Laura redet schnell, fühlt noch schneller – und steht fest im Leben: Sie ist Moderatorin der "NDR Quizshow", Juristin, Autorin und außerdem Host des Diabetes-Podcasts "Candy Diaries".
Die 44-Jährige trägt seit ihrer Jugend eine Diagnose mit sich, die man ihr lange nicht ansehen sollte: Typ-1-Diabetes. Heute macht sie das sichtbar – ganz selbstverständlich. Im Interview erzählt sie, warum sie ihren Körper früher als Gegner sah, wie sehr moderne Diabetestechnologie ihren Alltag entlastet und weshalb Selbstfürsorge für sie keine Askese ist, sondern Lebenslust – mit allem, was dazugehört.
Laura, du hast dich selbst mal als "Operette" beschrieben – voller Emotionen, voller Ausschläge. Das klingt nach einer inneren Achterbahn. Was ist das für ein Lebensgefühl?
Manchmal denke ich, dass ich als Kind in so einen Trank voller Gefühle gefallen bin. Ich fühle alles. Ich kann mich extrem freuen – und dann habe ich plötzlich Angst, obwohl ich etwas schon 100-mal gemacht habe. Oder ich bekomme eine WhatsApp, die ich nicht direkt deuten kann, und das wirft mich aus der Bahn. Meine "Ausschläge" sind nicht wirklich gut kalibriert. Aber ich bin auch froh über diese Ausschläge.
Weil sie dich lebendig halten?
Ja. Ich höre kitschige Musicals, ich schaue aufs Meer und kriege Gänsehaut – ich kann mir selbst Gänsehaut geben. Manchmal sehe ich mein Leben in Slow Motion, wie einen Film. Und neulich habe ich aufs Wasser geschaut, an meinen toten Papa gedacht und eine Träne kam. Ich weine, ich lache herzlich – und ich bin albern. Mir ist glücklicherweise nicht so viel peinlich. Manchmal erst im Nachhinein …
Klingt aber auch so, als könntest du dich selbst anstrengen?
Klar, das tue ich auch. Meine Tollpatschigkeit zum Beispiel. Ich bin nicht in der Lage, einen Reifen zu wechseln, schaffe es, Erbsen und Möhren aus der Dose anbrennen zu lassen. Wenn mich Dinge nicht interessieren, will ich mich nicht damit beschäftigen – und dann kann ich sie auch nicht lernen. Ein Exfreund hat mal gesagt, ich wäre wie eine rosafarbene Siamkatze: Die würde in der Natur genauso lang überleben wie ich, nämlich 3 Minuten.
Aber dann ist es auch ein "unter Strom stehen”?
Ich habe ADHS. Dieses Verzetteln, nie rechtzeitig losgehen, nie irgendwo pünktlich sein. Ich bin immer hektisch, strahle keine innere Ruhe aus. Mein Temperament werde ich wohl nicht mehr verändern. Ich bleibe eine Getriebene, eine sehnsüchtige Telenovela, dafür ist mir nie langweilig.
Viele Menschen mit ADHS sagen, sie müssen sehr selektiv sein – sich auf das konzentrieren, was sie wirklich gut können.
Ja, das hat auch Vorteile. Ich habe da eine Ausdauer, wo andere schon längst aufgegeben hätten. Aber dieses Nicht-loslassen-Können findet mein Umfeld auch manchmal etwas fragwürdig. Themen einfach mal ruhen zu lassen, fällt mir schwer. Und ich empfinde ein Nein schnell als Zurückweisung – als schmerzhaft und kränkend. Das fühlt sich an wie ein Stromschlag oder als würde ich einen Kaktus umarmen.
Du hast Jura mit Prädikatsexamen gemacht, bist in einer Großkanzlei gestartet – und hast dann einen harten Karriere-Schnitt gemacht. War das so ein Moment von "Wenn ich jetzt nicht springe, springe ich nie"?
