Bulimie "So besiegte ich die Ess-Brech-Sucht"

Bulimie ist eine Ess-Brech-Sucht
Essen und Erbrechen bestimmen den Alltag von an Bulimie erkrankten Menschen. © Photographee.eu / Shutterstock.com

Anders als Magersucht ist Bulimie äußerlich kaum zu erkennen. Doch eine Leidensgenossin durchschaute Ninas Tarnung und half ihr aus der Bulimie

"Ein Vierteljahrhundert hing ich über den Kloschüsseln dieser Welt", schreibt Nina Wolf in ihrem Buch 'Zurück ins Leben' (Tectum Sachbuch, etwa 18 Euro). Bis zu 20 Ess-Brech-Attacken durchlitt sie pro Tag. Nina: "Ich habe Krieg gegen mich selbst geführt und war mein schlimmster Feind."

Schonungslos berichtet die heute über 40-Jährige von ihrer Sucht – und wie sie nach unzähligen gescheiterten Therapieversuchen mit Hilfe des 12-Schritte-Programms der OA (Overeaters Anonymous) und FA (Food Addicts in Recovery Anonymous) ihre Krankheit überwand und Essen heute endlich wieder ohne Angst genießen kann.

Was ist Bulimie?

Bulimie, auch Bulimia nervosa genannt, ist eine Essstörung, bei der übermäßige Mengen an Nahrung gegessen und anschließend wieder erbrochen werden, um eine Gewichtszunahme zu verhindern. Schätzungen gehen von etwa 600.000 Bulimiekranken in Deutschland aus. Die Betroffenen sind zu über 90 Prozent Frauen und zum Großteil im Alter zwischen 15 und 35 Jahren.

Auslöser sind meist emotionaler oder psychischer Stress und Unzufriedenheit mit sich selbst und dem eigenen Körper. Zwischen zwei Essattacken können Stunden aber auch Tage vergehen.

Nina Wolfs berichtet in ihrem Buch "Zurück ins Leben" wie sie die Bulimie besiegte © PR / Tectum Verlag

"Bulimie ist eine Suchterkrankung, und obwohl das Erbrechen und Hungern keine Suchtstoffe sind, können sie als Droge eingesetzt werden", erklärt die Münchner Psychologin Dr. Bärbel Wardetzki, "Die wesentlichen Suchtmerkmale sind zum einen der Kontrollverlust, der bei der Bulimie in der Unfähigkeit besteht, mit dem zwanghaften Überessen und Entleeren, also zum Beispiel zu erbrechen oder Abführmittel zu nehmen, aufzuhören."

Wer unter Bulimie leidet, hat die Kontrolle über sein Essverhalten verloren. Betroffene sind besessen davon zu essen und das Gegessene zwanghaft wieder zu erbrechen. "Das zweite Suchtmerkmal ist die Herstellung eines Rauschzustandes durch Essen, Erbrechen und Fasten", sagt Wardetzki, "Er äußert sich in einem Gefühl des ‚Highseins‘, der Betäubung und der anschließenden ‚Katerstimmung‘."

Sich aus dieser Sucht zu befreien ist ebenso schwer und anstrengend wie bei anderen Süchten. Es ist kaum ohne Hilfe möglich. Am besten ist es, sich professionelle Hilfe zu holen, aber auch mit anderen Betroffenen zu sprechen. Kontakte und mögliche Anlaufstellen für Hilfe findest du am Ende dieses Artikels.

Anders als Magersucht ist Bulimie äußerlich kaum zu erkennen.
Frauen, die an Bulimie erkrankt sind, versuchen permanent, ihre Krankheit zu vertuschen. Das kostet viel Kraft. © photographee.eu / Shutterstock.com

Eine Betroffene erzählt ihren Weg aus der Essstörung

"Beim Kotzen erwischt", so beschreibt Nina Wolf in ihrem Buch den ersten Kontakt mit Christiane, einer Frau, die 15 Jahre lang unter Bulimie gelitten hatte und trotz Ninas perfektem Tarnverhalten in ihr sofort eine Leidensgenossin erkannte. Sie war es, die Nina vom 12-Schritte-Programm der Overeaters Anonymus (OA) erzählte.

Die lehnt sich eng an das Selbsthilfe-Programm der Anonymen Alkoholiker (AA) an. Wie sie gehen die OA davon aus, dass die Unterstützung einer Gruppe eine wesentliche Voraussetzung für die Heilung von einer Sucht ist, gemäß dem Motto: "Nur du allein schaffst es, aber du schaffst es nicht allein." Deshalb gründen sie in vielen Städten Gruppen, die sich in regelmäßigen Abständen treffen. Wie bei den AAs bleiben die Namen der Teilnehmer anonym.

Wichtig: Sich die Bulimie eingestehen

Ausgangspunkt für das Programm der OAs ist, dass die oder der Betroffene zugibt, bisher gescheitert zu sein, mittels eigenem Willen und Selbstkontrolle aus der Sucht zu finden. Diese Kapitulation und Akzeptanz ist die Voraussetzung für die weiteren Schritte.

