Als Hannah beschloss, etwas für ihre Gesundheit zu ändern, lag der Body-Mass-Index der Krankenschwester bei fast 35 – und damit an der Grenze zur klinischen Adipositas. Die Zahl war ein Schock – wenn auch keine Überraschung. Seit der Rückkehr aus der Elternzeit brachten sie selbst einfache Tätigkeiten außer Atem – aber erst das Wort "adipös" ließ bei ihr die Alarmglocken schrillen.
Sie meldete sich im Fitness-Studio für einen Trainings- und Ernährungsplan an – und verlor in den folgenden Monaten 3 Kilo. "Aber es fühlte sich unglaublich langsam und hart an", sagt sie. Eine andere Lösung sollte her. Und um die soll es hier gehen: die Abnehmspritze – und die falschen Hoffnungen, die sie bei einigen weckt.
Das erste Mal sah sie die Spritze bei TikTok
An ihre erste Begegnung mit GLP-1-Präparaten – Medikamenten gegen Typ-2-Diabetes (Ozempic) und zur Gewichtsreduktion (Mounjaro, Wegovy) – kann sie sich nicht genau erinnern. Sie weiß nur noch: Es war auf Tiktok. Influencerinnen und Influencer versprachen, mit den Medikamenten mühelos abzunehmen – und Hannah bestellte schließlich über einen Online-Anbieter.
"Als meine erste Box geliefert wurde, war ich wirklich aufgeregt", erinnert sie sich. "Ich erfüllte aufgrund meines BMI die medizinischen Voraussetzungen, um ein Rezept zu bekommen." Offizielle Leitlinien verlangen einen BMI von mindestens 30 – oder 27 bei Begleiterkrankungen wie Bluthochdruck oder Typ-2-Diabetes. Hannah behielt ihre neuen Fitness-Routinen bei und injizierte sich zusätzlich wöchentlich das Medikament, das den Appetit dämpfen und das Sättigungsgefühl fördern sollte. Sie startete niedrig dosiert und steigerte schrittweise – in der Erwartung, dass der Effekt bald einsetzen würde. Doch er kam nie.
Das Ergebnis des Spritzens: weniger Geld, aber nicht weniger Kilos
Ein Jahr und rund 1200 Euro später war die Euphorie verflogen. Hannah ist eine sogenannte "Non-Responderin" – eine Person, bei der GLP-1-Präparate nicht wirken. Studien zeigen: Ein Teil der Patienten verliert kein relevantes Gewicht; eine im Fachjournal "Clinical Diabetology" veröffentlichte Analyse beziffert den Anteil auf 10 bis 30 Prozent. "Es ist absolut entmutigend", sagt sie. "Überall sieht man, wie sich das Leben von Menschen durch dieses Medikament verändert – und ich hatte das Gefühl, mein Körper arbeitet gegen mich."
In Deutschland nutzen inzwischen schätzungsweise rund 550 000 Menschen ein GLP-1-Medikament. Die Nachfrage ist so groß, dass Apotheker und Ermittler bereits vor zunehmenden Fällen gefälschter Rezepte und illegal beschaffter Abnehmspritzen warnen. Das Tempo dieser Entwicklung ist bemerkenswert: Semaglutid – der Wirkstoff in Ozempic und Wegovy – wurde erst 2023 als Mittel zur Gewichtsreduktion zugelassen. Ein neuerer Wirkstoff ist Tirzepatid, enthalten in Mounjaro und Zepbound.
Zuvor wurde Semaglutid vor allem zur Regulierung des Blutzuckers bei Menschen mit Typ-2-Diabetes verschrieben. Viele nutzten es jedoch bereits "off label" – also zum Abnehmen. Was als medizinischer Durchbruch begann, wurde schnell zu einem kulturellen Phänomen – angetrieben durch Studien, die bis zu 20 Prozent Gewichtsverlust versprachen. Für Menschen, die – wie Hannah – mit ihrem Gewicht kämpfen, ist die Anziehungskraft enorm. Umso schwerer wiegt es, wenn die Wirkung ausbleibt.
Manchmal sind Fehler in der Anwendung das Problem
"Es ist eine komplexe Situation", sagt David Huang. Der Leiter für klinische Innovation beim Abnehm-Unternehmen Voy hat gemeinsam mit dem Imperial College London mehrere Studien zur Wirksamkeit der Medikamente veröffentlicht. "Unter den Menschen, bei denen sie scheinbar nicht wirken, gibt es auch einige, die sie nicht korrekt anwenden – etwa den Injektionsplan nicht einhalten, die Dosis nicht steigern oder die Behandlung aus Kostengründen früh abbrechen. Das sind mögliche Gründe."
