Dysmorphophobie "Bin ich hässlich?" Wenn dich diese Frage krank macht

Bei einer Dysmorphophobie ist man nie mit seinem Körper zufrieden
Wer krankhaft unzufrieden mit dem eigenen Körper ist, leidet unter Umständen unter Dysmorphophobie. © siamionau pavel / Shutterstock.com

Du findest dich hässlich? Achtung! Wenn das Bild vom eigenen Körper dich in schwere Krisen stürzt, könnte das eine körperdysmorphe Störung sein. Alles über Symptome und Hilfe

Sich im Job krank melden, weil die Frisur am Morgen nicht sitzt. Eine Verabredung absagen, weil die eigene Nase zu groß erscheint. Einen Autounfall riskieren, weil während der Fahrt permanent das eigene Spiegelbild ablenkt. Das mag schräg klingen, aber für Menschen mit einer körperdysmorphen Störung sind solche Momente Alltag.

Wer an Dysmorphophobie leidet, hat jeden Tag aufs Neue Angst vor dem Blick in den Spiegel. Betroffene sind der festen Überzeugung, hässlich oder sogar entstellt zu sein, obwohl ihr Äußeres dazu gar keinen Anlass gibt. Schätzungsweise 1,7 bis 2 Prozent der Bevölkerung in Deutschland leiden an Dysmorphophobie oder – anders gesagt – an einer körperdysmorphen Störung.

Prof. Dr. Ulrike Buhlmann ist Psychologische Psychotherapeutin am Institut für Psychologie der Universität Münster. Sie forscht und arbeitet seit Jahren zum Thema und hat uns in einem Gespräch verraten, woran eine beginnende Dysmorphophobie zu erkennen ist, wie sich die Krankheit entwickelt und was du dagegen tun kannst.

Manche Frauen sind krankhaft unzufrieden mit ihrem Äußeren
Hinter permanenter Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper kann eine Dysmorphophobie stecken. © Tatyana Dzemileva / Shutterstock.com

Was ist Dysmorphophobie?

Der Begriff setzt sich zusammen aus den altgriechischen Worten dys = schlecht, morphé = Gestalt und phobos = Angst. Übersetzt also etwa: "die Angst von schlechter Gestalt zu sein". Einfach gesagt ist es die permanente krankhafte Vorstellung, hässlich zu sein, oft bezogen auf einen ganz bestimmten Aspekt des eigenen Äußeren.

Moment, keine Panik: Natürlich machen sich viele Frauen mal Sorgen um ihr Aussehen oder hadern mit einer vermeintlich zu großen Nase oder zu kurzen Beinen. Das ist auch kein Spaß, bedeutet aber noch lange nicht, dass eine körperdysmorphe Störung vorliegt. Die Häufigkeit und Intensität, mit der du dich mit diesen Äußerlichkeiten beschäftigst, sowie das damit verbundene Leiden und die Beeinträchtigung deines Lebens sind entscheidend.

Wie weit das gehen kann? "Betroffene kontrollieren täglich bis zu zehn Stunden ihr Spiegelbild oder beschäftigen sich gedanklich mit ihrem Aussehen" sagt Prof. Buhlmann. "Wir hatten eine Patientin, die einen schweren Verkehrsunfall verursacht hat, weil sie ihr Gesicht permanent im Rückspiegel ihres Autos checken musste."

Hilft eine Schönheits-OP bei Dysmorphophobie?

Nein, absolut nicht. Eher im Gegenteil. Viele Betroffene sehen zwar in einer Schönheits-OP die einzige Lösung für ihr Problem, bis sie nach der Operation bemerken, dass sie immer noch nicht zufrieden sind und sich erneut unters Messer legen. Einige treibt das über kurz oder lang in den finanziellen Ruin. Das Problem ist eben nicht körperlich, es ist eine Störung der Selbstwahrnehmung.

