Gelassenheit lernen: 7 Tipps

Free your mind
Frau steht im Feld © Maksim Goncharenok / pexels.com

Gelassenheit So wirst du gelassener: 7 Tipps

In allen Teilen des Lebens lauern Situationen, die Kummer, Angst oder Wut triggern. Mit diesen Gefühlen gelassen umzugehen gelingt nur wenigen. Dabei lässt sich Gelassenheit lernen

Deine innere Ruhe wird ständig herausgefordert: Nach einem stressigen Tag drängelt sich jemand im Supermarkt an der Kasse vor. Auf dem Weg zu einem wichtigen Termin fällt die Bahn aus. Und am Ende des Tages verkündet die Nachrichtensprecherin eine Katastrophe nach der anderen. Dein Nervenkostüm wird dünner und dünner. All das gelassen hinzunehmen scheint unmöglich.

Doch bei Gelassenheit geht es gar nicht darum, sich in Gleichgültigkeit zu wiegen oder „einfach mal durchzuatmen“. Was mit Gelassenheit wirklich gemeint ist, warum sie so wichtig ist und wie es auch dir gelingen kann, öfter einen kühlen Kopf zu bewahren, verraten wir dir jetzt.

Was ist eigentlich Gelassenheit?

Frau sitzt am See
Ein gelassener Mensch lässt sich weder von den kleinen noch den großen Dingen im Leben aus der Ruhe bringen
© S. Migaj / pexels.com

Klar, zu Gelassenheit gehört auch dazu, innerlich ruhig und bei sich zu sein, allerdings ist das nicht ihr Kern. „Gelassenheit bedeutet, resilienter mit Herausforderungen umzugehen und sich aktiv von den dadurch ausgelösten Gefühlen – wie Ohnmacht oder Wut – befreien zu können. Es bedeutet, bewusst entscheiden zu können: Was ist meine Zeit und Energie wert, wo möchte ich sie einsetzen und wo nicht?“, so Dr. Ulrike Bossmann, promovierte Psychologin und systemische Therapeutin. Gelassenheit ist also kein Endzustand, der besagt, was du bist oder nicht bist. Vielmehr ist sie eine Lebenseinstellung, die es leichter macht zu entscheiden, was du tust und was du lieber sein lässt.

Das heißt zum Beispiel im Urlaub die Verärgerung über den Dauerregen loszulassen (weil sich am Wetter sowieso nichts ändern lässt – erst recht nicht durch schlechte Laune). Oder dich von der lähmenden Panik zu befreien, die tägliche Nachrichten über Krieg und Leid auslösen und dich stattdessen bewusst auf das zu konzentrieren, was du als einzelne Person dagegen ausrichten kannst.

"Es ist wichtig zu verstehen: Gelassenheit heißt nicht immer tiefenentspannt zu sein und alles einfach geschehen zu lassen, sondern souveräner und innerlich mehr bei sich zu sein und klügere Lösungen für Situationen und auch sich selbst zu finden", so Bossmann.

Was bedeutet "stoische Gelassenheit"?

Sogar die Stoiker der Antike wussten bereits um den unfassbaren Wert einer gelassenen Seele. Ihrer Philosophie (die Philosophie der Stoa) entspringt der Begriff der stoischen Ruhe beziehungsweise der stoischen Gelassenheit – dabei sind die daraus hervorgehenden Erkenntnisse heute noch genauso aktuell wie vor über 2000 Jahren. Das Ziel der Stoiker war es, innere Seelenruhe zu erreichen. Dies gelang ihnen, indem sie sich weder von ihren eigenen Emotionen einnehmen und leiten ließen noch von äußeren Umständen, über die sie keine Kontrolle hatten.

Was man heute unter Gelassenheit versteht, lässt sich auf die Philosophie der Stoa zurückführen. Auch das Adjektiv „stoisch“ funktioniert fast identisch zu dem Wort „gelassen“. Ein stoischer Mensch, ist jemand, der gleichmütig und unerschütterlich reagiert, ausgeglichen und abgeklärt – egal in welcher Situation. (Okay, manchmal kann so jemand auch abgestumpft wirken oder wie ein emotionsloser Klotz.)

