Fitspiration Warum so viele Fitness-Influencer nicht fitspirieren

Wenn es mehr ums Posen vor der Kamera geht als um den Sport, ist #Fitspo keine Inspiration sondern nur noch ärgerlich. © Dean_Drobot / Shutterstock.com

Unsere Autorin findet, das Sixpackgucken bei Instagram führt oft nur zu einem: Statt #fitspiriert fühlt sie sich bloß #frustriert

Mit einem Seufzer, einer Tafel Schokolade in der linken und meinem Smartphone in der rechten Hand lasse ich mich entspannt aufs Sofa fallen. Hach … Die Yogastunde tat wahnsinnig gut, ich fühle mich tiefenentspannt und pudelwohl in meiner Haut. Genüsslich beiße ich ein Stück Schoki ab und scrolle durch meinen Instagram-Feed.

Vermutlich ist es eine Art Berufskrankheit, dass ich hauptsächlich Fitness-Bloggern und Sportprofilen folge, und bisher empfand ich die Trainingsvideos und Motivations-Tipps auch immer als super Inspiration für meine eigenen Workouts. Aber erst jetzt, so gemütlich auf dem Sofa liegend, fällt mir auf, dass auf meinem Handydisplay ein ultrastraffer Waschbrettbauch dem nächsten folgt.

Mein Blick wandert weiter zum angebissenen Stück Schokolade – und zu meinem Bauch. Ich kneife in meine kleine Speckrolle – und schon ist es futsch, mein herrliches After-Yoga-Wellbeing. Stattdessen machen sich Schuldgefühle breit. Wäre ich doch heute Morgen noch eine Runde laufen gegangen … Und das Naschen hätte ich mir auch sparen können … Na toll, danke #fitspiration!

Was ist Fitspiration?

Ursprünglich war der Hashtag "fitspiration“ – eine Mischung aus den Wörtern Fitness und Inspiration – etwas anders gemeint. Es war die Gegenbewegung zur "thinspiration“, dem Wortspiel aus thin (deutsch: dünn) und inspiration (deutsch: Inspiration). Ein Begriff, der inzwischen zum Synonym für Essstörungen und Foren voll junger Mädchen geworden ist, die sich gegenseitig darin bestärken, dass nichts so gut schmeckt wie das Gefühl, dünn zu sein. Motivation für Magersüchtige.

#fitspiration (oder auch der große Bruder #fitspo mit über 57 Millionen Treffern) hingegen setzt auf Kurven und Muskeln und vertritt die Botschaft: Trainiere hart, lebe gut und gib deinem Körper, was er braucht, statt ihn hungern zu lassen.

Und da Hashtag-Trends stets Arm in Arm mit Insta-Promis daherkommen, gibt’s eben auch die so genannten Fitspo-Stars, wie Kayla Itsines (@kayla_itsines) und Rachel Brathen (@yoga_girl), die Millionen begeisterte Follower vorweisen können.

All das kann natürlich durchaus positive Auswirkungen aufs eigene Leben haben. "Bilder von sportlich-schlanken Frauen lassen sich als wirksame Motivationsquelle nutzen“, sagt Mila Hanke, Sportpsychologin und Mentaltrainerin für Leistungs- und Hobbysportler (www.sportandmind.info). "Aus psychologischer Sicht unbedenklich ist es aber nur, wenn man solche Fotos spielerisch als Mentaltrick für seine persönlichen Ziele nutzt und sich nicht von den Bodykult-Extremen unter Druck setzen lässt.“

Lassen Sie sich von den Sixpack-Selfies auf Instagram & Co. nicht unter Druck setzen © Pressmaster / Shutterstock.com

Die dunkle Seite von #fitspo

Doch genau das wird immer schwerer. Denn wie so viele Phänomene in der virtuellen Welt schlug auch die Fitspo-Bewegung schon nach kurzer Zeit ins Extreme um: Verbissener Leistungsdruck ist dabei, den entspannten, gesunden Lifestyle, der einst propagiert wurde, abzulösen. Zwischen positiven Posts wie "Gesund ist das neue sexy“ und "Nichts sieht so gut aus wie ein gesunder Körper“ finden sich immer häufiger aggressivere Aussagen wie "Gib nicht auf, wenn’s wehtut, sondern mach weiter, bis die Trainingszeit um ist!“ oder gar "Bist du dir sicher, dass du diesen Cookie essen willst?“

Autsch! Was vielleicht inspirierend gemeint ist, macht in erster Linie ein schlechtes Gewissen, wenn Menschen doch mal zu Süßigkeiten greifen oder – aus welchem Grund auch immer – weniger oder gar keinen Sport machen. Inzwischen scheint es so, als bedeute fit zu sein, sich aufopfern zu müssen. Mir vergeht da ehrlich gesagt eher die Lust auf diesen ach! so gesunden Lifestyle. Was, wenn ich lieber mein Leben genießen möchte, als ständig Opfer zu bringen?

