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Tokyo '21: Dreifach stark!

Paralympische- & Olympische Spiele 2021 Tokyo '21: Dreifach stark!

Dabei sein ist alles? Nö! Diese Athleten wollen in Tokio bei den Olympischen und den Paralympischen Spielen auch Medaillen holen. Wie hart sie dafür arbeiten, verrieten Mathias Mester, Gesa Krause und Marcel Nguyen MEN'S HEALTH im Exklusiv-Interview

➤ In Tokio finden ab 23. Juli die Olympischen und ab 24. August die Paralympischen Spiele statt. Steigt die Vorfreude?

MARCEL NGUYEN: Absolut! Auch wenn das in diesem Jahr ganz besondere Spiele werden und vermutlich vieles anders sein wird als bei meinen dreibisherigen Olympia-Teilnahmen, darf man nicht vergessen: Wir reden hier immer noch vom größten und wichtigsten Sport-Event der Welt – und darauf freue ich mich natürlich.

GESA KRAUSE: Das sehe ich ganz ähnlich. Natürlich ist es sehr schade, dass einiges von dem, was normalerweise den ganz besonderen Charme der Olympischen Spiele ausmacht, dieses Mal fehlen wird: volle Hallen und Stadien auch bei ansonsten eher im Hintergrund stehenden Sportarten, das Zusammentreffen mit den anderen Athleten im Olympischen Dorf, die ausgelassene Stimmung ...

MATHIAS MESTER: Ach, Gesa, hör auf, ich werde noch ganz melancholisch.

GESA KRAUSE: Sorry, Matze, aber es ist doch so: All das wird fehlen oder lediglich in abgeschwächter Form vorhanden sein. Aber letztlich geht es um einen sportlichen Wettkampf, bei dem man in Top-Form sein und sein Bestes abrufen muss, um dort Erfolg zu haben. Und vielleicht hilft es ja sogar, dass das ganze Drumherum in den Hintergrund rückt und man sich einzig und allein auf das Sportliche konzentrieren kann. Aber klar, vor allem für die Sportler, die zum ersten Mal dabei sind, ist das sehr schade.

MATHIAS MESTER: Gerade für uns Para-Sportler sind die Spiele häufig die einzige Möglichkeit, uns einem großen Publikum zu präsentieren. Bei meinen ersten Paralympics 2008 in Peking waren 91 000 Zuschauer im Stadion. Ich kriege immer noch eine Gänsehaut, wenn ich daran denke. Dass das jetzt wegfällt, ist einfach nur bitter. Aber – und da bin ich voll bei dir, Gesa – jetzt liegt der Fokus halt mehr denn je auf dem Sportlichen. Und ein Aspekt kommt für mich noch hinzu: Wir haben die Möglichkeit, den Zuschauern vor den Fernsehbildschirmen guten Sport zu liefern, sie mitfiebern zu lassen und sie auf diese Weise ein bisschen von dem ganzen Corona-Wahnsinn abzulenken.

Das Speerwerfen ist die Paradedisziplin des kleinwüchsigen Leichtathleten, doch zu Hause fühlt er sich in allen Wurfdisziplinen. Was seine Erfolge belegen: Neben 4 Weltmeistertiteln im Speerwerfen holte Mester (34) 2-mal WM-Gold im Diskuswerfen und 1-mal bei den Kugelstoßern. @mathiasmester

➤ Als im letzten Frühjahr die Spiele für 2020 abgesagt wurden ...

GESA KRAUSE: ... war das eine riesige Enttäuschung. Man trainiert eine lange Zeit hart auf diesen absoluten Höhepunkt hin, und dann, zack, vorbei. Alles schien für die Katz gewesen zu sein. Da hat es mir auch nicht geholfen, dass gesagt wurde, es sei nur verschoben und nicht abgesagt. In dem Moment hab ich mich einfach nur total leer gefühlt und dann erst mal eine Pause gebraucht.

