Hormonschwankungen bei Männern
Können Männer wirklich ihre Tage haben?

Die Antwort lautet natürlich klar: Nein. Aber auch Männern können ihre Hormone übel mitspielen. Wir erklären, was dahinter steckt und wie du reagierst
Können Männer wirklich ihre Tage haben?
Foto: Parker Whitson / unsplash.com
In diesem Artikel:
  • Können Männer auch Hormonschwankungen haben?
  • Männliche Menopause: Kommen Männer auch in die Wechseljahre?
  • Welche Kritik gibt es an der Idee einer männlichen Menopause?
  • Wut, Hunger, Kaufrausch: Wie zeigt sich, dass ein Mann seine Tage hat?
  • Wie zeigt sich beim Mann, ob er "seine Tage" bekommt?
  • Was hat das mit seinen Gefühlen für dich zu tun?

Es ist eine der größten Ungerechtigkeiten der Natur, dass Frauen monatlich die Leiden der Menstruation ertragen müssen, während Männer verschont bleiben. Allerdings mag es ein kleiner Trost sein, dass auch Männer durch ihre Hormone von schlechter Laune und unberechenbarer Traurigkeit geplagt werden können.

Als Frau bist du mit diesem Phänomen nur allzu vertraut: In den Tagen vor deiner Periode bist du oft gereizt, genervt und könntest wegen der geringsten Kleinigkeit die Beherrschung verlieren. Dieses Phänomen wird als prämenstruelles Syndrom (PMS) bezeichnet. Bisher nahm man an, dass nur Frauen von den Hormonen in den Wahnsinn getrieben werden. Doch falsch gedacht! Wir erklären hier, welche Hormone für männliche Stimmungsschwankungen verantwortlich sein können.

Können Männer auch Hormonschwankungen haben?

"Männer unterliegen denselben Hormonschwankungen wie Frauen“, sagt der kalifornische Psychologe Jed Diamond, der das Phänomen Irritable Male Syndrome (IMS, deutsch etwa: "Reizbarer-Mann-Syndrom") erforscht.

Einige Studien legen nahe, dass diese hormonellen Schwankungen, insbesondere ein Abfall des Testosteronspiegels, bei Männern emotionale Veränderungen hervorrufen können, wie erhöhte Reizbarkeit, Nervosität und sogar Aggressivität. Auch die Sexualfunktion kann davon betroffen sein. Das wollen wir doch gleich mal checken ...

Männliche Menopause: Kommen Männer auch in die Wechseljahre?

Obwohl hormonelle Veränderungen im Laufe des Lebens für beide Geschlechter normal sind, ist die Bezeichnung "männliche Menopause" eher übertrieben. Während sich im weiblichen Körper mit dem Ende des Eisprungs und den damit verbundenen abrupten hormonellen Veränderungen deutliche Umbrüche zeigen, sind die Veränderungen beim Mann eher weniger signifikant und verlaufen allmählich.

Dennoch können die Auswirkungen des Rückgangs der Testosteronproduktion (ca. 1 Prozent pro Lebensjahr ab 40) spürbare Konsequenzen haben, wie zum Beispiel Stimmungsschwankungen, Beeinträchtigungen der sexuellen Funktion oder Leistungseinbußen, die sich im Alltag bemerkbar machen. In Studien wird hier aber eher von männlichem Hypogonadismus gesprochen, also einem symptomatischen Testosterondefizit.

Welche Kritik gibt es an der Idee einer männlichen Menopause?

Der Begriff der "Andropause", der ebenfalls von Diamond geprägt wurde und eine vermeintliche männliche Menopause beschreibt, stieß in wissenschaftlichen Fachkreisen auf deutliche Kritik. Die Mediziner David Handelsman und Thomas Perls sprechen in einem fundierten Artikel sogar davon, dass diese scheinbare Diagnose vor allem dazu dient, Werbung für Testosteronpräparate und Arzneimittel mit menschlichem Wachstumshormon zu machen.

Sie bezeichnen das Aufbauschen der männlichen Hormonschwankungen als "disease mongering", also Krankheitsmacherei, und nennen das Phänomen des späten Hypogonadismus klar "überdiagnostiziert" und "überbehandelt".

