wie eine "Meinung" klingt, ist letztlich ein Schnitt ins eigene Fleisch. Frauen, die Feministinnen beschimpfen, verhalten sich in ihrer Ablehnung ein wenig wie Impfgegner*innen: Sie wettern wegen vermeintlicher Schäden oder möglicher Komplikationen gegen ein Prinzip, das ihnen selbst den Arsch rettet – aber nur weil andere sich darum bemühen. Die einen profitieren davon, dass weite Teile der Gesellschaft mit Impfstoffen immunisiert sind, die anderen davon, dass die Gesellschaft mit Feminismus geimpft wurde. Sämtliche Facetten der Gleichberechtigung, die heute Alltag sind, wurden von Feministinnen erstritten und erkämpft. Und alle noch ausstehenden Schritte der Gleichstellung werden nicht einfach so auf dem Silbertablett serviert werden. Auch dafür muss gestritten, gekämpft und, ja: genervt werden.

Auch wenn's nervt: Manchmal hilft gegen Missstände nur lauter Protest. © Jacob Lund / Shutterstock.com

Ob nun das Recht am eigenen Körper (Thema Abtreibung), ob Besserstellung von Alleinerziehenden (meist Frauen) ob gleiche Bezahlung von Mann und Frau oder paritätische Besetzung von Aufsichtsräten und anderen Gremien: Da gibt es von der Politik immer noch nichts geschenkt. Man sehe sich nur das Hickhack um § 219a an. Und da haben wir über intersektionalen Feminismus, Schutz vor Gewalt und Gleichheit in der Gesundheitsforschung noch gar nicht geredet.

Auch wenn es unnötig scheint, kämpft Feminismus immer für alle Frauen

Natürlich gibt es Frauen, die es "nicht nötig haben", dass Feministinnen sich für sie stark machen, weil sie selbst für sich einstehen. Weil sie "keine Quote brauchen", um sich durchzusetzen. Weil sie einen guten Job, einen anständigen Mann (oder eine Frau) und überhaupt alles haben, was sie zum Leben brauchen. Tja, nun. Aber auch diese Frauen hätten vor 1919 nicht wählen dürfen und bis 1977 ihren Mann um Erlaubnis fragen müssen, wenn sie einen Erwerbsjob machen wollen. Auch Sie profitieren also von Errungenschaften der Vorgängerinnen der heutigen Feministinnen.

Sie werden ebenfalls bei den Erfolgen der heutigen Feministinnen mitgewinnen, und sei es ganz platt Geld. Ein praktisches Beispiel: Preisgleichheit. Heute zahlen Frauen für verschiedene Pflegeprodukte oftmals höhere Preise als Männer. Das nennen Feministinnen zurecht Preisdiskriminierung, und viele lachen darüber. Aber wenn eben diese Feministinnen durchsetzen, dass der pinke Frauenrasierer genau so günstig ist wie der blaue Männerrasierer gleichen Aufbaus, zahlen alle gern weniger, auch Frauen, die sagen, sie bräuchten keinen Feminismus. Gleiches gilt bei der Mehrwertsteuer für Tampons (zur Zeit der Luxussatz von 19 %) oder eben beim Thema gleiche Bezahlung von Männern und Frauen. Es. Betrifft. Alle.

Ohne Feminismus sähe das Leben heute ganz anders aus, und zwar nicht besser. © Jacob Lund / Shutterstock.com

Außerdem sollte niemand vergessen, dass es viele Frauen gibt, die vielleicht nicht so selbstbewusst und zufrieden sind, und oft sehr wohl darauf angewiesen, dass jemand für sie eintritt. Die froh über die Unterstützung sind. Denen können die Frauen, die meinen, es nicht nötig zu haben, den Support doch einfach mal zugestehen. Da muss ja nicht gleich die große Frauensolidarität beschworen werden, da geht es einfach ums gönnen können.

Sie müssen gar nichts tun nur im Ernstfall einfach mal nichts tun

Keine Sorge, niemand will Sie hier zur Hardcore-Kämpferin für Frauenrechte erziehen, die mit nacktem, bemaltem Oberkörper Pressekonferenzen stürmt. Sie müssen auch nicht laut applaudieren, wenn eine Feministin ein Ihnen unangenehmes Thema anspricht. Aber es muss auch keine Frau dann gleich anfangen über "Feminazis" zu lästern. Hören Sie lieber erstmal den Frauen zu, auch wenn das für Sie keine Role Models sind. Egal wie unterschiedlich Frauen und ihre Leben sind, in einem Punkt sind sie sich doch wohl einig, egal ob beim Women's March oder hier bei Women's Health: Frauen verdienen gleiche Rechte und gleiche Teilhabe. Und genau dafür kämpfen Feministinnen nunmal.

Niemand sollte dem heutigen Feminismus seine Daseinsberechtigung absprechen. Lieber kurz überlegen, ob das, was die Feministinnen da fordern oder anprangern, vielleicht etwas mit dem eigenen Leben zu tun hat oder mal haben könnte (passiert schneller, als man denkt). Wenn nicht, einfach zuhören und das Thema denen überlassen, die es betrifft oder die es betroffen macht. Davon gibt es mit Sicherheit eine Menge.

21.02.2019| © womenshealth.de
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