Selbstverteidigung für Frauen Mehr (Selbst-) Sicherheit: Das schützt Sie vor Angriffen

In brenzligen Situationen ist es gut zu wissen, wie Sie richtig handeln.
Zu wissen, wie Sie sich im Ernstfall selbst verteidigen, kann Ihnen ein sicheres Gefühl geben. © Syda Productions / Shutterstock.com

Kein Hobby für Schlägertypen: In Selbstverteidigungs-Kursen lernen Sie außer Kampftechniken vor allem, Gefahren rechtzeitig zu erkennen und selbstsicher aufzutreten

Wochenende. Spätabends auf dem Heimweg betreten Sie gedankenversunken einen Bus oder eine Bahn. Sie verpassen Ihre Haltestelle, steigen an der verlassenen Endstation aus und bekommen ein mulmiges Gefühl. Aus dem Augenwinkel merken Sie, dass eine fremde Person Sie beobachtet. Es ist ein Typ, und plötzlich kommt er geradewegs auf Sie zu. In diesem Moment wünschen Sie sich vielleicht, etwas mehr über Selbstverteidigung zu wissen.

Nein, natürlich sollen Sie jetzt nicht sofort zuschlagen. In den meisten Fällen geht so ein Typ einfach an Ihnen vorbei. Aber in solchen Situationen gibt es Ihnen Sicherheit zu wissen, wie Sie sich richtig verhalten und gegebenenfalls zur Wehr setzen können. Tim von Fintel, Chef-Trainer an der Kampfsportschule Zanshin Dojo in Hamburg, erklärt, wie jede Frau lernen kann, brenzlige Situationen zu beurteilen und zu überstehen.

Kurz noch eine wichtige Information vorweg: Dieser Artikel ersetzt keinen Selbstverteidigungskurs.

Warum ist es gut, Selbstverteidigung zu lernen?

Dabei geht es nicht nur um die handgreiflichen Teile, sondern vor allem darum, ein Bewusstsein für Gefahrensituation zu schaffen und diese erkennen zu können. Wie immer ist Vorsicht die beste Methode zur Prävention. "Am effektivsten und sichersten ist es, sich gar nicht erst in Gefahrensituationen zu begeben und diesen möglichst aus dem Weg zu gehen", betont der Experte. Also zum Beispiel: Lieber über belebte als einsame Straßen gehen, abends zudem lieber beleuchtete als unbeleuchtete wählen.

Ein Selbstverteidigungskurs dient dazu, Gefahren zu erkennen und sich gezielt mit unangenehmen Situationen auseinanderzusetzen. Die Situation an der Haltestelle ist natürlich so nicht vorhersehbar, und es kann und will Ihnen niemand verbieten, abends allein über die Straße zu gehen. Selbstverständlich sind die Angreifer immer im Unrecht, aber manchmal ist es besser, das nicht mit ihnen persönlich zu erörtern.

Es gibt viele Selbstverteidigungstechniken, die einfach zu lernen sind.
Auch körperlich überlegene Angreifer lassen sich durch bestimmte Techniken abwehren. © Susan Kesselring

Was ist bei Selbstverteidigung erlaubt?

In Deutschland regeln Gesetze, dass Sie sich "verhältnismäßig" gegen Angriffe wehren dürfen. Sprich: Sie sollten nicht mit der Kettensäge reagieren, wenn jemand Sie mit einem Ball abwirft. Es gibt jedoch auch Ausnahmen von dieser "Verhältnismäßigkeit". Von Fintel erklärt: "Setzt sich eine Person aus Angst zur Wehr, ist es nicht strafbar, über die Verhältnismäßigkeit hinwegzugehen. Dann greift der Notfallparagraph."

Beispiel: Eine fremde Person gibt Ihnen im Park unvermittelt eine Ohrfeige und Sie schlagen reflexartig mit einem Gegenstand zurück, dabei verletzt sich Ihr Angreifer schwer. Das soll kein Tipp sein, es soll heißen: Wenn Sie attackiert werden, sollten Sie sich nicht durch juristische Abwägungen selbst davon abhalten, sich zu verteidigen.

