Dehnen: Vor oder nach dem Training? Kommt drauf an!

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Dehnen: Vor oder nach dem Training? Kommt drauf an!

ArtikeldatumVeröffentlicht am 23.03.2026
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Junge Frau dehnt sich auf einer Yogamatte, indem sie ihre Arme nach oben ausstreckt.
Foto: Viktoriya Skorikova, Getty Images

Bein ausstrecken, Dehnung halten. Jahrzehnte lang galt statisches Dehnen als Pflichtprogramm vor jedem Workout. Muskeln lockern, Verletzungen vorbeugen, besser performen. Das klang einleuchtend. Doch die moderne Forschung sieht das inzwischen etwas anders.

Der ewige Dehn-Mythos: Warum du vieles neu denken solltest

Ein internationales Forschungsteam unter Leitung von Prof. Dr. Jan Wilke von der Universität Bayreuth hat 2025 evidenzbasierte Empfehlungen zum Dehnen im Journal of Sport Health Science veröffentlicht. Das Ergebnis: Dehnen ist sinnvoll. Aber nicht immer, nicht für alles und nicht so, wie wir es gewohnt sind.

Es wird zwischen statischem und dynamischem Dehnen unterschieden. Beim statischen Dehnen nimmst Du eine Dehnposition ein und hältst sie meist 20 bis 60 Sekunden. Beim dynamischen Dehnen hingegen wird der Muskel aktiv bewegt, zum Beispiel mit Beinpendeln oder Armkreisen.

Die 3 wichtigsten Dehntechniken im Überblick- Statisches Dehnen: Position halten, 20–60 Sek., ideal nach dem Training oder in separaten Einheiten
- Dynamisches Dehnen: kontrollierte Bewegungen, ideal im Warm-up vor dem Training
- PNF-Dehnen (propriozeptive neuromuskuläre Fazilitation): Anspannen, loslassen, weiter dehnen, sehr effektiv für Beweglichkeitsgewinn, eher für separate Einheiten oder Reha

Dehnen vor dem Training: Was wirklich hilft

Statisches Dehnen vor dem Krafttraining oder vor Sprints kann die Muskelkraft kurzfristig senken. Eine Meta-Analyse von Kay & Blazevich zeigte, dass statisches Dehnen über 60 Sekunden die Maximalkraft signifikant reduzieren kann. Der Muskel verliert vorübergehend an Steifigkeit und damit auch an Kraftübertragung. Vor Sprints, Sprüngen oder großen Belastungen solltest du daher auf langes statisches Dehnen komplett verzichten.

Was vor dem Training sinnvoller ist: dynamisches Dehnen und Mobilisation. Studien aus dem Delphi-Konsensus belegen, dass dynamische Aufwärmbewegungen Muskeltemperatur, Durchblutung und neuromuskuläre Aktivierung verbessern können, ohne die Leistung zu beeinträchtigen.

Dein optimales Warm-up vor dem Training

  • 3–5 Min. leichtes Cardio (Seilspringen, lockeres Joggen, Fahrrad)
  • 5–8 Min. dynamische Mobilisation: Beinpendeln, Ausfallschritte, Hüftrotationen, Armkreisen
  • Kurze statische Dehnungen (max. 20–30 Sek.) wenn du sehr eingeschränkte Mobilität hast und ein spezifisches Gelenk vorbereiten möchtest
Junge Frau dehnt sich in einem hellen Raum.
gilaxia, Getty Images

Wann sich Dehnen nach dem Training lohnt

Nach dem Training sind die Muskeln warm und gut durchblutet. Das sind beste Bedingungen für statisches Dehnen. Deinen Muskelkater kannst du damit nicht beeinflussen, aber deine Regeneration beschleunigen. Außerdem kann das bewusste Dehnen nach dem Training wie ein Ritual für Körper und Geist wirken.

So machst du es richtig: Dehne jede trainierte Muskelgruppe 2–3 Mal für je 30–60 Sekunden. Atme ruhig und gleichmäßig. Ein leichtes Ziehen ist normal. Bei Schmerzen sofort aufhören.

