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Sehen so unsere Städte in der Zukunft aus?

Toyotas Prototyp "Woven City" in Japan Sehen so unsere Städte in der Zukunft aus?

Ressourcenknappheit und trotzdem Lebensqualität? Die Metropolen von morgen sind ein wichtiger Baustein im Bemühen, die globale Klimakrise abzuwenden – und die geht uns alle an. Der Bau der Zukunft hängt also am Bau der Städte. Unser Report verrät dir, was uns erwartet

Wollen wir auf dieser Erde eine Zukunft haben, ist es höchste Zeit, dass nicht allein unsere Mobilität nachhaltiger wird, unsere Ernährung und unsere Kleidung. Auch und vor allem unsere Städte werden sich verändern müssen. Städte werden anders zu planen sein, anders funktionieren müssen, vernetzt und smart. Sie sollten nicht mehr nur eine Ansammlung von Gebäuden und Infrastruktur sein, sondern eine Art vollständig vernetztes Ökosystem, virtuell wie physisch. Ein solcher Wandel müsste vieles bewegen.

Denn Stand jetzt sind Städte vorrangig laut, hektisch und schmutzig. Sie zwängen Lebendigkeit ins starre Raster von Verkehrswegen und verdrängen Buntes durch das Grau großklotziger Gebäude. Sie versiegeln Flächen, fressen vier Fünftel der weltweit erzeugten Energie. Sind verantwortlich für drei Viertel aller Abfälle und für mehr als zwei Drittel des Ausstoßes an Treibhausgasen. Einige wachsen zu Megacitys heran, die kaum zu überblicken und durch immer mehr Menschen auf wenig Raum Zentren extremer sozialer Spannungen sind.

London etwa charakterisierte der Vorsitzende des dortigen County-Councils schon Ende des 19. Jahrhunderts als wild wuchernden "Tumor, eine Krankheit wie Elefantiasis". Und über Paris schrieb Dichter Rainer Maria Rilke wenig später, diese Stadt rase "wie ein bahnverirrter Stern auf irgendeinen schrecklichen Zusammenstoß zu". Verstädterung – das hatte lange keinen guten Klang. Es hörte sich an wie Versteinerung, der Inbegriff von Naturzerstörung, Beton gewordene Gegenthese zu Lebensqualität und Nachhaltigkeit. Städte sind auf der anderen Seite aber auch ein Erfolgsmodell und Motoren des Wohlstands.

Wie Städte die Welt retten

Toyota
So könnte die Zukunft aussehen: die Woven City an den Ausläufern des Mount Fuji, Japan

Über 80 Prozent des globalen Bruttoinlandsprodukts werden in Städten erwirtschaftet; zugleich liegt der CO2-Ausstoß pro Kopf, rechnet man die Industrie heraus, deutlich unter dem jeweiligen Landesdurchschnitt, in Berlin um rund 40 Prozent. Gerade die Entwicklung der Städte könnte also dazu beitragen, dass Menschen den Planeten nicht noch weiter ruinieren. Städte brauchen weniger Fläche, reduzieren Zersiedelung, wirken als ökonomischer Katalysator und als kultureller Schrittmacher.

Lebten im 19. Jahrhundert nur 3 Prozent aller Menschen urban, ist es seit 2005 mehr als die Hälfte. Für 2030 wird ein Anstieg auf 60, für 2050 auf mehr als 75 Prozent prognostiziert.

Was sich ändern sollte

Wir leben, sagen die Vereinten Nationen, im "Urban Age", und "es sind die Städte, in denen der Kampf um eine nachhaltige Entwicklung gewonnen oder verloren wird". Das Bundesministerium für Bildung und Forschung bemüht sich um eine optimistischere Formel: "Die Stadt ist nicht das Problem – die Stadt ist die Lösung." Dafür aber muss sie neu gedacht, besser noch: neu gemacht werden. Denn noch darf das Urteil von Bauhaus-Gründer Walter Gropius nicht als überholt gelten: "Die Krankheit unserer heutigen Städte und Siedlungen ist das traurige Resultat unseres Versagens, menschliche Grundbedürfnisse über wirtschaftliche und industrielle Forderungen zu stellen."

Sein Kollege und ebenfalls ein Vater moderner Architektur, Le Corbusier, befand: "Die Fragen des Bauens rühren an die Wurzel sozialer Unruhen: Architektur oder Revolution." Und: "Das moderne Leben verlangt nach und braucht eine neue Art von Plan, sowohl für die Häuser als auch für die Städte." Der Gedanke, Städte nach einer Leitidee zu planen, ist also gar nicht neu. Rom hat seine Anfänge als Planstadt. Brasilia, Hauptstadt von Brasilien, wurde von Oscar Niemeyer zu großen Teilen am Reißbrett entworfen. Und die Hamburger City Nord, für die Büro- und Gewerbebauten fernab des Zentrums aus dem Boden gestampft wurden, folgte dem Konzept der funktionalen Trennung – hier leben, dort arbeiten –, Bielefeld-Sennestadt dem längst fragwürdigen Ideal einer autogerechten Stadt.

Um die Menschen zurück zur Natur zu bringen, kultivierte der britische Stadtplaner Ebenezer Howard Ende des 19. Jahrhunderts die Vorstellung, Gartenstädte im Grüngürtel der Metropolen zu bauen. Mit Letchworth ist 75 Kilometer nördlich von London immerhin eine dieser Städte gebaut worden. Demgegenüber entstanden Mitte des 20. Jahrhunderts unzählige Satelliten- und Trabantenstädte, weil man glaubte, mit derart gleichförmigen Großwohnsiedlungen auch der homogeneren Gesellschaft ein Zuhause geben zu können. Ohnehin liegt all den urbanen Konzepten die eine Annahme zu Grunde: dass sich mit der Planung der Stadt zugleich das Leben in der Stadt zumindest ein Stück weit planen lasse.

