Selbstoptimierung: Tipps gegen den Wahn

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Frau schüttelt Kopf aus Verzweiflung © Uday Mittal / unsplash.com

Selbstoptimierung 3 Tipps gegen zu viel Selbstoptimierung

Schön genug? Schlau genug? Stark genug? Von überall schallt es: „Du kannst besser werden!“ Doch wer sich ständig in Frage stellt, perfektioniert am Ende nur die Unzufriedenheit

Eigentlich müsste ich mal … Kennst du diesen Satzanfang auch so gut? Mich begleitet er wie ein Mantra. Aber negativ! Nervt. Treibt mich vor sich her. Weil mir ständig auffällt: Ich könnte mal das kochen (gesünder), dies kaufen und anziehen (schöner), jenes erleben (interessanter), den Sport ausprobieren (fitter), dieses im Job besser machen (souveräner). Davon hinbekommen, tue ich dann aber nur einen Bruchteil.

Statt mir Stress zu nehmen, macht mir dieses "Besserwerden" mehr Druck. Und weißt du was? Mir geht das schlechte Gewissen auf den Zeiger. Allein dieses eine oft verwendete Zauberwort ist fies: "einfach". Ich kann es nicht mehr hören. Denn eines ist Perfektion bestimmt nicht: easy zu erreichen. Deshalb ist es mein Ziel, zu überlegen, wie in meinem Leben weniger "Ich müsste mal" und dafür mehr "Was ist wirklich wichtig?" stattfinden kann. Denn die Selbstoptimierung hat Grenzen, was Ziele, Erreichbarkeit und Vorbilder betrifft.

Was ist das Problem mit der Selbstoptimierung?

Heißt das nun, dass wir aufhören sollten uns zu verbessern? Nicht ganz. Denn eines bleibt zur Ehrenrettung des "Immer besser" bestehen: "Im Grunde ist der Antrieb gut, vollkommen mit sich zufrieden sein zu wollen", sagt Diplom-Psychologin Vivian Jückstock aus Hamburg. Der Wunsch nach Vollkommenheit ist eine wichtige Triebfeder für die Entwicklung von Ego und Menschheit. Andernfalls würden alle nur noch auf dem Sofa sitzen und sich den Bauch kraulen. Aber es gibt eben einen Unterschied zwischen "verbessern" und "perfekt sein wollen".

Die Psychologin erklärt: "Laut psychoanalytischem Modell erleben wir als Kinder zunächst das Gefühl, ohne Bedingung richtig zu sein." Doch die Realität belehrt uns bald eines anderen: Wir erfahren schmerzlich, dass wir weder perfekt noch der Mittelpunkt der Welt sind. Schade eigentlich. "Dennoch bleibt die Sehnsucht, das makellose Ich-Ideal wiederzuerlangen. Das ist jedoch unmöglich." Denn das kontrollierende Über-Ich (in dem verinnerlichte Antreiber, Regeln und elterliche Merksätze gespeichert sind) spornt uns an, überwacht die Annäherung jedoch kritisch. Und genau in diesem Spannungsfeld liegt die Selbstoptimierung.

Woher kommt der Selbstoptimierungswahn?

Selbstoptimierung ist eigentlich ein alter Hut: "Schon bei den Philosoph*innen der griechischen Antike und in vielen Weltreligionen ging es darum, das Beste aus sich zu machen", sagt die Münchener Philosophin Rebekka Reinhard ("Die Sinn-Diät – Warum wir schon alles haben, was wir brauchen"). Was ist heute anders? "Dass das Augenmerk auf Äußerlichkeiten wie Status oder dem Körper liegt und nicht auf moralischen Werten", so die Expertin. Und: Dass alles möglich erscheint.

