Selbstliebe: Wie liebt man sich selbst?

Find your soul
© Stefaniya Gutovska / Shutterstock.com

Selbstliebe Wie du lernst, dich selbst zu lieben

Alle sagen, du sollst dich so annehmen, wie du bist. Aber so einfach ist das gar nicht. Außerdem stellt sich die Frage: Brauchen wir wirklich noch mehr Selbstliebe in einer Gesellschaft voller Selbstdarsteller?

Liebe dich selbst! Akzeptiere deine Schwächen! Umarme dein inneres Kind! All das steht heute in vielen Ratgebern. Selbstliebe lautet das Wort der Stunde – und zugegeben, das klingt toll und nach „Will ich auch“.

Aber wie um alles in der Welt sollst du dich selbst lieben, während du im Netz ständig über tolle Menschen mit traumhaft schönen Leben stolperst? Leute, die dir suggerieren, dass so ein normales Durchschnittsdasein etwas sei, wofür du dich schämen musst? Ist bedingungslose Selbstliebe da nicht ein bisschen viel verlangt?

Was ist Selbstliebe überhaupt?

Selbstliebe. Eigentlich ganz einfach: Das eigene Selbst so lieben, wie es ist. Uneingeschränkt, mit allen Makeln und Fehlern, an guten wie an schlechten Tagen. So, wie man das eben macht, mit Menschen, die man liebt! Man kann ihnen ruhig mal böse sein oder sich über sie ärgern, aber am Ende des Tages liebt man sie eben trotzdem. Oder gerade deswegen.

Doch beim eigenen Selbst fällt das mit dem "alle Makel und Fehler" annehmen leider gar nicht leicht. Zu hoch der Anspruch! Und zu sehr strahlt dir die künstliche Makellosigkeit ins Gesicht, von der einige dir weismachen wollen, sie existiere wirklich. Du musst doch nur ein klitzekleines bisschen in deine Selbstoptimierung investieren und schwupps - schon gehörst du dazu, zum erlesenen Kreis der Schönen und Begehrenswerten. Du hast es also selbst in der Hand, ob du schön und sexy bist. Wenn du nicht mitmachst, bist du halt selbst Schuld! Na ganz toll! So klappt das mit der Selbstliebe natürlich nicht.

Warum fällt Selbstliebe so schwer?

Fakt ist: Inzwischen belegen etliche Studien, dass der permanente Vergleich mit anderen unglücklich macht und dein Selbstbild in Mitleidenschaft zieht. Wissenschaftler*innen des dänischen Happiness Research Institute beispielsweise sagen: Wer sich Tag für Tag durch die Postings von Freund*innen, Kolleg*innen und Celebrities in sozialen Netzwerken scrolle, sei am Ende neidisch und fühle sich unzulänglich. Frei nach dem Motto „Hey Loser-Ich, warum sitzt du nicht am Strand und schlürfst Cocktails wie deine Nachbarin mit der tollen Wohnzimmereinrichtung?“ Am Ende der Timeline stünde die ernüchternde Erkenntnis, dass alle ein cooles, aufregendes Leben hätten, nur man selbst eben leider nicht.

Wo aber liegt der Unterschied zwischen gesunder Selbstliebe und dem völlig übersteigerten Glorifizieren der eigenen Person? Immerhin sprechen nicht wenige Wissenschaftler*innen inzwischen von einem „Zeitalter der Narzisst*innen“, in dem sich bereits Heranwachsende grenzenlos selbst feiern und in Szene setzen.

Selbstbliebe nicht mit Selbstverliebtheit verwechseln!

„Narzissmus ist eine auffällige Selbstverliebtheit und übertriebene Selbstbezogenheit“, erklärt Anne Heintze, Therapeutin und Gründerin der Open Mind Akademie. „Narzisstische Menschen befassen sich vor allem mit sich selbst und interessieren sich nicht für andere. Sie überschätzen sich maßlos und haben eine überzogene Anspruchshaltung.“

Selbstliebe hingegen sei das Annehmen der eigenen Persönlichkeit, die Akzeptanz dessen, was und wie wir sind. „Selbstliebe bedeutet, sich selbst zu vertrauen, sich selbst zu achten und den eigenen Wert schätzen zu lernen. Selbstakzeptanz spielt dabei eine entscheidende Rolle“, so Heintze.

