Ein Clip am Ohr, ein sanfter Stromreiz und dein Nervensystem fährt runter. Genau das versprechen Vagusnerv-Gadgets. Aber ist das wirklich der Fall?
Was dein Vagusnerv mit Stress zu tun hat
Der Vagusnerv ist der zehnte Hirnnerv und zieht sich vom Hirnstamm bis in den Bauch. Er ist die Hauptleitung des parasympathischen Nervensystems und damit der natürliche Gegenpol zu Anspannung und Alarmbereitschaft.
Wenn er aktiv ist, sinkt die Herzfrequenz, der Blutdruck reguliert sich, der Körper kommt zur Ruhe: Ruhe und Erholung statt Alarm.
Er lässt sich an 2 Stellen von außen erreichen: am Hals und am Ohr, wo ein Ast des Nervs knapp unter der Haut verläuft. Genau diese Zugangspunkte nutzen die Gadgets.
Was die Gadgets versprechen und was Studien sagen
Die bekanntesten Geräte auf dem deutschen Markt arbeiten mit 2 Technologien:
- Elektrische Stimulation am Hals: Pulsetto wird wie ein Kragen getragen und sendet Impulse an den Vagusnerv. Herstellerinterne Daten aus 2025 berichten von einer 56-prozentigen Stressreduktion nach 4 Wochen – bislang ohne unabhängige Bestätigung.
- Elektrische Stimulation am Ohr: Nurosym ist ein CE-zertifiziertes Medizinprodukt und stützt sich nach eigenen Angaben auf über 50 Studien, darunter placebokontrollierte Untersuchungen.
Die wissenschaftliche Grundlage ist solide. Eine Metaanalyse aus dem Jahr 2024 in PAIN Reports analysierte 15 randomisierte Studien zur nicht-invasiven Vagusnervstimulation (tVNS) und fand eine moderate, aber signifikante Wirksamkeit. Allerdings stammen diese Ergebnisse aus kontrollierten, klinischen Settings und nicht aus dem Alltag.
Prof. Nils Kroemer vom Universitätsklinikum Tübingen, der zu tVNS forscht, warnt: Viele frei verkäufliche Geräte haben keine Zulassung zur Behandlung und die Wirkung der Stimulation hänge stark vom individuellen Zustand ab. Pauschal zu sagen, sie fördere immer die Entspannung, sei falsch. Nachhaltige Effekte brauchen außerdem mehrere Wochen regelmäßiger Anwendung.
Der Effekt könnte woanders liegen
Wer ein Gadget anlegt, tut in diesem Moment etwas Entscheidendes: Er hält inne. Dieses bewusste Unterbrechen des Stresspegels – das Ritual – könnte einen erheblichen Teil der wahrgenommenen Wirkung erklären. Nicht das Gerät allein.
Ähnliche physiologische Reaktionen lassen sich auch ohne Technik auslösen:
- Verlängerte Ausatmung: (z. B. 4 Sekunden ein, 6 aus) aktiviert den Parasympathikus kostenlos, sofort, überall.
- Summen oder Singen: stimuliert den Vagusnerv über die Kehlkopfmuskulatur.
- Kaltes Wasser ins Gesicht: aktiviert den Tauchreflex – einen der stärksten natürlichen Vagusreize.
Für Menschen, denen aktive Entspannungstechniken schwerfallen, können Gadgets eine sinnvolle Ergänzung sein. Vorausgesetzt, die Erwartungen sind realistisch.
FAQ: Die häufigsten Fragen zu Vagusnerv-Gadgets
Nicht uneingeschränkt. Menschen mit Herzrhythmusstörungen, Herzschrittmachern oder anderen implantierten Geräten sollten auf elektrische Stimulatoren verzichten. Auch in der Schwangerschaft fehlen ausreichende Sicherheitsdaten. Im Zweifel vorher ärztlichen Rat einholen.
Kurzfristig kann eine Sitzung die Herzfrequenz senken und ein Gefühl der Ruhe erzeugen ähnlich wie Atemübungen. Nachhaltige Veränderungen im Nervensystem brauchen nach aktueller Studienlage jedoch mehrere Wochen regelmäßiger Anwendung.
Medizinprodukte wie Nurosym unterliegen strengeren Zulassungsanforderungen (CE-Klasse IIa) und müssen ihre Wirksamkeit in klinischen Studien nachweisen. Wellness-Gadgets ohne diese Zertifizierung können wirksam sein, eine unabhängige Überprüfung fehlt jedoch oft.





