Frauen sind häufiger als Männer von Long Covid betroffen wavebreakmedia / Shutterstock.com

Long Covid: Darum sind Frauen häufiger betroffen

Corona-Langzeitfolgen Long Covid: Warum Frauen so oft betroffen sind

Gesund durch die Corona-Krise Vor allem Frauen leiden oft noch Monate nach einer Covid-19-Infektion unter den Folgen. Wieso das so ist und wie du dich dagegen wehren kannst, liest du hier

Wer eine Covid-19-Erkrankung überstanden hat, ist meist nur froh und dankbar, dass es vorbei ist. Doch leider trifft das "Vorbei" nicht auf alle zu. Denn auch wenn eindeutige Zahlen schwer zu ermitteln sind, geht die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP) davon aus, dass etwa 10 Prozent der Genesenen mit Corona-Langzeitfolgen zum Teil schwer und ohne absehbares Ende zu kämpfen haben.

Was ein Leben mit Long Covid bedeutet, schildern wir dir hier an den Beispielen von Sophie und Amy. Und erklären alles, was Frauen über Long Covid wissen müssen.

Woran erkennt man Long Covid? So erging es Sophie

Am 13. April 2020 dachte Sophie, dass sie sterben müsse. Ein paar Tage, nachdem sie unerträgliche Kopfschmerzen plagten und der Geruchs- sowie Geschmackssinn verschwanden, wacht sie nachts auf – schweißgebadet, völlig kraftlos und mit Atemnot. Der Anblick ihres blass-grauen Spiegelbilds versetzt sie in Alarmbereitschaft: Mit letzter Kraft wählt Sophie den Notruf. "Ich ließ meine Haustür offen und taumelte zurück ins Bett", erinnert sie sich. Die Rettungssanitäter finden die junge Frau mit einer gefährlich niedrigen Sauerstoffsättigung im Blut vor; sie lassen Sophie zuhause – mit der Diagnose Covid-19.

Sie überlebt, aber die Horrornacht ist erst der Anfang einer monatelangen Leidensgeschichte. Nur kurz nach der Genesung landet sie in der Notaufnahme, ihre Symptome gleichen denen eines Herzinfarkts. Das Urteil des Arztes? Sophie würde unter Stress leiden und müsse ihr Leben umstrukturieren. Sie versucht, dem Rat zu folgen. Wie üblich arbeitet Sophie im Homeoffice, für eine entspannende Yogaeinheit nimmt sie sich bewusst eine Pause. Zumindest war es als entspannend angedacht. Statt ihrem Körper ein Gefühl von Entschleunigung zu verleihen, plagt sie anschließend eine nicht auszuhaltende Abgeschlagenheit.

Auch die darauffolgenden Monate ist die Tagesroutine der einst lebensfrohen Frau aus dem Lot. Freunde müssen ihr Lebensmitteleinkäufe vorbeibringen und schieben sie im Rollstuhl herum, auf den sie an schlechten Tagen angewiesen ist. Als sie erneut ihren Arzt um Rat bittet, listet Sophie über 20 unspezifische Symptome auf – darunter starke Brustschmerzen und Bewusstseinsstörungen. Er diagnostiziert post-virale Fatigue, eine sehr belastende Erschöpfung, und gesteht, dass er nicht weiß, ob Sophie je vollkommen regeneriert sein wird. Andere Experten vermuten psychische Ursachen wie Angstzustände. Frustriert begibt sie sich selbst auf die Suche und recherchiert im Internet. Und tatsächlich ist sie kein Einzelfall: Zig Frauen berichten von ähnlichen Krankheitsverläufen und liefern den passenden Begriff: Long Covid.

Was genau ist Long Covid?

Eine einheitliche Definition gibt es noch nicht. Nach den aktuellen Leitlinien des Gesundheitsministeriums unterscheidet man zwischen Long Covid, bei dem Beschwerden mehr als 4 Wochen nach einer Infektion mit Coronaviren bzw. Corona-Erkrankung fortbestehen, und dem Post-Covid-19-Syndrom, bei dem jenseits von 12 Wochen Symptome noch bestehen oder neu auftreten und die anders nicht erklärt werden können.

Bisher wissen auch Wissenschaftler noch nicht genau, womit sie es zu tun haben. Den Begriff "Long Covid" etablierte die italienische Leidtragende Dr. Elisa Perego. Kurz nachdem sie ihn im Mai 2020 auf Twitter nutzte, um ihre Symptome zu beschreiben, ging #longcovid viral. Dass dieser Zustand in Form von persönlichen Erfahrungsberichten ans Tageslicht kam, hatte zur Folge, dass die medizinische Community dem Ganzen erst einmal skeptisch gegenübertrat.

