Psychische Gesundheit im Job

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Stress am Arbeitsplatz © Dominika Roseclay / pexels.com

Psychische Gesundheit am Arbeitsplatz Psychische Probleme – ein Tabuthema bei der Arbeit?

Über mentale Gesundheit wird am Arbeitsplatz meist geschwiegen. Warum es jedoch so wichtig ist darüber zu sprechen und wie es gelingt präventiv zu handeln

Besonders in den letzten Monaten, angetrieben von Corona, Lockdowns und Homeoffice, wurde psychische Gesundheit mehr denn je thematisiert. Wir sprechen mit unseren Freundinnen über Einsamkeit, wir bejubeln Promis wie Nora Tschirner, die offen über ihre Depressionserfahrungen berichten, und folgen auf Instagram Hashtags wie “#mentalhealth“.

Doch es gibt einen Bereich, in dem das Thema „psychische Gesundheit“ immer noch ein Tabuthema ist: Die Arbeitswelt. Dabei ist es gerade hier besonders wichtig, darauf zu achten, dass bei all dem Stress die Seele keinen Schaden nimmt.

Psychische Gesundheit am Arbeitsplatz: Die größten Stressfaktoren

Burnout im Job
Burnout ist keine Seltenheit. Am Arbeitsplatz spricht aber kaum jemand darüber.
© Nataliya Vaitkevich / pexels.com

Egal, ob Erzieherin, Handwerkerin, Beamtin, Journalistin oder Unternehmensberaterin, egal ob fest angestellt oder selbstständig, ob in Teilzeit oder Vollzeit: Jeder Job bringt Stress mit sich. Aber manchmal ist dieser Stress einfach zu viel, manchmal entwickelt er sich zu einer untragbaren Last, stürzt dich in ein tiefes Loch oder raubt dir jeden Antrieb.

Eine Studie der Pronova BKK von 2018 zeigt, dass sich die Hälfte der befragten Arbeitnehmenden von einer Burnout-Erkrankung bedroht fühlten, und das noch ohne Corona. Als häufigste Stressfaktoren gaben die Befragten Termindruck, emotionalen Stress, Überstunden, schlechtes Betriebsklima und äußere Einflüsse am Arbeitsplatz an.

Die Broschüre „Burnout“ des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie in München listet verschiedene Risikofaktoren innerhalb des Arbeitslebens auf, die eine Burnout-Erkrankung begünstigen können. Dazu gehören Arbeitsüberlastung, Zeitdruck, unerreichbare Ziele, Mangel an Eigenverantwortung, fehlende Wertschätzung, Mangel an Gemeinschaft und Fairness, Wertekonflikte und unscharfe Grenzen zwischen Arbeits- und Privatleben. Wahrscheinlich hat sich jede von uns bei mindestens einem dieser Faktoren ertappt gefühlt, oder?

Warum ist die psychische Gesundheit im Job immer noch Tabuthema?

Selfapy
Nora Blum und Katrin Bermbach gründeten "Selfapy" - eine App, die bei psychischer Belastung hilft
© Selfapy

Stress und psychische Belastung am Arbeitsplatz sind also ganz eindeutig keine Seltenheit – im Gegenteil. Die Gesundheitsorganisation WHO bestätigt Stress als eine der größten Gesundheitsgefahren unserer Zeit. Laut Bundesgesundheitsministerium haben gut 15 Prozent aller Krankmeldungen psychische Ursachen – die Dunkelziffer ist sicherlich um einiges höher.

Denn obwohl wir wissen, wie verbreitet Stress und psychische Belastung gerade im Arbeitskontext sind, sprechen wir viel zu wenig darüber. „Wir haben aktuell in einer Studie gemeinsam mit LinkedIn verschiedene Führungskräfte befragt und es ist unglaublich: Zum einen hat man das uneingeschränkte Verständnis dafür, dass psychische Erkrankungen und Belastungen jeden treffen können und trotzdem hat die Mehrheit das Gefühl, dass man darüber nicht reden kann oder darf“, sagt die Psychologin Nora Blum.

