Vielleicht kennst du das: Du magst bestimmte Lebensmittel einfach nicht – Konsistenz, Geruch oder Geschmack passen für dich nicht. Bis zu einem gewissen Maß ist das ganz normal, doch irgendwann schränkt es zu sehr ein und kann krankhaft werden.
Beim Gedanken an Essstörungen fallen vielen nur die beiden bekanntesten Vertreter der Krankheit ein – die Anorexia Nervosa und die Bulimie. Beide sind gut erforscht, beide regelmäßig in den Medien, und zu beiden gibt es von Spezialkliniken bis hin zu Selbsthilfegruppen auch viele Hilfsangebote für Betroffene. Es gibt aber auch Menschen, die an einer Essstörung leiden, deren Symptome keinem der beiden Klassiker entsprechen und die damit oft mehr Fragen aufwerfen, als sie beantworten.
Ein Beispiel dafür, das erst seit knapp über 10 Jahren von der American Psychiatric Association überhaupt als psychische Störung definiert und erforscht ist, ist eine Essstörung mit dem sperrigen Namen Avoidant and Restrictive Food Intake Disorder – kurz: ARFID. Dahinter verbirgt sich etwas, was im ersten Moment klingen mag wie ganz normales wählerisches Essverhalten – für die Betroffenen allerdings in vielen Fällen das Leben, Alltag und Sozialverhalten massiv einschränken kann. Alles Wichtige dazu erfährst du hier.
Achtung: Dieser Artikel ersetzt keine medizinische Diagnose. Wenn du bei dir oder jemandem in deinem Umfeld Anzeichen für eine Essstörung beobachtest, solltest du ärztlichen oder therapeutischen Rat einholen.
Vermeidend-restriktive Essstörung ARFID: Der Unterschied zu anderen Essstörungen
Hinter der vermeidend-restriktiven Essstörung ARFID verbirgt sich – von Fall zu Fall unterschiedlich – eine tiefe innere Blockade, bestimmte Lebensmittel zu sich zu nehmen. Diese kann zum Beispiel sensorische Gründe wie Geruch oder Konsistenz haben oder auch mit konkreten Ängsten etwa vor Ersticken oder Erbrechen zusammenhängen. In besonders schweren Fällen von ARFID beobachten Experten etwa Patienten, die sich über lange Zeiträume von einer minimalen Auswahl an Lebensmitteln ernähren.
Und während es ihnen zwar nicht wie bei der Anorexia Nervosa um Gewichtsverlust geht, ist diese genau wie Mangelversorgung mit bestimmten Nährstoffen auch häufig eine Folge der Krankheit. Darin liegt auch der Unterschied zwischen ARFID und dem verbreiteten Picky Eating, bei dem Menschen oft seit der Kindheit diverse Lebensmittel nicht mögen. Viele ARFID-Patienten kämpfen in akuten Phasen der Krankheit mit extremem Untergewicht und Nährstoffmangel, einige müssen sogar künstlich ernährt werden. Um ARFID zu diagnostizieren, müssen vorher andere Essstörungen oder körperliche Auslöser ausgeschlossen werden. Darüber hinaus kann die Essstörung auch andere psychische Erkrankungen wie Angststörungen oder Depressionen mit sich bringen.
Entstehung der Essstörung ARFID: Häufig in Verbindung mit Autismus oder ADHS
Was die Entstehung von ARFID angeht, steht die Forschung kaum 10 Jahre nach erstmaliger Listung der Krankheit im richtungsweisenden DSM-5 der American Psychiatric Association noch immer vor vielen Fragen.
Worin sich viele Studien etwa einig sind, ist der Zusammenhang, dass Menschen mit neurologischen Entwicklungsstörungen ein größeres Risiko haben, ARFID zu entwickeln. So ergab etwa eine kanadische Studie, dass fast die Hälfte der untersuchten ARFID-Patienten gleichzeitig auch auf dem Autismus-Spektrum oder mit ADHS oder Lernstörungen diagnostiziert worden waren. Eine andere Diagnose, die oft parallel zu ARFID gestellt würde, sei die posttraumatische Belastungsstörung.