Seit 2016 hält die 28-Jährige in ihrer Spezialdisziplin, dem 3000-Meter-Hindernislauf, den deutschen Rekord. Größte Erfolge sind ihre beiden Europameistertitel 2016 und 2018 sowie der Gewinn der Bronzemedaille bei den Weltmeisterschaften 2015 und 2019. @gesa_krause

MARCEL NGUYEN: Das kann ich gut nachvollziehen. Ich habe auch erst eine gewisse Zeit gebraucht, bis ich die Enttäuschung abhaken und den Blick nach vorne richten konnte. Ich habe versucht, das Beste daraus zumachen, indem ich mir gesagt habe: Hey, dann habe ich halt ein Jahr mehr Zeit, um mich optimal auf die Spielevorzubereiten, in der bestmöglichen Verfassung in Tokio anzutreten und dort meine Ziele auch zu erreichen.

Für den Kunstturner (33) wären die Wettkämpfe in Tokio bereits die 4. Olympischen Spiele gewesen. In London 2012 holte er 2 Silbermedaillen (am Barren und im Mehrkampf). Dieses Mal kann er wegen deines Kreubandrisses leider nicht mehr teilnehmen. @themarcelnguyen

➤ Mit welchem konkreten Ziel tretet ihr denn die Reise nach Japan an?

MARCEL NGUYEN: Na ja, mit meinen 33 Jahren sind das ziemlich sicher meine letzten Olympischen Spiele. Ich möchte einfach erfolgreich sein und dann für mich unter das Kapitel Olympia einen Strich ziehen. Das bedeutet nicht unbedingt, dass dies nur mit dem Gewinn einer Medaille möglich ist. Aber klar, ich weiß auch, dass ich am Barren große Chancen habe, das Finale zu erreichen, und in einem Finale kann alles passieren. Matze, wie ist es eigentlich bei dir, du nimmst vermutlich auch zum letzten Mal an den Paralympics teil, oder?

MATHIAS MESTER: Wie kommst du darauf? Ich bin doch noch blutjung und stehe erst am Anfang meiner Karriere. Nein, war nur Spaß! Ich bin fast 35 und hoffe, dass mein Kadaver mich noch bis nach Tokio trägt – und ich dort dann noch einmal eine echte Top-Leistung abrufen kann. Obwohl ich weiß, dass die Konkurrenz sehr stark sein wird, habe ich ein klares Ziel vor Augen: Ich habe bei meiner ersten Paralympics-Teilnahme 2008 in Peking meine bislang einzige paralympische Medaille gewonnen. In Tokio darf nun zum Abschluss sehr gerne noch eine dazukommen.

➤ Gesa, olympisches Edelmetall fehlt dir in deiner tollen Karriere noch.

GESA KRAUSE: Aus diesem Grund ist eine Medaille in Tokio mein Ziel. Aber ganz egal, wie gewissenhaft und hart ich mich vorbereite: Mir ist absolut bewusst, dass im Wettkampf wirklich alles passen muss, damit ich am Ende auf dem Podium lande. Gerade beim Hindernislauf kann so viel passieren, da kommt es auf Kleinigkeiten an. Und meine Kontrahentinnen werden ebenfalls top vorbereitet sein. Mir ist dabei aber vor allem eins wichtig: Ich möchte mir im Nachhinein nicht vorwerfen müssen, nicht alles gegeben zuhaben. Wenn ich 100 Prozent abrufe und es am Schluss dann nicht für eine Medaille reicht, werde ich zwar enttäuscht, aber nicht unzufrieden sein.

➤ Ihr zählt schon viele Jahre zu den Besten in eurem Sport. Wie schafft ihr es, die Motivation über einen so langen Zeitraum hochzuhalten?

