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  • Selbstoptimierung

Du musst nicht immer besser werden! Du bist gut genug!

Schön genug? Schlau genug? Stark genug? Von überall schallt es: „Du kannst besser werden!“ Doch wer sich ständig in Frage stellt, perfektioniert am Ende nur die Unzufriedenheit

Eigentlich müsste man mal … Kennst du diesen Satzanfang auch so gut? Mich begleitet er wie ein Mantra. Nervt. Treibt mich vor sich her. Weil mir ständig auffällt: Ich könnte mal das kochen (gesünder), dies kaufen und anziehen (schöner), jenes erleben (interessanter), den Sport ausprobieren (fitter), dieses im Job besser machen (souveräner). Aber: Ich kriege nur Bruchteile von all dem hin.

Statt Stress zu nehmen macht mir dieses „Besserwerden“ nur mehr Druck. Und weißt du was? Mir geht das schlechte Gewissen auf den Zeiger. Denn schon ein oft verwendetes Zauberwort ist fies: „einfach“. Ich kann es nicht mehr hören. Denn eines ist Perfektion bestimmt nicht: easy zu erreichen. Deshalb ist es mein Ziel, zu überlegen, wie in meinem Leben weniger „Man müsste mal“ und dafür mehr „Was ist wirklich wichtig?“ stattfinden kann. Denn die Selbstoptimierung hat Grenzen, was Ziele, Erreichbarkeit und Vorbilder betrifft.

Sollten wir aufhören an uns selbst zu arbeiten?

Nicht ganz. Denn eines bleibt zur Ehrenrettung des „Immer besser“ bestehen: „Im Grunde ist der Antrieb gut, vollkommen mit sich zufrieden sein zu wollen“, sagt Vivi­an Jückstock vom Zentrum für Psychosoziale Medizin der Uniklinik Hamburg-Eppendorf. Der Wunsch nach Vollkommenheit ist eine wichtige Triebfeder für die Entwicklung von Ego und Menschheit. Andernfalls würden alle nur noch auf dem Sofa sitzen und sich den Bauch kraulen.

Die Psychologin erklärt: „Laut psychoanalytischem Modell erleben wir als Kinder zunächst das Gefühl, ohne Bedingung richtig zu sein.“ Doch die Realität belehrt uns bald eines anderen: Wir erfahren schmerzlich, dass wir weder perfekt noch der Mittelpunkt der Welt sind. Schade eigentlich. „Dennoch bleibt die Sehnsucht, das makellose Ich-Ideal wiederzuerlangen. Das ist jedoch unmöglich.“ Denn das kontrollierende Über-Ich (in dem verinnerlichte Antreiber, Regeln und elterliche Merksätze gespeichert sind) spornt uns an, überwacht die Annäherung jedoch kritisch. Und genau in diesem Spannungsfeld liegt die Selbstoptimierung.

Woher kommt der ständige Drang zur Selbstverbesserung?

Selbstoptimierung ist eigentlich ein alter Hut: „Schon bei den Philosophen der griechischen Antike und in vielen Weltreligionen geht es darum, das Beste aus sich zu machen“, sagt die Münchener Philosophin Rebekka Reinhard („Die Sinn-Diät – Warum wir schon alles haben, was wir brauchen“). Was ist heute anders? „Dass das Augenmerk auf Äußerlichkeiten wie Status oder dem Körper liegt und nicht auf moralischen Werten.“

Aus philosophischer Sicht ist Reinhard zufolge die Suche nach Sinn das ideale Korrektiv gegen übersteigerte Selbstoptimierung: „Natürlich sind ein fitter Körper und gutes Aussehen wunderbar. Aber das kann nicht alles im Leben sein.“ Vielleicht ist es genau das, wenn du spürst, dass etwas fehlt. Die Philosophin rät, den Blick auf andere zu richten: „Statt zu fragen ,Was kann ich für mich tun?‘ solltest du etwas für andere tun, eine Sache voranbringen. Das ist es, was glücklich macht.“

Selbstoptimierung wird schnell zur Selbstausbeutung

Frauen sind super. Ja! Sie schaffen alles. Ja! Frauen sind perfekt – aber auch perfekte Opfer der Selbstüberschätzung. „Wir sind Perfektionistinnen in jedem Bereich: Frauen sind lieb, sehen gut aus, sind sexy, tun alles für die Familie und leisten inzwischen auch im Beruf alles“, so Reinhard.

