Frauen haben früh gelernt, sich anzupassen. Leise zu sein. Nett zu bleiben. Nicht zu viel Raum einzunehmen – körperlich, emotional, gedanklich. Viele sind groß geworden mit der Idee, dass Harmonie wichtiger ist als Ehrlichkeit und Gefallen wichtiger als Grenzen.
Unsere Kollegin Susanna Bouchain, 32, hat genau darüber ein Buch geschrieben und geht darin der Frage nach, warum so viele Frauen sich kleiner machen, als sie sind, und was das mit Scham, Sexualität, Selbstwert und Macht zu tun hat. Dabei geht es nicht darum, laut oder provokant um jeden Preis zu sein. Sondern darum, sich selbst ernst zu nehmen. Den eigenen Körper, die eigenen Wünsche, die eigene Wut. Darum, Sex nicht als Tabu zu begreifen, sondern als Spiegel dafür, wie sehr Frauen gelernt haben, sich zurückzunehmen – oder eben nicht.

Don't give a fuck von Susanna Bouchain.
Und es geht darum, zu erkennen, dass Anpassung kein Charakterzug ist, sondern ein erlernter Reflex, den man gerne wieder verlernen darf. Mehr den Mittelfinger zu zeigen, heißt also nicht, rücksichtslos zu werden. Es heißt, sich nicht länger zu verbiegen, um anderen das Leben leichter zu machen, Grenzen zu setzen, ohne sich dafür zu erklären und Raum einzunehmen, ohne sich zu entschuldigen. Warum es sich lohnt, weniger lieb zu sein – und dafür mehr du selbst – sprechen wir mit Susanna im Interview.
Dein Buch sagt ziemlich klar: Hör auf, dich kleiner zu machen. Wann hast du selbst gemerkt, dass Anpassung kein Charakterzug, sondern ein erlernter Reflex ist?
Ich bin noch dabei! Das ist keine easy Aufgabe, die man lässig auf seiner To-do-Liste abhakt, sondern ein Daily Task, an den man sich immer wieder erinnern muss. Aber: Wer sich immer wieder bewusst macht, dass es wichtig und richtig ist, sich nicht klein oder kleiner zu machen, macht sich größer.
Du schreibst offen über deine Teenagerzeit. Wenn du heute der 13-jährigen Susanna begegnen würdest – was würdest du ihr gern früher ersparen?
Oh, so einiges: Hasskommentare über mein Aussehen, von Jungs sexualisiert zu werden und in anderen Mädchen Konkurrenz zu sehen. Aber genau das hat mich auch zu der gemacht, die ich heute bin. Auch wenn’s oft nicht leicht war und all das auch jetzt noch – fast 20 Jahre später – ein täglicher Prozess ist, hat es mich viel stärker gemacht.
Wir lernen früh, nett, leise und kompatibel zu sein. Wer profitiert eigentlich davon, dass wir uns so oft zurücknehmen?
Kurz gesagt: das Patriarchat und Männer. Dahinter steckt ein ganzes System, das sich über viele Generationen zu dem entwickelt hat, was es heute ist, und mit dem wir alle groß geworden sind. In der Gesellschaft, im Familienleben, in Beziehungen, im Gesundheitssystem, in Politik, im Job … überall sind patriarchale Strukturen zu finden, die es gerne sehen, wenn Frauen nett, lieb und leise sind. Männer als Patriarchen stehen (un-)gewollt an der Spitze dieses Systems. Aber auch sie können unter den Strukturen leiden.
Viele denken bei deinem Buch zuerst an Sex. Warum ist Sex darin eher ein Spiegel für Macht, Scham und Selbstwert als das eigentliche Thema?
Sex ist nicht nur der reine Geschlechtsakt (wow, was ein unsexy Wort), sondern so viel mehr. Wir werden damit groß, dass Sex etwas ganz Intimes ist, was zwar die meisten Menschen erleben, aber worüber man öffentlich besser nicht sprechen sollte. So entstehen Tabus und Scham. Macht man Sex salonfähig, erkennt man, wie viel mehr dahintersteckt und wie viel Power man bekommen kann, wenn man es nicht nur still und heimlich im Dunkeln praktiziert.
Gab es einen Kommentar oder eine Situation, die dich rückblickend stärker geprägt hat, als dir damals bewusst war?
Auf jeden Fall das erste Mal "Schlampe" genannt zu werden. Es hat geschmerzt wie eine Ohrfeige und ich habe mich richtig schlecht gefühlt. Damals habe ich noch nicht verstanden, dass das irgendwann mein Motor sein wird, anderen Menschen und auch mir selbst Mut zu machen.
Ab wann wird "lieb sein" eigentlich gefährlich für die eigene Identität?
Wenn man sich verbiegt und die eigenen Werte, Prinzipien und Grenzen selbst nicht mehr respektiert. Hinter "lieb sein" steckt oft ein schleichender Prozess, der sich in das Leben reinzeckt, der anderen Menschen (Männern) das Leben leichter und dein eigenes schwerer macht. Nein danke!
