Mülltrennung: Interview mit oclean

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Gemeinsam gegen Müll © Privat

Mülltrennung ''Das Wichtigste ist, dass man Müll als Rohstoff sieht''

Mit Spaß und Charme klärt oclean über Müll, Plastik und den richtigen Umgang damit auf. Die Gründerinnen erklären im Interview, worauf es bei der Entsorgung ankommt

Die Welt hat ein Müllproblem. Das ist nichts Neues. Laut dem Plastikatlas der Heinrich-Böll-Stiftung wurden zwischen den Jahren 1950 und 2015 weltweit 8,3 Milliarden Tonnen Plastik produziert. Das entspricht mehr als einer Tonne pro Mensch, der heute auf der Erde lebt. Was viele aber nicht wissen: Das Plastik gelangt über die Flüsse aus den Städten ins Meer.

Damit das gar nicht erst passiert, hat sich im Sommer 2019 oclean gegründet. Mit dieser gemeinnützigen Organisation haben es sich Hannah, Lena und Marie, 3 Geschwister aus Hamburg, zur Mission gemacht, den Abfall aus den Städten zu sammeln und die Menschen über Müll und richtige Mülltrennung aufzuklären. Wie wichtig die Auseinandersetzung mit dem Thema ist und wie sie das Ganze mit Spaß und Style vermitteln, erzählten uns Hannah und Lena im Interview.

Dreifache Schwestern-Power
Die 3 Oclean-Schwestern sorgen auf coole Weise für mehr Müllbewusstsein
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Wie kamt ihr auf die Idee, oclean zu gründen?

Hannah: Uns ist bewusst geworden, wie groß das weltweite Müllproblem ist und dass der Abfall aus den Städten ins Meer gelangt. Gemeinsam mit Familie und Freunden haben wir deshalb die Idee von oclean entwickelt, um zu zeigen: Das Problem ist nicht irgendwo da draußen und weit weg in fernen Ländern und Ozeanen, sondern beginnt direkt in unseren Haushalten und vor unseren Haustüren, und wir können alle aktiv dagegen angehen. Greta Thunberg hat vermutlich auch ihren Beitrag geleistet, weil sie uns bewusst gemacht hat, was für eine Riesenbewegung ein einziges Mädchen auslösen kann.

Welche Müll-Probleme geht ihr an?

Hannah: Jeder hat jeden Tag mit Abfällen zu tun, aber kaum jemand weiß, wie man richtig damit umgeht. Wie wird Müll richtig getrennt? Wie wird er recycelt? Wie wird er upcycelt? In der Schule wird es uns nicht beigebracht. Dabei kann Müll die Natur zerstören, die Meere, die Tierwelt und uns Menschen eben auch.

Lena: Genau. Es ist eine Mischung aus Unwissen und schlechten Angewohnheiten. Beispielsweise, dass die Leute ihre Zigarettenstummel auf die Straße schnipsen. Dabei kann eine einzige Kippe 40 Liter Grundwasser verseuchen. Zusätzlich gibt es zu wenig Mülleimer in der Stadt und die wenigen die es gibt, quellen schnell über, der Müll fliegt weg und landet in den Flüssen. In vielen Städten gibt es auch keine Biotonnen, sodass man als Endverbraucher seinen Müll gar nicht richtig trennen kann. Es ist ein Teufelskreis.

Welchen Einfluss hat die Corona-Krise auf die Müllproduktion?

Lena: Aktuell rückt durch die Pandemie der Nachhaltigkeitsgedanke leider in den Hintergrund. Hygiene geht vor Umweltschutz. Masken, Schnelltests, Einweghandschuhe – alles ist eingeschweißt und in Plastik verpackt. In deutschen Haushalten wurde zu Beginn der Pandemie 50 bis 60 Prozent mehr Müll produziert. Allein die Menge des Verpackungsmülls ist um 10 Prozent angestiegen.

Hannah: Dass die Geschäfte geschlossen sind, bewirkt zudem, dass die Leute viel online bestellen. Das sieht man zum Beispiel daran, dass in allen Stadtteilen die Papiercontainer aus allen Nähten platzen. Hinzu kommen die ganzen To-go-Pappbecher und Essenslieferungen in Plastikbehältern.

