Warum Lügen nicht immer schlecht ist

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Lügen The Bright Side of Lies: Warum Lügen wichtig ist

Ehrlich währt am längsten… sagt man zumindest. Aber mal Hand aufs Herz: Wir alle lügen – andauernd! Warum das so ist und wieso ein bisschen Flunkern niemandem schadet

Ach, was ist schon gegen eine kleine Lüge ­einzuwenden? Deine Kolleg*innen müssen ja nicht wissen, dass die Bahn gar nicht ausgefallen, sondern der Snooze-Button der Grund ist, warum du spät dran bist. Genauso hat deine Freundin nichts davon, wenn du ihr sagst, dass ihr die alte Frisur besser stand als die neue es tut. Sie kann sich ihre Haare schließlich nicht wieder ankleben.

Hin und wieder ist es okay, ein paar Unwahrheiten auszusprechen. Sie machen das Miteinander einfach einfacher. Oder reden wir uns das nur ein, um unser schlechtes Gewissen zu beruhigen? Das meldet sich nämlich meistens direkt nach der Flunkerei – danke, Pinocchio. Aber keine Sorge, wir können Entwarnung geben! Auch wenn die Märchenwelt etwas anderes behauptet: Lügen haben weder eine lange Nase noch kurze Beine. Sie gehören einfach zum Menschsein dazu.

Warum lügen Menschen?

Tatsächlich sind Lügen fester Bestandteil des Miteinanders. Ob unter Freund*innen, in der Beziehung, im Lebenslauf oder in der Familie – im Schnitt kommt einem Menschen 2-mal am Tag eine Unwahrheit über die Lippen. Und das nicht aus Böswilligkeit, sondern etwa, um selbst besser dazustehen, aus Angst vor negativen Konsequenzen oder um andere nicht zu verletzen.

„Eine Lüge ist immer mit einer Absicht verbunden“, so Prof. Dr. Matthias Gamer, Professor für Experimentelle Klinische Psychologie und Lügenforscher an der Universität Würzburg. Floskeln wie „Guten Morgen!“ oder die lose Antwort „Gut“ auf die Frage „Wie geht’s?“ zählen deshalb nicht gleich als Lüge. Denn sie sind kein bewusster Versuch, bei einer anderen Person eine Überzeugung zu schaffen, die man selbst nicht für wahr hält. Das jedoch definiert die Lüge. „Lügen bedeutet: etwas zu kommunizieren, das man selbst anders denkt oder weiß, und dies absichtlich zu tun“, so Prof. Gamer.

Welche Arten von Lügen gibt es?

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Auch unter besten Freundinnen fällt hin und wieder eine Lüge. Die prosoziale Lüge verschont andere vor unnötigen Wahrheiten
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Das alles klingt sehr kalkulierend, und das ist es auch! Aber eben nicht gleich gemein. „Lügen ist eine angeeignete, kognitive Fähigkeit, die strategisch eingesetzt werden kann“, sagt Prof. Gamer. Das lernt man bereits im Alter von 3 bis 4 Jahren. Da erkennt das Kind, dass Lügen den Nutzen haben, sich einen klaren Vorteil zu verschaffen – man spricht in diesem Fall von der egoistischen Lüge –, sie aber auch andere profitieren lassen oder eine Situation angenehmer gestalten können, das nennt man dann eine prosoziale Lüge.

Während bei der egoistischen Lüge Vorsicht geboten ist, weil sie oft auf Kosten anderer funktioniert, ist die prosoziale Lüge sogar gern gesehen. „Sie ist Teil des sozialen Kitts, den Lügen bilden“, so Prof. Gamer. Unnötige Tränen, Ärger und Schmerz können vermieden, Stimmungen und Situationen gerettet werden. Etwa wie mit der Lüge über die neue Frisur deiner Freundin.

Warum ist Lügen in der Gesellschaft ungern gesehen?

Doch wenn Lügen sich als vorteilhaft für das soziale Miteinander erweisen, weshalb kommen sie dann so schwer über die Lippen? „Das liegt daran, dass man als Kind mit der Moral großgezogen wird, stets die Wahrheit sagen zu müssen, von den Eltern jedoch etwas anderes vorgelebt bekommt“, erklärt der Experte.

Der Anspruch an Ehrlichkeit in der Gesellschaft ist hoch, in der Natur des Menschen liegt allerdings das Bedürfnis, bei anderen gut anzukommen und soziale Beziehungen angenehm zu gestalten – oft um jeden Preis. Dadurch ergibt sich ein Zwiespalt. Letztlich reguliert dieser Zwiespalt aber auch das richtige Maß an Lügen. „Als Kind lernt man zwar, dass die Lüge in der sozialen Interaktion existent ist, aber ebenso, dass sie vergleichsweise selten aufkommt“, so Prof. Gamer. Eben weil sie verletzen kann und lediglich sozialer Kitt ist, kein Fundament für Beziehungen. Denn das wahre Fundament für Beziehungen, das ist Vertrauen. Und das beruht auf Aufrichtigkeit.

