Introversion: Wie zurückhaltend bist du?

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Introversion Wie introvertiert bist du?

Wer sich laut und gut verkauft, ist im Vorteil. Wirklich? Welche ungeahnten Qualitäten in der Zurückhaltung schlummern

Hast du auch oft den Eindruck, dass die Lauten es leichter haben in unserer Welt? Wer schlagfertig, gesellig und risikofreudig ist, setzt sich im Meeting leichter durch, knüpft beim Dating schneller Kontakte und erreicht mehr Follower im Netz – unabhängig davon, worum es in den Beiträgen geht. Kann das gut sein?

„Wenn wir davon ausgehen, dass stille und laute Menschen in etwa dieselbe Anzahl an guten oder schlechten Ideen haben, dann sollte der Gedanke, dass nur die lauteren und energischeren Menschen sich durchsetzen, uns besorgt aufhorchen lassen“, schreibt die amerikanische Bestsel­lerautorin Susan Cain („Still“, Goldmann, um 10 Euro). Wir erklären hier, warum die Introvertierten so wichtig sind, und wie du selbst damit umgehst, wenn du eher zurückhaltend bist.

Was bedeutet es, introvertiert zu sein?

Bereits 1921 beschrieb der Schweizer Psychoanalytiker Carl Gustav Jung die Introversion, den Gegenpol zur Ex­traversion, als „Hinwendung der psychischen Energie nach innen, weg von der Außenwelt“. Denn im Gegensatz zu den geselligen Extrovertierten, die sich gern mit anderen Menschen umgeben, schöpfen Introvertierte ihre Kraft aus dem Alleinsein.

Das bedeutet aber nicht, dass sie unsoziale Einzelgänger sind. Sie führen nur lieber intensive Gespräche mit Einzelpersonen als Smalltalk auf einer Party und sind sind lieber zu Hause im Bett, als in einer vollen Kneipe abzuhängen.

So manch' Introvertierter hat oft eine Überraschung im Gepäck
So manch' Introvertierter hat oft eine Überraschung im Gepäck.
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Aber: Nicht jede*r Introvertierte ist ein Bücherwurm und nicht jede*r Extrovertierte gern Mittelpunkt jeder Feier. Denn wir alle tragen sowohl introvertierte als auch ex­trovertierte Züge in uns. „Wir bewegen uns auf einer Skala zwischen den ­Extremen mit einer mehr oder weniger ausgeprägten Tendenz in eine Richtung. Diese kann in verschiedenen Lebensbereichen ganz unterschiedlich ausfallen“, erläutert Business und Mental Coach Daniela Dihsmaier (freiwasser.com).

Ist man schüchtern, wenn man introvertiert ist?

Viele Menschen, die regelmäßig vor großem Publikum auftreten, sind abseits der Bühne eher still und in sich gekehrt, wie zum Beispiel Schauspielerin Emma Watson, Sängerin Lana Del Rey oder Comedian Amy Schumer. Aber Moment mal, sind In­trovertierte nicht viel zu schüchtern, um auf der Bühne oder vor der Kamera zu performen? Diesem Missverständnis begegnet man häufig. Aber: Introvertierte sind nicht zwingend scheu oder verlegen.

„Das trifft vielleicht auf manche, aber sicher nicht alle Introvertierten zu. Schüchternheit ist die Angst vor sozialer Bewertung. Introvertierte dosieren einfach nur den Kontakt zu Anderen und wählen bewusster aus, mit welchen Menschen sie interagieren“, sagt Dihsmaier.

Was unterscheidet Introvertierte von Extrovertierten?

Auf die Frage, warum und bei welchen Anlässen Introvertierte und Ex­trovertierte so unterschiedlich ticken, gibt eine Studie von Harvard-Professor Jerome Kagan Antworten. Er setzte Säuglinge unterschiedlichen Reizen aus: bunten Mobiles, platzenden Luftballons, Stimmen, Geräuschen und Gerüchen. Jedes fünfte Kind in diesem Experiment fand das äußerst lästig, strampelte mit Armen und Beinen und weinte. Zwei von fünf blieben ganz ruhig.

Jahre später stellte sich heraus, dass die Babys, die besonders sensibel auf die Reize reagiert hatten, sich zu zurückhaltenden Kindern entwickelt hatten, während die damals Unbeeindruckten eher extrovertiert wurden. Kagan sah einen Zusammenhang mit der Hirnaktivität, die bei den nach innen Gekehrten häufig auch dann höher ist, wenn sie keine Reize von außen empfangen.

Kopf in den Wolken? Introvertierte behalten einige Gedanken gern für sich
Kopf in den Wolken? Introvertierte behalten einige Gedanken gern für sich.
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„Wegen der vermuteten neuronal erhöhten Stimulierung im limbischen System haben eher introvertierte Menschen offenbar ein stärkeres Bedürfnis, sich vor Reizüberflutung abzuschirmen oder sich in eine ruhigere Umgebung zurückzuziehen“, sagt Dihsmaier. „Das limbische System ist von elementarer Bedeutung für Emotionen, Antrieb und Gedächtnisbildung. Es verwundert also nicht, dass die eher introvertierten Kinder laut Kagan häufiger eine Zunahme der Muskelspannung, einen Anstieg der Herzfrequenz oder eine Erhöhung des Cortisols bei ungewohnten oder herausfordernden Ereignissen zeigen, während die meisten Kinder diese Reaktionen auf die gleichen relativ harmlosen Sinneseindrücke nicht zeigen würden.“

Ist Introversion angeboren?

