OSFED Daran erkennen Sie untypische Essstörungen

Essstörungen häufig unerkannt
Je früher eine Essstörung erkannt wird, desto größer sind die Heilungschancen © g-stockstudio / Shutterstock.com

Keine Essstörung ist wie die andere. Nur weil eine magersüchtige Person Normalgewicht hat, heißt das nicht, dass ihr Essverhalten nicht gefährlich ist

"Jede Essstörung ist anders, speziell und individuell. Klar, es gibt einen gemeinsamen Nenner, aber Essen und Aussehen sind nicht alles." Julias Essstörung ließ sich nicht immer in eine feste Kategorie wie Magersucht einordnen. Auf ihrem Youtube-Kanal "Julia Lebenswelt" spricht sie ganz offen darüber.

"Während meiner Essstörung habe ich zum Beispiel Schokocroissants gegessen, aber keinen Salat. Und ich hatte feste Rituale, die ich beim Essen zwanghaft eingehalten habe. Das entspricht nicht dem typischen Bild. Trotzdem ging es mir damit schlecht, sehr sehr schlecht. Weil Essen mein Leben bestimmt hat, auch wenn es mir nicht darum ging möglichst wenige Kalorien zu mir zu nehmen oder sie durch Sport zu verbrennen."

Anders als Julia können sich nicht alle ihre Krankheit eingestehen, wenn sie nicht alle Symptome für eine klassische Essstörung haben. Und wer "nicht krank genug" ist, sucht mit großer Wahrscheinlichkeit auch keine Hilfe. Dabei ist die Chance auf eine Heilung umso größer, je eher sich die Betroffenen in Therapie begeben. Die bewusst offen gehaltene Diagnose OSFED (Other Specified Feeding and Eating Disorders) ist eine Chance für Menschen mit solch einer untypischen Essstörung, sich Hilfe zu suchen.

In diesem Artikel:

Was ist eigentlich eine Essstörung?

Ist mein Essverhalten noch normal? Diese Frage ist schwer zu beantworten. "Eine Essstörung ist eine psychische Krankheit und fängt dann an, wenn man sich über Gebühr mit der Ernährung und seinem eigenen Körper beschäftigt", sagt Karin Reupert vom Waage e.V. in Hamburg. Auch wenn die Auseinandersetzung mit dem Essen bzw. Nicht-Essen die normale Teilnahme am Leben einschränkt oder eine Situation mit dem Essverhalten zu bewältigen versucht wird, spricht man von einer Essstörung. Jede Essstörung ist gefährlich. Folgen wie Mangelerscheinungen, Gewichtsprobleme oder Schädigungen der Speiseröhre durch das Erbrechen sowie Depressionen oder Angstzustände können ein normales Leben nahezu unmöglich machen – oder sogar tödlich enden.

Menschen mit einer Essstörung versuchen oft, ihre Probleme mit sich allein auszumachen © viki2win / shutterstock.com

Was bedeutet OSFED?

OSFED steht für "Other Specified Feeding and Eating Disorders" und umfasst alle sogenannten atypischen Essstörungen, die sich nicht klar einer der klassischen Kategorien (Anorexie, Bulimie, Binge-Eating) zuordnen lassen. Die Mehrzahl aller Frauen mit Essstörung erfüllt nicht alle Kriterien für eine dieser drei Krankheiten. Deshalb ist OSFED nicht einfach eine "Restkategorie", und ein atypisches Essproblem ist nicht weniger gefährlich als ein klassisches. Trotzdem ist dieser Bereich noch verhältnismäßig wenig erforscht.

Bis 2013 lautete der medizinische Fachbegriff noch EDNOS (Eating Disorder Not Otherwise Specified). Durch die Neuerung können aber noch mehr Krankheiten erfasst werden, so zum Beispiel das Night-Eating. "Der Sache einen Namen zu geben kann Betroffene dazu ermutigen, sich Hilfe zu holen", betont Reupert. Es bedeutet, dass es Menschen gibt, die die Krankheit verstehen und sich damit auskennen. Dieses Wissen ist für Betroffene sehr wichtig, wenn die sowieso schon große Hürde überwunden werden muss, sich sein Problem einzugestehen und sich Unterstützung zu suchen.

Was gibt es für OSFED?

"Es gibt keine starre Einteilung bei Essstörungen, jedes Problem ist individuell", sagt Reupert. Die Mehrheit der Betroffenen findet sich in den klassischen Begriffen Anorexie, Bulimie oder Binge-Eating nicht wieder. Deshalb ist der Begriff der OSFED bewusst offengehalten. Einige Beispiele von nicht eindeutigen oder atypischen Essstörungen sind:

  • Magersucht, bei der die Frau aber noch eine regelmäßige Menstruation oder kein Untergewicht hat.
  • Bulimie, bei der die Person sich seltener als 2 Mal die Woche oder nicht länger als 3 Monate erbricht bzw. Normalgewicht hat.
  • Binge-Eating, bei dem Essanfälle seltener als 2 Mal die Woche oder nicht länger als drei Monate auftauchen.
  • Night-Eating, bei dem man nachts aufwacht oder gar nicht einschlafen kann und dann unkontrolliert isst, teilweise ohne sich am nächsten Tag daran zu erinnern.
  • Pica-Syndrom, bei dem Dinge gegessen werden, die eigentlich keine Nahrung sind, etwa Erde.
  • Purging-Disorder, wo die Nahrungsaufnahme mithilfe von Abführ- oder Entwässerungsmittel und auch durch Erbrechen kontrolliert wird. Anders als bei der Bulimie isst die betroffene Person vorher aber nicht übermäßig viel.
  • Chew and Spit, beim dem große Mengen Essen gekaut, aber nicht hinuntergeschluckt werden.
  • Orhtorexie, also das zwanghafte gesunde Essen. Viele Experten ordnen die Krankheit allerdings bei den Zwängen statt bei Essstörungen ein.