Um sich selbst zu schützen, ist alles erlaubt, was nicht unter das Waffengesetz fällt. Wichtig: "Pfefferspray darf per Gesetz nur zur Tierabwehr erworben werden", betont Experte von Fintel. Ist die Dose entsprechend gekennzeichnet, ist es legal, sie dabeizuhaben. Sprays ohne eine solche Kennzeichnung dürfen Sie nur als Besitzerin des 'Kleinen Waffenscheins' mitführen (zu beantragen je nach Kommune bei Ordnungsamt, Polizei oder Kreisverwaltung).

Der Einsatz des Sprays jedoch ist wiederum in beiden Fällen nur in der erwähnten Notfallsituation erlaubt, also bei Notwehr oder Nothilfe. Es genügt nicht, dass Sie jemand beschimpft. Sicherheitsexperten warnen auch davor, dass ein solches Spray falsche Sicherheit vermittelt, Konflikte eher eskalieren kann und Sie sich als Ungeübte bei falscher Anwendung selbst verletzen können. Besser: Ein Selbstverteidigungskurs.

Ab wann sollte ich Selbstverteidigung lernen?

Das ist eine ganz individuelle Entscheidung. Aber wenn Sie sich allgemein eher unsicher fühlen und die Erfahrung gemacht haben, sich – auch verbal – nicht gut gegen andere behaupten zu können, ist es ratsam, sich mit dem Thema zu befassen.

Selbstverteidigung beginnt nämlich schon damit "Nein" zu sagen, wenn Sie etwas nicht möchten. "Selbstbehauptung und Selbstwahrnehmung sind die Vorstufe der Selbstverteidigung", so von Fintel. Ein sicheres Auftreten, eine selbstbewusste Haltung und klare Worte sind oft die beste Grundlage für die Eigensicherung.

Durch gezieltes Training können Sie außerdem lernen, wie Sie brenzlige Situationen abwehren. "Üben Sie bestimmte Szenarien regelmäßig ein, verändert sich Ihre Ausstrahlung und Sie treten selbstsicherer auf", sagt von Fintel. "Haben Sie eine starke Haltung und ein gesundes Selbstbewusstsein, sind Sie schwerer angreifbar, als wenn Sie von Anfang an eine Art Opferrolle einnehmen." Allein das kann schon einen Effekt auf potenzielle Angreifer haben, denn Täter suchen sich meist vermeintlich schwächere Gegner.

Im Selbstverteidigungskurs lernen Sie sicher aufzutreten.
Immer die Deckung hoch! In einem Selbstverteidigungskurs lernen Sie auch, mit plötzlichen Angriffen umzugehen. © Sarah Hälbich

Welche Techniken sind am besten zur Selbstverteidigung geeignet?

Am einfachsten und effektivsten ist es, Schlagtechniken auf Vitalpunkte zu erlernen. Dazu zählen der Genitalbereich, Augen oder der Hals des Angreifers. Diese Techniken sind simpel und können von jeder Person angewendet werden (siehe Videos unten).

Manche Selbstverteidigungskurse setzen auch auf Hebeltechniken. Der Experte äußert sich darüber jedoch skeptisch: "Hebeltechniken sind für Personen, die sich noch nie mit Selbstverteidigung beschäftigt haben fehl am Platz, da die Technik erst intensiv eingeübt werden muss."

Welche unbewaffneten Selbstverteidigungsarten gibt es?

Kampfsport:

Kampfsportarten eignen sich um Selbstverteidigung zu erlernen, da diese Selbstverteidigungselemente enthalten. Viele Kampfsportarten sind jedoch primär für den Wettkampf ausgelegt und können ziemlich brutal sein, wie zum Beispiel Thaiboxen. "Es nützt nichts, den härtesten Sport heraussuchen, wenn Sie nicht der Typ dafür sind," sagt von Fintel.

Tipp: Interessieren Sie sich für Kampfsport schauen Sie sich mehrere Sportarten an. Schrecken harte Kampfsportarten Sie ab, wählen Sie lieber einen sanfteren Kurs. Dann bleiben Sie am Ball und lernen Inhalte effektiver.