Die Forschungsergebnisse von Kagan legen nahe, dass uns, was den Grad an Introvertiertheit angeht, vieles genetisch mitgegeben wurde. Dihsmaier ­betont allerdings: „Auch der pränatale Einfluss der Mutter spielt eine Rolle. Wenn diese in der Schwangerschaft durch Probleme in der Partnerschaft, finanzielle Schwierigkeiten oder Erkrankungen wie Depression besonders gestresst ist, kann sich das auf das Cortisol-System des Ungeborenen auswirken – genauso wie großer Stress in den ersten Kindheitsjahren.“

Sollten Introvertierte mehr aus sich heraus kommen?

Der Druck ist oft groß, für die "introvertierten Sensibelchen". Wie sollst du dem begegnen? „Gute Frage, denn manche Introvertierte gehen mit sich selbst nicht gut um. Zum Beispiel indem sie sich aus sozialem Druck immer wieder extrovertierten Situationen aussetzen und die eigenen Grenzen nicht achten“, sagt Dihsmaier. Ratschläge wie „Sei nicht so verkopft“ oder „Komm mal aus dir heraus“ sind genau wie soziale Aktivitäten, bei denen extrovertierte Freunde oder Kollegen versuchen, einen Introvertierten „aus seinem Schneckenhaus herauszulocken“, leider nur gut gemeint – aber tatsächlich nicht hilfreich.

Die Welt der Introvertierten ist genau so bunt, wie die Extrovertierter
Die Welt der Introvertierten ist genau so bunt, wie die Extrovertierter.
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Denn die Leisen brauchen den Rückzug. Während die Extrovertierten sich dann schnell langweilen, entfalten In­trovertierte dabei erst ihr volles Potenzial. Alleinsein kann ein großer Katalysator für Kreativität sein. „Dadurch, dass sie gern nachdenken, sind Introvertierte in der Regel sehr analytisch und häufen viel Wissen an“, so Dihsmaier. Gespräche mit ihnen haben deshalb oft viel Tiefgang. „Man merkt, dass sie sich intensiv mit den Dingen auseinandersetzen und das, was sie sagen, Substanz hat.“

Introvertierte wollen die Welt verstehen und lassen sich nicht so schnell ablenken. Trotzdem hilft es, wenn sie sich mit Extrovertierten verbünden: „Viele haben die Erfahrung gemacht, dass es nicht gut ankommt, wenn sie ihre – aufgrund ihres großen Wissens und ihrer guten Beobachtungsgabe oft berechtigten – Zweifel äußern, und sagen deshalb lieber nichts“, erklärt Dihsmaier.

Schließlich liegt es in der Natur der Introvertierten, auch an sich selbst zu zweifeln. Viele spüren, dass sie nicht erfüllen können, was eine eher extrovertierte Gesellschaft von ihnen fordert. „Dann würde es helfen, die Perspektive eines Extrovertierten einzunehmen und sich mehr zuzutrauen – aber auf eine Art und Weise, die einem selbst liegt.“

Finde im Test heraus: Wie introvertiert bist du?

Du bist dir nicht sicher, wo du dich auf der Skala zwischen introvertiert bis extrovertiert einordnen sollst? Je mehr dieser Aussagen auf dich zutreffen, desto introvertierter bist du:

In eine Sache absolut tief eintauchen? Kein Problem für Introvertierte!
In eine Sache absolut tief eintauchen? Kein Problem für Introvertierte!
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  • Ich unterhalte mich lieber mit einer Person als in einer Gruppe. 
  • Schriftlich kann ich meine Gedanken besser ausdrücken.  
  • Wohlstand, Ruhm und Status sind mir weniger wichtig als Anderen. 
  • Ich mag keinen Smalltalk, sondern lieber intensive Gespräche über Themen, die mir wichtig sind.  
  • Mir wird oft gesagt, ich sei ein guter Zuhörer.  
  • Ich bin nicht besonders risikofreudig. 
  • Ich mag es, ohne Unterbrechungen in meine Arbeit „einzutauchen“.  
  • Geburtstage feiere ich am liebsten im kleinen Kreis – mit 1 bis 2 engen Freunden. 
  • Andere finden, ich sei eher still.  
  • Ich bespreche meine Arbeit ungern mit Anderen, bevor sie fertig ist.  
  • Ich meide Konflikte. 
  • Am besten arbeite ich allein.  
  • Bevor ich etwas sage, denke ich nach.  
  • Nach sozialen Aktivitäten bin ich oft ziemlich erschöpft, auch wenn ich währenddessen Spaß hatte.  
  • Unerwartete Anrufe beantworte ich häufig nicht. 
  • Müsste ich mich entscheiden, hätte ich lieber ein Wochenende lang gar nichts vor als viele Termine.  
  • Multitasking mag ich nicht. 
  • Ich kann mich gut konzentrieren.  
  • Mir wird öfter unterstellt, mies drauf zu sein, obwohl ich gute Laune habe.

Egal wie viele Sätze auf dich zutreffen, das stempelt dich nicht zur Eigenbrötlerin oder zum Freak. Du bist okay, wie du bist. Es soll dir nur zeigen, wo du stehst und dir eine Möglichkeit geben, dich selbst einzuschätzen. Vielleicht hilft dir das in Zukunft bei deiner Entscheidung, dich in diese oder jene Situation zu begeben oder es lieber zu lassen. Und dich dabei nicht schlecht zu fühlen.

An die Introvertierten, die Zurückhaltenden, die leisen Stimmen in einer lauten Gesellschaft: Glaubt an euch und tragt eure Gedanken in die Welt. Schon Gandhi meinte euch, als er sagte: „In a gentle way, you can shake the world.“

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