All diese Formen des Essverhaltens sind KEINE harmlose Variante der Essstörungen, sie bergen die gleiche Gefahr wie Anorexie, Bulimie oder Binge-Eating!

Warum entstehen Essstörungen?

Es gibt keine allgemeingültige Begründung, wieso jemand ein unnatürliches Essverhalten hat. In unserer Umwelt lauern aber einige Ursachen: Aussehen und Körperbild sind heutzutage sehr wichtig, es gibt ständig neue Diättrends und man hat jederzeit Zugang zu Nahrung. Doch auch im Inneren der Betroffenen stecken oft tiefere Probleme, die sich durch eine Essstörung äußern. "Essen oder Nicht-Essen ist immer eine Bewältigungsstrategie", erklärt Reupert. Sein Hungergefühl zu "besiegen", kann ein Gefühl der absoluten Kontrolle sein. Vor allem dann, wenn einem gerade alles andere über den Kopf wächst. Das Völlegefühl nach übermäßigem Essen kann aufgewühlte Emotionen beruhigen, wenn man nicht einschlafen kann. Reupert erklärt: "Bei allen Betroffenen gab es im Leben einen Moment, an dem das Essverhalten eine Situation bewältigt oder zumindest erträglich gemacht hat".
Langfristig ist diese Bewältigungsstrategie aber sehr gefährlich und kann sogar tödlich enden. Deshalb ist es wichtig, die ersten Anzeichen bei sich und anderen so früh wie möglich zu erkennen und anzusprechen.

Wenn sich jemand ohne Grund zurückzieht, sollten Sie besonders achtsam sein und Ihre Unterstützung anbieten © mimagephotography / shutterstock.com

Die ersten Anzeichen erkennen

Menschen mit einer Essstörung tun häufig alles, um ihr Problem geheim zu halten. Gerade bei OSFED sind die Symptome oft nicht eindeutig. Erste Anzeichen eines unnatürlichen Essverhaltens können aber folgende sein:

  • Ungewöhnliche Gewichtszu- oder abnahme
  • Starke Fixierung auf Ernährung, Aussehen oder Körperbild
  • Starke Kontrolle der Nahrung (Ernährungspläne, Einteilung der Lebensmittel in gut und schlecht, nur zu bestimmten Uhrzeiten essen etc.)
  • Veränderungen im Verhalten: Betroffene können auf einmal ängstlicher, oder reizbarer wirken, sich aus sozialen Kontakten zurückziehen, sind weniger belastbar
  • Depressionen/depressive Verstimmungen
  • Allgemeine Angst vor Kontrollverlusten

Was kann ich tun, um zu helfen?

"Wenn Ihnen an Freunden, Bekannten, Kollegen oder auch an sich selbst etwas Derartiges auffällt, sprechen Sie es so schnell wie möglich an!", so Reupert. Die Expertin rät:

1. Suchen Sie das Gespräch unter 4 Augen

Eine Intervention, bei der gleich mehrere die Person auf das Problem ansprechen, ist für sie eher überfordernd und kann dazu führen, dass sie sich noch mehr zurückzieht

2. Schildern Sie nur Ihre Beobachtungen

Sagen Sie, was Ihnen an der Person aufgefallen ist und warum Sie sich Sorgen machen, aber stellen Sie keine Diagnose.

3. Seien Sie sensibel

Sprechen Sie nicht in einem vorwurfsvollen Ton mit der Person, sondern wertschätzend und entgegenkommend. Sätze wie "Iss doch einfach mehr" gehen gar nicht.

4. Seien Sie beharrlich

Rechnen Sie damit, beim ersten Mal abgewiesen zu werden. Häufig schämen sich Essgestörte für ihr Problem und blockieren deshalb erstmal. Sprechen Sie es deshalb so oft an wie nötig.

5. Suchen Sie sich Unterstützung

Es gibt inzwischen viele Beratungsstellen, die Betroffenen und Angehörigen helfen und über das Problem informieren, auch im Internet und völlig anonym. Der Waage e.V. bietet beispielsweise eine Beratung per E-Mail oder Chat für alle Interessierten an. Weitere Anlaufstellen sind das BZGA (Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung) und der Verein ANAD. Menschen wie Julia erzählen auf Youtube oder ihren Blogs von ihren persönlichen Erlebnissen und tragen so zur Aufklärung und Sensibilisierung bei.

Durch den Begriff OSFED haben alle Menschen mit einer Essstörung die Möglichkeit, ihr Problem zu benennen und sich Hilfe zu suchen. Achten Sie auf Ihr Umfeld! Wenn Ihnen etwas Ungewöhnliches am Essverhalten einer Person auffällt, sprechen Sie es an. Dafür ist es selten zu spät und nie zu früh, denn je schneller die Krankheit bekämpft wird, desto besser sind die Chancen, sie zu besiegen.

12.03.2018| Tove Marla Hortmann © womenshealth.de
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