Gesunder Egoismus Warum es okay ist, auch mal nur an sich zu denken

Was heißt hier Ego-Trip? Sich lieber mal allein eine Auszeit gönnen als in einem Meer aus Verpflichtungen ertrinken! © Jacob Lund / Shutterstock.com

Egoismus hat kein gutes Image. Dabei gilt auch im Leben der Leitsatz der Ersten Hilfe: Nur wer an sich denkt, kann überleben – und für andere da sein. Über die richtige Dosis Ich im Alltag

Dauernd sagen Sie „ja“ zu den falschen Leuten. „Okay, lass’ uns treffen“, sagen Sie zu Freundin A, obwohl Sie bereits ein Date mit Freundin B haben. „Na gut, mach ich am Wochenende“, antworten Sie Ihrem Chef, der Ihnen ein Extraprojekt aufbrummt, obwohl Sie mehr als ausgelastet sind. „Ja, ja, ich komme zum Sonntagsbrunch“, beschwichtigen Sie Ihre Eltern, dabei gehen Sie Samstagabend auf die Party des Jahrzehnts (jedenfalls lautet so das katerverheißende Motto). Schließlich tritt der besagte Tag ein und alle kommen zu kurz, die Freundinnen, der Job, die Eltern. Und am meisten: Sie selbst. Ihre Verabredungen mutieren zu einem Meer aus To-dos, die eigenen Bedürfnisse gehen darin unter. Zeit für eine Kurskorrektur! Zeit für mehr Sie!

Wie entsteht Egoismus?

Jeder Mensch kommt egoistisch auf die Welt. Babys holen sich das, was sie brauchen. Wenn sie es nicht kriegen, verlangen sie lautstark danach. „Primärer Egoismus“ nennt das die Forschung. Ein Kind kann noch nicht zwischen eigenen Bedürfnissen und denen anderer unterscheiden. Es ist einfach das pure Ego – das Wort „Ego“ stammt aus dem Lateinischen und bedeutet schlicht „ich“. Egoismus ist also Ich-Bezogenheit. Erst mit dem Erwachsenwerden verstehen wir, dass viele Menschen anders fühlen als wir selbst. In diesem Prozess verlernen vor allem Frauen, sich an die erste Stelle zu setzen. Wie kommt es dazu?

Wichtig ist die Balance von Ich und Wir: Alle profitieren mehr, wenn jede(r) auch mal auf etwas verzichtet. © Jacob Lund / Shutterstock.com

Das Problem beginnt im anerzogenen Belohnungssystem im Gehirn, wie Schweizer Forscher herausfanden. „Gib den anderen was ab“, bekommt ein Mädchen oft zu hören. „Lass dir nix wegnehmen“, heißt es eher bei Jungen. Das hinterlässt Spuren. „Als Mädchen lernen Sie, angepasst, hilfsbereit und perfekt zu sein“, so Psychologin und Autorin Dr. Eva Wlodarek („Mehr Selbstvertrauen“, Herder, um 12 Euro). Gute, soziale Taten aktivieren demnach bei Ihnen dieselben inneren Schaltkreise wie ein Stück Schokolade oder guter Sex. Ob Sie egoistisch sind, wird also in der KIndheit angelegt - und haftet Ihnen später als Etikett an. Man sei „egoistisch“ gilt als Beleidigung, die niemand hören will.

Wann ist Egoismus krankhaft?

Bei einer extrem übersteigerten Form von Egoismus spricht man eher von Narzissmus. Kernmerkmale: Überhöhung der eigenen Bedeutung, Sucht nach Anerkennung, Rücksichtslosigkeit und mangelnde Empathie. Soziale Medien befeuern das, oft scheint es, als ob die Welt gerade vor Narzissten wimmelt. Sie fotografieren sich unentwegt selbst, zocken an der Börse und werden Präsident der USA. „Narzisst“ ist zu einer Generaldiagnose geworden. Tatsächlich aber ist Narzissmus eine ernsthafte Persönlichkeitsstörung, die laut klinischen Studien zum Glück nur 1 Prozent der Bevölkerung betrifft.