Da nützt es wenig, dass Instagram bereits 2012 den Begriff "thinspiration“ und alle damit zusammenhängenden Hashtags aus der App verbannt hat. Denn man findet unter #fitspo heutzutage fast genauso viele magere Mädels mit schmalen Taillen oder extremen Sixpacks. Kein Wunder also, dass #fitspo kürzlich als "#thinspiration im Sport-BH“ bezeichnet wurde: Vorspringende Beckenknochen wurden durch steinharte Bauchmuskeln ersetzt. Und das macht etwas mit uns, auch wenn wir es gar nicht wollen: Laut einer Studie der University of Missouri dauert es zwischen einer und drei Minuten, bis sich eine Frau beim Betrachten von schlanken, trainierten Frauenkörpern unwohl und unzufrieden mit ihrer eigenen Figur fühlt. Egal, wie happy sie auch sonst mit sich selbst ist.

Insta-Stars füttern falsche Erwartungen

Das Problem des verzerrten Körperbildes ist natürlich kein neues Phänomen. Dieses Thema treibt Frauen seit den 60er Jahren zunehmend um. Dadurch, dass die Laufsteg-Models mit der Zeit immer dünner wurden, haben sich eben auch die Körperideale dahingehend verändert. Jahrelang wurden Journalisten und Modedesigner für diesen Wandel mitverantwortlich gemacht. Heute bekommen auch die Social-Media-Stars diese Kritik ab. Vor allem, weil sie einen speziellen Status haben: eine Art Real-aber-doch-nicht-Real, das es seit dem Aufkommen von Reality-TV gibt.

Insta-Stars sind nicht mehr die unerreichbaren Celebritys, sondern normale Menschen – nur trainierter – und sie versprechen, dass wir genauso aussehen können wie sie, wenn wir nur hart genug daran arbeiten. Was wir dabei aber häufig vergessen: Dass die Insta-Profis viel mehr Zeit haben, sich um Ihren Body zu kümmern – und dass sie mit allen Foto-Verschönerungsmitteln gewaschen sind. Sie kennen den perfekten Winkel, um ihren Body in Szene zu setzen. Und sie nutzen die vorteilhaftesten Filter und die beste Beleuchtung, um kleinste Makel zu kaschieren.

Manche gehen sogar noch weiter und verwenden so genannte Selfie-Surgery-Apps, mit denen sich Beine dünner, Arme länger und Taillen optisch schmaler schummeln lassen. Und obwohl das, was am Ende zu sehen ist, mit der Realität oft nicht mehr viel zu tun hat, bringt das Dauer-Betrachten perfekter Körper das Selbstbild normaler Frauen ordentlich ins Wanken. "Je vermeintlich perfekter das Foto, desto stärker ist der Negativ-Effekt auf den Selbstwert der Betrachterin“, warnt die Psychologin.

Will sie andere inspirieren oder sucht sie nur Anerkennung? © Syda_Productions / Shutterstock.com

5 Gründe, einer Fitness-Instagrammerin sofort zu entfolgen

1. Sie taggt alle ihre Fotos mit #fitness, die Bilder sehen aber eigentlich viel mehr nach Softporno aus.

2. Ihr Profilname enthält das Wort "fit“, aber eigentlich rekelt sie sich auf jedem Foto nur obszön auf irgendwelchen Sofas.