Über sich selbst zu lachen kann auch klein machen

Die genaue Definition der Gratwanderung zwischen Selbstliebe und Selbstkritik ist auch aus einem anderen Grund wichtig: Offenbar teilen heutzutage sehr viele Frauen die Sorge, selbstverliebt rüberzukommen oder gar als narzisstisch abgestempelt zu werden. Ein Beispiel: Die britische Linguistikexpertin Judith Baxter von der Aston University in Birmingham fand in einer Studie heraus, dass Männer in 90 Prozent der Fälle Witze auf Kosten anderer machen. 70 Prozent der Frauen ziehen dagegen immer nur sich selbst durch den Kakao.

„So absurd es klingt, dieser Negativ-Talk soll eigentlich positiv wirken“, erklärt Persönlichkeitscoach Kim Fleckenstein. Hört sich im ersten Moment vielleicht paradox an, ist aber evolutionär in uns verankert. Im Laufe der menschlichen Entwicklung waren Männer lange Zeit auf den Wettbewerb mit anderen gepolt, Frauen hingegen hatten schon immer einen stärker ausgeprägten Gemeinschaftssinn. Für sie ist es – offensichtlich bis heute – wichtig, wenig bedrohlich auf andere zu wirken und eine möglichst große Community um sich herum aufbauen zu können. Wer andere hinter die Fassade schauen lässt („Ich war wirklich noch nie gut darin, eine Präsentation zu halten“), reißt damit Mauern ein und wirkt liebenswert.

Ganz schön blöd manchmal, die Evolution. Denn in diesem Punkt macht sie uns das Leben leider unnötig schwer. Wenn wir uns die Ergebnisse einer Selbstliebe-Umfrage (Women’s Health International) anschauen, glauben nämlich 67 Prozent der befragten Frauen, dass Menschen, die sich selbst lieben, auch von anderen positiver wahrgenommen werden. Gerade einmal 3 Prozent finden, dass Menschen, die sich selbst annehmen und lieben, arrogant wirken. Und 77 Prozent gaben an, noch nie von anderen Menschen selbstverliebt genannt worden zu sein. Ergo: Sich selbst zu lieben ist kein Verbrechen, sondern macht obendrein auch noch sympathisch.

Sich selbst lieben – wie geht das denn jetzt eigentlich?

Zugegeben, es gibt kein Patentrezept, das es ganz easy macht, sofort tief in sich zu ruhen und Liebe aus jeder Pore zu verströmen. Aber es gibt ein paar kluge Tipps, die all denjenigen den Weg ebnen können, deren Selbstliebe-Level noch einen kleinen Schubs nach oben vertragen könnte. Also: Nur Mut – du bist toll!

1. Hör auf, dich zu vergleichen

Diese ganze Selbstinszenierung auf Instagram & Co. wird dir manchmal zu viel? Dann entfolge einfach den Personen, die dir ein ungutes Gefühl vermitteln. Sei es, weil du spürst, wie Neid in dir aufkommt oder Wut auf dich selbst, weil du vielleicht nicht so einen tollen trainierten Körper hast. Vergleiche mit Promis hinken, da das Bild, das sie im Netz vermitteln a) oft nicht ganz echt ist und b) nicht automatisch erstrebenswerte Ziele darstellt.

