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OSFED Night-eating & Co: Kennst du atypische Essstörungen?

Nicht alle Essstörungen lassen sich in Schubladen wie Magersucht und Bulimie stecken. Das solltest du über atypische Essstörungen wissen

Nicht jede Frau kann von sich sagen, dass für sie das Thema Essen völlig stressfei ist. Beschäftigen dich auch Fragen wie: "Esse ich gesund genug? Esse ich zuviel? Wie kann ich meine Essgelüste zügeln?" Solche Selbstbefragungen sind bis zu einem gewissen Grad normal. Doch wenn die Gedanken dauernd darum kreisen und dein Essverhalten zwanghaft wird, kann eine Essstörung dahinter stecken - auch wenn keine eindeutigen Symptome einer Magersucht oder Bulemie festgestellt werden.

Es fällt schwer, sich eine Essstörung einzugestehen oder sie überhaupt festzustellen, wenn nicht alle Anzeichen für eine klassische Variante vorliegen. Und wer "nicht krank genug" ist, sucht mit großer Wahrscheinlichkeit auch keine Hilfe. Dabei ist die Chance auf eine Heilung umso größer, je eher sich die Betroffenen in Therapie begeben.

Die bewusst offen gehaltene Diagnose OSFED (Other Specified Feeding and Eating Disorders) ist eine Chance für Menschen mit solch einer untypischen Essstörung, sich Hilfe zu suchen. Dazu liefern wir hier alle nötigen Informationen:

In diesem Artikel:

Was ist eigentlich eine Essstörung?

Welches Essverhalten ist "normal"? Diese Frage ist schwer zu beantworten. Man möchte ja auch nicht jeden kleinen Tick gleich pathologisieren. "Eine Essstörung ist eine psychische Krankheit und fängt dann an, wenn man sich über Gebühr mit der Ernährung und seinem eigenen Körper beschäftigt", sagt die Diplom-Sozialpädagogin Karin Reupert vom Waage e.V., einem Fachzentrum für Essstörungen in Hamburg.

Bereits wenn die Auseinandersetzung mit dem Essen bzw. Nicht-Essen die normale Teilnahme am Leben einschränkt oder eine Situation mit dem Essverhalten zu bewältigen versucht wird, spricht man von einer Essstörung. Jede Essstörung ist gefährlich. Folgen wie Mangelerscheinungen, Gewichtsprobleme oder Schädigungen der Speiseröhre durch das Erbrechen sowie Depressionen oder Angstzustände können ein normales Leben nahezu unmöglich machen.

Frau alleine im Nebel
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Menschen mit Essstörungen versuchen oft, ihre Probleme mit sich allein auszumachen.

Was bedeutet OSFED?

OSFED steht für "Other Specified Feeding and Eating Disorders" und umfasst alle sogenannten atypischen Essstörungen, die sich nicht klar einer der klassischen Kategorien (Anorexie, Bulimie, Binge-Eating) zuordnen lassen. Die Mehrzahl aller Frauen mit Essstörung erfüllt nicht alle Kriterien für eine dieser drei Krankheiten. Deshalb ist OSFED nicht einfach eine "Restkategorie", und ein atypisches Essproblem ist auch nicht weniger gefährlich als ein klassisches. Trotzdem ist dieser Bereich noch verhältnismäßig wenig erforscht.

Bis 2013 lautete der medizinische Fachbegriff noch EDNOS (Eating Disorder Not Otherwise Specified). Durch die Neuerung können aber noch mehr Krankheiten erfasst werden, so zum Beispiel das Night-Eating. "Der Sache einen Namen zu geben kann Betroffene dazu ermutigen, sich Hilfe zu holen", betont Reupert. Es bedeutet, dass es Menschen gibt, die die Krankheit verstehen und sich damit auskennen. Dieses Wissen ist für Betroffene sehr wichtig, wenn die sowieso schon große Hürde überwunden werden muss, sich sein Problem einzugestehen und sich Unterstützung zu suchen.

Was gibt es für OSFEDs?

"Es gibt keine starre Einteilung bei Essstörungen, jedes Problem ist individuell", sagt Reupert. Die Mehrheit der Betroffenen findet sich in den klassischen Begriffen Anorexie, Bulimie oder Binge-Eating nicht wieder. Das kann auch bedeuten, dass sie zwar einige von deren spezifischen Symptomen aufweisen, aber nicht alle. Deshalb ist der Begriff der OSFED bewusst offengehalten. Einige Beispiele von nicht eindeutigen oder atypischen Essstörungen sind:

  • Magersucht, bei der die Frau aber noch eine regelmäßige Menstruation oder kein Untergewicht hat.
  • Bulimie, bei der die Person sich seltener als 2-mal die Woche oder nicht länger als 3 Monate lang regelmäßig erbricht bzw. Normalgewicht hat.
  • Binge-Eating, bei dem Essanfälle seltener als 2-mal die Woche oder nicht länger als 3 Monate auftauchen.
  • Night-Eating, bei dem man nachts aufwacht oder gar nicht einschlafen kann und dann unkontrolliert isst, teilweise ohne sich am nächsten Tag daran zu erinnern.
  • Pica-Syndrom, bei dem Dinge gegessen werden, die eigentlich keine Nahrung sind, etwa Erde.
  • Purging-Disorder, wo die Nahrungsaufnahme mithilfe von Abführ- oder Entwässerungsmitteln und auch durch Erbrechen kontrolliert wird. Anders als bei der Bulimie isst die betroffene Person vorher aber nicht übermäßig viel.
  • Chew and Spit, beim dem große Mengen Essen gekaut, aber nicht hinuntergeschluckt werden.
  • Orhtorexie, also das zwanghafte gesunde Essen. Viele Experten ordnen diese Krankheit allerdings bei den Zwängen statt bei Essstörungen ein.
Wenn essen zum Problem wird, solltest du dringend eine Beratungsstelle für Essstörungen kontaktieren
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Wenn essen zum Problem wird, liegt fast immer eine Essstörung vor, die behandelt werden muss.

