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  • Interview
  • mit HeartTimes

"Man muss sich trauen, sein eigenes Ding zu machen"

Was tun, wenn der Job einen auslaugt und kaum mehr zu ertragen ist? Wir haben mit zwei Frauen gesprochen, die Meisterinnen im Hamsterrad-Anhalten sind

Larissa Schwinges und Kathleen Kleibrink sind die Gründerinnen von HeartTimes in Düsseldorf (www.hearttimes.de), einer Beratung, die mehr den Menschen in den Fokus rückt statt Zahlen und Exceltabellen. Ihre Mission: Unternehmen und ihre Mitarbeiter dahin bringen, dass die Arbeit als stressfrei und vor allem erfüllend wahrgenommen wird. Wir haben die beiden zum Interview getroffen.

HeartTimes versteht sich als Hybrid-Beratung für "New Life". Was kann man sich genau darunter vorstellen?

Kathleen: Wir beraten Unternehmen, die für sich und ihre Mitarbeiter mehr im Bereich Achtsamkeit und Resilienz, also psychische Widerstandskraft, tun wollen. Der Begriff "New Life" ist eigentlich eine Wortneuschöpfung. Die Meisten haben schon einmal von "New Work" gehört. Der Begriff wird ja gerade viel besprochen und beschäftigt sich im Kern mit der Frage, wohin sich unsere Arbeitswelt entwickelt und ob wir tun, was wir wirklich, wirklich wollen. New Life ist für uns eine Facette daraus und fragt eher danach, wie gut wir uns eigentlich selbst kennen und wie präzise wir unsere eigenen Ziele definieren können. Unsere Beratung zeigt nicht nur, wie moderne Führung heute aussieht und wie Achtsamkeit tatsächlich in einem Unternehmen gelebt werden kann, sondern bezieht vor allem auch stark die persönlichen Stärken, Werte und Visionen jedes einzelnen Mitarbeiters mit ein; also Soft Skills, die in Zukunft immer wichtiger werden.

Larissa: In der Praxis sieht das so aus, dass wir erst einmal eine Bestandsaufnahme im Unternehmen machen. Schließlich wollen wir wissen, warum wir überhaupt zu Rate gezogen werden. Stehen beispielsweise Changeprozesse an, die für Verunsicherung sorgen, sind die Kollege allgemein demotiviert oder herrscht so etwas wie eine generelle Unzufriedenheit unter den Mitarbeitern? Je nach Unternehmensgröße, erfolgt eine solche Bestandsaufnahme über Einzelgespräche oder anhand einer Umfrage. So können wir den Status Quo feststellen und letztlich ein maßgeschneidertes Programm für das jeweilige Unternehmen zusammenstellen.

Werden bei euren Programmen alle einbezogen – vom Chef bis zum Praktikanten?

Larissa: Im besten Fall ja, denn jeder Mitarbeiter ist in unseren Augen eine Führungskraft, nicht nur diejenigen, die auf dem Papier Personalverantwortung haben. Schließlich trägt jeder Mitarbeiter mit seinem Verhalten und seiner inneren Einstellung automatisch Verantwortung für sich selbst und seine Kollegen.

Habt ihr ein greifbares Beispiel parat?

Larissa: Picken wir einmal den Aspekt der emotionalen Intelligenz heraus. Seit es völlig normal ist, sein Smartphone mit in Meetings zu nehmen, hat sich unsere Meetingkultur drastisch verändert. Untersuchungen haben inzwischen gezeigt, dass ein Handy, das auf dem Tisch liegt, die Aufmerksamkeit der beteiligten Personen um 30 Prozent senkt; selbst, wenn es mit dem Display nach unten liegt. Wir schweifen ohnehin fast die Hälfte der Zeit mit unseren Gedanken ab und sind nicht mehr wirklich bei unserem Gesprächspartner. Hier sollte sich ein Unternehmen die Frage stellen, ob man Meetings zukünftig nicht völlig anders angehen kann – ohne Laptops, ohne Smartphones und stattdessen mit einem Ritual zu Beginn, bei dem jeder Beteiligte erst einmal in Ruhe ankommen und sich sammeln kann.

Lassen sich immer mehr Unternehmen auf Begriffe wie „Achtsamkeit“ ein oder stoßt ihr häufig auf Skepsis?

