Du kannst deine Kniebeuge im Spiegel prüfen und beim Plank sofort sehen, wenn die Hüfte absackt. Beim Beckenboden fehlt dieses Feedback. Ob wirklich die richtigen Muskeln arbeiten, bleibt daher eher Gefühlssache, und das kann ziemlich überzeugend täuschen.
Warum Beckenbodentraining leichter aussieht, als es ist
Eine 2025 im Fachjournal Medicina veröffentlichte Studie zeigt, wie schnell der Körper beim Beckenbodentraining andere Muskeln zur Hilfe holt. Vor einer gezielten Anleitung spannten, je nach untersuchter Gruppe, mehr als die Hälfte der Frauen zusätzlich den Po an.
Auch die Adduktoren an den Oberschenkelinnenseiten mischten sich häufig ein. Dazu kamen zusätzliche Bauchmuskelaktivität, Luftanhalten und Pressen.
Das Spannende: Nach gezielter Anleitung wurden viele dieser Fehler seltener. Du musst deinen Beckenboden also nicht einfach härter trainieren, sondern zunächst lernen, ihn gezielt anzusteuern. Beckenbodentraining ist keine geheimnisvolle Körperkunst – aber Technik macht einen Unterschied.
1. Du machst daraus heimlich ein Po-Workout
Du spannst den Beckenboden an und deine Pobacken gleich mit? Damit bist du in guter Gesellschaft. In der Studie gehörte die zusätzliche Aktivierung des Gesäßes zu den häufigsten Fehlern.
Das Tückische: Die zusätzliche Spannung in Po und Oberschenkeln kann dir das Gefühl geben, besonders kräftig zu arbeiten. Beim Beckenbodentraining gewinnt aber nicht der Muskel, der am lautesten mitmischt.
So geht's besser: Mach es dir zunächst leicht und übe zum Beispiel im Liegen. Lass Po und Oberschenkel bewusst locker und konzentriere dich auf die Bewegung im Beckenboden. Spannt sich automatisch der halbe Körper mit an, nimm etwas Intensität heraus. Präzision ist hier wichtiger als maximale Kraft.
2. Du hältst vor lauter Konzentration die Luft an
Es passiert fast automatisch: Du willst besonders fest anspannen, hältst kurz die Luft an und machst aus einer kleinen Muskelkontraktion eine Ganzkörperaufgabe. Auch auffällige Atemmuster wurden in der aktuellen Studie beobachtet.
Mehr Einsatz bringt hier nicht automatisch mehr Effekt. Dein Beckenboden braucht keine dramatische Kraftanstrengung, sondern Kontrolle.
So geht's besser: Lass deinen Atem weiterfließen. Eine einfache Orientierung: Atme aus, während du den Beckenboden sanft aktivierst, und wieder ein, während du die Spannung löst. Der Atem wird damit zu deinem kleinen Technik-Check: Stockt er, machst du aus der Beckenbodenkontraktion wahrscheinlich gerade wieder mehr Ganzkörperarbeit als nötig.
3. Du drückst nach unten statt nach innen und oben
Ausgerechnet dieser Fehler lässt sich besonders schlecht selbst erkennen: Du glaubst, kräftig anzuspannen, erzeugst tatsächlich aber Druck nach unten. Auch Pressen trat in der Studie als fehlerhaftes Bewegungsmuster auf.
Eine korrekte Beckenbodenkontraktion erzeugt dagegen eine Hebebewegung nach innen und oben. Mehr Druck bedeutet deshalb nicht mehr Trainingseffekt.
So geht's besser: Denk weniger an "fest zusammenkneifen" und mehr an eine kleine Hebebewegung nach innen und oben. Sie darf subtil sein. Kannst du nicht sicher unterscheiden, ob du hebst oder presst, hilft mehr Ehrgeiz nicht weiter. Dann ist fachliches Feedback sinnvoller als 50 weitere Wiederholungen auf Verdacht.
4. Du trainierst nur das Festhalten – nicht das Loslassen
Ein guter Beckenboden ist kein Muskel im Dauer-Clinch. Er muss im richtigen Moment Spannung aufbauen und anschließend wieder kontrolliert nachgeben können. Entspannung gehört deshalb ebenso zu einer guten Beckenbodenfunktion wie Kraft und Ausdauer.
Dauerndes "Bauch rein, Beckenboden fest" ist deshalb nicht das Ziel. Ein Muskel, der ständig auf Sendung ist, arbeitet nicht zwangsläufig besser.
So geht's besser: Mach das Loslassen zu einem bewussten Teil jeder Wiederholung. Nach der Kontraktion folgt eine Phase, in der du die Spannung vollständig zurücknimmst. Erst danach beginnt die nächste Runde. Statt nur zu zählen, wie lange du halten kannst, achtest du also auch darauf, wie gut du wieder entspannst.
5. Du trainierst trotz Beschwerden einfach weiter
Wenn du beim Husten, Niesen, Laufen oder Springen regelmäßig Urin verlierst, Schmerzen oder Druck bemerkst oder trotz konsequentem Training keine Besserung feststellst, sollte nicht automatisch die nächste Wiederholung folgen.
Bei Stress- oder Mischinkontinenz empfiehlt die britische Gesundheitsbehörde NICE ein professionell begleitetes Beckenbodentraining über mindestens 3 Monate als erste Behandlungsoption. Dabei wird auch beurteilt, ob du den Beckenboden korrekt anspannen und wieder entspannen kannst.
So geht's besser: Nimm anhaltende Beschwerden nicht als Zeichen dafür, einfach härter trainieren zu müssen. Eine auf den Beckenboden spezialisierte physiotherapeutische oder medizinische Fachperson kann beurteilen, wie deine Muskulatur arbeitet, und welches Training zu deiner Situation passt.
Manchmal fehlt deinem Beckenboden nicht mehr Fleiß, sondern jemand, der einmal genauer hinschaut.
Was Frauen über ihren Beckenboden wissen sollten
Eine korrekte Anspannung fühlt sich eher wie ein sanftes Heben nach innen und oben an als wie kräftiges Pressen. Po und Oberschenkel sollten dabei möglichst locker bleiben und du solltest weiteratmen können. Bist du unsicher, kann eine spezialisierte Physiotherapeutin oder ein spezialisierter Physiotherapeut die Ansteuerung überprüfen.
Wie häufig und intensiv du trainieren solltest, hängt davon ab, warum du Beckenbodentraining machst und wie gut du die Muskulatur bereits ansteuern kannst. Bei Stress- oder Mischinkontinenz empfiehlt NICE ein individuell abgestimmtes, professionell begleitetes Programm über mindestens 3 Monate. Mehr Wiederholungen sind dabei nicht automatisch besser – entscheidend ist, dass Anspannung und Entspannung sauber funktionieren.
Ja, zumindest ist dauerhafte Anspannung nicht das Trainingsziel. Ein gut funktionierender Beckenboden muss nicht nur Kraft entwickeln, sondern auch vollständig entspannen können. Schmerzen, Druckgefühl oder Schwierigkeiten beim Loslassen solltest du deshalb nicht mit noch mehr Übungen beantworten, sondern fachlich abklären lassen.
Wenn du regelmäßig Urin verlierst, Schmerzen oder ein Druck- beziehungsweise Fremdkörpergefühl bemerkst, Schwierigkeiten beim Anspannen oder Entspannen hast oder trotz konsequentem Training keine Besserung eintritt, ist professionelle Unterstützung sinnvoll. Beckenbodenphysiotherapie kann dabei nicht nur das Training begleiten, sondern zunächst klären, was dein Beckenboden überhaupt braucht.