Dabei geht es den Menschen mit einer körperdysmorphen Störung gar nicht unbedingt darum, wie ein Topmodel auszusehen, sondern sie möchten lediglich nicht entstellt, also nach ihrer ganz eigenen Definition "normal" aussehen. "Unter unseren Patienten waren sogar schon Models", berichtet Prof. Buhlmann, "Selbst wenn die Betroffenen wissen, dass sie ihr Geld mit ihrer Attraktivität verdienen, fühlen sie sich minderwertig, so lange nicht der wahrgenommene Makel behoben ist."

Der Leidensdruck von Frauen, die unter Dysmorphophobie leiden, ist hoch.
Der Leidensdruck von Frauen, die unter einer Körperwahrnehmungsstörung leiden, ist groß. © fitzkes / Shutterstock.com

Welche typischen Symptome hat die körperdysmorphe Störung?

"Die vermeintlichen Makel der Betroffenen beziehen sich in den häufigsten Fällen auf einen abgrenzbaren Bereich, meist im Gesicht oder am Kopf", erklärt Prof. Buhlmann, "Andere wiederum hadern mit einem anderen Körperteil, den Füßen beispielsweise oder sie fühlen sich insgesamt zu groß, zu plump, zu wenig muskulös."

Egal, um welchen Bereich des Körpers es geht – das Leid und der Druck, der auf Menschen mit Dysmorphophobie lastet, ist enorm. Schließlich bestimmen die quälenden Gedanken ums Äußere irgendwann das komplette Leben. Die Betroffenen vermeiden immer häufiger soziale Situationen, weil sie schlichtweg Angst haben, sich anderen Menschen zu zeigen oder für ihr Aussehen ausgelacht zu werden.

Viele fragen unentwegt ihre Umgebung, ob alles an ihrem Aussehen in Ordnung sei – eine immense Belastung auf beiden Seiten. Die Freundschaften der Menschen leiden, ihre Arbeitsplätze sind häufig wegen der hohen Fehltage bedroht und Partnerschaften zerbrechen oft an der Krankheit; nicht zuletzt, weil Menschen mit Dysmorphophobie kaum mehr Intimität oder Sexualität zulassen können – zu groß ist die Scham.

Interessanterweise gehen Menschen mit einer körperdysmorphen Störung mit ihren Mitmenschen weniger streng ins Gericht als mit sich selbst. "Meistens haben die Betroffenen einen Doppelstandard, beurteilen andere sehr wohlwollend, was Attraktivität angeht, und sind lediglich bei sich selbst kritisch", so Prof. Buhlmann.

Frauen, die unter Dismorphophobie leiden, schauen meist krankhaft oft in den Spiegel, auch beim Autofahren
Frauen, die unter Dysmorphophobie leiden, schauen meist krankhaft oft in den Spiegel, auch beim Autofahren. © Daxiao Productions / Shutterstock.com

Wie verläuft eine körperdysmorphe Störung?

Dysmorphophobie gehört zu den chronischen Störungen. Das heißt: Wird die Krankheit nicht behandelt, ist davon auszugehen, dass sie nicht von allein verschwindet. "Je stärker es sich chronifiziert und unbehandelt bleibt, desto stärker wird das Leiden", so Buhlmann. "Je früher sich die Betroffenen behandeln lassen, desto höher die Erfolgschancen."

Die Psychotherapeutin kämpft dafür, dass das Thema in der Gesellschaft publiker wird, das neben Krankheiten wie Depressionen oder Angststörungen immer noch viel zu unbekannt ist. "Es gibt sehr viele Betroffene, aber die wissen selbst oft gar nicht, dass es eine Störung ist, die sich behandeln lässt", sagt Prof. Buhlmann, die Anfragen von Betroffenen aus der ganzen Republik bekommt. "Viele, die von dieser Störung betroffen sind, denken, sie seien verrückt oder fühlen sich völlig alleingelassen mit ihren Gedanken."

