Neurogenes Zittern: So baust du Stress ab

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Zitternde Frau © Andrew Winkler / unsplash.com

Neurogenes Zittern So entspannst du durch neurogenes Zittern

Verspannungen, Ängste und Stress ganz einfach abschütteln: Wie neurogenes Zittern zu mehr Energie und Gelassenheit führen kann. Unsere Autorin probiert es aus

Mein Atem geht langsam und gleichmäßig. Ich fühle mich ganz ruhig und irgendwie auch befreit. Normalerweise würde ich so mein Gefühl nach einer intensiven Yoga­stunde oder einer besonders guten Meditationssitzung beschreiben.

Doch dieses Mal habe ich tatsächlich etwas ganz anderes ­gemacht: Ich habe gezittert. Und zwar nicht, weil ich fürchterliche Angst hatte oder mir kalt war. Nein, ich habe ganz bewusst gezittert, um mich zu entspannen.

Was vielleicht im ersten Moment ein wenig – nun ja – sonderbar klingt, ist tatsächlich eine anerkannte Technik, die ursprünglich aus der Traumatherapie kommt und Anspannungen und Blockaden auflösen soll: neurogenes Zittern.

Was ist neurogenes Zittern?

Wie genau das funktioniert und warum regelmäßiges Zittern auch im Alltag Stress abbauen kann, hat mir Bewusstseinstrainerin Beata Korioth in ihrer Praxis in Köln erklärt. Sie hat das neurogene Zittern vor einigen Jahren in den USA selbst kennengelernt und baut es seitdem in ihre Arbeit als Yogalehrerin und Atemtherapeutin mit ein.

Dass viele Menschen dem Zittern erst mal skeptisch ge­genüberstehen, ist für sie leicht nachvollziehbar: „Wir haben oft Angst vor uns und dem, was in uns ist, dabei ist das eigentlich nur eine angeborene Antwort auf Anspannung und eine innere Entladung.“

Vibrations
Zittern ist etwas ganz natürliches und kann bewusst eingesetzt werden.
© Meagan Carsience / unsplash.com

So ein Zittern kennt man häufig nur bei Tieren, wenn sie nach einer bedrohlichen Situation Spannung abbauen. Und auch Kinder zittern manchmal ganz intuitiv, etwa wenn sie sich erschrecken oder sehr hungrig sind. Korioth ist es wichtig, dass wir im Erwachsenenalter wieder lernen, dass Zittern etwas sehr Heilsames sein kann – wenn wir es nur zulassen.

Was passiert beim neurogenen Zittern?

Um das neurogene Zittern auszuprobieren, habe ich mich also auf eine Yogamatte gelegt, denn gerade beim ersten Mal sollte man sich einen rutschfesten Untergrund suchen und die Übung außerdem barfuß machen. Das ist wichtig, um genügend Halt zu haben und die Übung richtig ausführen zu können.

Ich habe unter Anleitung der Expertin meine Fußsohlen aneinandergestellt, das Becken leicht vom Boden gehoben und die Beine zur Seite fallen lassen. Und tatsächlich: Schon nach ein paar Augenblicken haben meine Beine angefangen zu vibrieren. Es war ein sehr sanftes und angenehmes Vibrieren, das mit der Zeit immer intensiver wurde und letztlich sogar auf meinen Oberkörper übergegangen ist.

„Das ist ganz normal“, erklärt mir die Trainerin, „denn wir haben mit der Übung zuerst den sogenannten Psoas-Muskel aktiviert.“ Der Psoas ist ein extrem starker Muskel. Er läuft von den Oberschenkel­knochen durch die Hüfte an die untere ­Wirbelsäule und zieht sich in angespannten Situationen zusammen. Daher wird er auch als „Angst-Muskel“ bezeichnet, der sowohl körperliche als auch emotionale Belastungen abspeichert. Genau diese gespeicherten Blockaden können durch das Zittern gelöst werden, der Psoas-Muskel kann sich dadurch entspannen.

Wie funktioniert das neurogene Zittern?

Für den Zittereffekt ist es sehr wichtig, dass man auf das hört, was der Körper signalisiert. „Wenn der Körper beim neurogenen Zittern irgendetwas ­anderes machen möchte, sollte man das zulassen. Manchmal möchte der Körper Bewegungen jenseits des Zitterns machen, zum Beispiel mit dem Becken hüpfen oder sich wie eine Schlange schlängeln. Auch das kann dann Teil des neurogenen Zitterns sein“, erklärt die Expertin.