An sich denken heißt nicht, immer nur an sich denken. Oder sich nur noch selbst abzufeiern. © Jacob Lund / Shutterstock.com

Das andere Extrem, das dem Egoismus gegenübersteht, ist ebenfalls eher selten: Altruismus, totale Selbstlosigkeit. Altruisten helfen, hören anderen zu und sind immer für sie da, ohne Gegenleistung zu fordern. Hier ist ein erfreulicher gesellschaftlicher Trend erkennbar: Das Rote Kreuz hat so viele ehrenamtliche Helfer wie nie. Jeder dritte Deutsche engagiert sich in der Nachbarschaftshilfe, jeder Fünfte im Verein, jeder Zehnte im Sozialsektor. Aber auch die Helfer-Mentalität hat ihren Preis. Wer zu wenig an sich denkt, brennt aus, leidet letztlich an der „disease to please“. Gesund sind also beide Extreme nicht, weder für Sie selbst noch für Ihr Umfeld. In Reinform kommen sie jedoch selten vor. Völlige Selbstlosigkeit ist genauso unwahrscheinlich wie purer Egoismus. Sie ergänzen sich vielmehr gegenseitig.

US-Neurowissenschaftler haben bewiesen, dass wenn Sie für wohltätige Zwecke Geld spenden, dieselben Hirnareale aktiviert werden wie wenn Ihnen jemand einen Gefallen tut. Fast jede gute Tat beruht auf einem Tauschgeschäft: Wenn Sie der Freundin beim Umzug helfen, hilft sie bei Ihrem. Es gibt eine ideale Schnittmenge zwischen übersteigerter Selbstverehrung und selbstloser Aufopferung: das notwendige Eigeninteresse – oder auch gesunder Egoismus.

Ihr Ego ist das, was Freunde an Ihnen schätzen - also verstehen die sicher, wenn Sie es mal hätscheln. © Jacob Lund / Shutterstock.com

Wann schadet Egoismus?

Ihnen selbst zunächst gar nicht – aber anderen, und damit indirekt auch Ihnen, wenn niemand mehr etwas mit Ihnen zu tun haben will. Umgekehrt könnte man also sagen: Gesund ist Ihr Eigensinn, wenn er nicht überhand nimmt, anderen nicht schadet und vielleicht sogar gleichzeitig einen allgemeinen Nutzen hat. Lange gingen Biologen davon aus, der Mensch sei nur an seinem persönlichen Vorteil interessiert. Fressen oder gefressen werden, reich oder arm, Macht oder Moral. Hirnforscher Prof. Joachim Bauer aus Tübingen widerspricht: „Die Annahme, dass sich auf der Erde nur die stärksten durchsetzen, ist eine völlig vereinfachte Sichtweise. Entscheidend ist, ob eine Kooperation stattfindet, sodass alle gut miteinander leben können.“ Kurz: Teamplayer first!

Wie kann ich testen, wie egoistisch ich bin?

Stellen Sie sich vor, Sie bekommen 100 Euro geschenkt. Sie müssen das Geld allerdings mit jemandem teilen. Wie viel Sie abgeben, bleibt Ihnen überlassen. Der Haken: Falls Ihr Gegenüber Ihr Angebot ablehnt, bekommen Sie beide nichts. Wie viel geben Sie ab? Versuche zeigen: Liegt Ihr Angebot zwischen 40 und 50 Euro, wird es meist akzeptiert, beide sind ein Stück reicher.

Dieses so genannte Ultimatumspiel wurde bereits 1978 vom deutschen Ökonomen Werner Güth am Max-Planck-Institut zur Erforschung des Altruismus beziehungsweise Egoismus eingesetzt. In allen Industrieländern gibt der Spieler im Schnitt die Hälfte des Betrages ab. Weniger würde Ihr Gegenüber vermutlich ablehnen – und das spüren die meisten. Stichwort: Empathie. Damit ist bewiesen, dass den meisten Menschen Fairness wichtiger ist als der schnöde Profit. Das können Sie zu Ihrem Vorteil nutzen. Frauen haben es tatsächlich oft besser drauf, das Gemeinwohl im Blick zu behalten, sind nahbarer und empathischer. Aber Sie dürfen – und sollen – dabei guten Gewissens an sich selbst denken.