Die Zukunft der Städte ist so sehr eine architektonische Frage, wie sie eine soziale, ökonomische und ökologische Frage ist. Deutlich wird dieses Bewusstsein nicht erst in der vom Europäischen Rat der Stadtplaner veröffentlichten "Neuen Charta von Athen 2003". Darin entwirft man eine "Vision für die Städte des 21. Jahrhunderts" und gibt dieser Vision auch einen Namen: die "vernetzte Stadt".

Wo die Zukunft beginnt

Mit der so bezeichneten Woven City, die seit Februar dieses Jahres in Japan auf einem ehemaligen Fabrikareal am Mount Fuji errichtet wird, überführt man das Konzept einer Stadt der Zukunft sowie das einer Zukunft der Stadt in die Realität. Damit nimmt sich der Initiator Toyota als Erster überhaupt der Aufgabe an, diese Vision in großem Maßstab zu verwirklichen. Darüber, wie ganz unterschiedliche Assistenzsysteme den Menschen im Rahmen eines nachhaltigen Stadtkonzepts im Alltag unterstützen können, ist schon ausführlich räsoniert worden; gemacht allerdings hat es in der Komplexität, die eine Woven City mit sich bringt, bislang niemand.

Toyota
Leben in der Woven City, Japan

Die Vereinten Nationen zum Beispiel haben 2016 mit ihrer "New Urban Agenda" eine Art Richtschnur für die globale nachhaltige Stadtentwicklung vorgelegt – und damit quasi einen Baukasten für Akteure auf kommunaler Ebene. Das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung hat mit der "Smart City Charta" im Jahr darauf "ein normatives Bild einer intelligenten, zukunftsorientierten Kommune" gezeichnet, Tenor: Nur mit Hilfe digitaler Transformation der Städte kann auch ihre Nachhaltigkeit gelingen.

Doch darf die Entwicklung der Städte zum Smarten nicht im Digitalen steckenbleiben, sie muss auch den realen Raum erfassen. Und da sehen sich Städteplaner mit einer Reihe hochkomplexer Fragen konfrontiert:

  • Wie baut man bezahlbare Gebäude, in denen es sich gut arbeiten, leben, einkaufen lässt?
  • Wie lassen sich Menschen unterschiedlicher Herkunft in einer Gemeinschaft zusammenbringen, statt sie nur nebeneinander unterzubringen?
  • Wie sind Infrastruktur, Sanierung, Verdichtung und Neubauten so zu realisieren, dass dabei die Ressourcen geschont werden?
  • Wie lassen sich Räume neu verteilen, multimodale Verkehrskonzepte implementieren?
  • Wie können Freiflächen und entsiegelte Böden zusammen mit der Bebauung Stadtklima und Luftqualität positiv beeinflussen?
  • Wann ist es besser, in die Höhe zu bauen, wann in die Breite?
  • Wie können die Quartiere als kleine urbane Einheiten bürgerliches Engagement und Identifikation fördern?
  • Wie gehen wir mit Abwässern und Abfällen um, wie lassen diese sich sogar nutzen?
  • Wie begegnen wir neben der Katastrophen-Anfälligkeit den Hygiene und Gesundheitsrisiken von Megacitys – und wie dem rasanten demografischen Wandel?

Woran gedacht werden muss

Städte bilden alle nur möglichen Formen von Herausforderungen ab. Gleichzeitig begreift man sie als Möglichkeit, Herausforderungen zu begegnen, als ein Manifest des menschlich Machbaren, sozusagen. Das macht das Planen von Future Citys zu einem extrem komplexen Prozess, der weit darüber hinausgeht, wo welches Gebäude stehen, welcher Verkehrsweg verlaufen sollte. Gerade das allerdings ist in den meisten lange gewachsenen Städten eine der Kernfragen. Sie lassen sich nun schlecht einreißen, obwohl der Architekt Le Corbusier genau das schon in der Mitte des letzten Jahrhunderts rigoros forderte: "Der Kern unserer alten Städte mit ihren Domen und Münstern muss zerschlagen und durch Wolkenkratzer ersetzt werden." Um Himmels willen, nicht! Denn längst hat sich gezeigt, dass Effizienz nur ein Kriterium für eine moderne Stadt ist.

Zeitraffer: Errichtung der Woven City in Japan

Ein anderes Merkmal ist das Wohlbefinden der Menschen, die sich als Bürgerinnen und Bürger verstehen und sich etwa fragen: Wie smart muss meine Wohnung sein, und wie smart darf sie sein, dass ich sie auch noch als wohnlich und gemütlich empfinde? Wie schnell kann man Veränderungen vorantreiben, ohne dass Menschen sich ausgeschlossen fühlen?

Geht es um die Planung von Smart Citys und von Städten der Zukunft, werden solche Fragen immer wieder gestellt. Dann werden Absichtserklärungen abgegeben oder Idealbilder entworfen von Menschen, die in futuristischen Vehikeln zwischen begrünten Hochhäusern hin und her fahren. Umgesetzte und umfassende Modelle gibt’s dagegen kaum. Wenn, dann gehen sie über partielle Projekte wie im Rahmen des deutschen Wettbewerbs zur Zukunftsstadt kaum hinaus. Umso bedeutender ist es, dass mit dem Bau der Woven City nicht nur das Bild einer zukunftsfähigen Stadt gezeichnet, sondern sie als groß angelegter Modellversuch realisiert wird. Ob mit allen smarten Technologien allerdings auch ein angenehmes Lebensgefühl einhergehen kann? Das wird sich in der Zukunft zeigen.

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