Freundinnen scrollen durch Social Media
Auf Social Media wird uns das vermeintlich perfekte Leben anderer gezeigt - mit dem wir uns andauernd vergleichen
© Cottonbro / pexels.com

Eine häufige Selbstoptimierungsfalle ist die Ein-Klick-Mentalität, die Selbstoptimierung irgendwie zum Trend gemacht hat. Warum ein Klick? Weil heute fast alles im Leben nur einen Klick entfernt zu sein scheint. Das schöne Kleid? Klick, schon bestellt. Eine Frage? Return, schon beantwortet. "Wir leben in einer Zu-viel-Gesellschaft, in der uns die mobilen Medien in einen ständigen Strom der Aufmerksamkeit und Rastlosigkeit ziehen", sagt Selbstmanagement-Experte Dr. Martin Krengel, Autor des Ratgebers "Golden Rules"

"Im Internet entsteht das Gefühl, alles sei sofort möglich: die Anleitung zum Häkeln, das Tutorial für das Grafikprogramm – nur durchklicken, dann hat man’s drauf", so Krengel. Aber auch aus Filmen und Ratgebern kennen wir es: Alles geht, man muss es nur wollen. Die Umwelt suggeriert uns, dass wir uns in jede Richtung entwickeln können: Schokolade genießen und gertenschlank sein oder gründlich lernen und bis in die Morgenstunden tanzen. Kein Wunder, dass wir da nie zufrieden mit dem sind, was wir können und haben.

Ich ertappe mich selbst dabei, dass ich jedes Mal schwer beeindruckt bin von jedem Hinweis und allen Tipps von Expert*innen, sodass ich Neues aus der Forschung sofort umsetzen, Produkte testen oder einen neuen Style probieren will. Zielkonflikt? Ach was.

Kann Selbstoptimierung gefährlich werden?

Aber Vorsicht! "Dieser Wunsch und Drang all das direkt umzusetzen führt dazu, dass viele irgendwann nicht mehr wissen, wem sie es recht machen sollen, und sich zerrissen fühlen“, so Psychologin Jückstock. Dazu kommt das Gefühl, man bestehe nur aus Fehlern. Die Zerrissenheit kann so weit führen, dass man nichts mehr richtig macht und der "What the hell"-Effekt zuschlägt: "Er wurde für Diäten untersucht und tritt ein, wenn man ein Motivationstief hat und aus Frust einmal sündigt", erklärt Krengel. "Dann denkt man leicht, jetzt sei es ganz egal – und schlägt erst richtig zu." Die Lösung: das große Ganze sehen. Ansonsten wird Selbstoptimierung nämlich schnell zur Selbstausbeutung. Vor allem bei uns Frauen.

"Wir sind Perfektionistinnen in jedem Bereich: Frauen sind lieb, sehen gut aus, sind sexy, tun alles für die Familie und leisten inzwischen auch im Beruf alles", so Reinhard. Zwei Probleme dabei: Es ist unmöglich, das alles zu schaffen. Und zum anderen sitzen viele Frauen damit oft einem wenig reflektierten Frauenbild auf, das eine permanent lächelnde Oberfläche und emsige Betriebsamkeit aufzwingt. "Sehr archaisch und ein wenig wie in den 50er-Jahren", kommentiert Reinhard. "Wir sollten uns schütteln, um uns von falschen Vorbildern loszureißen, die uns nur dazu bringen, uns immer mehr selbst auszubeuten."

Kraft, Zeit, Geld und Talent sind nämlich endlich, auch wenn wir das nicht wahrhaben wollen. Häufig wird uns sogar ein schlechtes Gewissen gemacht, damit wir etwas nicht ablehnen: "Die Botschaften geben uns oft das Gefühl, dass wir selbst schuld sind, wenn wir einen Rat nicht befolgen", so Jückstock. Bestes Beispiel: Man verpasst einen Sale... wie dumm! Dabei will uns eigentlich bloß jemand etwas aufdrängen, woran er oder sie verdient.