Was sind die schlimmsten Folgen einer Dysmorphophobie?

Eine zeitige Behandlung ist auch deshalb so wichtig, weil es um Leben und Tod gehen kann. Damit sind nicht allein Autounfälle wegen zu vieler Spiegelblicke gemeint. Die Suizidversuchsrate liegt bei 25 Prozent: "Es gibt Schätzungen, laut derer jede vierte Betroffene versucht, sich aufgrund der Sorgen um ihr Aussehen das Leben zu nehmen. Das ist alarmierend, wenn man bedenkt, dass nur ein geringer Prozentsatz in adäquater Behandlung ist".

Wie entsteht eine gestörte Selbstwahrnehmung?

Derzeit fehlen den Wissenschaftlern noch Ergebnisse von Langzeitstudien, um gesicherte Aussagen über die genauen Auslöser der körperdysmorphen Störung zu benennen. "Wir haben Vermutungen, müssen aber sehr vorsichtig sein mit kausalen Aussagen", sagt Prof. Buhlmann. Allerdings wurden bereits einige Studien durchgeführt, bei denen die Wissenschaftler potenziell mitauslösende Faktoren identifizieren konnten. Perfektionismus ist einer davon wie auch Depressionen oder ein geringes Selbstwertgefühl.

In den Sozialen Medien wird man mit Fotos scheinbar perfekt aussehenden Menschen überflutet.
Die Scheinwelt der Sozialen Medien kann zutiefst verunsichern und unzufrieden machen. © PKpix / Shutterstock.com

Unweigerlich drängt sich die Frage auf, ob es sich bei der Dysmorphophobie um eine Krankheit unseres Medienzeitalters handelt, in der uns permanent eine vermeintliche Perfektion auf Werbeplakaten und bei Instagram suggeriert wird. Aussagekräftige Studien hierzu gibt es allerdings noch nicht, so Prof. Buhlmann. "Es ist mit Sicherheit keine Störung, die erst in den letzten 30 Jahren entstanden ist", sagt sie,

"Das Thema Schönheit hat die Menschen schon immer umgetrieben. Es bleibt noch eine offene Frage, ob es heute stärker ist als früher. Wir alle werden mit den Medien und mit bearbeiteten Fotos bombardiert und trotzdem entwickeln nicht alle eine körperdysmorphe Störung. Es kann allerdings gut sein, dass gerade verletzliche Personen hierdurch besonders beeinflusst werden."

Sollte man bei Dysmorphophobie eine Therapie machen?

Möglichst ja, was leider immer noch nicht bei allen Betroffenen angekommen ist. Vor einigen Jahren hat das Team um Prof. Buhlmann eine Interneterhebung gestartet. Das Ergebnis: Gerade einmal 20 Prozent der Betroffenen waren zu diesem Zeitpunkt in Behandlung. "Es gibt eine hohe Behandlungsbarriere", weiß die Expertin, die immer wieder auf die gleichen Sorgen und Vorurteile bei den Patienten stößt: Man versteht mich sowieso nicht. Mein Therapeut nimmt mich ohnehin nicht ernst. Nur eine Schönheitsoperation kann mir helfen, denn Hässlichkeit lässt sich nicht therapieren.

Gerade beim Thema Schönheits-OP schrillen bei Prof. Buhlmann die Alarmglocken: "Ich habe nicht grundsätzlich etwas gegen Schönheitsoperationen, aber bitte nicht, wenn eine körperdysmorphe Störung vorliegt“, sagt sie, "Wir bitten Patienten daher häufig zunächst der Psychotherapie eine Chance zu geben und raten, mindestens ein halbes Jahr abzuwarten, damit die Therapie greifen und somit auch der Wunsch nach einer OP neu bewertet werden kann."

Welche Therapien helfen bei körperdysmorpher Störung?

