Fluchen Warum Schimpfen so verdammt gesund ist

Fluchen kann gesund sein.
Fluchen senkt den Blutdruck und hilft Ihnen, Stress abzubauen. © wrangler/ Shutterstock

In stressigen Situationen rutschen Ihnen Kraftausdrücke heraus? Gut so! Wir erklären, wie Ihre Gesundheit davon profitiert

Sie haben einen wichtigen Termin, finden aber Ihren verdammten Schlüssel nicht. In Eile laufen Sie durch die Wohnung und stoßen mit Ihren Zehen volle Wucht ans Tischbein. SCHEI**E, tut das weh! Sobald Sie den verfluchten Drecksschlüssel gefunden haben, steigen Sie ins dämliche Mist-Auto und fahren los. Am Ziel angekommen, schnappt sich der bescheuerte Idiot vor Ihnen den letzten Parkplatz. Sie müssen am anderen Ende der Welt parken und kommen zu spät, verdammte Axt!

Ein Szenario, das Ihnen so oder so ähnlich bekannt vorkommt? In solchen Stress-Situationen dominieren Schimpfwörter Ihren Wortschatz? Das ist gut so! Dr. Udo Baer, Diplom-Pädagoge, Therapeut und Autor des Buches "Der kleine Ärger und die große Wut " (Beltz Verlag, 15 Euro bei amazon.de), erklärt, warum Fluchen gut für Ihre Gesundheit sein kann.

Warum fluchen Menschen?

"Fluchen dient als Ventil, um angestaute negative Emotionen herauszulassen. Es ist wie bei einem dampfenden Kessel: Irgendwann muss der Druck raus. Schimpfworte eignen sich sehr gut, um Ihre Psyche zu entlasten – genauso wie alles andere, was Ihre Emotionen von innen nach außen lässt ", erklärt der Experte. Dadurch, dass negative Gefühle verbalisiert werden, schlucken Sie Ihren Ärger nicht herunter, sondern bauen Stress ab. Das sind psychische Konsequenzen, die Sie sofort spüren können. Doch auch auf körperlicher Ebene profitiert Ihr Körper vom Fluchen.

Manchmal hilft es, seinem Frust Luft zu machen.
Fluchen beim Autofahren ist besonders beliebt, da Ihr Gegenüber Sie nicht hören kann. © Pathdoc /Shutterstock

Welche gesundheitlichen Konsequenzen haben unterdrückte Gefühle?

Falls sich negative Gefühle in Ihnen stauen und nicht rausgelassen werden, sorgt das für dauerhafte Missstimmung – Sie können sogar ernsthaft körperlich erkranken. "Unterdrücken Sie Ihre Gefühle, steigt die Wahrscheinlichkeit für Bluthochdruck, Entzündungen und Magengeschwüre nachweislich", warnt Baer. Diese Auswirkungen müssen nicht sofort eintreten, sie entwickeln sich in einem schleichenden Prozess.

Was passiert im Gehirn, wenn ich fluche?

"Ärgern Sie sich, wird im Gehirn eine Erregung aufgebaut, die durch den Kraftausdruck schlagartig entladen wird. Das passiert im limbischen System, also dem Gehirnareal für emotionale Regungen", erklärt Baer. Sie können es sich etwa so vorstellen, wie bei einem Blitzeinschlag. Erst entsteht Spannung in einer Gewitterwolke. Diese entlädt sich dann schlagartig durch einen Blitz. Sind Sie wütend, wirkt sich das auf den gesamten Körper aus. "Bei Ärger erhöht sich der Blutdruck und senkt sich nach dem Fluchen wieder", sagt der Experte.

Stimmt es, dass Fluchen Schmerzen lindert?

In einer neurologischen Studie  der englischen Keele Universität fanden Wissenschaftler heraus, dass Flüche tatsächlich Schmerzen lindern können. In einem Test wurden Versuchspersonen in 2 Gruppen aufgeteilt und mussten ihre Hände in Eiswasser legen. Die eine Gruppe durfte ausgiebig schimpfen, der anderen Gruppe war dies untersagt. Das Ergebnis: Probanden, die Kraftausdrücke benutzten, konnten ihre Hände länger im Eiswasser behalten und empfanden subjektiv weniger Schmerz. "Das Ergebnis dieser Studie ist gut nachzuvollziehen. Bei Schmerz spannen Sie sich an, und bei hoher Anspannung helfen zwei Dinge: Weinen und Fluchen", so Baer.

Gibt es ein richtiges Maß fürs Fluchen?

