Karate für Frauen So kämpfen Sie sich mit Karate zum Seelenfrieden

Ein Kick für das Selbstbewusstsein
Manche sagen, das eigentliche Karatetraining fängt erst mit dem schwarten Gürtel an. © Jasminko Ibrakovic / Shutterstock.com

Hier sind Körper und Köpfchen gefragt. Ein Karate-Meister erklärt, wie uns der ganzheitliche Ansatz beim Karate nicht nur fit, sondern auch gelassener macht

Sie stehen auf einer Matte und schauen ihrem Gegenüber in die Augen. Jetzt ist höchste Konzentration gefordert, denn jeden Moment könnte Ihr Gegner mit einem Kick oder Schlag den Kampf beginnen. Angst haben Sie aber keine, denn Sie wissen genau, wie Sie einen Angriff abwehren können. Karate ist mehr als nur eine Sportart, es ist eine Lebensschule.

“Karate ist sowohl eine Kampfkunst als auch ein Kampfsport“, erklärt Samad Azadi, Vizeweltmeister im Karate und Trainer der Karate Academy Hamburg. „Es vereint die klassischen, traditionellen Elemente der Kampfkunst mit der Philosophie des Zen–Buddhismus.“ Als Kampfsport hat Karate natürlich eine wettbewerbsorientierte Seite. Anders als wir das aus vielen Martial Arts Filmen kennen, geht es beim Karate aber nicht um das durchschlagen von Brettern, sondern viel mehr um das Dō, also den Lebensweg oder auch die Lebenseinstellung des Schülers.

Was genau macht man beim Karate?

Karate (dt. “leere Hand“) ist eine der wohl bekanntesten und meistbetriebenen Kampfsportarten der Welt. Im Laufe der Zeit entwickelten sich verschiedene Stilrichtungen, die unter den 4 Hauptströmen Gōjū-Ryū, Shitō-Ryū, Wadō-Ryū und Shōtōkan zusammengefasst werden können. Shotokan Karate ist das am weitesten verbreitete System. Als Begründer dieser Karate-Schule gilt der von der japanischen Insel Okinawa stammende Gichin Funakoshi. Charakteristisch für diese Form von Karate ist ein tiefer Stand, der besonders dynamische und kraftvolle Bewegungen möglich macht. “Zuerst lernt man Stand und Atemtechnik, dann kommen technische Elemente wie Fauststöße oder Kicks“, sagt der Lehrer.

Eine Trainingseinheit besteht aus diesen 4 Elementen:

1. "Rei": Die Begrüßung

Als Ausdruck von Höflichkeit und Respekt beginnt ein typisches Training mit dem Begrüßungsritual, bei dem man sich verbeugt.

2. Aufwärmen

Nach dem Ritual beginnt die Aufwärmphase. Hier treffen wir auf klassische Elemente wie Hampelmann und funktionelle Dehnungs- und Kräftigungsübungen. Zum Aufwärmprogramm eines ausgewogenen Karatetrainings gehören außerdem Koordinationsübungen, erklärt Azadi.

3. Übungen

Shotokan Karate ist ein waffenloser Sport, der sich vor allem durch geradlinige Tritt-, Stoß-, Schlag- und Blocktechniken auszeichnet. Ihre Arme und Beine werden zu Ihren einzigen Waffen. Sie trainieren vor allem Ihre Schnellkraft, denn Sie versuchen praktisch aus dem Stillstand Hände und Füße mit einer hohen Geschwindigkeit zu schlagen. Das erfordert ein hohes Fitnesslevel und bringt Sie richtig ins Schwitzen.

4. Partnertraining

Nachdem Sie die ersten Übungen allein absolviert haben, geht es ans Partnertraining, wo Sie das Gelernte im Kampf anwenden. Dabei werden Sie von einem Trainer angeleitet, sodass Sie die Techniken richtig ausführen. Viele denken, Karate sei eine Sportart, bei der man nur mit Armen und Beinen agiert, aber tatsächlich geht es dabei um eine Ganzkörperbewegung, die aus der Mitte gesteuert wird, erklärt der Meister.

Kontrolle und Disziplin sind besonders wichtig im Karate © Jasminko Ibrakovic / Shutterstock.com

Die 20 Regeln des Karate

Wie schon erwähnt ist Karate mehr als nur eine Sportart. Es ist eine Lebenseinstellung. Dementsprechend hat der Begründer des Shotokan-Karate Funakoshi Gichin basierend auf seiner Lebenserfahrung 20 Regeln aufgestellt, die alle Karate-Schüler auf Ihrem Weg (Dō) berücksichtigen sollen und die ihnen auch außerhalb des Sports den Weg weisen:

  1. Karate beginnt und endet mit Respekt.
  2. Im Karate gibt es keinen ersten Angriff.
  3. Karate ist ein Helfer der Gerechtigkeit.
  4. Erkenne dich selbst zuerst, dann den anderen.
  5. Intuition ist wichtiger als Technik.
  6. Lerne deinen Geist zu kontrollieren und befreie ihn dann.
  7. Unheil geschieht durch Nachlässigkeit.
  8. Karate ist nicht nur im Dojo.
  9. Die Ausbildung im Karate geht ein Leben lang.
  10. Verbinde dein alltägliches Leben mit Karate, das ist der Zauber der Kunst.
  11. Wahres Karate ist wie heißes Wasser, das abkühlt, wenn du es nicht beständig erwärmst.
  12. Denke nicht ans Gewinnen, denke darüber nach wie du nicht verlierst.
  13. Wandle dich abhängig vom Gegner.
  14. Der Kampf hängt von der Handhabung des Treffens und des Nicht-Treffens ab.
  15. Stelle dir eine Hand und deinen Fuß als Schwert vor.
  16. Wenn man das Tor zur Jugend verlässt, hat man viele Gegner.
  17. Das Einnehmen einer Haltung gibt es beim Anfänger, später gibt es den natürlichen Zustand.
  18. Übe die Kata (imaginärer Kampf) korrekt, im echten Kampf ist das eine andere Sache.
  19. Hart und weich, Spannung und Entspannung, langsam und schnell – alles in Verbindung mit der richtigen Atmung.
  20. Denke immer nach und versuche dich ständig an Neuem.