Die britische Regierung investierte in eine einjährige Studie der University of Leicester, die im Juli 2020 begann. Die Ergebnisse zeigen jetzt ganz aktuell eine große Vielfalt an Symptomen. Und wieder eine Tendenz beim Geschlecht: Weibliche Probandinnen waren häufiger von Long Covid betroffen.

Hilfe finden Long Covid-Betroffene auch in diesen aktuell erschienen Büchern:

  • Das Long-Covid-Syndrom überwinden Wie man klassische und alternative Therapien ausschöpfen kann und zu neuer Lebenskraft zurückfindet, erklärt Dr. med. Peter Niemann im Buch einfühlsam und praxisnah, zudem erläutert der Facharzt für Innere Medizin die neuesten Fakten zum Thema.
  • In Long Covid. Effektiv behandeln erklärt Dr. med. Berndt Rieger aus seiner langjährigen Erfahrung mit Viruserkrankungen, welche Möglichkeiten es zur Zeit gibt, Long Covid nach neuesten Erkenntnissen ganzheitlich zu behandeln.
  • Das Buch Long Covid Syndrom von Facharzt und Medizin-Autor Kai Kötter liefert Input zum aktuellen Stand der Forschung in Bezug auf Diagnostik und Therapie. Nicht nur für Patienten, sondern auch Pflegepersonal und Ärzte geeignet.

Welche Symptome macht Long Covid?

Die Liste der Long-Covid-Symptome ist genauso lang wie komplex – sie reichen von extremer Ermüdung (Chronisches Fatigue-Syndrom) über Atemprobleme bis hin zu neurologischen Beschwerden wie Konzentrations- und Gedächtnisverlust. Sie variieren in ihrer Intensität und Ausprägung. Die einzige Konstante ist die Dauer, die Symptome bleiben Wochen bis Monate nach einer Infektion mit SARS-CoV-2.

Wer ist von Long Covid betroffen?

Wie gesagt, wie viele Menschen tatsächlich unter den langwierigen Folgen leiden, ist unklar. Wissenschaftler des King’s College London fanden durch die Auswertung der Covid Symptom Study App heraus, dass 1 von 10 Personen über einen Monat krank bleibt, nachdem die akuten Corona-Hauptsymptome abgeklungen sind und 1 von 20 für über 8 Wochen.

Ein weiterer wichtiger Befund dieser Forscher: Frauen sind doppelt so häufig betroffen wie Männer. Auch eine im September 2020 veröffentlichte Studie der European Society of Clinical Microbiology and Infectious Diseases ergab, dass etwas mehr als 50 Prozent der in Krankenhäusern behandelten Covid-19-Patienten weiblich sind und ganze zwei Drittel derjenigen, die unter langanhaltender Erschöpfung leiden.

Warum haben Frauen ein höheres Risiko, unter den Corona-Langzeitfolgen zu leiden?

Die Gründe dafür, dass mehr Frauen betroffen sind, sind noch unklar. "Es könnte an Unterschieden zwischen dem männlichen und weiblichen Immunsystem liegen", sagt Professor Tim Spector, der die Studie am King’s College London begleitete. Er hat die Vermutung, dass sich das Virus wie eine Autoimmunkrankheit verhält, bei der der Körper fälschlicherweise gesundes Gewebe angreift und zerstört.

Seine Studie ergab auch, dass die betroffenen Frauen meistens zwischen 50 und 60 Jahren alt sind. Bei dieser Gruppe ist aufgrund der bevorstehenden Wechseljahre ein Absinken des Östrogenspiegels festzustellen – ein für das Immunsystem wichtiges Hormon. Was dafür spricht: Viele Frauen klagen kurz vor ihrer Periode über besonders starke Long-Covid-Symptome – also der Zeitpunkt im weiblichen Zyklus mit dem niedrigsten Östrogenlevel.

Wie wird Long Covid therapiert?

Während Long Covid immer weiter in den Fokus der Wissenschaft rückt, sorgt es bei Medizinern nach wie vor für Verwirrung. Da die Langzeitfolgen keiner bestimmten Krankheit ähneln und in den Symptomen nur wenig Parallelen zu finden sind, hadern Ärzte bei der Wahl der richtigen Therapie.