Wann hast du zum ersten Mal gemerkt, dass du dich – bewusst oder unbewusst – für Aufmerksamkeit oder Anerkennung verbiegst?
In meinen Teenie-Jahren. Das ist oft ein relativ normales Verhalten, weil man sich selbst als Mensch in dieser Zeit noch mal anders kennenlernt und Freundschaften, Beziehungen und Co. neu erlebt. Jemandem gefallen wollen, das kennt wohl jeder.
Dein Buch ist kein klassischer Selbsthilferatgeber. Warum war es dir so wichtig, es zu schreiben?
Ich möchte mit "Don’t give a fuck" den Leser*innen in den Hintern pieken, das eigene Verhalten, Beziehungen zu sich selbst und anderen und den eigenen Selbstwert zu reflektieren und die Gesellschaft zu hinterfragen. Das hört sich nach einer ermüdenden Aufgabe an, und das ist es auch. Deshalb will ich mit dem Buch gleichzeitig auch eine Hand reichen, weil ich weiß, wie ätzend die Erkenntnisse sein können.
Du sprichst viel über Scham. Wer oder was hat deiner Meinung nach entschieden, wofür wir uns schämen sollen?
Scham als soziales Gefühl bekommen wir schon als Kleinkinder von unserem Umfeld angelernt. Sie kann uns schützen, aber auch das Leben schwermachen - gerade wenn es um den eigenen Körper und Sexualität geht. Wenn man sich in diesen sensiblen Bereichen schämt, macht man sich klein und fühlt sich nicht so wertvoll. Weg damit! Ich finde, dass man sich für nichts schämen sollte. Und als Frau schon mal gar nicht!
Wie hat dein Umfeld reagiert, als du angefangen hast, öffentlich über Sex, Körper und Selbstbestimmung zu sprechen?
Meine größte Unterstützung habe ich von meinen Gay Friends, die mich seit Tag 1 supporten und ermutigt haben, auch öffentlich über Sex und Selbstbestimmung zu sprechen. Generell Familie und Freund*innen sind mein Rückenwind und manchmal auch meine schärfsten Kritiker*innen – aber genau das pusht mich auch.
Warum wird Selbstbestimmung bei Frauen so schnell als Egoismus gelesen?
Wir wachsen auf mit "lieb sein, leise sein, es anderen recht machen". Da passt es nicht, wenn Frauen auf einmal Grenzen ziehen, für sich einstehen und ein selbstbestimmtes Leben frei von gesellschaftlichen Normen führen wollen. Männer werden dafür als selbstbewusst gefeiert, Frauen als egoistisch abgetan.
In welchen Situationen ertappst du dich heute noch dabei, es anderen rechtmachen zu wollen – obwohl du es besser weißt?
Die Situation kennt bestimmt jede: Man sitzt morgens in der Bahn auf dem Weg zur Arbeit und ein Mann setzt sich daneben – Beine so weit auseinander, dass man selbst fast vom Sitz rutscht. Auch wenn ich morgens noch keine Lust auf Konflikte habe, muss ich mich immer wieder dran erinnern: Mir steht der Platz genauso zu. Also überschlage ich meine Beine nicht mehr, sondern fordere ebenso viel Beinfreiheit ein wie mein Sitznachbar.
Welche gesellschaftliche Erwartung an Frauen gehört deiner Meinung nach dringend abgeschafft?
Am liebsten alle! Frauenbilder oder wie die perfekte Frau zu sein hat, sind sowieso out, da kann man auch gleich noch alle gesellschaftlichen Erwartungen mit dazu in den Müll schmeißen. Ich finde es großartig, wenn Mädchen und Frauen von klein auf selbstbewusst und selbstbestimmt entscheiden, wo für sie die Reise im Leben mal hingehen soll – ohne Druck von außen.
Für wen ist dieses Buch unbequem – und warum ist genau das ein gutes Zeichen?
Hoffentlich für Männer, denn die haben es sich über Jahrtausende sowieso viel zu bequem gemacht. Ich habe "Don’t give a fuck" für Frauen geschrieben, die Antworten suchen und sich selbst neu ergründen wollen. Ich wünsche mir, dass das ein Anstoß für mehr Raum einnehmen wird – und ja, dann wird’s wohl eben auch enger für Menners.
Wenn Frauen nach dem Lesen deines Buches nur eine einzige Grenze ernster nehmen: Welche sollte das sein?
Gebt einen F*ck drauf, was andere Menschen über euch denken, wirklich! Negative Kommentare und Hass haben immer mit der Unsicherheit des Absenders zu tun und nicht mit euch.
Lesen und zu Herzen nehmen: Mit scharfem Humor, feministischer Power und einer Extraportion Sexpositivität erzählt Susanna Bouchain unverblümt von spicy Momenten und dem Mut, sie selbst zu sein. Don’t give a fuck, MVG Verlag, 16 Euro (ab 28. April im Handel)