"Beim Fluchen gibt es keine generellen Vorgaben, da Schimpfen Emotionen ausdrückt", so Baer, "Es gibt ja auch kein richtiges Maß für Liebe oder Angst." In einigen Lebenssituationen ist es aber gesellschaftlich nicht akzeptiert zu schimpfen, zum Beispiel in einem Bewerbungsgespräch. Baer: "Achten Sie also darauf, dass das Fluchen nicht zu einer schlechten Alltagsgewohnheit wird, die Sie nicht mehr loswerden. Schimpfen und ärgern Sie sich ständig über alles, kann das zu einer Last werden." Und zwar nicht nur für Sie, sondern auch für Ihre Mitmenschen. Sie möchten ja auch nicht neben jemandem sitzen, die permanent flucht, oder? Merken Sie, dass zu viele Schimpfwörter Ihre sozialen Beziehungen beeinträchtigen, sollten Sie runterschrauben.

Übrigens ist es ein Mythos, dass Menschen, die viel fluchen, intelligenter sind, da schimpfen ein Ausdruck von Gefühlen und nicht von Intelligenz ist.

Suchen Sie das Gespräch mit Menschen, wenn Ihnen etwas nicht passt.
Bei Problemen mit Freunden oder in der Familie ist ein klärendes Gespräch auf jeden Fall angebrachter als unkontrolliertes Fluchen © antoniodiaz/ Shutterstock

Was passiert, wenn ich eine Person beschimpfe?

Da geht es um den entscheidenden Unterschied zwischen fluchen und beleidigen: Stoßen Sie sich den Zeh an einem Tischbein und schimpfen zornig drauflos, beleidigen Sie niemanden. Auch beim Autofahren ist Fluchen okay, da die Person im anderen Auto Sie (hoffentlich) nicht hört. Das passt zum Wesen des Fluchens: Es hilft vor allem, wenn Sie an der eigentlichen Situation nichts ändern können.

Meistens fluchen Menschen über Personen auch nur dann, wenn diese gerade nicht anwesend sind. Geben Sie‘s zu: Nach einem Besuch Ihrer Schwiegermutter regen Sie sich erst lautstark über sie auf, nachdem sie das Haus verlassen hat. Sitzt sie am Tisch, verhalten Sie sich meist zivilisiert und höflich. Das ist auch völlig in Ordnung, da geht es um soziale Verträglichkeit. Wenn alle Menschen allen anderen immer ehrlich ins Gesicht sagen (oder schreien) würden, was sie über sie denken, hätte bald kaum mehr jemand Freunde und Beziehungen. Wenn Sie aber in Bezug auf eine bestimmte Person immer wieder Ihren Ärger schlucken und später in Fluchkaskaden ausbrechen, sollten Sie sich um ein Gespräch mit ihr bemühen. Auf Dauer ist es bestimmt keine gesunde Lösung, das mit sich selbst auszutragen.

Auch bei Konflikten gilt: Eine Person mit Schimpfwörtern zu bombardieren, ist nicht empfehlenswert, egal wie groß der Ärger ist. Das verhärtet nur die Fronten und bewirkt bei Ihnen nur neue Stresszustände wie zum Beispiel Schuldgefühle. Es kann Sie womöglich auch Freundschaften kosten. Im direkten Umgang mit Menschen ist es auf jeden Fall besser, ein konstruktives Gespräch zu führen als laut drauflos zu fluchen.

Wenn Ihnen in Gegenwart anderer Leute ein Fluch entweicht, stellen Sie sofort klar, dass es nichts mit den anwesenden Personen zu tun hat, und beruhigen sich so gut es geht.

Sollten Kinder fluchen dürfen?

Den Spruch "Wasch dir mit Seife den Mund aus“ kennen viele noch aus ihrer Kindheit, wenn ihnen der ein oder andere Kraftausdruck herausgerutscht ist. Baer empfiehlt jedoch ausdrücklich, Kindern das Fluchen zu erlauben. Machen Sie Ihre Kinder nur darauf aufmerksam, bestimmte Begriffe nicht zu nennen, und setzten Sie auch für das Fluchen klare Regeln. Der Pädagoge betont: "Verbieten Eltern Ihren Kindern zu fluchen, verbieten sie Ihnen eine seelische Entlastung."

Fluchen ist ein menschliches Bedürfnis und kann eine Wohltat für Körper und Seele sein. Auf Dogmen aus Ihrer Kindheit wie "Scheiße sagt man nicht" können Sie pfeifen. Am besten schimpfen Sie lautstark, wenn es außer Ihnen keiner hört. So wird aus dem Fluchen keine schlechte Gewohnheit, sondern Gesundheitsmanagement.

18.12.2018| Susan Kesselring © womenshealth.de
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