Vorzeitiger Samenerguss: Was steckt dahinter und was hilft?
Wenn er zu früh kommt
Vorzeitiger Samenerguss: Ab wann spricht man von "zu früh"? Shutterstock / Lisa S.

Allgemeine Infos Kommt er zu früh? Und wann ist das eigentlich?

Wie lange Sex in der Regel dauert, bis er "zum Schuss" kommt, ist nicht nur situationsabhängig, sondern vor allem Sache des subjektiven Empfindens. Wir haben einen Fachmann gefragt, was eigentlich "normal" ist und ab wann man von "vorzeitigem Samenerguss" spricht

Manchmal kann es gar nicht schnell genug gehen, manchmal nicht lang genug weitergehen. Mal ist es zu kurz, mal zu lang. Dann aber gelingt der Sex ab und zu mit perfektem Timing und endet in einem ekstatischen Finale für beide auf den Punkt richtig.

Von diesem Maßstab ausgehend ist eigentlich jeder Sex zu lang oder zu kurz. Aber richtig blöd ist es, wenn du gerade in Fahrt kommst, und er ist im nächsten Moment fertig. Aber ist das nun schon ein vorzeitiger Samenerguss? Und wenn ja, was kann man da machen? Alle Fragen beantworten wir hier.

Was genau ist ein vorzeitiger Samenerguss?

Der vorzeitige Samenerguss (Mediziner sprechen von Ejaculatio praecox) ist eine sexuelle Funktionsstörung, bei der der Mann den Zeitpunkt, wann er kommt, gar nicht selbst steuern kann. Heißt konkret: diese Männer kommen extrem schnell "zum Schuss", teilweise nach wenigen Sekunden oder noch bevor sie überhaupt in ihre Partnerin eingedrungen sind.

Die Gründe für den vorzeitigen Samenerguss sind vielfältig und stark davon abhängig, ob der Mann bereits sein Leben lang mit ihm zu kämpfen hat oder ob das Phänomen durch Stress, Probleme in der Partnerschaft oder zu hohen Leistungsdruck hervorgerufen wurde.

Was heißt eigentlich "zu früh kommen"?

Was aber genau heißt "zu früh" und was ist eigentlich "normal"? Eine schwierige Frage, die selbst Experten und Mediziner nicht eindeutig beantworten können.

"Es gibt natürlich ein so genanntes Diagnoseklassifikationssystem, das von der Weltgesundheitsorganisation herausgegeben wird und Standards formuliert", sagt Dr. med. Jörg Signerski-Krieger, Oberarzt und Leiter der Ambulanz für Sexualmedizin und Sexualtherapie an der Universitätsmedizin Göttingen. "Laut ICD-10 fällt die Diagnose 'vorzeitiger Samenerguss' dann, wenn der Mann nach 15 Sekunden oder noch schneller kommt. Davon sind aber weniger als 5 Prozent der Männer betroffen."

Andere Wissenschaftler und Sexualforscher wiederum kommen zu anderen Zahlen. Der eine spricht von 1 Minute, der andere von 30 Sekunden. "Das macht es schwer, überhaupt eine Aussage darüber zu treffen, wie viele Männer wirklich unter vorzeitigem Samenerguss leiden", sagt Signerski-Krieger.

Ist es schon zu früh, wenn er nach 5 Minuten kommt?

Nein. Viel wichtiger als Sekunden zu zählen, ist ohnehin das subjektive Empfinden der Patienten. "Es gibt Männer, die machen sich Sorgen, weil sie nach 10 Minuten Geschlechtsverkehr kommen. Das hat aber nichts mit einem vorzeitigen Samenerguss zu tun, sondern mit einer viel zu hohen Erwartungshaltung", weiß der Mediziner, der vor Panikmache warnt.

Orientiert man sich am Durchschnitt, so ist nach 5 Minuten (nach Eindringen des Penis in die Vagina) bei den meisten Schluss. Problematisch wird es dann, wenn die Partnerschaft spürbar darunter leidet, wenn er bereits fertig ist, während du gerade erst in Stimmung kommst.

Gibt es Medikamente gegen vorzeitigen Samenerguss?

Ja, aber die sollten das letzte Mittel sein. "In diesem Fall gibt es eine ganze Reihe von Möglichkeiten, ohne gleich zu Medikamenten zu greifen", sagt der Experte. Oft geht es eher um Kommunikation, Entspannung, Vertrauen. Manchmal ist eine Psychotherapie eher das geeignete Mittel (siehe unten).

Auf dem Markt gibt es außerdem nicht nur Pillen gegen die vorzeitige Ejakulation, sondern auch Gele mit einer leicht betäubenden Wirkung. Trägt der Mann sie auf seine Eichel auf, werden die Empfindungen gemildert und er kann länger. Das würde allerdings nicht die Wurzel des Problems beheben, sagt Signerski-Krieger.

Sprich: Nicht jeder unfreiwillige Quickie ist gleich ein Grund, um Pillen einzuwerfen. "Meine Erfahrung aus der täglichen Praxis ist, dass ich erst sehr spät medikamentös behandle", sagt der Experte, "In erster Linie gebe ich den Männern Tipps, wie sie mit Erwartungsdruck, Anspannung und Stress umgehen sollten. Das kann oft schon helfen. Medikamente setze ich in der Psychotherapie nur ergänzend ein."