Wie bereits erwähnt: Eine Schönheits-OP ist nicht der Schlüssel zum Glück bei Menschen, die unter Dysmorphophobie leiden. Die Betroffenen sind anschließend trotzdem nicht zufrieden. "Oder die Zufriedenheit hält nur für wenige Monate und das Problem wandert anschließend zum nächsten Körperbereich", weiß die Psychologin, "Häufig lassen sich Betroffene 2-, 3-, 4- oder 5-mal operieren bis hin zum finanziellen Ruin, weil die Operation bei den Betroffenen nichts gegen den geringen Selbstwert ausrichten kann."

Wie kann eine therapeutische Behandlung aussehen? "Ich selbst finde die internetbasierten Therapien sehr wichtig, denn viele Betroffene verlassen kaum mehr das Haus, und daher ist das Internet die einzige Form für sie, um mit anderen in Kontakt zu treten", sagt die Expertin, "Internetbasierte Therapie ersetzt zwar nicht die Face-to-Face-Therapie, aber sie ermöglicht, mehr Leuten schneller ein Angebot zu machen und vielleicht so weit zu bekommen, sich in eine richtige Behandlung zu begeben."

Frauen, die unter eine körperdismophen Störung leiden, würden am liebsten eine Schönheits-OP nach der anderen machen
Eine Schönheits-OP gilt Menschen mit körperdysmorphen Störungen oft als letzter Ausweg, aber sie hilft nicht. © Romariolen / Shutterstock.com

Gute Resultate erzielen Therapeuten aber vor allem mit der kognitiven Verhaltenstherapie – häufig auch in Kombination mit einer medikamentösen Therapie. Hat die Betroffene zu Beginn der Therapie gar keine oder nur eine sehr geringe Einsicht, dass es sich nicht um einen optischen Makel, sondern eine psychische Störung handelt, führt die Therapeutin zunächst intensive Gespräche, bei denen die Krankheit genau erklärt wird.

Häufig hilft auch die sogenannte Spiegelkonfrontation: Da Betroffene meist nur einen Aspekt ihres Aussehens fokussieren, werden sie aufgefordert, den gesamten Körper im Spiegel zu betrachten. Bei jedem Menschen würde sich mit der Zeit die Wahrnehmung verändern, wenn nur ein Bereich ganz lange betrachtet wird. „Wir üben mit den Betroffenen, sich ganzheitlich und wertfrei zu betrachten. Das ist zunächst schwierig, funktioniert aber mit der Zeit sehr gut“, sagt Prof. Buhlmann.

Wie aber denkt die Patientin über ihr ehemaliges Leiden nach einer erfolgreichen Therapie? "Unterschiedlich", weiß Prof. Buhlmann, "Für einige ist der vermeintliche Makel tatsächlich verschwunden, andere sehen ihn zwar noch, aber sie haben gelernt, sich selbst anzunehmen und messen der Optik nicht mehr all zu viel Bedeutung bei."

Leide ich an Dysmorphophobie?

Das kannst du testen. Auch wenn das Team um Prof. Buhlmann keine Diagnosen über das Internet stellen kann – ein große Hilfe bietet ein Selbsttest, der auf der Seite der KDS-Ambulanz bereitgestellt wird.

Hier kannst du, wenn du den Veracht hast, dass du an einer körperdysmorphen Störung leidest, einen Fragebogen ausfüllen und von den Experten automatisch auswerten lassen. "Wir stellen Fragen und äußern Vermutungen, ob es ratsam wäre, sich an Fachkollegen zu wenden. Es gibt immer ein Feedback", sagt Prof. Buhlmann.

Zunächst ganz wichtig: Du bist nicht "hässlich"! Wenn du das Gefühl hast, selbst an einer körperdysmorphen Störung zu leiden oder einen Fall im Freundes-, oder Familienkreis kennst, auf den die Symptome zutreffen – professionelle Hilfe für Betroffene ist möglich und kein Wunderwerk!

26.08.2019| Linda Babst © womenshealth.de
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