Selbstverteidigungskurse:

Es gibt Kurse, die auf Selbstverteidigung spezialisiert sind. Ob Anfängerin oder Fortgeschrittene. Jede Frau kann bei einem solchen Kurs einsteigen. Der Experte rät dazu, einen Selbstverteidigungskurs zusätzlich zum Kampfsport zu belegen, da Inhalte im Vordergrund stehen, die beim Kampfsport nur sporadisch abgedeckt werden.

Achtung: Bei einem ernsthaften Selbstverteidigungskurs geht es nicht primär ums Kämpfen, sondern darum, Gefahrensituationen gezielt zu erkennen und zu entschärfen.

Schnelle Selbstverteidigung 3 Sek.

Wie läuft ein Selbstverteidigungskurs ab?

Bei einem guten Selbstverteidigungskurs lernen Teilnehmer praktische Techniken, um im Ernstfall richtig zu handeln. Verschiedene Szenarien werden in Rollenspielen eingeübt. Zum Beispiel "Stopp!" zu sagen, wenn Sie etwas nicht möchten, oder richtig zu reagieren, falls eine fremde Person Sie in einer Situation anspricht, in der Sie sich unwohl fühlen.

Innerhalb dieser Rollenspiele werden Angriffs- und Verteidigungshandlungen mehrfach durchgespielt. Zum Beispiel, wie Sie sich befreien, wenn Sie jemand von hinten umklammert oder würgt. Am Ende eines Kurses werden Inhalte besprochen oder Übungen außerhalb durchgeführt. Hierbei werden Kursteilnehmer unter Stress gesetzt und lernen sich in Extremsituationen gezielt zu verteidigen. "Dies ist wichtig, um auch mit Schreckmomenten umzugehen", so von Fintel. "Wiederholen Sie bestimmte Szenarien regelmäßig, verlieren Sie die Scheu, sich bei einem solchen Angriff zur Wehr zu setzen."

Sich wehren lernen 2 Sek.

Woran erkenne ich einen guten Selbstverteidigungskurs?

Es gibt durchaus weniger seriöse Angebote. Von Fintel erklärt: "Der Begriff Selbstverteidigung ist nicht geschützt, deshalb sollten Sie auf Empfehlungen Ihres Bekanntenkreises oder Experten wie zum Beispiel Kampfsportlern achten. Zusätzlich ist es sinnvoll zu schauen, aus welchem Bereich der Kursleiter kommt, beispielsweise dem Sicherheitsbereich oder Kampfsport."

Übrigens sind günstige Selbstverteidigungskurse nicht schlechter als teure. Sportvereine bieten in der Regel günstigere Kurse an, da dort meist ehrenamtliche Trainer arbeiten. Ein guter Kurs kostet durchschnittlich zwischen 50-200 Euro.

Was sind Grenzen der Selbstverteidigung?

Kommen Sie in eine Situation, in der Sie kräftemäßig und/oder zahlenmäßig deutlich unterlegen sind, ist die Grenze der Selbstverteidigung erreicht. Darum sollten Sie auch immer Ihre Fluchtmöglichkeiten im Blick haben – und vor allem mögliche Helfer.

Haben Sie keine Scheu, durch lautes Schreien auf sich aufmerksam zu machen, oft vertreibt auch das schon die Angreifer, die Sie für ein "leichtes Opfer" gehalten haben. Oft hilft es, das lautstark zu kommentieren, was der Angreifer tut: "Fassen Sie mich nicht an!" Das weckt die Aufmerksamkeit von anderen. Müssen Sie wegrennen und tragen hochhackige Schuhe, ziehen Sie diese aus, wenn Sie dann besser laufen können. Findet sich auf der Straße niemand, klingeln Sie an Häusern oder klopfen an Fenster, versuchen Sie per Handy oder Notrufsäule einen Notruf abzusetzen. Machen Sie richtig Alarm!

So, jetzt erstmal beruhigen, zum Glück ist ja nichts passiert. Sie sehen: Sich gegen Angriffe wehren zu können, ist wichtig. Es stärkt Ihr Selbstbewusstsein und gibt Sicherheit. Besonders Schlagtechniken auf Vitalpunkte können Sie schnell und effektiv lernen. Das A und O ist jedoch Gefahrensituationen zu erkennen, und diesen gezielt aus dem Weg zu gehen.

15.01.2019| Susan Kesselring © womenshealth.de
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