Es war eine Männerwelt. Und ein bisschen wie eine Safari, auf der ich mich oft gefragt habe: "Wie lange überlebe ich da als junge Frau in so einem Team voller Alphatierchen?" Nach 6 Jahren habe ich dann meine Kinder bekommen – Zwillinge, die Frühchen waren – und mein Vater ist gestorben. Das ist alles innerhalb von 6 Wochen passiert. Da wusste ich plötzlich: Da ist noch so viel Sehnsucht in dir. Dein Leben ist endlich. Du bist jetzt Mitte 30, warte nicht damit, dir so viele Wünsche wie möglich zu erfüllen. Mach es jetzt!
Zur Einordnung: Dein Vater ist Hellmuth Karasek – einer der bekanntesten deutschen Literaturkritiker und Journalisten. Wenn du heute daran denkst: Was glaubst du, hätte er zu deiner Entscheidung gesagt, die Kanzlei zu verlassen?
Er fand fast alles großartig, was ich gemacht habe, hat sogar geweint, wenn ich nur mittelmäßig Klavier gespielt habe. Da hat er mich leider komplett verzogen. Wir hatten diese Erwiderungsgewissheit zwischen Vater und Tochter. Er war sehr emotional. So wie ich. Ich glaube, er wäre einerseits traurig, dass ich nicht mehr Anwältin bin, weil er sehr stolz war, dass ich Jura studiert habe – da das so was Seriöses, Solides, Intellektuelles war. Aber gleichzeitig wäre er auch froh, dass ich mir so ein lebendiges und ungewöhnliches Leben gesucht habe.
Wenn du heute eine Frage freihättest, die du ihm noch einmal stellen könntest – welche wäre das?
Ich hätte ihn gerne gefragt, wann er am glücklichsten war. Und was für ihn die wichtigsten Eigenschaften waren, die ihm zu dem Leben verholfen haben, das er geführt hat – weil das auch ein Leben außerhalb der Norm war.
Was fehlt dir am meisten?
Ich hätte ihn wahnsinnig gerne als Opa erlebt. Wie er den Zwillingen vorliest. Man erlebt ja mit Kindern die eigene Kindheit noch mal und fragt sich: War ich auch so? Ich werde manchmal zu laut, bin impulsiv. Meine Mutter sagt, ich bin vulkanisch – vieles davon kommt von ihm. Und ich hätte es schön gefunden, den Kindern zu zeigen, wer er war.
Als du selbst noch ein Kind warst, hat dein Körper dich erstmals herausgefordert: Mit 13 kam die Diagnose Typ-1-Diabetes …
Ich weiß noch, dass ich supertrotzig war und gedacht habe: Mein Körper ist mein Feind. Mein Körper ist gemein. Warum tut er mir das an? Ich habe dann angefangen, besonders exzessiv zu leben.
Exzessiv – in welchem Sinne?
Ich hab' wie eine Idiotin mit 13 angefangen zu rauchen. Und in meiner Jugend relativ viel gefeiert, wollte beweisen, dass mein Körper mir keine Grenzen setzen kann, sondern dass ich über meinen Körper verfüge und bestimme, wie weit ich gehe. Ich dachte mir, wenn ich sowieso kaputtgehe, dann kann ich auch wie ein Rockstar leben.
Und du hast die Erkrankung erst mal versteckt …
Ja. Ich wollte nicht "die Kranke" sein, sondern Laura. Es gibt ja viele Labels – und ich wollte nie in einer Schublade sein, sondern der ganze Schrank oder am besten das ganze Haus. Wir sind doch alle ambivalente Wesen. Diese Widersprüche darf man zulassen. Und dieses Verstecken war damals noch nicht so schwer, weil man keine Pumpe und keine Sensoren hatte. Ich hatte meine Spritzen im Rucksack, bin aufs Klo gegangen, hab' mir die Spritze gesetzt. Und ich fand es wahnsinnig "unsexy", Diabetes zu haben.
Heute sprichst du sehr offen darüber …
Ich rede offen drüber, weil es mir wichtig ist, dass man sich damit nicht so allein fühlt. In meiner Jugend hatte ich keine Vorbilder, kein Social Media. Es gab keine Barbie-Puppe mit Sensor. Es gab nicht die sichtbare Insulinpumpe auf dem Laufsteg, wie heute.