Ideale Dehnpraxis fürs Krafttraining

Statisches Dehnen vor dem Training kann deine Kraft vorübergehend senken. Vor dem Krafttraining lieber warmmachen, dann dynamisch mobilisieren. Dazu die zu trainierenden Muskelgruppen mit leichtem Gewicht und vollen Bewegungsradien aktivieren. Nach dem Krafttraining trainierte Muskeln 20–30 Sek. pro Position statisch dehnen. Das fördert langfristig die Beweglichkeit und gibt dem Körper das Signal zum Runterkommen.

Dehnen vor oder nach dem Laufen

Forscher haben herausgefunden, dass anders als beim Krafttraining, das statische Dehnen das Laufen nicht beeinflusst. Das bedeutet aber nicht, dass statisches Dehnen zum Aufwärmen ideal ist. Besser: Zuerst locker einlaufen, dann dynamisch mobilisieren und anschließend ins eigentliche Training starten.

Nach dem Lauf sind 10–15 Minuten statisches Dehnen für Waden, Hüftbeuger, Oberschenkel- Vorder- und Rückseite sinnvoll, vor allem wenn du regelmäßig läufst und deine Beweglichkeit langfristig erhalten willst.

Eine Frau dehnt sich, indem sie ihr linkes Bein nach oben zieht und festhält.
d3sign, Getty Images

Frauenkörper ticken anders

Frauen sind im Durchschnitt beweglicher als Männer. Der Grund liegt unter anderem in der Hormonstruktur: Der hormonell bedingt höhere Wasser- und Fettanteil im Muskel- und Bindegewebe macht dieses elastischer. Neben der Körperzusammensetzung können auch Hormone die Beweglichkeit beeinflussen.

Zyklusabhängige Beweglichkeit

Dein Menstruationszyklus beeinflusst, wie dein Körper auf Training reagiert und damit auch auf Dehnen. Rund um den Eisprung (Zyklusmitte) sind Motivation und Leistungsfähigkeit besonders hoch, während in der Lutealphase (zweite Zyklushälfte) manche Frauen eine leicht verringerte Ausdauerleistung bemerken. Ob die Beweglichkeit im Zyklus schwankt, ist individuell sehr unterschiedlich. Höre auf deinen Körper und passe dein Training entsprechend an.

Dehnen und Verletzungsrisiko bei Frauen

Frauen haben ein statistisch höheres Risiko für bestimmte Verletzungen, etwa Kreuzbandrisse, bedingt durch Anatomie und Hormoneinflüsse. Dehnen allein schützt nicht vor Verletzungen. Was hilft, ist ein ganzheitliches Warm-up mit dynamischem Dehnen und sportspezifischen Aufwärmübungen in Kombination.

Eine Frau in Laufkleidung kniet sich hin und hält ihren linken Knöchel.
TravelCouples, Getty Images

Deine Entscheidungs-Guidelines rund ums Dehnen

Empfehlungen rund ums Dehnen auf einen Blick:

Vor Krafttraining:

  • Dynamisch mobilisieren (5–8 Min.)
  • Aufwärmen mit leichten Gewichten über vollen Bewegungsumfang
  • Kein langes statisches Dehnen (>60 Sek.)

Vor Laufen/Ausdauer:

  • 3–5 Min. locker einlaufen
  • Dynamisches Dehnen: Beinpendeln, Knieheben, Anfersen
  • Kurze statische Dehnung (20–30 Sek.) bei stark eingeschränkter Mobilität

Nach dem Training für alle Sportarten:

  • Statisches Dehnen: 2–3 × 30–60 Sek. je Muskelgruppe
  • Ruhige Atmung, kein Schmerz
  • Dehnen verhindert keinen Muskelkater

In separaten Einheiten z. B. abends oder an Ruhetagen:

  • Hier kannst du intensiv statisch oder PNF-dehnen
  • Für nachhaltige Verbesserung der Beweglichkeit mind. 3–5 ×/Woche pro Muskelgruppe

Das sollten Frauen über das Dehnen wissen

Fazit