Zwei Probleme dabei: Es ist unmöglich, das alles zu schaffen. Zum anderen sitzen viele Frauen damit oft einem wenig reflektierten Frauenbild auf, das uns eine permanent lächelnde Oberfläche und emsige Betriebsamkeit aufzwingt. „Sehr archaisch und ein wenig wie in den 50er-Jahren“, kommentiert Reinhard. „Wir sollten uns schütteln, um uns von falschen Vorbildern loszureißen, die uns nur dazu bringen, uns immer mehr selbst auszu­beuten.“

Damit du das nicht falsch verstehst: „Für dein Lieblingsprojekt, deine Leidenschaft ist gesunder Perfektionismus angebracht“, sagt Krengel. Für den Rest reicht Sparflamme – oder eine bewusste Entscheidung, in was du deine Kräfte investierst.

Persönlichkeitsentwicklung ist nicht "einfach"

Eine häufige Selbstoptimierungsfalle ist die Ein-Klick-Mentalität. Warum ein Klick? Weil heute fast alles im Leben nur einen Klick entfernt zu sein scheint. Das schöne Kleid? Klick, schon bestellt. Eine Frage? Return, schon beantwortet. „Wir leben in einer Zu-viel-Gesellschaft, in der uns die mobilen Medien in einen ständigen Strom der Aufmerksamkeit und Rastlosigkeit ziehen“, sagt Selbstmanagement-Experte Dr. Martin Krengel, Autor des Ratgebers „Golden Rules“.

„Im Internet entsteht das Gefühl, alles sei sofort möglich: die Anleitung zum Häkeln, das Tutorial für das Grafikprogramm – nur durchklicken, dann hat man’s drauf.“ Dem hat sich das Bild von Persönlichkeitsentwicklung angenähert.

Ich merke oft, dass ich verniedliche, wie viel Zeit und Schweiß es braucht, auch nur ein einziges Ziel, das im Leben etwas bewegt, zu erreichen. Streiche darum das Wort „einfach“, wo immer du es siehst. Und wenn du liest, wie scheinbar leicht jemand ein Ziel erreicht hat – hinterfrage, wie lange das wirklich gedauert hat.

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Mrs. Perfekt? Fühlt sich total zerrissen

Du kennst es sicher auch aus Filmen und Ratgebern: Alles geht, du musst es nur wollen. Die Umwelt suggeriert dir, dass du dich in jede Richtung entwickeln kannst: Schokolade genießen und gertenschlank sein oder gründlich lernen und bis in die Morgenstunden tanzen.

Ich ertappe mich dabei, dass ich jedes Mal schwer beeindruckt bin von jedem Hinweis und Tipps von Experten, dass ich Neues aus der Forschung sofort umsetzen, Produkte testen, einen neuen Style probieren will. Zielkonflikt? Ach was. „Das führt dazu, dass viele irgendwann nicht mehr wissen, wem sie es recht machen sollen, und sich zerrissen fühlen“, so Psychologin Jückstock.

Dazu kommt das Gefühl, dass du nur aus Fehlern bestehst. Die Zerrissenheit kann so weit führen, dass man nichts mehr richtig macht und der „What the hell“-Effekt zuschlägt: „Er wurde für Diäten untersucht und tritt ein, wenn man ein Motivationstief hat und aus Frust einmal sündigt“, erklärt Krengel. „Dann denkt man leicht, jetzt sei es ganz egal – und schlägt erst richtig zu.“ Die Lösung: das große Ganze sehen. „Das gesunde, erwach­sene Ich wählt, was richtig ist, sich gut anfühlt und machbar ist“, so Jückstock.