Im Alltag bleibt weder die Zeit noch die Kapazität, jede Aussage auf die Goldwaage zu legen, deswegen wird ihr grundsätzlich erst einmal Glauben geschenkt. Schleichen sich aber zu viele oder zu gravierende Unwahrheiten ein, kann das Ansehen eines Menschen leiden. Es heißt schließlich nicht umsonst „Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht“.

Wie erkenne ich Lügen bei anderen?

Wie aber kannst du nun erkennen, ob du wirklich belogen wirst oder nicht? Prof. Gamer beruhigt erst einmal, dass das in gravierender Weise gar nicht so oft passiert: „Grundsätzlich kann ich Entwarnung geben. Ich glaube schon, dass die meisten Menschen ein sehr gutes Verhältnis zum Lügen haben. Dadurch, dass man ja auch mal gelernt hat, dass Lügen teilweise moralisch verwerflich sind, überlegt man sich gut, wann man lügt und wann nicht.“

Das heißt also, dass du dir nicht andauernd darüber Gedanken machen sollst und musst, ob du belogen wirst oder nicht. Schließlich funktioniert Lügen in zwei Richtungen und wenn du hin und wieder nicht die Wahrheit sagen möchtest, musst du auch akzeptieren können, dass andere bei dir ebenfalls (sowohl prosoziale als auch egoistische) Lügen einsetzen werden. Das gehört zum sozialen Miteinander dazu.

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Optisch erkennbar sind Lügen nicht. Weder durch eine lange Nase, noch durch Schwitzen oder Nägel kauen
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Trotzdem gibt es natürlich Menschen, die mehr und schwerwiegender lügen als andere. Jedoch verraten diese sich weder durch kurze Beine noch eine lange Nase. Auch Schwitzen, ein rotes Gesicht oder Nervosität sind nicht aussagekräftig und selbst Polygraphen – oder wie sie im Volksmund genannt werden: Lügendetektoren – liefern meist keinen eindeutigen Beweis dafür, dass jemand lügt oder nicht, da man die Antworten im Kontext betrachten muss. (Zumal sind diese im Alltag ja auch schwer einzusetzen.) Was da schon vielversprechender ist, sind verbale Indikatoren. „Also nicht auf die Köpersprache achten, sondern auf das, was und wie etwas tatsächlich gesagt wird“, so der Experte.

Solltest du also das Gefühl haben gravierend belogen zu werden, frage nach Details oder bitte dein Gegenüber bestimmte Parts seiner oder ihrer Geschichte zu wiederholen. „In Vernehmungen greift man zum Beispiel auf die Technik, Ereignisse rückwärts erzählen zu lassen, zurück, weil man davon ausgeht, dass es für die lügende Person so sehr viel schwieriger ist, die Geschehnisse wiederzugeben. Im Gegensatz zu einer Person, die die Wahrheit sagt, kann die lügende Person nämlich nicht einfach auf ihr Gedächtnis zurückgreifen, sondern muss die ganze Geschichte aktiv vergegenwärtigt haben“, so Gamer.

Was ist krankhaftes Lügen?

Solche Arten von Lügen, die dazu führen, dass jemand polizeilich vernommen wird, stehen aber natürlich auf einer ganz anderen Ebene als die Lügen, die für das zwischenmenschliche Miteinander normalerweise im Alltag gebraucht werden. Fällt eine Person mit vermehrtem Lügen auf, wird sie gerne einmal mit dem Begriff „krankhafter Lügner“ oder „krankhafte Lügnerin“ betitelt. Zu einer Krankheit kann Lügen allein jedoch nicht werden.

„Diese Krankheitsbilder, die mit einem vermehrten Lügen assoziiert werden, sind sehr viel umfassender. Da ist Lügen lediglich ein Merkmal von vielen“, so Prof. Dr. Gamer. Lügen werden hier manipulativ eingesetzt oder sind die Folge von fehlender Selbsteinsicht oder auch Angst. Das Lügen an sich, ist in diesen Fällen also nicht das Kernproblem.

Lügen und Angelogen-Werden gehören zum Leben dazu, manchmal kann eine Lüge sogar positiv sein. Solange die Lügen nicht gravierend sind und eine Beziehung überwiegend auf Wahrheiten und nicht auf Schwindeleien beruht, ist alles gut.

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