Lipödem-Betroffene "Nach der Diagnose habe ich zwei Wochen durchgeweint – aus Erleichterung"

Isabel Garcia begegnet dem Lipödem mit Sportsgeist und Gelassenheit. © Westermann & Buroh Studios, TRIAS Verlag

Durch ein Lipödem sind Isabel Garcias Beine fülliger als ihr Körper. Hier erzählt sie, wie sie trotz der Krankheit glücklich ist – und wie Sie Lästerern begegnet

Isabel Garcia ist und war schon immer eine attraktive Frau. Nur ihre Beine entsprachen von Jugend an nicht dem gängigen Schönheitsideal. Trotz Sport und Diäten wurden sie immer fülliger, während Ihr Oberkörper schmal und schlank blieb. Später wurden auch Ihre Oberarme immer kräftiger. Erst mit 27 Jahren erfuhr sie, dass eine Krankheit dahinter steckt: ein Lipödem.

Das Lipödem ist eine Störung der Fettverteilung, die fast nur Frauen betrifft. Die Krankheit ist mit Schmerzen in den betroffenen Körperregionen verbunden und stellt für Frauen nicht nur eine körperliche Belastung dar, sondern auch eine seelische. Denn die Folgen der Krankheit sind unübersehbar und für viele Betroffene ein großes ästhetisches Problem.

Die Deutsch-Spanierin aus Hamburg setzt sich intensiv mit ihrer Krankheit auseinander und schrieb ein Buch darüber ("Lipödem. Ich bin mehr als meine Beine", erschienen im TRIAS Verlag, 19,99 Euro über amazon.de), in dem sie ihren nicht selten schmerzhaften Weg von der Diagnose Lipödem zu einem selbstbewussten Leben beschreibt. Im Interview erklärt sie, wie Sie sich körperlich und seelisch mit ihrem Lipödem arrangierte und warum sie sich heute als glücklichen Menschen bezeichnet.

Wann und wie haben Sie festgestellt, dass Sie am Lipödem leiden?

Mit 27 Jahren arbeitete ich neben meinem Job als Radiomoderatorin auch als Gesanglehrerin. Und eine Schülerin sprach mich auf meine Figur an. Sie meinte, dass eine Freundin von ihr eine Klinik kennen würde, da sähen alle "so" aus. Und das wäre wohl eine Krankheit. Um dies dann festzustellen, habe ich sofort einen Termin in der Földiklinik in Hinterzarten ausgemacht und mir wurde dort bestätigt, dass ich ein klassisches Lipödem habe.

Hat die Diagnose Ihren Blick auf Ihren Körper verändert? Wenn ja, inwiefern?

Es hat in erster Linie seelisch etwas mit mir gemacht. Ich habe das Lipödem ja schon, seit ich 12 Jahre alt bin. Meine Beine wurden immer fülliger, im Gegensatz zum fast schon mageren Oberkörper. Ich machte Sport und stürzte mich kopfüber ins Diät-Karrussel, doch dieses Missverhältnis blieb. Vor allem diese Beulen, die bei einer jungen sportlichen Frau niemand erwartet. In all den Jahren bis zu meiner Diagnose in der Földiklinik, wurde mir unterstellt, dass ich lügen würde: Es könne ja nicht sein, dass ich so viel Sport treibe und auf eine angemessene Kalorienzufuhr achte, dann sonst würden meine Beine ja nicht so aussehen. Irgendwann glaubte ich mir selbst nicht mehr und fragte mich, ob die eine Karotte vielleicht doch zu viel war.

Als ich die Diagnose bekam, habe ich gefühlt erst einmal zwei Wochen durchgeweint. Aus Erleichterung, weil ich nun wusste, dass es nicht in meiner Verantwortung lag. Aus Scham, weil ich mir selbst nicht mehr geglaubt habe. Und natürlich auch weil mir im Rückblick bewusst wurde, wie unfair die vielen Beleidigungen gewesen waren, die ich mir angehört habe aufgrund meiner Figur.

Was sich noch verändert hat: Ich wusste nun, dass ich etwas tun kann. Und ich wusste, dass diese Beine zu mir gehören. Vorher hatte ich das unbestimmte Gefühl, dass meine eigenen Beine unter den Fettmassen vergraben waren und dass dieses Fett nicht zu mir gehörte.

Es war für Isabel ein langer Weg, sich mit Ihrem Körper zu arrangieren und Ihre Beine zu akzeptieren. © Westermann & Buroh Studios, TRIAS Verlag

Was war der Auslöser, sich nicht mehr nur als Opfer des Lipödems zu sehen?

In mir steckte schon immer eine Kämpferin, und die bekam mit der Diagnose Rückenwind. Ich ließ mir sofort eine Kompressionsstrumpfhose verschreiben, eine Ernährungs- und Sportempfehlung geben und machte mich mit Elan daran, gegen die Fettmassen anzugehen. Ein halbes Jahr und 10 Kilo Gewichtsverlust später ging ich dann noch zur Kur in die Földiklinik.

Für mich war die Diagnose Lipödem ein Segen, weil ich nun milder mit mir war, wenn ich sehr langsam abnahm und wenn ich beim Sport nicht alles machen konnte. Nun wusste ich, woran es lag und dass Durchhalten gefragt war. Ich hielt mich strikt an die Anweisungen und wog nach der Kur sogar 16 Kilo weniger. Die Diagnose war für mich eine Chance und kein Grund zu Verzweifeln.

Viele Frauen mit Lipödem erhoffen sich Hilfe von einer Liposuktion. Was halten Sie davon?