Frau liegt erschöpft auf dem Bett
Es ist wichtig zu realisieren, dass Kraft, Zeit und Energie endlich sind und wir nicht alles schaffen können
© Ketut Subiyanto / unsplash.com

Aus philosophischer Sicht ist – Reinhard zufolge – die Suche nach Sinn das ideale Korrektiv gegen übersteigerte Selbstoptimierung. Sie rät den Blick auf andere zu richten: "Statt sich zu fragen, was kann ich für mich tun? sollte man etwas für andere tun oder eine Sache voranbringen. Das ist es, was glücklich macht." Damit du das aber nicht falsch verstehst: "Für das eigene Lieblingsprojekt, die eigene Leidenschaft ist gesunder Perfektionismus angebracht", sagt Krengel. Für den Rest reicht Sparflamme – oder eine bewusste Entscheidung, in was du deine Kräfte investierst. Ansonsten wird Selbstoptimierung tatsächlich schnell gefährlich fürs eigene mentale Wohlergehen.

Frau neben Spiegel mit Blume
Schluss mit dem Wahn. Wir müssen lernen zu erkennen, dass wir gut sind, wie wir sind und unsere Energie sinnvoller einteilen
© Thirdman / pexels.com

3 Tipps gegen den Selbstoptimierungswahn

Okay, Selbstoptimierung hat ihre Grenzen. Doch den Drang danach, perfekt (und so wie alle anderen) zu sein, ist nicht so einfach ablegbar.

Letztlich ist ja auch nicht die einzelne schöne Frau oder der glückliche Promi auf dem Foto schuld, dass wir uns verbessern wollen, sondern das Gefühl, dass das, was wir sehen echt ist: "Wir leben in einer Kultur der Bilder, und die sind machtvoller als jedes Argument", so Reinhard. Darum ist es auch so schwer, sich frei zu machen von den Eindrücken.

Jede*r weiß ja eigentlich, wie irreal die Bilderwelt ist: inszenierte Momentaufnahmen. Lustig: Eigentlich sehen wir im Alltag um uns herum jeden Tag, wie Frauen wirklich aussehen, wie Menschen leben (und auch nicht alles schaffen). Als Baby wurden wir für jede einzelne Falte geliebt, heute fällt es uns schwer uns mit ganz normalen persönlichen Merkmalen anzufreunden. Deswegen hier 3 Tipps, wie es gelingt den Druck rauszunehmen:

1. Einen klaren Fokus setzen

Nichts stresst mehr, als sich zu viel vorzunehmen. "Am besten man beschränkt sich auf 2 bis 3 Themen, die man verbessern will", so Zeitmanagement-Coach Krengel. Also: nur darauf konzentrieren. Alles andere steht im nächsten halben Jahr hinten an. Heißt auch Wochen- und Tagespläne darauf abzustimmen und sich zu fragen, ob die aktuellen To-Dos zu den Zielen passen.

2. Eine Not-to-do-Liste schreiben

Es gibt sogar Fastenkalender gegen zu viel Perfektion. Julia Warkentin, Autorin des Ratgebers "7 Wochen ohne Überforderung", rät zum bewussten Abschied von Aufgaben. "Es lohnt sich ab und zu eine Not-to-do-Liste mit Projekten, Einladungen, Aufgaben zu machen, die man nicht annehmen möchte." Dann fällt Ablehnen leichter.

3. Sich selbst annehmen, wie man ist

Eigentlich wollen wir ja zufrieden sein mit uns. Verbesserung hilft nicht immer, also lieber: Frieden schließen mit dem, was ist. Das japanische Wabi-Sabi-Prinzip besagt, dass das Unvollkommene zu wahrer Schönheit führt. Wenn wir aufhören uns zu kritisieren, sagen wir auch zu uns selbst: ,Ich akzeptiere mich so, wie ich bin.' Das beruhigt.

Es spricht nichts dagegen, an sich selbst zu arbeiten. Im Gegenteil: Selbstreflektion und Persönlichkeitsentwicklung helfen uns dabei, ein zufriedeneres Leben zu führen. Wenn die Optimierung allerdings zum Zwang wird, sollten wir uns daran erinnern: Wir sind genug.

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