Kathleen: Ehrlich gesagt rennen wir mit unserem Konzept gerade offene Türen ein. Wir waren zu Beginn kritisch, ob Unternehmen in Deutschland diesem Thema bereits so offen gegenüber stehen und haben im Vorwege viele Gespräche geführt. Dabei haben wir festgestellt, dass nahezu jeder der Ansicht ist, dass dringend etwas passiere muss. Die Zahlen, die sich mit den gesundheitlichen Aspekten unseres Arbeitslebens beschäftigen, sind erschreckend. In den letzten 15 Jahren sind die Fehlzeiten aufgrund psychischer Belastungen um 90 Prozent gestiegen. Unsere Gesellschaft ist erstaunlich gut darin, Unschönes lange auszuhalten, dafür sind wir sehr schlecht in der Prävention solcher Zustände. Das möchten wir mit unserer Arbeit ändern.

Was machen Unternehmen eurer Meinung nach am häufigsten falsch, deren Mitarbeiter sich dauerhaft gestresst oder unzufrieden fühlen?

Larissa: Häufig hapert es bei der Kommunikation. Beispielsweise dann, wenn ein Kollege ausfällt und die Nachbesetzung auf sich warten lässt. Es ist wesentlich einfacher für die anderen Kollegen, eine Phase der Mehrarbeit zu ertragen, wenn man offen mit ihnen spricht und die ungeklärte Situation der Nachfolge ehrlich darstellt. Lässt man die Kollegen allerdings mit Hinhaltetaktiken in der Luft hängen, macht sich schnell Unzufriedenheit und Misstrauen breit. Viele Chefs unterschätzen hier schlichtweg die Wichtigkeit von Transparenz. Ein anderer Punkt ist, dass Unternehmen heute schnell für Vieles verantwortlich gemacht werden, das nicht ausschließlich in deren Händen liegt. Oftmals erwarten Mitarbeiter von ihrem Arbeitgeber, dass er ihnen ein Rundum-Sorglos-Paket bietet und vergessen darüber, dass sie auch selbst dafür verantwortlich sind, dass sie in ihrem Job zufrieden sind.

Kathleen: Das klingt im erste Moment hart, ist aber wichtig zu verstehen. Beispielsweise, wenn es um die Verantwortung für die eigene Karriere geht. Viele vergessen, dass nicht das Unternehmen allein für die eigene Weiterentwicklung im Job verantwortlich ist, sondern in erster Linie man selbst. das Unternehmen sollte lediglich die richtigen Rahmenbedingungen bieten, in denen sich der Mitarbeiter optimal entfalten und wachsen kann. Wenn man sich im Hamsterrad wiederfindet, sollte man sich dringend selbst hinterfragen und herausfinden, wofür man eigentlich brennt und mit welchen Werten man sich identifiziert. Wir machen heute in der Regeln nicht mehr 40 Jahre lang ein und denselben Job, sondern sind ständig im Wandel.

Dieser Wandel, der Vielen Angst macht, kann also auch als Chance gesehen werden, weil sich unsere Persönlichkeit und unsere Interessen schließlich auch weiterentwickeln?

Kathleen: Genau. Wenn ich zum Beispiel weiß, dass ich mich im Privaten gerne mit digitalen Themen beschäftige, spricht nichts dagegen, das im Unternehmen durchblicken zu lassen und hier in einer Sparte mitzuwirken, die vielleicht nicht meiner Kernkompetenz entspricht, mich aber mit Freude erfüllt. So etwas kann der Chef aber nicht erahnen, sondern man muss schon selbst in Bewegung kommen.

Larissa: Wann reflektieren wir uns schon und gehen unseren Wünschen und Vorstellungen genauer auf den Grund? Ich wünschte, Schüler würden bereits eingehend mit der Frage konfrontiert, wie sie sich ihr Leben vorstellen, was sie erfüllt, wofür sie wirklich brennen. Zu oft werden diese Fragen vernachlässigt und es heißt bloß, mit dem Abitur in der Tasche stünden einem alle Wege offen. Das klingt verlockend, aber was will man mit all diesen Wegen anfangen, wenn man nicht weiß, welchen man wirklich gehen möchte? Viel Auswahl birgt auch die Gefahr viel falsch zu machen. Das gilt für den Schulabgänger genauso wie für jeden Menschen, der mitten im Arbeitsleben steht. Zwischendurch immer mal innehalten und reflektieren ist in jeder Lebensphase wichtig.

Sobald wir uns unwohl fühlen, heißt es heute schnell „Du hast zu viel Stress“. Wird die Diagnose "Stress“ eurer Meinung nach zu inflationär gebraucht?

