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Was wir von Inside Flow über Anmut lernen können

Inside Flow ist eine Kombination aus Yoga und Choreografie. Unsere Autorin hat den modernen Yogastil ausprobiert und dabei viel über anmutige Bewegung gelernt

Mit gestreckten Zehen hebt er den rechten Fuß in die Luft, gleitet mit erhobenem Bein nach vorn in eine Liegestützposition, senkt sich langsam zum Boden ab. In einer Woge kippt sein Becken und die Wirbelsäule rollt sich wie eine Welle auf: Kobra. Die Haltung ist klar zu erkennen, auch wenn er keinen Moment lang verharrt, sondern direkt zurück in den herabschauenden Hund fließt. Die Formen, die sein Körper bildet, sind organisch und voll. Ganz gleich welche Positionen er einnimmt, der Bewegungsimpuls wird immer weitergeleitet, jede Bewegung geht über in die nächste. Der sanfte Fluss seines Körpers fesselt meinen Blick. Gespannt beobachte ich, in welche Richtung er sich als nächstes wendet und frage mich: Was ist es bloß, das seine Bewegungen so schön, so anmutig macht?

Yogalehrer Young-Ho Kim weiß, worauf es bei anmutiger Bewegung ankommt. © Yongsubi

Leichtigkeit entsteht durch Körperspannung

Der Mann, dessen anmutige Bewegungen ich beobachte, hat eine einfache Antwort: “Um anmutig zu sein, musst du dein LTE einschalten!” Sein Name ist Young-Ho Kim und was der Frankfurter Yogalehrer mit LTE meint, hat nichts mit deinem Handyempfang zu tun: “Das steht für Lightness through Engagement – Leichtigkeit durch Anspannung", sagt er. "Der größte Irrtum ist, dass wir unsere Muskeln entspannen müssten, um anmutig zu sein. Im Gegenteil: Leichtigkeit erfordert Körperspannung bis in die Finger- und Zehenspitzen.” Wenn wir uns entspannen, geben wir uns der Schwerkraft hin. Körperspannung hingegen lässt deine Bewegungen mühelos wirken und erweckt den Anschein dein Körper würde – entgegen allen Gesetzen der Schwerkraft – von einer unsichtbaren Kraft getragen.

Deshalb bin ich hier. Bei dem vom Vinyasa Flow abgeleiteten Yogastil wird eine Choreografie aus Asanas im Takt zu einem Song geübt. Das ist nicht nur körperlich fordernd, sondern sieht gleichzeitig unglaublich leicht und geschmeidig aus. Inside Flow Erfinder Young-Ho Kim ermutigt mich: "Nicht jeder wird ein erfolgreicher Tänzer oder Performer auf der Bühne. Aber jeder Körperklaus kann lernen, anmutig zu sein. Es liegt in unserer DNA. Spür mal in dich hinein, dort findest du den Schlüssel.“

Mit der Atmung fließen

Wenn wir uns bewusst machen, wie unser Körper im Inneren funktioniert – wie sich die Arterien weiten und verengen, wie das Herz schlägt, wie sich der Brustkorb mit jedem Atemzug weitet und zusammenzieht – dann ist es ganz logisch, dass unser Körper dafür gemacht ist, sich fließend zu bewegen. Laut dem französischen Philosophen Raymond Bayer (1933, "L‘esthétique de la grâce") empfinden wir fließende Bewegungen deshalb als besonders ästhetisch, lebensbejahend und anmutig. “Im Sanskrit nennt sich das ‘Spanda’, die Pulsation des Universums, die sich in deiner Atmung widerspiegelt”, erklärt Kim.

Wenn wir uns wie im Yoga in diesem Rhythmus bewegen – mit jeder Einatmung groß werden und uns ausatmend klein machen – sieht das sehr anmutig aus. "Je größer dabei die Bewegungsamplitude ist, desto dramatischer und eleganter ist die Bewegung”, sagt Kim. Aber: Auch Effizienz spielt eine Rolle. Unnötige Schnörkel können den Bewegungs- und Atemfluss stören, Ausholbewegungen wirken schnell pathetisch und aufgesetzt. Nichts ist (an)mutiger, als sich im Rhythmus des eigenen Herzens zu bewegen.

Beim Inside Flow geht es nicht darum einzelne Asanas lange zu halten, sondern elegant von einer Haltung zur nächsten zu fließen. © Yongsubi

Entdecke die Schönheit der Langsamkeit

Trotz fließender Bewegung gibt es keinen Grund zur Eile: Anmut lässt sich Zeit. "Anmut entsteht zwischen den einzelnen Haltungen, deshalb bewegen wir uns beim Inside Flow ganz langsam wie in einem Honigbad, um jeden Übergang auszukosten”, sagt Kim.