ARFID vs. Picky Eating: Das sind die Unterschiede
Auch wenn die Übergänge zwischen Picky Eating und ARFID in vielen Fällen fließend sind, gibt es klare Unterscheidungen, die die Essstörung von wählerischem Essverhalten unterscheidet.

Ausmaß der Einschränkung
Während Picky Eater bestimmte Lebensmittel oder kleinere Kategorien Lebensmittel ausschließen, haben ARFID-Betroffene oft eine sehr kurze Liste an "sicheren" Lebensmitteln, die sich mit der Zeit erweitern, aber auch reduzieren kann. ARFID kann körperliche Folgen wie Nährstoffmangel oder Gewichtsprobleme hervorrufen.
Hunger und Vermeidung
Während Picky Eater häufig besondere Lieblingsessen haben, die sie bei im Fall von Hunger mit Genuss essen, führt ARFID meistens dazu, dass Essen grundsätzlich als potenziell bedrohlich wahrgenommen wird. In bestimmten Situationen wird Essen sogar komplett vermieden.
Verlauf über die Zeit
Gerade bei Kindern ist Picky Eating oft eine Phase, die sich bessert, wenn Kinder neue Lebensmittel kennenlernen. ARFID hat meist einen deutlich stabileren und chronischen Verlauf und kann auch durch bestimmte Lebensereignisse verschärft werden.
Emotionale Reaktion
Von der Essstörung betroffene Patienten reagieren häufig stark emotional aufgeladen auf die Essensthematik. Dabei sind Angst, starker Ekel und massiver Stress Teil des Alltags rund um die Mahlzeiten.
Soziale Folgen
Picky Eating ist zumeist kein Grund, nicht an Familienessen oder Feiern teilzunehmen. ARFID-Betroffene vermeiden vermehrt Situationen, in denen es zu gemeinsamer Nahrungsmittelaufnahme kommen kann, und isolieren sich auf Dauer sozial immer mehr.
Deutliche soziale Folgen durch ARFID
Dieser letzte Punkt ist ein besonders wichtiger Faktor bei lange Zeit unbehandeltem ARFID: die damit verbundene Sozialkomponente. Weil Menschen durch Angst oder Ekel vor Essen keinen unbeschwerten Alltag planen können, ziehen sie sich häufig aus ihrem sozialen Umfeld zurück oder werden ungewollt zu Außenseitern. Das damit verbundene Vermeidungsverhalten kann langfristig auch zur Verschlimmerung der Krankheit führen.
Häufige Fragen zur vermeidend-restriktiven Essstörung ARFID
Menschen mit einer vermeidend-restriktiven Essstörung zeigen häufig Muster wie eine sehr begrenzte Auswahl an sogenannten „sicheren“ Lebensmitteln – eine Diagnose kann jedoch nur fachlich gestellt werden. Dabei kann es sich um trockenes Brot oder Nudeln ohne Soße handeln, aber genauso um bestimmte Süßigkeiten, die als alternative Kalorienzufuhr herhalten müssen. Deswegen ist ARFID auch nicht grundsätzlich durch Untergewicht erkennbar.
Um den Alltag der Essstörung anzupassen, ziehen sich viele Betroffene stark zurück und meiden soziale Kontakte. Darüber hinaus sorgt die Essstörung häufig zu teils gefährlichem Untergewicht und körperlichen Folgen durch eine langfristige Mangelernährung. Die kann bei bestimmten Lebensmitteln allerdings auch zu Problemen wie Übergewicht führen, etwa falls ein Betroffener sich aufgrund der Essstörung ausschließlich von Lebensmitteln wie Pizza ernährt.
Wie bei anderen Essstörungen wird auch ARFID häufig in akuten Fällen häufig stationär behandelt. Zu den häufigsten Therapieformen gehören Verhaltens- und Beschäftigungstherapie sowie Gruppentherapie und Selbsthilfegruppen.