Eva Wlodarek: „Trauen Sie sich, für Ihre Bedürfnisse einzustehen, Grenzen zu ziehen und auch mal Nein zu sagen.“ Machen Sie sich bewusst, dass Sie nicht mehr das kleine Mädchen von einst sind, sondern eine souveräne Frau.Denn ein gewisses Maß an Egoismus nützt allen: Laden Sie Ihre eigenen Batterien regelmäßig auf, dann haben Sie auch mehr Energie für andere.

Wie lerne ich, egoistischer zu werden?

Ein Ja zu sich selbst ist häufig ein Nein zu anderen.Wenn Sie mehr an sich denken wollen, müssen Sie lernen, öfter mal Nein zu sagen, wenn andere etwas von Ihnen wollen. Die Kunst, sich selbst wichtig nehmen, ohne dabei jemanden vor den Kopf zu stoßen, gar nicht so leicht. Hier sind 5 Tipps, wie Ihnen die vier Buchstaben künftig leichter über die Lippen kommen und wie Sie den richtigen Ton treffen

1. Bestandsaufnahme machen

Wir alle dürfen Nein sagen. Oft tun wir uns nur unter gewissen Umständen, bei bestimmten Personen und Themen schwer damit. Überlegen Sie, welche Situationen das bei Ihnen sind. Notieren Sie aber auch, wann Sie schon ganz gut Nein sagen können. Das motiviert.

2. Um Bedenkzeit bitten

Wenn Ihnen absagen schwerfällt, gewinnen Sie etwas Zeit mit Sätzen wie: „Ich werde eine Nacht darüber schlafen und gebe morgen Bescheid.“ So können Sie Ihre Gedanken sammeln. Warum fällt es Ihnen schwer, Nein zu sagen? Warum wollen Sie es? Wer diese Fragen für sich beantwortet, kann sie auch anderen beantworten.

3. Unklare Aussagen vermeiden

Formulierungen wie „vielleicht“ oder „möglicherweise“ sind gut gemeint, erwecken aber den Eindruck, dass Ihr Nein nicht das letzte Wort ist. Lieber bedanken und klar verneinen: „Toll, dass Sie an mich gedacht haben. Aber leider habe ich keine Zeit.“ Auch Gegenfragen können helfen, z. B.: „Ich habe auch noch die Projekte X und Y auf dem Tisch – wie würden Sie die Priorität setzen?“

4. Die Ja-Nein-Ja-Strategie anwenden

Formulieren Sie in einem Ich-Satz, warum Sie ablehnen und was Sie stattdessen als Alternative anbieten. Hilfreich ist dieser Aufbau: „Unsere Freundschaft ist mir wichtig.“ (Ja.) – „Aber ich kann morgen nicht zur Feier kommen.“ (Nein.) – „Nächste Woche können wir gern zusammen ausgehen.“ (Ja.) Das wirkt weniger harsch.

5. Konsequent bleiben

Lassen Sie sich nicht abbringen, auch wenn der oder die andere ein Nein nicht hinnehmen will. Sie müssen kein schlechtes Gewissen haben.Kommunizieren Sie immer sparsamer, je mehr der Widerstand wächst. Wiederholen Sie Ihre Begründung wie eine Warteschleifenmelodie.

Niemand mag pure Egoistinnen. Sie denken nur an sich, streben rücksichtslos nach Anerkennung und eigenem Vorteil. Aber auch zu viel Aufopferung und Altruismus haben ihren Preis. Wer zu wenig an sich denkt, brennt aus. Also, finden Sie einen gesunden Mittelweg zwischen Ego und allen anderen. Dann ist am Ende wirklich für alle gesorgt.

19.09.2018| Isabell Bittner © womenshealth.de
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