Forschungen der New York University Langone Health zeigen: Im Alltag verlieren Menschen deutlich weniger Gewicht als in klinischen Studien. In einer Analyse von 38 545 Patienten lag der durchschnittliche Gewichtsverlust bei 5,7 Prozent. Ihr Fazit: Der Unterschied liegt weniger an der Wirksamkeit der Medikamente als an ihrer Anwendung. Und doch lässt sich die Ursache dieser ausbleibenden Wirkung nicht allein den Anwenderinnen und Anwendern zuschreiben. Um sie zu verstehen, muss man wissen, wie die Medikamente wirken.
Die Spritze wirkt nicht bei allen gleich
GLP-1-Präparate ahmen ein Hormon nach, das nach dem Essen im Darm freigesetzt wird. Es signalisiert dem Gehirn Sättigung und verlangsamt die Verdauung. Im Blutkreislauf hält es jedoch nur wenige Minuten, bevor ein Enzym namens DPP-4 es abbaut. "Diese Medikamente zur Gewichtsreduktion sind chemisch so verändert, dass sie dieses Enzym umgehen und stunden- oder sogar tagelang im Körper verbleiben", erklärt Dr. Huang.
"Genetische Variabilität spielt eine große Rolle, welche Wirkung diese Medikamente haben", sagt Asim Cheema, Facharzt für Innere Medizin und Kardiologie sowie Assistant Professor an der University of Toronto. Zu den Unterschieden zählen die Empfindlichkeit der GLP-1-Rezeptoren oder nachgelagerte Signalreaktionen im Körper. "Vereinfacht gesagt: Der 'Welleneffekt', der entsteht, wenn das Medikament an GLP-1-Rezeptoren bindet, unterscheidet sich von Mensch zu Mensch – und beeinflusst, wie sie darauf reagieren." So zeigen Studien, dass Tirzepatid bei hellhäutigen und asiatischen Bevölkerungsgruppen stärker wirkt – und dass Frauen tendenziell stärker auf die Medikamente ansprechen als Männer. "Warum das so ist, wissen wir noch nicht", sagt Dr. Huang.
Viele individuelle Faktoren spielen eine Rolle
Doch Genetik ist nur ein Teil der Erklärung. Ein weiterer Fokus der Forschung ist das Mikrobiom. Erste Hinweise zeigen, dass Vielfalt und Gesundheit der Darmbakterien beeinflussen können, wie effektiv die Medikamente wirken. Auch frühere Essgewohnheiten könnten eine Rolle spielen. Laut Medizinern reagieren Menschen, deren Appetitregulation durch jahrelange Diäten belastet ist, möglicherweise schwächer auf die Medikamente – ein Effekt, der mit einer sogenannten "metabolischen Anpassung" zusammenhängen könnte.
Neben den Menschen, bei denen das Medikament nicht wirkt, gibt es viele, die es gar nicht lange genug nehmen, um das herauszufinden. Nebenwirkungen wie Übelkeit, Erbrechen oder Durchfall sind häufig und für viele schwer erträglich. Inzwischen gibt es Daten dazu: Eine 5-jährige Studie mit 17 000 Teilnehmenden, veröffentlicht im "New England Journal of Medicine", zeigt, dass 17 Prozent die Behandlung wegen Nebenwirkungen abbrechen mussten.
Wer Gewicht verliert, verliert oft auch Lebensqualität
Auch die US-Influencerin Remi Bader nannte Nebenwirkungen als Grund, das Medikament abzusetzen. Ihre öffentlich geäußerte Enttäuschung traf bei Hannah einen Nerv: Auch sie sah keine Ergebnisse und fühlte sich extrem erschöpft. "Irgendwann dachte ich: Was bringt das überhaupt?" Ein Gefühl, das auch Alice kennt. Die 34-jährige Fotografin probierte während der Corona-Zeit erstmals ein GLP-1- Präparat aus, nachdem sie auf Instagram Werbung dafür gesehen hatte. "Während der Pandemie nahm ich viel zu – und genau da tauchten in meinem Feed plötzlich Abnehmspritzen auf."
Anders als bei Hannah war die Wirkung sofort spürbar. "Ich hatte überhaupt keinen Appetit – und wenn ich versuchte zu essen, wurde mir extrem übel. Ich konnte nur Proteinshakes trinken – über den Tag verteilt." Innerhalb weniger Wochen verlor sie deutlich an Gewicht. Doch sie hatte nur noch so wenig Energie, dass sie kaum aufstehen konnte. "Ich war buchstäblich ans Bett gefesselt", erinnert sie sich. "Einer der Gründe, warum ich abnehmen wollte, war, wieder mit meinem Partner spazieren gehen zu können. Und ich erinnere mich, wie er sagte: 'Was bringt das, wenn du zu krank bist, um überhaupt rauszugehen?'" Nach 3 Monaten setzte sie das Medikament schließlich ab. "Es war furchtbar, ich hatte das Gefühl, mir gehen die Optionen aus."