Im Yoga wird oft Asana-basiert geübt: Du feilst an einzelnen Positionen, perfektionierst deinen Krieger 2 oder Halbmond. Doch auch wenn gute Ausrichtung wichtig ist, entsteht Anmut erst im langsam fließenden Übergang. Beim Inside Flow, dem von Young-Ho Kim erfundenen Yogastil, den er unterrichtet und an andere Lehrer weitergibt, setzen sich die Yoga-Asanas zu einer fließenden Choreografie zusammen. So werden einzelne Haltungen lediglich zu Standbildern eines Flows, die langsam fließend ineinander übergehen, während du nie stehenbleibst oder in irgendeiner Stellung ankommst.

Im Alltag machen wir meist genau das Gegenteil: Wir hetzen von A nach B, haben immer ein Ziel und sind oft hastig und unaufmerksam. Deshalb ist diese Art, sich grazil zu bewegen, fast vollständig aus unserem Leben verschwunden – und bereit neu entdeckt zu werden, meint zumindest die Tanzkritikerin Sarah L. Kaufman: "Wir haben der Schwerkraft nachgegeben, vergessen uns anmutig durchs Leben zu bewegen”, schreibt sie. In ihrem Buch "The Art of Grace“ (Norton & Company) erkennt sie Anmut auch außerhalb vom Tanz: In der schwungvollen Rückhand von Roger Federer oder im Slam dunk des Basketballspielers Julius "Dr. J" Erving. Kaufman versteht Anmut nicht nur als eine Art, sich grazil zu bewegen, sondern auch als innere Haltung – bescheiden und nachsichtig. “Oft geht beides Hand in Hand. Menschen, die sich gut bewegen, hat man gern um sich. Anmut hat nichts mit Aussehen zu tun, sondern mit Empathie.”

Alles was du für Anmut brauchst, hast du bereits in dir. © Yongsubi

Trau dich, Gefühle (an)mutig wahrzunehmen

Auch beim Inside Flow geht es ums Fühlen. Anders als in Tanzstudios gibt es im Inside Yoga Studio deshalb keine Spiegel – auch wenn der Stil durchaus tänzerische Komponenten hat. "Wenn du dich zu sehr auf dein Spiegelbild fokussierst, wird dein Körpergefühl sehr flach“, sagt Kim. Und genau das wollen wir verhindern.

In seinen Yogastunden bekommt Young-Ho Kim schnell einen Eindruck davon, ob jemand ein gutes Körpergefühl hat, oder nicht. "Häufig kann man Menschen, die äußerlich den gesellschaftlichen Idealvorstellungen entsprechen, die innere Unsicherheit an ihren Bewegungen ablesen, während andere, die von diesen Idealen weit entfernt sind, sich unglaublich anmutig bewegen“, sagt er.

Eine Sache, die uns dabei helfen kann nach innen zu spüren, ist Musik. Beim Inside Flow bewegt man sich immer zum Takt eines bestimmen Songs. Na klar, um sich anmutig, taktvoll zu bewegen, braucht es einen Beat. “Musik ist die Sprache des Herzens. Durch sie können wir beim Flow Gefühle durch Bewegung transportieren.”

Genau das erlebe ich in Young-Ho Kims Inside-Flow-Stunde: Nachdem wir wieder und wieder die Choreografie durchgegangen sind, macht er die Musik an und die Luft beginnt zu knistern: "I’ll never love again“ von Lady Gaga erfüllt den Raum, im Takt fließen alle gemeinsam durch die Asanas und jede Bewegung strahlt Hingabe aus. Sofort bekomme ich eine Gänsehaut, Tränen schießen in meine Augen. “Wenn wir Anmut beobachten, spüren wir ein Echo dieses Gefühls im eigenen Körper”, schreibt Kaufman. Die sanften Bewegungen wecken unsere Empathie. Wir sehen Anmut nicht in äußeren Spiegeln, sondern mit inneren, mit Spiegelneuronen, mit unserem Einfühlungsvermögen.

Wenn du das Echo der Anmut das nächste Mal in deinem Körper spürst, nimm es als Anlass, dich selbst auch anmutig durchs Leben zu bewegen: Lass dich nicht von der Schwerkraft runterziehen, lass dich von deinem inneren Rhythmus führen und – mach langsam! Denn in schönen Bewegungen und auch im Leben geht es weniger darum irgendwo anzukommen, als darum den Weg dorthin jede Sekunde lang zu genießen.

Wer jetzt Lust bekommen hat, Inside Flow selbst einmal auszuprobieren, kann das im Inside Yoga Studio in Frankfurt tun oder auf Young-Hos Yoga-Onlineplattform TINT den Flow zum Song Pillow Talk lernen.

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