Auf unserem Cover ist dein Sensor sichtbar. Was bedeutet dir das?
Ich finde das richtig stark und es gehört zu mir. Neulich sind wir am See langgegangen, da war ein Mädchen – und meine Tochter sagte: "Guck mal, Mama, die hat das, was du auch hast." Die Sichtbarkeit der Krankheit sorgt für Verbundenheit und Verständnis.
Du trägst den FreeStyle Libre von Abbott. Welche Rolle spielt diese Techno- logie für dich?
Ich kann mir ein Leben ohne Sensor eigentlich gar nicht mehr vorstellen. Früher musste ich mir 10-mal am Tag in den Finger pieksen und überall lagen Teststreifen 'rum. Jetzt überträgt der Sensor die Glucosewerte automatisch auf mein Smartphone. Ich bin wirklich dankbar, was Forschung, Ärztinnen und Ärzte, Medizin und Technik möglich gemacht haben. Vor 150 Jahren wäre ich daran gestorben. Heute kann ich Wasserski fahren, Ski fahren und gehe täglich schwimmen.
Wie präsent ist Diabetes trotzdem in deinem Alltag?
Man muss sich das vorstellen wie eine toxische Beziehung: An guten Tagen beschäftigt sie mich gar nicht – an schlechten Tagen die ganze Zeit.
Du sagst trotzdem: Es gibt Momente, in denen du der Krankheit dankbar bist.
Ja. Und meine Liebeserklärung geht in dem Fall an meine Geräte, an meinen Sensor. Ohne die Technik könnte ich so nicht leben. Ich weiß nicht, ob ich die Krankheit nur hasse. Die Krankheit hat mich auch gelehrt, das Leben intensiver zu leben. Hindernisse sind wichtig für Resilienz. Für Willensstärke. Und sie fördern Humor.
Die Diabetestechnologie entwickelt sich rasant. Neue Entwicklungen ermöglichen künftig auch die kombinierte Messung von Glucose und Ketonen. Was würde das für deinen Alltag bedeuten?
Das ist unglaublich nützlich. Ketone zu messen war bisher wahnsinnig mühsam. Wenn der Sensor jetzt direkt sagt: Du hast Ketone – dann weiß ich, ich muss anders handeln. Das verbessert mein Leben wieder um eine Stufe. Wieder eine Baustelle weniger – fantastisch. Als Mensch mit Diabetes musst du täglich 200 Entscheidungen mehr treffen als ein Mensch ohne Diabetes. Das ist Herausforderung genug. Da übergebe ich mit Vergnügen mehr Verantwortung an eine tolle neue Technologie.
Wenn man den eigenen Körper so eng beobachtet, lernt man, ihn anders zu lesen?
Je freundlicher ich mit meinem Körper umgehe, desto lieber ist er auch zu mir. Diese Demut habe ich gelernt – auch durch meine Zwillingsschwangerschaft und die Geburt. Da habe ich gemerkt, was der Körper leisten kann.
Wie setzt du das im Alltag um – ganz praktisch?
Ich mache jeden Tag Sport. 10 000 Schritte und zwischen 45 und 60 Minuten Krafttraining. Beim Essen bin ich nicht diszipliniert, ich liebe Schokolade und Lakritz und alles Sinnliche. Das versuche ich, über den Sport auszugleichen. Dazu nehme ich rund 14 Kapseln pro Tag: Kreatin, Omega 3, Vitamin D, Spermidin. Natürlich muss ich immer auf Kohlenhydrate achten, weil das meinen Zucker erhöht. Trotzdem halte ich nichts davon, immer nur vernünftig zu sein. Das Leben will gelebt werden. Vernunft ist für den Lebenshunger ja nur ein Appetitzügler.
Zum Schluss noch einmal zurück zur Operette: Was ist dein Schlussapplaus an dich selbst?
Ich versuche, mir und meinem Körper eine versöhnliche Beziehung zu erarbeiten. Wir sollten alle nachsichtiger mit anderen sein und mit uns selbst. Und ich wünsche mir, dass wir uns eine kindliche Verspieltheit bewahren.