3. Sie könnten ihren Cellulite-freien Po unter 100 anderen sofort erkennen, aber ihr Gesicht haben Sie noch nie gesehen.

4. Ihre Sprüche lassen Sie dastehen wie ein Faulpelz, auch wenn Sie heute schon im Fitness-Studio waren.

5. Ihr Profil-Feed ist ein unendliches Scrollen durch Spiegel-Selfies in bauchfreien T-Shirts und superkurzen Shorts.

Es geht zum Glück auch anders

Ungeschminkte Gesichter, Dehnungsstreifen, Speckröllchen und Cellulite – in der Frauen-Umkleide oder im Schwimmbad ganz alltäglich. Aber in der polierten Instagram-Welt existiert all das so gut wie nicht. Anscheinend echte Tabus. Zum Glück tauchen nach und nach immer mehr Influencerinnen auf, die diese Fake-Welt satthaben und sich stattdessen für mehr Realität auf Instagram einsetzen.

Frauen wie Louisa Dellert (@louisadellert) zum Beispiel, die früher dem Fitness-Wahn verfallen war, sogar in die Magersucht abrutschte – und am Ende nur eins war: unglücklich. In ihrem Instagram-Rückblick schreibt sie: "Ich hatte einen Sixpack, straffe Brüste, die durch das Abnehmen kleiner geworden sind und durchtrainierte Beine. Und was nun? Ich fühlte mich schlapp, war launisch und mir fehlte in gewisser Weise der Bezug zur Realität. Ich war unglücklich, weinte oft, war auf der Arbeit unkonzentriert und hatte nur noch wenig Kontakt zu meinen Freunden. Alles drehte sich nur noch um mich und meinen Körper.“ Heute nutzt sie Instagram und den Hashtag #fürmehrrealitätaufinstagram ganz bewusst als Plattform für mehr Selbstliebe und Zufriedenheit mit dem eigenen Körper und gegen Bodyshaming.

Genau wie Louisa verbreiten ihre Influencer-Kolleginnen Angelique Vochezer (@angeliquelini) und Svenja Sörensen (@svenjasoerensen) positive Statements, die zum Schmunzeln – und Umdenken – animieren: "Das sind keine Speckröllchen, das ist externer Speicherplatz für noch mehr Bauchgefühl!“, zum Beispiel. Tolle und ehrliche Botschaften, die viele Frauen inspirieren und sich hoffentlich mehr und mehr verbreiten – sowohl über Instagram als auch im wahren Leben.

Friendly #fitspo: Diese Accounts machen gute Laune

@angeliquelini

Angeliques Motto: "Vielfalt macht uns aus. Darauf müssen wir stolz sein und zu unserem Körper stehen. Denn makellos wäre doch super-langweilig, oder? Ausstrahlung ist das, worauf es ankommt. Und diese müssen wir rausposaunen und der Welt zeigen.“

@louisadellert

Louisa plädiert #fürmehrrealitätaufinstagram. Sie macht gern Sport, beschäftigt sich mit dem Thema Nachhaltigkeit und zeigt sich so, wie sie eben ist: nahbar und total normal. Damit hilft sie vielen jungen Frauen dabei, mehr Selbstbewusstsein zu erlangen und ihnen ein gutes Körpergefühl zu schenken.

@svenjasoerensen

Für die Mitbegründerin von Greenbodycamp bedeutet Fitness: Lebensfreude, Spaß und Power in allen Lebensbereichen. Auf ihren Fotos zeigt sich Svenja auch mal ungeschminkt mit Narben, blauen Flecken, Speckröllchen – und dabei immer mit einem Lächeln.

Was mich anbelangt, habe ich mich mittlerweile mit meiner Bauchspeckrolle angefreundet und nenne sie liebevoll "Speckovic“. Ich weiß, ich kann noch so viel Sport machen, sie wird einfach immer bleiben. Klar, natürlich könnte ich weniger Schokolade essen. Aber darauf kann und will ich einfach nicht verzichten, denn das ist mein persönlicher Luxus. Also beiße ich genüsslich in die Schoki-Tafel, schwinge meinen Daumen übers Handydisplay und entfolge ein paar waschbrettbäuchigen Fitspo-Menschen.

Fazit: Wir alle sollten alles etwas entspannter sehen. Denn ein positives Körpergefühl stellt sich eben nicht durch ein gut geschossenes und im Zweifel perfekt bearbeitetes Selfie ein. Es rührt doch vielmehr daher, wie gesund der eigene Körper ist und wie ausgeglichen wir uns fühlen. Denn am Ende ist es doch so: Sport soll in erster Linie Spaß machen und ein guter Ausgleich zum Alltag sein. Was es nicht bedeuten soll, ist Stress. Denn den hat jede von uns schon zur Genüge.

04.10.2018| © womenshealth.de
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