Kathleen: Wenn ich mir die Zahlen diverser Stress-Studien anschaue, auf keinen Fall. Stress ist ein riesiges Problem unserer Zeit. Natürlich kann Stress auch positiv sein. Aber selbst dieser anfänglich als beflügelnd wahrgenommene Stress schlägt auf Dauer um und überfordert uns und unseren Körper. Unsere Gesellschaft hat schlichtweg verlernt Pausen zu machen. Dabei ist es mit unserer Psyche ähnlich wie beim Sport. Auch hier brauchen wir Pausen – nicht nur, damit unser Körper regenerieren, sondern auch damit sich die Muskulatur überhaupt erst entwickeln kann.

Folgendes Beispiel: Ich habe zu viel Arbeit auf dem Schreibtisch liegen, fasse mir ein Herz und sage meinem Chef, dass ich mein Pensum nicht mehr schaffe. Er lenkt ein, verteilt die Arbeit um. Aber anstelle mich weniger gestresst zu fühlen, habe ich nun Stress bei dem Gedanken daran, der Chef könne mich für nicht belastbar, zu langsam oder vielleicht sogar für faul halten. Wie schafft man den Weg aus einer solchen Gedankenspirale heraus?

Larissa: Erst einmal solltest du dich in so einer Situation selbst feiern, weil du den Mut hattest, es überhaupt anzusprechen. Du hast den Mund aufgemacht und das allein ist schon mal ein Grund, sich auf die Schulter zu klopfen. Wer trotzdem nicht aus einer solchen Gedankenspirale herausfindet, sollte sich einmal Papier und Stift nehmen und aufschreiben, was zu dieser Entscheidung geführt hat. Meist wird man sehr schnell feststellen, dass man weder faul, noch grundlos überfordert ist, sondern gute Gründe hatte, so zu reagieren. Aufschreiben hilft hier ungemein.

Kathleen: Hab außerdem Vertrauen in deinen Chef, der sicherlich nicht aus Mitleid heraus handelt. So funktioniert Wirtschaft nämlich nicht.

Larissa: Oft hilft auch die Vorstellung, eine gute Freundin würde einem exakt diese Situation schildern und nach der eigenen Meinung fragen. Würden wir da nicht auch viel milder urteilen als bei uns selbst?

Was stresst unsere Gesellschaft eurer Meinung nach derzeit eigentlich am meisten? Ist es der Job, die Familie, Selbstverwirklichungswahn, Perfektionismus im Alltag, …?

Kathleen: Es ist letztlich eine Mischung aus all den genannten Punkten. Im Grunde sind es all die Dinge, die Angst in uns auslösen. Perfektionismus und der Drang nach Selbstverwirklichung nehmen hier noch einmal einen ganz besonderen Stellenwert ein, denn hier wird ganz oft mit unserer Angst gespielt. Es nützt nichts, sich stundenlang durch den Feed bei Instagram zu scrollen und neidisch auf die Errungenschaften anderer zu sein, wenn der Großteil davon gar nicht zu den eigenen Zielen passt. Wir denken häufig, wir müssten überall mitmischen und trauen uns leider nicht, uns selbst kennenzulernen und eigene Ziele zu formulieren. Innovationen entstehen aber nicht, indem man andere nachahmt, sondern man muss sich trauen, sein eigenes Ding zu machen.

Da fallen mir gleich diese Bucketlists ein, die überall im Netz kursieren. Beispielsweise „30 things to do before you turn 30“. Unter anderem stehen dort Punkte wie „einen Marathon laufen“, „in einem anderen Land leben“ oder „ein Business starten“. Wie schafft man es zu differenzieren zwischen sinnvollen, erfüllenden Zielen, die wirklich zum eigenen Leben passen und völlig überzogenen Erwartungen, die wir bloß meinen erfüllen zu müssen?

Larissa: Die Sache mit dem Marathon ist ein typisches Beispiel, das ich aus meiner eigenen Erfahrung kenne. Dieses Ziel hatte ich auch einmal für mich formuliert, nach vier Wochen Training entnervt aufgegeben und mir geschworen, nur noch Ziele zu verfolgen, die mich auch wirklich erfüllen. Im Grunde ist es mir völlig gleichgültig, ob ich einen Marathon laufe oder nicht. Man sollte beim Finden seiner Ziele genau auf seine körperliche Reaktion achten. Erfüllt einen der Gedanke an das Ziel und den Weg dorthin mit Unbehagen oder Gleichmut, ist es wahrscheinlich nicht das richtige. Bekommt man beim Visualisieren Gänsehaut und fühlt sich "wie in den Startlöchern", ist es höchstwahrscheinlich goldrichtig.

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