Müll, Müll, Müll
Bei manchen Clean-ups kommen innerhalb von einer Stunde schnell mal über 100 Kilogramm Müll zusammen.
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Wie kann man Plastikverpackungen und To-go-Produkte ersetzen?

Lena: Mein Tipp ist, immer eine Tasche oder einen Jutebeutel dabei zu haben, damit man im Supermarkt keine Tüte nehmen muss. Eine Trinkflasche, damit man sie jederzeit mit Wasser auffüllen kann und keine Plastikflaschen kaufen muss. Bienenwachstücher, da kann man Kuchen, Sandwiches und ähnliches drin einwickeln. Und ein Thermosbecher für den Kaffee unterwegs.

Hannah: Auch für zu Hause gibt es wunderbare plastikfreie Alternativen: Feste Haarseife, Bambus-Wattestäbchen. Wir raten den Leuten immer, sich langsam an das Thema müll- und plastikfrei heranzutasten: Fangt mit einem Produkt an und schaut, wie es für euch funktioniert. Man muss nicht von einen Tag auf den anderen alles umstellen, das ist nämlich auch nicht nachhaltig, sondern erstmal seine eigenen Dinge aufbrauchen und dann Plastikprodukte langsam durch umweltfreundliche Alternativen ersetzen. Und wenn man doch mal Plastikprodukte benutzt, dann diese wenigstens wiederverwenden, wie beispielsweise Plastik-Einkaufstüten als Mülltüte zu benutzen.

Was sind eure Tipps zum Thema Mülltrennung?

Hannah: Pizzakartons mit Fettflecken gehören beispielsweise nicht in den Papiermüll, da sie nicht recycelt werden können. Blaue Glasflaschen gehören in den grünen Glascontainer. Ganz oft hilft es aber auch einfach einen Blick auf die Verpackung zu werfen, da dort meistens genau drauf steht, wie das Produkt entsorgt werden muss. Briefumschläge mit Plastikfenster kann man zum Beispiel in den Papiermüll tun, das wird in den Anlagen auseinandersortiert. Um das Ganze zu vereinfachen, erstellen wir gerade Recycling-Poster, auf denen das relativ simpel erklärt wird.

Gibt es spezielle Mülleimer oder Kompostsysteme, die Mülltrennung erleichtern?

Hannah: Häufig steht auf Verpackungen, dass sie „kompostierbar“ sind, aber das bringt nichts, wenn man keine grüne Tonne oder keinen Komposthaufen hat. Eine sogenannte Wurmkiste ist die Lösung. Das ist eine Holzbox mit 500 Kompostwürmern, in die man Essensreste und verwelkte Blumen werfen kann. Die Würmer futtern die Abfälle und raus kommt super nährstoffreiche Pflanzenerde. Und keine Sorge: Die Würmer bleiben in der Kiste drin.

Lena: Das Wichtigste ist, dass man Müll als Rohstoff sieht. Wenn man diesen Rohstoff gut behandelt, richtig entsorgt und damit zurück in den Kreislauf bringt, ist es ein super Material und gar nicht so teuflisch, wie immer gedacht wird.

Wie schafft ihr es, junge Leute fürs Thema Müll zu begeistern?

Hannah: Wir drei haben alle einen Marketing-Background. Wir haben also gelernt, wie man eine Marke aufbaut. Uns ist aufgefallen, dass alle Firmen und Organisationen, die sich mit dem Müllthema auseinandersetzen grün oder blau sind, hier eine Welle und da einen Fisch haben und alles ein bisschen langweilig nach "öko" aussieht. Und alle zeigen furchtbare Bilder von Müllfluten. Deshalb haben wir beschlossen, die Sache unkonventionell anzugehen: Es muss bunt und locker sein und vor allem Spaß machen. Wir arbeiten mit einer tollen Grafik-Designerin, die Dinge mit viel Charme selbst illustriert.