MATHIAS MESTER: Seit ich Leistungssport treibe, habe ich die Einstellung, dass an jedem Tag, an dem ich nicht trainiere, mir meine Gegner jeweils einen Schritt voraus sind. Ich will immer der Beste sein, dafür gebe ich alles und versuche, in jeder Einheit an meine Grenzen oder über diese hinaus zu gehen. Ich bin wahnsinnig dankbar, dass es den paralympischen Sport gibt und ich mich mit anderen Kleinwüchsigen darin messen kann. Mein Sport hat mich letztendlich zudem Menschen gemacht, der ich bin. Er hat mich deutlich selbstbewusster werden lassen. Ich betreibe meinen Sport einfach unheimlich gerne, und das allein motiviert mich Tag für Tag.

MARCEL NGUYEN: Mal ehrlich, Matze, mit gelegentlichen Motivationstiefs hast aber auch du zu kämpfen, oder?

MATHIAS MESTER: Natürlich, welcher Sportler hat das nicht. Aber ich führe mir dann immer vor Augen, dass ich meine Familie und meine Freunde stolz machen möchte. Stolz darauf, was ich durch meinen Ehrgeiz und meinen Willen erreiche, ohne dabei – und das ist mir sehr wichtig – meine positive Einstellung, die gute Laune und den Spaß am Sport zu verlieren.

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GESA KRAUSE: Ich glaube, der Spaß am Sport ist das Allerwichtigste. Nur wenn du wirklich Lust auf etwas hast, kannst du darin auch richtig gut sein. Als Leistungssportler investiert man körperlich und psychisch das ganze Jahr über sehr viel. Da ist es in meinen Augen ganz normal, dass es Momente gibt, in denen man sich fragt, warum man diesen ganzen Aufwand betreibt und sich die Entbehrungen eigentlich antut. Etwa, wenn man sich Gemüse auf seinen Teller füllt und denkt: Hey, eigentlich würde ich gerade viel liebereine große Tafel Schokolade essen. Aber am Ende gibt einem der Sport so viel zurück: über kleine und große Verbesserungen im Training, überspannende Wettkämpfe, über Bestzeiten. Mir geht’s da genauso wie dir, Matze, am Ende möchte ich mir in die Augen schauen und sagen können, dass ich alles dafür gegeben habe, eine Top-Performance abzuliefern.

MARCEL NGUYEN: Ich bin ein Freund davon, sich durch kleine Etappenziele aus einem Tief zu holen. Das könnte in meinem Fall sein, dass ich mir im Training vornehme, ein bestimmtes Element zu schaffen oder einfach ein paar simple Dinge zu turnen, die mir Spaß bringen. Zum Glück ist es in meinem Sport so, dass wir eine lange Saison mit sehr vielen Wettkämpfen haben. Es gibt eigentlich jedes Jahr einen großen Höhepunkt – eine EM, WM oder Olympische Spiele. Von daher fällt es mir meist leicht, mich wieder zu motivieren, da ich immer ein Ziel habe, auf das ich hinarbeite.

➤ Ihr drei seid Teil des Teams Toyota, kennt euch aus diesem Grund auch abseits sportlicher Wettkämpfe gut. Gibt es da etwas, was ihr euch voneinander abschauen könnt.

GESA KRAUSE: Matze wirkt immer so unerschrocken, er trägt eine gewisse "Ich probier' das einfach mal aus, was soll mir schon passieren"-Mentalität nach außen. Das ist beeindruckend, davon könnte ich mir manchmal eine Scheibe abschneiden. Und Marcel könnte mir von seiner Beweglichkeit gern etwas abgeben. Die ist bei mir – vorsichtig formuliert – ausbaufähig.

MARCEL NGUYEN: Matze, du strahlst tatsächlich so etwas Unkaputtbares aus, das ist großartig! Und Gesa, dich bewundere ich für deinen Ehrgeiz, deinen Willen, deinen Trainingsfleiß. Wenn ich in den sozialen Medien sehe, wie viel und wie hart du trainierst, da kommt bei mir manchmal schon fast ein schlechtes Gewissen auf.