Frau sitzt im Park und liest
Der heutige Alltag ist geprägt von Stress. In ihm innere Ruhe und Gelassenheit zu finden, bedarf Übung
© Olya Kobruseva / pexels.com

Warum fällt Gelassenheit oft schwer?

Doch warum ist es so schwer, auf Herausforderungen gelassen zu reagieren? Einerseits liegt das an der Frequenz der Ereignisse, die Gelassenheit herausfordern. Schließlich lauern überall und andauernd Auslöser für Stress, Wut, Angst und Empörung – da kommst du schwer zur Ruhe.

Andererseits liegt es an der Evolution: „Wir Menschen sind immer noch mit der Software der Urzeit programmiert, deswegen ist es normal, dass unser Körper bei potenziellen Gefahren erst mal in einen Stressmodus verfällt“, so die Expertin. Auf neuropsychologischer Ebene hat das, was dabei passiert, früher durchaus Sinn gemacht: Die Amygdala, der Teil des Gehirns, der für Emotionen und insbesondere Angst verantwortlich ist, schlägt Alarm, kappt dabei alle Verbindung zum bewussten Denken und lässt den Körper in einen Überlebensmodus verfallen. Absolut wichtig, wenn man sich als Jäger*in oder Sammler*in vor einem gefährlichen Tier retten muss.

Heute sehen die Probleme jedoch anders aus. Ein riesiger Papierstapel auf dem Schreibtisch, der abgearbeitet werden muss, um eine Kündigung zu vermeiden oder etwa das Treffen von Entscheidungen, um Krieg oder Klimawandel zu stoppen, bedarf Logik und eines kühlen Kopfes – keiner schnellen körperlichen Reaktion. Eine gekappte Verbindung zum bewussten Denken in stressigen Situationen sollte also vermieden werden – dafür braucht es Gelassenheit.

Warum ist Gelassenheit wichtig?

Um logische Entscheidungen treffen zu können, ist es also essenziell, möglichst gelassen zu reagieren. Denn Gelassenheit schärft den Fokus auf das, was im eigenen Leben wichtig ist und hilft, nicht im Gefühl von Ohnmacht oder Wut zu versinken, sondern Dinge und Emotionen sein und loszulassen. Gelassenheit macht resilienter und steigert somit Lebensqualität und Zufriedenheit.

Keep Calm
Gelassen zu bleiben ist wichtig für die eigene Gesundheit, Lebensqualität und Zufriedenheit
© Polina Zimmermann / pexel.com

Aber auch für die eigene Gesundheit ist Gelassenheit von großem Vorteil. „Ärgert man sich bei allem, was von außen kommt, ist der Körper andauernd im Stresszustand und somit permanent Kortisol und Adrenalin ausgesetzt. Das ist weder für die mentale noch die körperliche Gesundheit gut“, so Ulrike Bossmann.

Wie schaffe ich es, gelassener zu werden?

Was Gelassenheit ist und was sie kann, weißt du nun. Aber wie soll das gehen? Jetzt geht es darum sie aktiv in den Alltag einzubauen und zu üben. "Aus psychologischer Sicht ist dabei zu unterscheiden, ob es um eine akute Situation geht oder darum Gelassenheit langfristig zu fördern", so Bossmann. Wir haben Tipps für beides:

1. Atme bewusst

Was banal klingt, hilft in Akutsituationen. „In denen schlägt die Amygdala, der Teil des Gehirns, der für Emotionen und insbesondere Angst verantwortlich ist, Alarm“, so Bossmann. Tiefes, bewusstes Atmen in den Bauch, bei dem das Ausatmen länger ist als das Einatmen, ermöglicht, in einen Zustand relativer Ruhe und Klarheit zu gelangen.