Kraft, Zeit, Geld und Talent sind nämlich endlich, auch wenn du das nicht wahrhaben willst. Häufig wird dir sogar ein schlechtes Gewissen gemacht, damit du etwas nicht ablehnst: „Die Botschaften geben uns oft das Gefühl, dass wir selbst schuld sind, wenn wir einen Rat nicht befolgen.“ Bestes Beispiel: Du verpasst den Sale, wie dumm von dir. Dabei will dir jemand bloß etwas aufdrängen, woran er verdient.

„Beschränke dich für jeden Grundbaustein deines Lebens wie Persönlichkeit, Körper oder Berufliches auf nur ein einziges Ziel, und das langfristig“, ist Krengels Empfehlung. Er nimmt sich regelmäßig Auszeiten, um fein zu justieren, mit Stift und Block an einen ruhigen Platz.

Bildliche Vorbilder verhindern das „beste Selbst“

Die einzelne schöne Frau, der glückliche Promi auf dem Foto sind nicht das Problem. Sondern das Gefühl, dass wirklich ist, was du etwa in sozialen Netzwerken siehst: „Wir leben in einer Kultur der Bilder, und die sind machtvoller als jedes Argument“, so Reinhard. Darum ist es auch so schwer, sich frei zu machen von den Eindrücken.

Jeder weiß ja eigentlich, wie irreal die Bilderwelt ist: inszenierte Momentaufnahmen. Lustig: Eigentlich siehst du ja im Alltag um dich herum jeden Tag, wie Frauen wirklich aus­sehen, wie Menschen leben (und auch nicht alles schaffen). Als Baby wurdest du für jede einzelne Falte geliebt, heute gibt es viele, die sich mit ganz normalen persön­lichen Merkmalen nicht anfreunden können.

Kommt noch hinzu, dass du nie so gut werden kannst wie bildliche Vorbilder. Es ist sowieso nicht schlau, sich ein fremdes Vorbild zu nehmen, meint Martin Krengel: „Denke nie ,Ich will werden wie der- oder diejenige.‘ Es ist besser zu fragen: ,Wie wäre die beste Anna/Sandra/Kathi in ein paar Jahren? Und wo erlebe ich an mir – und nicht im Vergleich mit anderen – einen echten Mangel?‘ Nur der ist es wert, sich damit zu befassen.“ Ansonsten bist du, Anna/Sandra/Kathi, wirklich schon gut genug.

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3 Tipps gegen den Selbstoptimierungswahn

So nimmst du den Druck raus:

1. Setze einen klaren Fokus

Nichts stresst mehr, als sich zu viel vorzunehmen. „Beschränke dich auf 2 bis 3 Themen, die du ver­bes­sern willst“, so Zeitma­nagement-Coach Krengel. Konzentriere dich nur darauf. Alles andere steht im nächsten halben Jahr hinten an. Stimme deinen Wochen- und Tagespläne darauf ab. „Frage dich öfter, ob die aktuellen To-dos zu deinen Zielen passen.“

2. Schreibe eine Not-to-do-Liste

Es gibt sogar Fastenkalender gegen zu viel Perfektion. Julia Warkentin, Autorin des Ratgebers „7 Wochen ohne Überforderung“ (Neukirchener, um 9 Euro), rät zum bewussten Abschied von Aufgaben. „Mach ab und zu eine Not-to-do-Liste mit Projekten, Einladungen, Aufgaben, die du nicht annehmen möchtest.“ Dann fällt Ablehnen leichter.

3. Nimm dich selbst so an wie du bist

Eigentlich wollen wir ja zufrieden sein mit uns. Verbesserung hilft nicht immer, mach lieber Frieden mit dem, was ist. Das japanische Wabi-Sabi-Prinzip besagt, dass das Unvollkommene zu wahrer Schönheit führt. Wenn du aufhörst, dich zu kritisieren, sagst du dir selbst: ,Ich akzeptiere mich so, wie ich bin.‘ Das beruhigt.

Es spricht nichts dagegen, an sich selbst zu arbeiten. Im Gegenteil: Selbstreflektion und Persönlichkeitsentwicklung helfen uns dabei, ein zufriedeneres Leben zu führen. Wenn die Optimierung allerdings zum Zwang wird, erinnere dich daran: Du bist genug.

Text: Christiane Kolb

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