Bei den Oclean Clean-ups gibt es Afterwork-Drinks, gute Musik und beste Laune.
Bei den Oclean Clean-ups gibt es Afterwork-Drinks, gute Musik und beste Laune.
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Wie reagieren die Leute auf eure großen Müllsammelaktionen?

Lena: Die Reaktionen sind durchweg positiv. Mit unseren Clean-ups vermitteln wir, dass Müll nicht schlimm und eklig ist, sondern dass Müllsammeln Spaß macht, man coole Leute kennenlernt und nebenbei was Gutes für die Umwelt tut. Im Anschluss gibt es immer gute Musik und ein paar Feierabenddrinks. Wir sind jung und alt und jeder kann mitmachen, auch wenn's nur 5 Minuten sind. Es ist unkompliziert, wir stellen das Equipment, niemand braucht Vorwissen.

Hannah: Wir stellen oft fest, dass etwas passiert in den Köpfen der Menschen. Manche sagen "Krass, ich hab meine Kippe auch immer auf den Boden geworfen, jetzt habe ich hier eine Stunde lang Kippen gesammelt, das ist mega-anstrengend und eklig". Teilweise sind die Leute fassungslos, wie viel Müll sie finden oder vor allem was für Dinge sie finden. Anfangs haben uns Passanten komisch angeguckt und gefragt, was wir denn da tun und mittlerweile fragen uns die Leute "Ach, ihr macht ein Clean-up? Wie cool!"

Mit Zange, Eimer und Handschuhen bewaffnet geht´s dem Hamburger Müll an den Kragen.
Mit Zange, Eimer und Handschuhen bewaffnet geht´s dem Hamburger Müll an den Kragen.
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Woran arbeitet ihr aktuell?

Hannah: Wir entwickeln gerade Online-Workshops für Firmen, in denen es um Plastik und Mülltrennung geht. Die Firmen-Mitarbeiter können sich da durchklicken und sind danach quasi Nachhaltigkeitsexperten. Und wenn es bald hoffentlich wieder möglich ist, wollen wir Firmen-Clean-ups, Kleidertausch-Events und Ausstellungen veranstalten. Außerdem arbeiten wir an Social-Media-Rubriken, um regelmäßig noch mehr informativen Content zu liefern. Neu ist außerdem unser E-Lastenrad, zu dem Leute ihren Plastikmüll bringen können und wir stellen daraus neue Dinge her.

Lena: Wir wollen oclean mehr und mehr als Marke aufziehen mit einem eigenen Merchandise-Onlineshop, damit Oclean bekannter wird und die Leute sich damit identifizieren und mitmachen können. Ein großer Punkt ist außerdem das Thema Bildung. Wir sind beispielsweise mit der Deutschen Meeresstiftung in Kontakt, wollen Wasserproben entnehmen und zunehmend wissenschaftlich arbeiten, herausfinden: Was sind die schlimmsten Materialien, wie schlimm sieht es um die Elbe aus? Damit wir Fakten sammeln und Forderungen an die Regierung stellen können. Wir möchten uns politisch mehr engagieren und ernst genommen werden.

Habt ihr auch vor, in Schulen zu gehen und dort aufzuklären?

Hannah: Ja, aus Schulen bekommen wir viele Anfragen. Deshalb möchten wir mit den Schülern Clean-ups organisieren, Vorträge halten und kleine Workshops anbieten, gemeinsam Müll sammeln und daraus etwas Künstlerisches basteln oder Kippen rund um die Schule aufheben und in einem Kippentower als Installation aufstellen.

Lena: Wir müssen Kinder und junge Leute mit ins Boot holen, um schon bei ihnen Bewusstsein für das Problem zu schaffen, damit sie von Anfang mehr über Mülltrennung und die Konsequenzen von Müll für die Umwelt kennen.

Neugierig geworden? Dann folge den 3 oclean-Mädels bei Instagram oder schau auf ihrer Website vorbei. Dort zeigen sie, wie leicht es sein kann, schon mit kleinen Veränderungen viel zu bewegen. Noch besser: Schnapp dir deine beste Freundin und macht euer eigenes Clean-up in eurer Stadt!

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