Gemeinsam mit Katrin Bermbach hat Nora „Selfapy“ gegründet, eine App, die mit den Methoden der kognitiven Verhaltenstherapie bei psychischer Belastung hilft, zum Beispiel, während Menschen auf einen Therapieplatz warten. Denn diese Wartezeit beträgt in Deutschland im Schnitt 5 Monate. „Und das, obwohl wir hier ein gutes Gesundheitssystem haben. Stell dir mal vor, man würde 5 Monate auf einen Termin warten müssen, wenn man akute Zahnschmerzen hätte!“, sagt Nora Blum.

Selfapy ersetzt trotz psychologischer Begleitung in den meisten Fällen keine Therapie, hilft aber, den Weg dorthin zu vereinfachen. Denn psychische Erkrankungen werden in unserer Gesellschaft immer noch stigmatisiert, besonders im Arbeitskontext. „Im Gegensatz zu einer Wunde oder einem Gips sieht man psychische Erkrankungen nicht. Und das Thema wird immer noch mit Schwäche assoziiert, ist mit Scham belastet. Dieses Gefühl von ‚ich bin nicht gut genug‘ – das passt eben nicht in unsere Leistungsgesellschaft“, erklärt die Selfapy-Gründerin.

Karriere und Führungspositionen neu definieren

Job Gespräch
Um psychische Erkrankungen am Arbeitsplatz zu vermeiden, ist Kommunikation notwendig.
© Christina Morillo / pexels.com

Die Studie von Selfapy und LinkedIn zeigt auch, dass Betroffene Angst vorm Karriere-Aus haben. Und das ist wahrscheinlich etwas, das viele nachvollziehen können: Den Wunsch, schnell weiter und höher zu kommen, der oft auf Kosten der eigenen Gesundheit geht. Wobei das Bild der klassischen Karriere sicherlich längst auch einmal hinterfragt gehört.

Denn was ist das schon: Karriere? Viel Geld, viel Verantwortung, Führungspositionen? Oder vielleicht einfach genau das zu machen, was den eigenen Prioritäten entspricht, so idealistisch das auch klingen mag? Nora Blum jedenfalls ist eine, deren Karriere gerade so richtig läuft: Die Selfapy-Kurse gibt es mittlerweile auf Rezept – die Kosten werden von allen gesetzlichen Krankenkassen übernommen und bieten vielen Menschen wertvolle Hilfe.

Aber auch Nora als Mental Health-Expertin ist vor Stress und psychischer Belastung nicht gefeit. Sie hat etwas, das in dieser oft sehr abstrakten Debatte selten ist: Einen ganz praktischen Tipp. „Ich habe seit einiger Zeit einen Coach an meiner Seite, eine Psychotherapeutin, mit der ich mich alle 2 Wochen hinsetze und über meine Arbeit und meine Gesundheit spreche. Ich wünsche mir, ich hätte diese Entscheidung schon viel früher getroffen und finde: Jede Führungskraft braucht so jemanden! Therapie ist immer eine gute Idee, nicht erst dann, wenn man schon erkrankt ist.“ Denn am Ende sind es natürlich die Führungskräfte und Unternehmen selbst, die die Richtung weisen.

Warum "darüber reden" so wichtig ist

Wer in einem Umfeld arbeitet, in dem psychische Belastung verschwiegen und stigmatisiert wird, schweigt selbst. Das Gefühl, nicht über das Thema sprechen zu können, verstärkt die psychische Belastung noch: Ein Teufelskreis. „Offenheit von Unternehmensseite her hat nur Vorteile“, findet Nora Blum.