Unter bestimmten Bedingungen bin ich absolut für die Fettabsaugung (Liposuktion). Diese Bedingungen wären:

  • Chirurgen sollen aufhören zu behaupten, dass das Lipödem hinterher weg sei. Seriöse Ärzte haben mir gesagt, dass dies gelogen sei und der Krankheitsverlauf nur um 5 bis 20 Jahre zurückgedreht wird.
  • Die Frauen dürfen nicht mehr "leergesaugt" werden. Mehr als 6 kg pro Operation ist nicht gesund für den Körper.
  • Betroffene dürfen auch nicht mehr alle vier Wochen operiert werden, sondern eine bis maximal zwei solcher Operationen im Jahr machen lassen.
  • Zuerst muss eine vorhandene Essstörung behandelt werden. Über 60 Prozent der Lipödembetroffenen haben eine Essstörung. Manche Frauen nehmen einige Jahre nach der Operation alles wieder zu, wenn sie durch einen Job- und/oder Partnerverlust wieder mit Fressattacken anfangen.
  • Es sollten nur Frauen operiert werden, die mindestens fünf Jahre ihr Gewicht konstant gehalten haben, weil die Ergebnisse dann auch sehenswert sind. Wenn übergewichtige Jo-Jo-Kandidatinnen operiert werden, dann sehen sie nach einer erneuten Zunahme, die häufig passiert, leider oft schlimmer aus als vorher.
  • Wenn eine Lipödem-Betroffene nach der Operation mindestens fünf bis bestenfalls 20 Jahre keine oder wenig Schmerzen hat, dann ist das großartig – und sollte deswegen definitiv von der Krankenkasse unterstützt werden.

Warum sind Sie trotz all dieser Punkte überhaupt FÜR die Liposuktion?

Nun, weil sie schlagartig die Schmerzen nimmt oder zumindest deutlich reduziert. Und kaum eine Operation hält doch ewig. Eine neue Hüfte wird auch ungefähr alle 15 Jahre operiert, und diese Tatsache spricht nicht gegen die erste Operation.

Sie setzen vor allem auf Sport und Ernährung. Warum?

In der Tat habe ich zwar eine Hautstraffung und korrigierende Liposuktion für die Kontur vornehmen lassen, als ich mit 27 so viel abgenommen habe. Diese speziellen schmerzlindernden Lipödem-Liposuktionen habe ich damals noch nicht gekannt und nie gemacht. Habe es auch aktuell nicht vor, wobei ich es mir für die Zukunft offen halte.

Resignieren gibt's nicht: Mit dem richtigen Training lassen sich Figur und Schmerzen positiv beeinflussen. © Westermann & Buroh Studios, TRIAS Verlag

Im Moment kommt es für mich nicht in Frage, weil ich ja weiß, wie viel ich allein mit Sport, Kompression und Ernährung schaffen konnte. Dank meiner Recherche weiß ich auch, wie wichtig es ist, den Stress zu reduzieren, sich mental gut aufzustellen, etc. Und ich glaube nicht, dass ich nur dann schön bin, wenn ich eine Figur habe wie Models auf einer Hochglanzbroschüre. Was für ein Vorbild bin ich, wenn ich zwar schreibe, wie viel ich mit Sport und Ernährung erreichen könnte, um dann die Abkürzung über die Liposuktion zu gehen?

Ich freue mich für alle, die sich für die Operationen entscheiden und hinterher glücklich sind. Für mich kommt es im Moment nicht in Frage. Ich habe noch nicht fünf Jahre lang mein Gewicht konstant gehalten, und Operationen sind für mich eh immer der letzte Ausweg. Wenn ich eine machen lasse – dann will ich erstmal für die optimalen Voraussetzungen sorgen.

Erhalten Sie rüpelhafte, verletzende Kommentare über Ihre Figur?

Oh ja. Ich könnte ein Buch der Demütigungen schreiben. Lebenspartner, die mir sagten, dass ich nur bis zur Hüfte schön sei. Zuschauer meiner Vorträge, die meinten, mich stilmäßig beraten zu müssen, weil ich "unten herum so dick" aussehe. Jugendliche, die sich darüber schlapp lachen, weil ich angeblich keine sichtbaren Knie habe.

Wie reagieren Sie darauf?

Früher war ich traurig. Ich habe mich zurückgezogen und bin noch seltener rausgegangen. Je älter ich werde, desto gelassener gehe ich damit um. Heute stimme ich einfach zu, wenn mir jemand sagt, dass die Beine nicht schön aussehen. Sie haben ja, zumindest was das klassische Schönheitsideal betrifft, nicht ganz Unrecht. Wenn jemand mir sagt: "Ihre Beine sind aber dick" – dann sage ich: "Stimmt."

Warum darüber ärgern? Das macht mein Leben nicht schöner und bunter. Und da Stress Gift fürs Lipödem ist, bleibe ich meistens entspannt.

Glauben Sie, wir brauchen wir ein neues Schönheits- und Fitness-Ideal?

Ich fände es schön, wenn das neue Ideal wäre: "Fit und glücklich". Es ist natürlich wichtig, dass wir Sport treiben und uns nicht nur mit Fast Food vollstopfen. Doch nicht jede Frau mit schlanken Beinen ist sportlich und nicht jede Frau mit dicken Beinen ist unsportlich. Wie wäre es, wenn wir den Fokus eben mehr auf das glückliche Gefühl nach dem Sport legten? Oder auf einen möglichst fitten Körper?

Was ist Ihrer Meinung nach die Grundvoraussetzung für ein glückliches Leben mit Lipödem?

Mehr Glück, mehr Selbstliebe, mehr Achtsamkeit.

Mehr über Isabel Garcias Recherche und Leben lesen Sie in ihrem Buch: "Lipödem. Ich bin mehr als meine Beine", Trias Verlag (zirka 20 €)

05.03.2019| Interview: Christine Naefeke © womenshealth.de
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