Noch einmal die Warnung: All diese Formen des Essverhaltens sind KEINE harmlose Variante der "richtigen" Essstörungen, sie bergen die gleichen Gefahren wie Anorexie, Bulimie oder Binge-Eating!

Warum entstehen Essstörungen?

Es gibt keine allgemeingültige Begründung, wieso jemand ein unnatürliches Essverhalten hat. In unserer Umwelt lauern aber einige Ursachen: Aussehen und Körperbild sind heutzutage sehr wichtig, es gibt ständig neue Diättrends und der ungehinderte Zugang zu Nahrung stellt für einige eine Herausforderung dar.

Oft liegen einer Essstörung tiefere psychische Probleme der Betroffenen zugrunde. "Essen oder Nicht-Essen ist immer eine Bewältigungsstrategie", erklärt Reupert. Das Hungergefühl zu "besiegen", kann ein Gefühl der absoluten Kontrolle sein. Vor allem dann, wenn dir gerade alles andere über den Kopf wächst.

Das Völlegefühl nach übermäßigem Essen wiederum kann aufgewühlte Emotionen beruhigen, zum Beispiel wenn Menschen nicht einschlafen können. Reupert erklärt: "Bei allen Betroffenen gab es im Leben einen Moment, an dem das Essverhalten eine Situation bewältigt oder zumindest erträglich gemacht hat."

Langfristig ist diese Bewältigungsstrategie aber sehr gefährlich und kann in letzter Konsequenz sogar tödlich enden. Deshalb ist es wichtig, die ersten Anzeichen bei sich und anderen so früh wie möglich zu erkennen und anzusprechen.

Wenn sich eine Freundin ohne Grund zurückzieht, solltest du besonders achtsam sein
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Auch wenn nicht sämtliche Symptome einer Essstörung vorliegen, kann die Lage ernst sein.

Wie erkenne ich eine untypische Essstörung?

Menschen mit einer Essstörung tun häufig alles, um ihr Problem geheim zu halten. Gerade bei OSFED sind die Symptome oft nicht eindeutig. Erste Anzeichen eines unnatürlichen Essverhaltens können aber folgende sein:

  • Ungewöhnliche Gewichtszu- oder abnahme
  • Starke Fixierung auf Ernährung, Aussehen oder Körperbild
  • Starke Kontrolle der Nahrung (Ernährungspläne, Einteilung der Lebensmittel in gut und schlecht, nur zu bestimmten Uhrzeiten essen etc.)
  • Veränderungen im Verhalten: Betroffene können auf einmal ängstlicher, oder reizbarer wirken, sich aus sozialen Kontakten zurückziehen, sind weniger belastbar
  • Depressionen/depressive Verstimmungen
  • Allgemeine Angst vor Kontrollverlusten
Wenn du bei dir oder einer Freundin eine Essstörung vermutest, solltest du Hilfe bei Beratungsstellen suchen
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Wenn du Anzeichen einer Essstörung erkennst, solltest du dringend eine Beratungsstelle kontaktieren.

Was kann ich tun, um bei einer Essstörung zu helfen?

Das Allerwichtigste ist der offene Dialog darüber und die Suche nach Hilfe. Allein gibt es kaum einen Ausweg aus der Essstörung. "Wenn an Freunden, Bekannten, Kollegen oder auch an sich selbst etwas Derartiges auffällt, spricht man es am besten so schnell wie möglich an!", so Reupert. Die Expertin rät:

1. Suche das Gespräch unter 4 Augen:

Das Gespräch zu zweit hilft am besten. Eine Intervention, bei der gleich mehrere die Person auf das Problem ansprechen, ist für die Betroffene eher überfordernd und kann dazu führen, dass sie sich noch mehr zurückzieht.

2. Schildere nur deine Beobachtungen

Sag, was dir an der Person aufgefallen ist und warum du dir Sorgen machst, aber stelle keine Diagnose.

3. Sei sensibel

Spreche nicht in einem vorwurfsvollen Ton mit der Person, sondern wertschätzend und entgegenkommend. Achtung: Sätze wie "Iss doch einfach mehr" gehen gar nicht!

4. Sei beharrlich

Rechne damit, beim ersten Mal abgewiesen zu werden. Häufig schämen sich Essgestörte für ihr Problem und blockieren deshalb erstmal. Sprich es deshalb so oft an wie nötig.

5. Such dir Unterstützung

Es gibt inzwischen viele Beratungsstellen, die Betroffenen und Angehörigen helfen und über das Problem informieren, auch im Internet und völlig anonym. Der Waage e.V. bietet beispielsweise eine Beratung per E-Mail oder Chat für alle Interessierten an.

Weitere Anlaufstellen sind die BZGA (Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung) und der Verein ANAD. In Blogs oder auf YouTube-Kanälen wie zum Beispiel "Julias Lebenswelt" erzählen Betroffene von ihren persönlichen Erlebnissen und tragen so zur Aufklärung und Sensibilisierung bei.

Durch den Begriff OSFED haben alle Menschen mit einer Essstörung die Möglichkeit, ihr Problem zu benennen und sich Hilfe zu suchen. Achte auf dein Umfeld! Wenn dir etwas Ungewöhnliches am Essverhalten einer Person auffällt, sprich es an. Dafür ist es selten zu spät und nie zu früh, denn je schneller die Krankheit bekämpft wird, desto besser sind die Chancen, sie zu besiegen.

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