Amy, eine 31-jährige Buchlektorin, erwischte Covid-19 letztes Jahr im März. Nach 14 Tagen mit der Krankheit hatte sie das Gefühl, sich allmählich zu erholen – bis sie Atemnot, Bewusstseinstrübung und unerbittliche Müdigkeit überfielen. "Die meisten Tage bin ich nicht dazu in der Lage, das Haus zu verlassen. An Beschäftigungen wie kochen und lesen ist dann gar nicht zu denken", erzählt sie. Neben dem Verlust ihres früheren Lebens quält sie zusätzlich die Ungewissheit. Nach Telefonaten mit ihrem Hausarzt fließen häufig Tränen. Über 8 Monate ziehen sich die Nachuntersuchungen – ohne Ergebnis. Schließlich sagt man Amy, dass man ihr nicht weiterhelfen könne.

Inzwischen ist man zum Glück etwas weiter und es gibt erste Richtlinien für die Long-Covid Behandlung. Wenn du betroffen bist, sprich deine Ärztin bzw. deinen Arzt darauf an. Und auch Experten im Bereich Myalgische Enzephalomyelitis / Chronische Fatigue-Syndrom (ME/CFS) untersuchen die Zusammenhänge und unterstützen Betroffene. Diese Organisationen sind hilfreiche Anlaufstellen:

Lost Voices Stiftung

Deutsche Gesellschaft für ME/CFS

Hängen physische und psychische Symptome zusammen?

Am meisten schockierte Amy, wie schnell Ärzte ihre körperlichen Symptome auf ihre mentale Gesundheit schoben. Ein Allgemeinmediziner verschrieb ihr sogar Antidepressiva – andere Leidtragende berichten von ähnlichen Erlebnissen. Professor Felicity Callard, Humangeographin an der University of Glasgow, ist eine von ihnen. Sie glaubt, dass Depressionen in ihrer Vergangenheit Ärzte zu der Annahme brachten, dass ihre Psyche die Bewusstseinstrübung und anhaltende Müdigkeit auslösen würde. "Wenn man bereits aufgrund psychischer Probleme in Behandlung war und mit neuen Symptomen auftaucht, wird das häufig aus einem psychologischen Blickwinkel betrachtet", so Felicity.

Wissenschaftliche Studien sehen einen Zusammenhang zwischen Long Covid und der mentalen Gesundheit – die University of Oxford fand heraus, dass jede 17. Person, die sich mit Covid-19 infiziert, das erste Mal von Angstzuständen, Depressionen und Schlaflosigkeit berichtet. Aber wie ist hier die Kausalität – was ist die Ursache, was die Wirkung? Ganz klar: Die physischen Beschwerden von Long Covid führen zu psychischen. "Schleppt man die Krankheit monatelang mit sich rum, ist es verständlich, niedergeschlagen zu sein", sagt Professor Spector. "Die psychischen Probleme sind keine Einbildung."

Was kann man selbst tun, wenn man von Long Covid betroffen ist?

Lasse dich vor allem nicht entmutigen, es gibt Hilfe! Diese 7 wichtigen Tipps aus unserem Long-Covid-Toolkit solltest du kennen:

  • Sei vorbereitet: Führe ein Tagebuch mit deinen Symptomen. Die Notizen helfen dabei, dem Arzt die Problematik genau zu schildern – ohne im Gedächtnis zu kramen.
  • Beschreibe genau: Um das Ausmaß zu zeigen, eignen sich Beschreibungen. Statt nur zu sagen, dass du müde bist, erkläre, dass die Erschöpfung dich hindert, dies oder jenes zu machen.
  • Such dir Hilfe: Tritt Online-Selbsthilfegruppen bei und folge vertrauenswürdigen Accounts. Der Austausch über Symptome und Behandlungen in sozialen Medien hilft ungemein.
  • Pass auf dich auf: Psychologische Unterstützung kann dabei helfen, besser mit der Situation umzugehen und sich daran anzupassen. Sprich viel mit Menschen aus deinem Umfeld.
  • Bleib aufmerksam: Schon jetzt bieten dubiose Plattformen im Internet Präparate an, die angeblich Wunder wirken sollen bei Long Covid. Beim Wort "Heilung" solltest du definitiv stutzig werden.
  • Priorisiere deine Kontakte: Sei ehrlich zu deinem Umfeld. Eine Darstellung deines Zustandes mindert die Erwartungshaltung. Gegen Treffen mit deinen Liebsten spricht nichts, aber sie sollten dir keine Energie rauben.
  • Gib nicht auf: Denke daran, dass dich keine Schuld trifft. Lass dich nicht davon entmutigen, wenn jemand nicht versteht, wie sehr Long Covid dich belastet. Umgib dich mit Menschen, die dir unterstützend zur Seite stehen.

Long Covid verändert das Leben vieler Menschen – vor allem das von Frauen, so die aktuelle Datenlage. Wenn du dazu gehörst, lass dich nicht abwimmeln und deine Symptome als hysterisch abtun. Die Daten zeigen, dass du nicht allein bist.

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