MATHIAS MESTER: Ha, voll erwischt! Das geht mir ganz genauso. Krass, wie ehrgeizig Gesa am Ball bleibt und Rückschläge wegsteckt. Außerdem finde ich bei euch beiden super, dass man euch immer anmerkt, wie sehr ihr für euren jeweiligen Sport brennt, wie konsequent und mit wie viel Spaß ihr für die sportlichen Ziele trainiert.

➤ Der Spaß beim Training ist das Eine, aber es gibt sicher auch Einheiten oder Inhalte, die euch fürchterlich nerven – Stichwort: Hassübung.

MATHIAS MESTER: Hm, okay, meine Antwort wird dann jetzt leider den Rahmen dieses Interviews sprengen. Nein, im Ernst: Was ich überhaupt nicht leiden kann, ist das klassische Lauf-ABC, diese Laufkoordinationsübungen. Als ich das zum ersten Mal machen musste, habe ich zu meinem Trainer gesagt: Vielen Dank, bislang habe ich mich noch nie behindert gefühlt, aber jetzt hast du’s geschafft!

MARCEL NGUYEN: Worum du mich beneidest, Gesa, würde ich so gerne streichen: Beweglichkeitstraining. Auch wenn ich es vielleicht ganz gut kaschiere, ich zähle definitiv nicht zu den beweglichsten Turnern. Ich bin ziemlich steif, muss mir da jeden kleinen Fortschritt hart erarbeiten.

GESA KRAUSE: Hart arbeiten – das ist ein gutes Stichwort, wenn’s bei mir um den unteren Rücken geht. Das ist meine Problemzone. Stabilisationsübungen, bei denen vor allem der untere Rücken gefordert ist, sind auf meiner Favoritenliste deshalb auch nicht unbedingt ganz oben zu finden.

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➤ Kommen wir zum Abschluss nochmal auf die Olympischen Spielen zurück. Welches war euer schönster olympischer Moment?

MARCEL NGUYEN: Das war in London 2012: der Moment, als ich im Mehrkampf mit der silbernen meine erste Olympische Medaille holen konnte. Damit ging für mich ein großer Traum in Erfüllung. All die Arbeit, all das harte Training hatten sich in diesem einen Moment voll ausgezahlt.

MATHIAS MESTER: Bei mir war’s auch in London. Ich hatte mich 3 Wochen vor den Spielen verletzt und wusste, ich würde da nicht in Top-Form sein. Vor meinem letzten Versuch war mir klar, dass es für eine Medaille nicht reichen würde. Trotzdem wollte ich die Zuschauer noch mal ein bisschen anheizen, drehte mich zu ihnen und habe geklatscht. Aber niemand hat mitgeklatscht, und ich dachte nur: boah, wie peinlich! Doch auf einmal sah ich mich auf der riesigen Videowand und habe es noch mal versucht. Und siehe da, plötzlich fingen die ersten Zuschauer an mitzuklatschen. Es wurden mehr und mehr und mehr. Alle klatschten. Das war so unfassbar laut. Wow, einfach unvergesslich!

GESA KRAUSE: Ich erinnere mich im Allgemeinen wahnsinnig gerne an diese ganz besondere Stimmung bei den Olympischen Spielen. Sportler aus vollkommen unterschiedlichen Disziplinen kommen aus der ganzen Welt zusammen – das ist wirklich etwas ganz Einmaliges. Und ich bin natürlich voller Hoffnung, dass in Tokio weitere besondere olympische Momente dazukommen werden.

Marcel Nguyen und Mathias Mester nehmen nicht mehr an den Olympischen bzw. Paralympischen Spielen 2021 in Tokio teil. Gesa Krause tritt weiterhin an. WOMEN’S HEALTH drückt ihr die Daumen und bedankt sich bei allen drei Sportler:innen für das interessante Gespräch.

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