Wut, Hunger, Kaufrausch: Wie zeigt sich, dass ein Mann seine Tage hat?

Obwohl die Situation nicht so dramatisch ist, gibt es dennoch Anzeichen für derartige Hormonschwankungen. Um zu verdeutlichen, welche Auswirkungen sie auf die Stimmung eines Mannes haben können, haben wir einige Beispiele gesammelt und nennen eine mögliche Reaktion darauf:

1. Warum bekommt er einen Wutanfall aus dem Nichts?

Ihr seid gemeinsam im Auto unterwegs — er sitzt am Steuer. Als du ihm sagst, er soll an der nächsten Kreuzung rechts abbiegen, flippt er plötzlich total aus. Er motzt, bezeichnet dich als Kontrollfreak und kriegt sich kaum mehr ein. Äh, alles klar so weit?

Dieses steinzeitmäßige "Ich bin ein Mann, ich weiß, wo’s langgeht“-Verhalten kommt am häufigsten im Frühling vor. Ja, du hast richtig gelesen. Denn zu dieser Jahreszeit kann ein Testosteronmangel zu so einem aggressiven Ausbruch führen. Die Werte des Hormons gehen im März, April und Mai nämlich naturgemäß in den Keller, was Männer reizbar und streitsüchtig machen kann. "Eigentlich würde man ja denken, dass mehr Testosteron aggressiv macht“, sagt Diamond. "Aber in Wirklichkeit ist es genau andersherum.“

So reagierst du: Gib ihm erst einmal Zeit, von seiner Palme wieder runterzukommen. Und dann sagst du ihm klar und ruhig, dass er eine Grenze überschritten hat. Und dass du jetzt lieber fährst. Übrigens: So konterst du nervige Männersprüche.

2. Warum leidet er, wenn er in den Spiegel schaut?

Er steht vor dem Spiegel und betrachtet sorgsam seine Geheimratsecken, äh, -flächen muss man schon sagen. Auch seinen Bauch schaut er missmutig an. Wenig Haare, runder Bauch? Heikle Themen. Und sie hängen irgendwie auch an den Hormonen. Denn Schuld an der schwindenden Mähne haben die Gene und bestimmte Enzyme des Hormons Testosteron, weshalb bis zu 80 Prozent der mitteleuropäischen Männer unter Haarausfall leiden, sobald sie das Erwachsenenalter erreicht haben.

Und was die schlanke Linie betrifft: Bauchfett ist nicht nur ein rein optisches Problem. Es produziert nämlich das Enzym 5-alpha-Reduktase, welches das männliche Testosteron in weibliches Östrogen umwandelt. Dadurch sinken auch Sex-Drive und Energielevel.

So reagierst du: Die ideale Reaktion ist die gleiche, die du dir in solchen Momenten auch für dich selbst wünschen würdest. Also keine Vorwürfe und schon gar keine Häme, sondern ihm das Gefühl geben, dass du ihn auch mit weniger Haaren und mehr Bäuchlein liebst.

3. Er bekommt auch Heißhunger, aber warum?

Es ist weit nach Mitternacht, und du findest ihn mit dem Kopf im Kühlschrank. Damit aber nicht genug. Er fragt: "Haben wir noch Karamelleis?“ Gleich wohl nicht mehr …

Verzichtet er vielleicht gerade auf Kohlenhydrate? Dann kann es sein, dass sein Serotoninlevel niedrig ist, ausgelöst durch eine Paleo-Diät oder glutenfreie Ernährung. Das Glückshormon bestimmt nämlich nicht nur, wie gut wir uns fühlen, es reguliert auch den Appetit. Zweiter Verdächtiger: Vitamin-D-Mangel.

So reagierst du: Liegt es nur an zu wenig Vitamin D aufgrund fehlendem Sonnenlichts, überrede ihn zu Lauf- oder Spaziereinheiten, um das Serotonin-Polster wieder aufzufüllen. Fehlen dagegen die Kohlenhydrate, hilft alles nichts. Denn Serotonin stärkt die Impulskontrolle – und genau die fehlt ihm ja momentan vor dem Kühlschrank. Und den bestückt ihr nun für zukünftige Fressattacken neu. Super Serotonin-Bildner sind alle Lebensmittel mit hohem Tryptophan- und niedrigem Eiweißgehalt, wie zum Beispiel Datteln, Feigen oder Cashewnüsse. Hier sind unsere 7 cleveren Tricks, die den Heißhunger stoppen.