2. Bewege dich

Fehlende Gelassenheit bedeutet oft, festgefahren zu sein – sowohl mit den Gedanken als auch mit dem Körper. „Etwas im Außen zu bewegen kann dabei helfen, dass sich auch etwas im Inneren bewegt“, so die Expertin. Außerdem sorgt Bewegung laut zahlreichen Studien für den Abbau von Stresshormonen.

Frau spaziert am Strand
Bewegung und Atmung hilft in Akutsituationen, um sich nicht von Panik oder Stress einnehmen zu lassen
© Humphrey Muleba / pexels.com

3. Benenne Sorgen

Das Prinzip „Name it to tame it“ („Benenne es, um es zu zähmen“) des amerikanischen Psychiaters Daniel Siegel beruht auf zahlreichen Studien und besagt: Allein das Wahrnehmen und Benennen negativer Emotionen hilft dabei, eine gewisse Distanz zwischen diesen und den intensiven Gefühlen, die sie begleiten, herzustellen und somit die Kontrolle zurückzugewinnen.

4. Unterscheide Probleme

Nach der zurückgewonnenen Kontrolle muss unterschieden werden: Ist die Situation die eigene Energie wert? (Ich kann und möchte sie verändern.) Ist die Situation die eigene Energie nicht wert? (Ich kann oder möchte sie nicht verändern.) Dabei ist es auch hilfreich zu denken: Wie wichtig wird mir das, was gerade meine Gelassenheit kostet, in 10 Minuten, in 10 Wochen, in 10 Jahren sein? Dass dich jemand blöd anrempelt, ist wahrscheinlich in 10 Minuten vergessen. Andere Themen werden dich auch noch in 10 Wochen oder Jahren beschäftigen. So wird schnell klar, wo der Fokus sein sollte und wo nicht.

5. Loslassen lernen

Manche Dinge im Leben sind unveränderlich. Das Wetter etwa, die Vergangenheit, dass jeder Mensch anders ist. Oder dass es Böses auf der Welt gibt. Solche Dinge gilt es loszulassen. „Weil sie Energie ziehen, die besser genutzt werden kann“, so Bossmann. Zum Beispiel für den Umgang mit daraus resultierenden Folgen.

6. Wollen statt müssen

Stress wird nicht nur von außen getriggert, sondern auch von innen. Wie oft hörst du dich selbst sagen, „Ich muss noch dieses und jenes tun“, und verfällst dann in Panik? „Solch selbst auferlegter Stress kann allein durch eine Änderung der Sprache minimiert werden“, so Bossmann. „,Ich will‘ oder ‚Ich werde‘ zu sagen impliziert eine aktivere Entscheidung, die weg von der Ohnmacht führt.“

7. Positiv denken

Klingt erst einmal so banal wie Atmen, hat sich in der Psychologie jedoch mittlerweile zu einer eigenen Forschungsrichtung entwickelt: Die Positive Psychologie befasst sich mit den positiven Aspekten des Menschseins und belegt: Den eigenen Fokus auf das zu legen, was glücklich, stolz und hoffnungsvoll macht, stärkt die Resilienz. Dabei gilt: Nicht das Negative soll verdrängt werden, sondern das Positive einen Raum bekommen.

Es ist völlig normal, dass dich bei Stress Wut, Panik und Ohnmacht überkommen. Dich in Gelassenheit zu üben, hilft dir dabei, deine eigene Energie sinnvoll zu nutzen. Das kann bedeuten, Situationen und Emotionen loszulassen, um deine Energie aufzusparen, oder sie als Antrieb zu nutzen – um etwas zu verändern. Ganz so, wie du willst.

Was dich interessieren könnte:
Happy Woman © Michael Dam / unsplash.com
Balance Boost Days © Look Studio / Shutterstock.com
Lies mich!
neue Ausgabe der Soul Sister 02/22
Ausgabe #1 Mai 2022 Spür mal rein Jetzt kaufen