Selbsliebe ohne vergleichen
67 Prozent glauben, dass Menschen, die sich selbst lieben, auch von anderen positiver wahrgenommen werden
© Jonathan Borba / unsplash.com

2. Strebe nicht nach Perfektion

Du musst nicht perfekt sein. Weder für dich noch für andere. Oder erwartest du von deinem Umfeld immer 100 Prozent? Wahrscheinlich nicht, weil du weißt, dass es das nicht gibt. Warum bist du dann so streng mit dir selbst? Lieber locker lassen getreu dem Motto: „Perfect is boring, human is beautiful!“

3. Trau dich mal etwas

Was wolltest du schon immer tun, hast es aber bislang auf die lange Bank geschoben? Egal, um welche Herausforderung es sich letztlich handelt – geh es an, stecke all deine Kraft und dein Herzblut hinein und koste am Ende das nicht zu unterschätzende Gefühl aus, dein Ziel erreicht zu haben!

4. Stapel nicht so tief

Egal ob im Lebenslauf oder beim Onlinedating-Profil: Stell dein Licht nicht unter den Scheffel. Du bist jemand, du kannst was, und das darf ruhig jeder wissen. Und hör bitte sofort auf, dich selbst runterzuputzen. Sätze wie „Nie mache ich was richtig“ streichst du am besten sofort aus deinem Repertoire. Push dich stattdessen lieber, und lob dich häufiger mal.

5. Kümmere dich um dich selbst

Dazu zählt, dass du häufiger mal Nein sagst, ohne eine Erklärung hinterherzuschieben. Du fühlst dich nicht gut und brauchst Zeit für dich? Dann sag es, und erfinde keine Ausreden. Hör auf dich und deinen Körper. Auch das ist Selbstliebe.

6. Sei die, die du sein willst

Manchmal können wir uns auch deshalb nicht besonders leiden, weil wir einen Lebensweg eingeschlagen haben, der nicht unserer ist. Dann stellen wir plötzlich fest, dass wir im falschen Job sind oder mit dem falschen Mann leben. Und jetzt? Alles umwerfen, alles neu machen? Die unbequeme Antwort lautet: Wahrscheinlich ja. Gehe in dich und frage dich, was du wirklich vom Leben erwartest und in welchem Leben du dich wirklich wohlfühlen würdest. Das funktioniert nicht beim 5-minütigen Brainstorming, sondern dauert ein paar Wochen oder Monate – und es ist schmerzhaft. Aber es lohnt sich!

Nur wer sich selbst liebt, kann auch andere lieben – stimmt das?

Ein Satz, der immer wieder fällt, besonders dann, wenn es mit der großen Liebe irgendwie nicht klappen will. „Lerne erst mal, dich selbst zu lieben. Dann bist du auch bereit, Liebe zu geben und zu bekommen.“ Klingt nach einer Weisheit von Oma und irgendwie eine Spur spirituell. Ist da wirklich was dran? „Das ist tatsächlich so“, weiß Therapeutin Anne Heintze, „Die Akzeptanz der eigenen Person ist der erste Schritt, Akzeptanz durch andere zu erlangen.“

Umso drastischer erscheint daher, dass sich laut der oben genannten Umfrage ganze 60 Prozent der Teilnehmerinnen schon einmal die Frage gestellt haben, wie es sein kann, dass sie in ihrer Beziehung geliebt werden und dass jemand wirklich mit ihnen zusammen sein will. Knapp 20 Prozent sagten, sie hätten diese Gedanken andauernd. „Du musst anderen keinen Gefallen tun, damit sie dich achten. Sie sollen dich lieben, weil du bist, wie du bist, und nicht, obwohl du so bist, wie du bist“, sagt die Expertin. Goldrichtig!

Selbstliebe ist keine eitle Selbstverliebtheit, sondern das Annehmen der eigenen Persönlichkeit mit allen Macken und Eigenheiten. Akzeptiere dich wie du bist, dann wird dein Leben schöner, entspannter und ehrlicher!

Was dich interessieren könnte:
Frau vor Spiegel © Pavel Danilyuk / pexels.com
Marie Nasemann Fairknallt © Robin Kater
Lies mich!
Soul Sister Ausgabe 3/19
Ausgabe #3 November 2020 Spür mal rein Jetzt kaufen