4. Wieso bekommt er einen Kauf-Rausch?

Erst der Flatscreen-Fernseher, dann neue Laufschuhe, jetzt noch das Super-Sound-System? Auch wenn er beglückt zeigt, was das Ding alles kann: Puh, das ist der dritte teure Spontankauf in einem Monat.

Dahinter steckt: Stress – ganz simpel. Je höher sein Stresslevel, desto geringer ist sein Testosteronwert. Und sinkt der, kann das Ängste auslösen und ein Gefühl von Kontrollverlust – nicht gerade das, was Kerle gut aushalten können. In der Situation kann Shoppen ihm das Gefühl geben, dass er damit seine Männlichkeit ein wenig aufmotzen kann.

So reagierst du: Wenn du ihn auf seinen Kaufrausch ansprichst, stelle nicht die verpulverte Kohle in den Vordergrund (es ist ja seine), sondern frage: "Was bedeutet dir das wirklich?“ Und finde dann andere Dinge, die happy machen: ein neuer Sport, ein Road-Trip – oder kuscheln statt kaufen.

Wie zeigt sich beim Mann, ob er "seine Tage" bekommt?

Therapeut Jed Diamond hat einen Fragebogen entwickelt, um herauszubekommen, welche Symptome des Irritable Male Syndrome bei Männern vor allem in Erscheinung treten. Über 60 000 Menschen haben an seiner Umfrage teilgenommen. Das sind die Ergebnisse:

Diese 5 Symptome nennen Männer in der Umfrage am häufigsten. Sie fühlen sich...

  • unzufrieden
  • erschöpft
  • ungeliebt
  • zu wenig beachtet
  • einsam

Diese 5 Symptome erkennen Frauen am häufigsten bei ihrem Partner. Er ist …

  • wütend
  • vorwurfsvoll
  • grantig
  • lieblos
  • kritisch

Diese 5 Symptome nennen beide Geschlechter insgesamt am häufigsten:

  • unzufrieden
  • mürrisch
  • angespannt
  • frustriert
  • emotional taub

Was hat das mit seinen Gefühlen für dich zu tun?

Wahrscheinlich nichts. Diamond glaubt, dass die Symptome, die beide Geschlechter nennen, einfach für Folgen von Stress stehen. Das zu verinnerlichen, kann der Liebe sogar helfen: "Wenn wir wissen, dass sich unser Partner nicht negativ verhält, weil wir etwas falsch machen, sondern weil er selbst unter Druck steht, ist es leichter, Mitgefühl zu entwickeln.“

Wichtig: Eines sollte aber auch klar sein: Führen seine angeblichen Hormonschwankungen dazu, dass er verbal oder körperlich gewalttätig wird, ist der Ofen aus. Das ist unentschuldbar und muss klare Konsequenzen haben.

Auch Männer werden von ihren Hormonen gesteuert und reagieren auf Veränderungen im Körper mit unerwartetem Verhalten. Das kann nerven, bedeutet aber nichts Gravierendes, vor allem im Vergleich zur weiblichen Menstruation oder Menopause. Also: Gelassen bleiben.

Erwähnte Quellen:

Lincoln GA. The irritable male syndrome. Reprod Fertil Dev. 2001;13(7-8):567-76. doi: 10.1071/rd01077

Wu FC, Tajar A et al. Identification of late-onset hypogonadism in middle-aged and elderly men. N Engl J Med. 2010 Jul 8;363(2):123-35. doi: 10.1056/NEJMoa0911101

Perls, T. and Handelsman, D.J. (2015), Disease Mongering of Age-Associated Declines in Testosterone and Growth Hormone Levels. J Am Geriatr Soc, 63: 809-811. doi: https://doi.org/10.1111/jgs.13391

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10 / 2023

Erscheinungsdatum 20.09.2023