Hinter Nina lagen bereits unzählige gescheiterte Versuche, die Bulimie in den Griff zu bekommen. Nach einigem Zweifeln entschloss sie sich, dem Programm eine Chance zu geben.

Schwerer als die Einsicht, sich nicht aus eigener Kraft aus der Bulimie befreien zu können, war für Nina der zweite Schritt der OA. Dabei geht es darum, das Steuer an eine Macht abzugeben, die stärker ist als sie selbst und die angeblich hilft, wieder gesund zu werden. Wie sie sich diese Macht vorstellt, als Gott oder Schutzengel oder auch eine nicht näher definierte Kraft des Guten, blieb ihr selbst überlassen.

Nina, die bisher weder mit Religion noch mit Spiritualität etwas am Hut hatte, konnte sich nicht leicht darauf einlassen. Und auch du denkst jetzt: ‚Das ist mir zu abgefahren?‘ Nachvollziehbar. Nina Wolf gab diesem Weg, mit dem auch die Anonymen Alkoholiker seit Jahrzehnten sehr erfolgreich sind, dennoch widerstrebend eine Chance und schaffte damit den Ausstieg aus der Sucht.

Bulimie trifft vor allem, aber nicht nur Frauen
Wie Magersüchtige haben Bulimikerinnen Angst zuzunehmen. Sie essen oft Unmengen und erbrechen die Nahrung danach wieder. © Photographee.eu / Shutterstock.com

Den Gründen der Bulimie auf die Spur gehen

In den nächsten Schritten der OAs ist Gefühls-Inventur angesagt. Unter dem Motto: Nicht die Essstörung ist die eigentliche Krankheit, sondern das, was sie auslöst oder besser gesagt, was den Menschen in die Essstörung treibt. Jetzt hieß es ehrlich zu sich selbst sein: Wovor habe ich Angst? Wogegen hege ich einen Groll? Mit wem in meinem Leben ist noch eine Rechnung offen? Schonungslos kam alles auf den Tisch.

Nina analysierte ihre Charakterfehler, ihre Vergangenheit – fast immer im Austausch mit ihrer Tutorin von den OAs oder in der Gruppe, aber auch allein, immer entlang des OA-Programms. Keine Schritte, die man mal so eben erledigt. Sondern ein Prozess, bei dem bei Nina viele Tränen flossen.

Aber es hat sich gelohnt: "Das Programm hat in dieser Form für mich funktioniert", schreibt Nina Wolf. Der letzte, 12. Schritt soll der Versuch sein, die Botschaft des Programms an andere Essgestörte weiterzugeben – was Nina mit ihrem Buch erreichen will.

Bulimie ist eine Essstörung
Frauen, die sich aus der Ess-Brech-Sucht befreit haben, erfahren ein neues Körperbewusstsein. © photographee.eu / Shutterstock.com

Wie kann man sich aus der Bulimie befreien?

Das heißt nicht, dass das Programm der OA für jede an Bulimie erkrankte Frau der richtige Weg ist. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, Bulimie zu behandeln. Zumeist arbeiten viele Spezialisten bei der Behandlung Hand in Hand, dazu gehören Psychologinnen, Psychotherapeutinnen, Ernährungsberaterinnen, Mediziner, Ergo- und Kunsttherapeutinnen.

In schweren Fällen geht diesen Therapieformen ein freiwilliger, stationärer Aufenthalt in einer Spezialklinik voraus. In manchen Fällen unterstützen auch Medikamente wie Antidepressiva die Genesungsphase.

Erste Ansprechstationen, die helfen, die richtige Therapieform zu finden, können der Hausarzt oder ein Beratungsstelle sein. Dazu gehören zum Beispiel:

  • Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, BZgA
  • Das Fachzentrum für Essstörungen Waage e.V., wo sowohl persönlich vor Ort als auch telefonisch Hilfe angeboten wird
  • Das Online-Beratungsportal zum Thema Essstörungen ANAD informiert und bietet Hilfe per Telefon und Email

Es lohnt sich, den für dich richtigen Weg aus der Sucht suchen. Die Krankheit ist nicht nur belastend, sondern auch gefährlich. Über lange Zeit unbehandelt drohen Bulimiekranken neben der enormen psychischen Last gefährliche Entzündungen der Bauchspeicheldrüse, Herzrhythmusstörungen, Zahnverlust und Mineralstoffmangel, der die Knochensubstanz angreifen kann (Osteoporose).

Wichtig ist, dass du dir eingestehst, dass du Hilfe brauchst und sie annimmst! Auch wenn Ninas Weg nicht deiner ist, ihr Beispiel zeigt, dass es auch nach vielen Krankheitsjahren möglich ist, sich zu befreien. Mache den ersten Schritt und such dir professionelle Unterstützung. Jetzt!

05.07.2019| © womenshealth.de
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