Denn das Verschweigen beseitigt ja das Problem nicht. "Die Betroffenen melden sich dann eben mit körperlichen Beschwerden krank, die Stigmatisierung erhöht noch den Druck. In diesem Fall sind sie länger krank, wechseln den Job oder arbeiten mit weniger Leistung oder unter mehr Belastung weiter, bis sie im schlimmsten Fall ganz ausfallen – alles schlecht fürs Unternehmen. Wird das Thema dagegen offen angesprochen, ist die Chance höher, dass Mitarbeitende früh Hilfe bekommen und schneller wieder gesund werden.“

Laut Nora Blum wird es auch immer wichtiger, dass Unternehmen auf individuelle Bedürfnisse ihrer Angestellten eingehen. Manche lieben es etwa, im Homeoffice ganz flexibel arbeiten zu können, andere brauchen die Struktur und Arbeitsumgebung eines Büros. „Das ist zwar eine hohe Anforderung an Unternehmen, aber sie wollen doch die besten Talente anziehen. Und eine gesunde Arbeitsatmosphäre entsteht dann, wenn jeder so arbeiten kann, wie es für ihn oder sie am besten ist.“

Reflektion und Routinen für die Psyche

Pause machen
Routinen und Micro Habits helfen den Arbeitnehmenden sich vor Überlastung zu schützen. Pausen sind wichtig!
© Tara Winstead / pexels.com

Mehr Offenheit, Sensibilität und Wertschätzung von Unternehmensseite, mehr Reflektion und eigene Achtsamkeit für sich selbst, das ist natürlich einfacher gesagt als getan, aber ein guter Anfang. Doch ist es überhaupt möglich, auf gesunde Art Karriere zu machen? Eine Frage, bei der auch Nora Blum kurz überlegen muss. „Ich glaube, es ist möglich – aber es ist sehr schwer“, gibt sie dann zu.

„Typische Karrieremenschen haben oft eine Persönlichkeitsstruktur, mit der sie immer mehr wollen, die sie immer weiter pusht. Das ist natürlich gut, weil es sie dahin bringt, wo sie hinmöchten. Aber das bringt auch viele negative Aspekte mit sich. Man setzt sich selbst stark unter Druck, die Psyche ist belastet und im schlimmsten Fall endet das im Burnout. Ich glaube, man muss wirklich gut auf sich selbst aufpassen und sich viel mit dem Thema auseinandersetzen. Immer mal wieder reflektieren: Wie gestresst bin ich gerade? Macht mir das, was ich tue, noch Freude?“

Diese kleinen Tipps können der Psyche helfen, zur Ruhe zu kommen

Gemeinsam mit ihrer Therapeutin hat Nora kleine Routinen, sogenannte Micro Habits, eingeführt, die ihrer Psyche guttun. Das können winzige Dinge sein, die einen riesigen Effekt haben:

1. Die ersten 30 Minuten des Tages ohne Handy verbringen.

2. Einen Wecker kaufen, anstatt das Smartphone für alles zu nutzen.

3. Ein Dankbarkeitstagebuch führen.

4. Jeden Tag 15 Minuten Yoga machen, meditieren, sich mit einer ausgiebigen Skincare-Routine verwöhnen.

5. Jeden Abend die 3 schönsten Momente des Tages notieren.

Diese kleinen Achtsamkeitsrituale klingen oft banal, sie können aber genau das sein, was wir brauchen, um regelmäßig innezuhalten und zu reflektieren, wie es uns gerade geht.

Psychische Belastung im Job ist weder Schwäche noch Stigma. Wenn deine Karriere dich kaputtmacht, bringt sie dich nicht voran. Thematisiere deine Probleme bei deinen Vorgesetzten, hinterfrage regelmäßig deine Ziele und etabliere gesunde Gewohnheiten als Ausgleich.

Wer akute psychische Probleme hat, sollte sich möglichst schnell professionelle Hilfe suchen. Erste Unterstützung findet man zum Beispiel bei der Telefonseelsorge (0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222) oder beim ärztlichen Bereitschaftsdienst (116 117).

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