Die konkrete Übung, die Korioth mir ­gezeigt hat, ist Teil der „Tension & Trauma Releasing Exercises“, die der US-amerikanische Bioenergetiker und Psychotherapeut David Berceli entwickelt hat. Berceli hat bei seiner Arbeit mit stark traumatisierten Menschen immer wieder festgestellt, dass seine Patienten unmittelbar nach Schockerlebnissen gezittert haben, ­offenbar, um Anspannungen abzubauen. Deshalb kam ihm die Idee, spezielle Übungen zu entwickeln, durch die man das Zittern bewusst auslösen und die Heilung so unterstützen kann.

Was kann neurogenes Zittern?

Zitternde Frau
Neurogenes Zittern hilft beim Stressabbau.
© Sam Manns / unsplash.com

Mit der Zeit konnte Berceli nachweisen, dass das neurogene Zittern nicht nur bei schweren Traumata hilft, sondern auch generell beim Abbau von Stress im Alltag. Forschungen haben gezeigt, dass regelmäßiges Zittern zum Beispiel bei der Behandlung von starken Kopfschmerzen oder Schlafproblemen unterstützend wirken kann.

Denn durch das Zittern wird die Durchblutung deutlich angeregt, und die Muskeln und das fasziale Gewebe werden wieder gelockert. Gleichzeitig fördert es die Ausschüttung der Wohlfühlhormone Dopamin, Serotonin und Oxytocin. Da der Körper nach dem Zittern nicht mehr unter Daueranspannung steht, können sich Blockaden lösen, und wir haben wieder mehr Energie-Kapazitäten zur Verfügung.

Um diese positiven Effekte des neuro­genen Zitterns auch effektiv nutzbar zu machen, rät Expertin Korioth, zum Einstieg mit 2 Zitter-Einheiten pro Woche für je 15 Minuten zu beginnen. „Das ist die perfekte Einheit, um sich erst mal daran zu ­gewöhnen, dass das Zittern sein darf und der Körper weiß, dass er jetzt loslassen kann. Übt man regelmäßig, bekommt man schnell ein Gefühl von Sicherheit. Und das ist notwendig, damit der Körper sich wirklich vollkommen entladen kann.“ Das geht besonders gut vor dem Zubettgehen oder nach dem Sport, denn dann wurde die Muskulatur schon beansprucht, und es fällt leichter, in die Bewegung reinzukommen.

So lernst du das neurogene Zittern

Du möchtest das Zittern gern am eigenen Leib spüren? Kannst du haben. Diese Übungen sind ideal für den Einstieg und das Ausprobieren:

Übung: Zitter den Stress weg

Neurogenes Zittern Übung
Mit dieser Übung zitterst du den Stress weg.
© Lizzy Thomas

Lege dich bequem mit dem Rücken auf den Boden oder eine Matte. Die Arme liegen locker links und rechts ausgestreckt, die Knie sind angewinkelt, die Füße stehen eng beieinander. Presse nun die Fußsohlen aneinander, spanne Bauch-, Rücken- und Po­muskulatur fest an und hebe den Po vom Boden ab, bis Oberkörper und Oberschenkel eine gerade Linie bilden.

Lasse dann die Oberschenkel nach außen fallen. Halte diese Position, spüre, wie dein Körper zu zittern beginnt, und senke das Becken nach circa einer Minute wieder auf die Matte ab. Beginne von vorn und versuche, die Position beim nächsten Mal noch etwas länger zu halten.

Alternative Übungen

Wenn dir die Hüfthebe-Übung für den Anfang zu fortgeschritten erscheint, kannst du auch Übungen im Stehen praktizieren. Viele passende Beispiele gibt es zum Beispiel auch von unserer Expertin Beata Korioth als Videosequenz auf Youtube. Und das Üben lohnt sich. Denn je häufiger und routinierter du das neurogene Zittern praktizierst, desto leichter fällt es ­dir, es auch in kleinen Stress­situationen unmittelbar zuzulassen.

Du musst das Zittern ja nicht jedes Mal mit voller Intensität praktizieren. Oft reicht schon ein ganz feines, leichtes Entladen. So lässt sich jede noch so kleine aufkommende Spannung direkt abbauen, ohne dass sie sich überhaupt erst im Körper aufstauen kann. Und so kannst du lernen, diese Körpergabe für dich zu nutzen und den Stress in Zukunft wortwörtlich einfach abzuschütteln.

Zittern als Methode zur Stressbekämpfung: Was zunächst seltsam klingt, funktioniert bei vielen erstaunlich gut. Mit unseren Tipps und Übungen kannst du es selbst ausprobieren. Gute Entspannung!

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