Wo liegen die Gründe für einen vorzeitigen Samenerguss?

Man unterscheidet in der Wissenschaft 4 verschiedene Formen des vorzeitigen Samenergusses. Wenn Männer den Verdacht haben, sie könnten zur "schnellen Truppe" gehören, hilft es, sich erst einmal diese 4 Formen anzuschauen, um sich selbst besser einordnen zu können und sich letztlich die passende Hilfe zu suchen:

1. Lebenslanger vorzeitiger Samenerguss

Etwa 80 Prozent der Männer in dieser Kategorie kommen bereits nach unter 1 Minute Geschlechtsverkehr. Die restlichen 20 Prozent sind nach 1 bis 2 Minuten fertig. Sie leiden seit jeher an dieser Störung, unabhängig von der Partnerin und bei schlichtweg jeder sexuellen Aktivität.

"Organische Ursachen sind bei diesem Typus ziemlich wahrscheinlich. In diesem Fall können Medikamente und auch eine Sexualtherapie helfen", sagt Signerski-Krieger.

2. Erworbener vorzeitiger Samenerguss

Bis dato störungsfreie Männer sind plötzlich oder schleichend betroffen. Auch sie haben bereits nach weniger als 2 Minuten einen Samenerguss. Auch hier kann, muss aber nicht, eine organische Ursache dahinterstecken.

"Wahrscheinlicher ist aber eine psychologische Ursache, die häufig in der Beziehung des Mannes gründet", so der Experte, "Hier können – nach ausführlichem Gespräch mit einem Arzt – Medikamente helfen, um dem Mann zu zeigen, dass er sehr wohl in der Lage ist, länger zu können. Manchmal erübrigt sich das Problem danach von selbst. Auch Psychotherapie ist in diesem Fall ratsam."

3. Natürlicher variabler Typus

Unter diesen Typus fallen Männer, bei denen der vorzeitige Samenerguss unregelmäßig auftritt. Auch sie haben das Gefühl, quasi "machtlos" zu sein, wenn es darum geht, den Orgasmus selbst zu steuern.

"In diesem Fall sollte man der Sache in einem Beratungsgespräch mit einem Experten näher auf den Grund gehen", sagt Signerski-Krieger. Ein Fachmann kann im Gespräch heraushören, welche äußeren Faktoren womöglich zum "Schnellschuss" führen und eventuelle Blockaden beseitigen.

4. Subjektiv empfundener vorzeitiger Samenerguss

Hierzu zählen Männer, die zwar das Gefühl haben, viel zu schnell zu ejakulieren, de facto aber vollkommen im Durchschnitt liegen. "Trotzdem beschäftigt sie das Thema permanent und belastet sie und letztlich auch ihre Beziehung", sagt der Experte.

Sein Rat: "Auch hier hilft ein offenes Gespräch mit einem Mediziner. Zum einen, um den Mann darüber aufzuklären, dass es keinen Grund zur Sorge gibt, zum anderen, um zu klären, woher dieser übersteigerte Erwartungsdruck kommt."

Welche Folgen hat ein vorzeitiger Samenerguss?

Steckt keine organische Ursache dahinter, sprich: Ist der Mann körperlich vollkommen gesund, besteht erst einmal kein Grund zur Panik. "Erst, wenn das Sexualleben mit der Partnerin merklich leidet, sollte man handeln", sagt Signerski-Krieger.

In erster Linie heiße das, mit der Partnerin zu sprechen. "Es ist nicht selten der Fall, dass die Frau vollkommen zufrieden ist und gar nicht unbedingt länger Sex haben möchte. Der Mann aber glaubt, noch länger performen zu müssen und das erzeugt unnötigen Druck", so der Experte.

Was kann ich als Frau tun, wenn er unter vorzeitigen Samenerguss leidet?

In erster Linie solltet ihr offen miteinander reden und eure Erwartungshaltungen offen aussprechen. Wenn er professionelle Hilfe in Anspruch nehmen will, sollte er zunächst einen Urologen aufsuchen. Darin kannst du ihn bestärken. Der Arzt kann prüfen, ob körperliche Ursachen vorliegen und dann gegebenenfalls zu einem geeigneten Psychotherapeuten verweisen.

Wichtig ist, dass du ehrlich deine Gedanken mitteilst, ohne Druck aufzubauen. Wenn es ihn sehr belastet, solltest du ihm zeigen, dass es wichtigere Dinge gibt und anbieten, gemeinsam nach einer Lösung zu suchen. Letztlich ist es aber nur ihm möglich, das Problem mit professioneller Hilfe anzugehen.

Wenn er zu früh kommt, kann das die Beziehung belasten. Es gibt aber Möglichkeiten, daran zu arbeiten. Wichtig ist, dass ihr vertrauensvoll miteinander umgeht und offen darüber redet. Dann ist es für ihn auch leichter, sich an einen Arzt zu wenden.

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