Was der Hype verspricht, kann die Anwendung oft nicht halten
Sowohl bei Alice als auch bei Hannah verstärkte die Art, wie die Medikamente dargestellt wurden, dieses Gefühl der Niedergeschlagenheit. Schlagworte wie "Schnelllösung!" oder "Wundermittel!" bestärkten ein Narrativ: Nicht das Medikament hatte versagt – sondern sie selbst. Fiona Yassin überrascht das nicht. "Wenn man das Gefühl hat, nicht mithalten oder denselben Standard erreichen zu können wie andere, kann das dem Selbstwert stark schaden", sagt die Psychotherapeutin und Essstörungsexpertin – vor allem, wenn man ständig Erfolgsgeschichten von Menschen sieht, die mit Abnehmmitteln ihr Wunschgewicht erreicht haben.
Doch selbst die Erfolgsgeschichten erzählen nicht die ganze Wahrheit. 2 Jahre nachdem GLP-1-Präparate im Mainstream angekommen sind, rückt eine andere Frage in den Fokus: Was passiert, wenn man sie absetzt? Eine Analyse der University of Oxford zeigt: Patientinnen verloren im Schnitt 8 Kilo mit den Medikamenten – die derzeit vom National Institute for Health and Care Excellence für 2 Jahre Anwendung zugelassen sind. Doch innerhalb von 10 Monaten nach dem Absetzen des Medikaments kehrten viele zu ihrem alten Gewicht zurück.
Nicht die Spritze ist die Lösung, sondern nachhaltige Veränderung
Für Anna Colton, klinische Psychologin mit Schwerpunkt Essstörungen, sind die Medikamente nur ein Werkzeug in einem großen Werkzeugkasten. Entscheidend für nachhaltige Gewichtsabnahme sei viel mehr die Arbeit an der eigenen Beziehung zum Essen.
Für Alice wurde genau das zum entscheidenden Gamechanger. Trotz der Niedergeschlagenheit, die sie empfand, wurde das Absetzen zum Auslöser, sich ihren langjährigen Problemen mit dem eigenen Körperbild zu stellen. Sie besuchte zunächst eine Selbsthilfegruppe für Menschen mit Essstörungen. Danach folgte ein 12-monatiges Programm bei einer Ernährungspsychologin – und schließlich eine Operation zur Anlage eines Schlauchmagens, bei der ein Teil des Magens entfernt wird. Heute ist sie fest davon überzeugt, dass nicht nur die Nebenwirkungen der Grund waren, warum die Medikamente für sie nicht funktionierten. "Diese Medikamente können nur begrenzt helfen, wenn man nicht auch die Ursachen angeht, die hinter dem eigenen Essverhalten stehen."
Wie das aussieht, ist von Person zu Person unterschiedlich. Doch es lohnt sich, das "Je schlanker, desto besser"-Narrativ zu hinterfragen, das einen Großteil der GLP-1-Debatte prägt. "Es ist wichtig, sich daran zu erinnern, dass Gewichtsverlust kein Allheilmittel ist", sagt Melanie Phelps, Beratungspsychologin. "Vielleicht sieht dein Körper anders aus – aber das heißt nicht, dass dein Leben plötzlich perfekt ist."
Gegen die Kilos im Kopf: Praxis-Tipps zum Abnehmen
GLP-1-Medikamente können beim Abnehmen helfen. Doch Essverhalten entsteht aus Gewohnheiten, Emotionen und Erfahrungen. Therapeutin Joanna Silver rät:
Keine Universallösung
"Das Verhältnis zum Essen ist nur bei wenigen Menschen einfach und entspannt." Dr. Silver warnt davor, zu glauben, GLP-1-Medikamente allein könnten dieses Problem lösen. "Diese Medikamente können beim Abnehmen helfen – aber sie helfen nicht dabei zu verstehen, was die Essgewohnheiten antreibt."
Mehr als nur Gewicht
"Wenn der Körper als Problem gesehen wird und Gewichtsverlust als Lösung, übersieht man leicht die psychologischen Faktoren dahinter." Essverhalten entsteht oft aus Gewohnheiten, Emotionen und Erfahrungen. Wer nur auf die Zahl auf der Waage schaut, übersieht leicht die eigentlichen Ursachen.
Gefühle erkennen
Dr. Silver empfiehlt, genauer darauf zu achten, welche Emotionen beim Essen auftreten. "Es kann hilfreich sein, aufzuschreiben, welche Gefühle entstehen, wenn man bestimmte Lebensmittel zu sich nimmt", sagt sie. Ein Tagebuch könne helfen, diese Emotionen zu erkennen und richtig einzuordnen. "Das kann ein wichtiger Schritt sein, um langfristig eine stabilere Beziehung zum Essen zu entwickeln."
Unterstützung annehmen
Wenn die Beziehung zum Essen zunehmend belastend wird, sollte man sich professionelle Hilfe suchen. Ein erster Schritt kann das Gespräch mit der Hausärztin oder dem Hausarzt sein, der bei Bedarf an spezialisierte Stellen überweisen kann. In Deutschland bieten etwa Organisationen wie ANAD e. V. oder Angebote der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) Hilfe für Betroffene und Angehörige.