Welche Bedeutung hat die Farbe des Gürtels beim Karate?

Die Einstufung des Könnens erfolgt im Karate über ein Gürtelsystem. Das System unterscheidet zwischen Schülergraden, den sogenannten „Kyū“, und Meistergraden, den „Dan“. In dem in Deutschland meistverwendeten System gibt es 9 Kyū- und 10 Dan-Grade. Um den nächsthöheren Gürtel zu erlangen, muss eine Prüfung abgelegt werden.

Weiße bis orangefarbene Gürtel

Grundstufe (9. bis 7. Kyū): Die Gürtel bieten vor allem für jüngere Anfänger, eine Motivation weiterzumachen und besser zu werden.

Grüne, blaue oder violette Gürtel

Mittelstufe (6. bis 4. Kyū): “Um von der Grundstufe zur Mittelstufe aufzusteigen, können Sie ungefähr 1-2-jähriges Training einplanen“, erklärt der Meister.

Der braune Gürtel

Fortgeschritten (3. bis 1. Kyū): Den braunen Gürtel erlangen Sie nach ungefähr 3-5-jährigem Training.

Der schwarze Gürtel

Dan Grad: Das Erlangen des berüchtigten “schwarzen Gürtels“ ist nach etwa 5-7 Jahren intensiven und regelmäßigen Trainings möglich. “In der Szene heißt es, das echte Karatetraining beginne erst, nachdem man den schwarzen Gürtel hat“, sagt Azadi.

Karate
Beim Karate tragen nur die erfahrenen Dan den schwarzen Gürtel. © Jasminko Ibrakovic / Shutterstock.com

So profitieren Sie vom Karate-Training

Je nach Lebensphase ändert sich oft die Perspektive auf den Sport. Im Jugendalter können Turniere oder der nächste Gürtel ein großer Anreiz sein, ältere Karateka schätzen vor allem das Selbstbewusstsein und die körperliche Fitness, die sie durch das Training erlangen. Die abwechslungsreichen Trainingseinheiten fördern Ihre Kondition und verbrennen nebenbei auch ordentlich Kalorien.

Doch anders als viele Frauen oft befürchten, sind Kraft und Körperstatur beim Karate nicht entscheidend, sondern vielmehr Schnelligkeit, Geschick und die korrekte Ausführung der Übungen. Auch wenn Karate als Kampfsport auch der Selbstverteidigung dienen kann, warnt der Experte davon ab zu glauben, nach wenigen Wochen könne man sich mit dem Gelernten in Gefahrensituationen selbst verteidigen. “Bei Karate geht es nicht um den schnell sichtbaren Erfolg, sondern darum die Techniken wirklich zu verinnerlichen. Es erfordert jahrelanges Training, bis diese auch in einer realen Gefahrensituation automatisiert abrufbar sind.“ Bis dahin fördert Karate neben der körperlichen Fitness auch die mentale Stärke und das Selbstbewusstsein, was sich auf das gesamte Auftreten auswirkt.

3 Tipps um den richtigen Verein zu finden

1. Probestunde vereinbaren

Nehmen Sie die einzelnen “Dojos“, wie die Vereine oder Clubs auch genannt werden, genauer unter die Lupe! Meist kann man dort eine kostenlose Probestunde vereinbaren.

2. Achten Sie auf den Frauenanteil

“Wer in ein Dojo kommt sollte sich als Frau vor allem wohl und nicht in der Unterzahl fühlen“, so der Trainer. Beobachten Sie wie die Trainer mit den Schülerinnen umgehen und welches Konzept des Kampfsports sie vermitteln.

3. Sprechen Sie mit anderen Karateka

Haben Sie Freunde die bereits Karate machen oder haben bei der Probestunde jemanden kennengelernt? Dann stellen Sie dieser Person alle ihre Fragen. Das Zugehörigkeitsgefühl ist beim Karatesport extrem wichtig, meint Azadi. “Egal wo ich auf der Welt bin, ich treffe dort oft auf andere Karateka. Es ist eine sehr große und lebendige Szene und wir sind wie eine große Karatefamilie“.

Wie hoch ist das Verletzungsrisiko?

“Natürlich gibt es beim Karate wie bei fast jeder Sportart auch ein Verletzungsrisiko“, so der Europameister. Diese ist laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) allerdings deutlich geringer, als zum Beispiel bei Ballsportarten. Azadi erklärt: “Bei Karate will man die Kontrolle erlangen. Sie lernen die Kraft zu kontrollieren, Schläge und Kicks auszuführen, aber nicht mit dem Ziel richtig zuzuhauen. Diese Kontrolle erfordert weit mehr Selbstbeherrschung und Kraft als sich viele vorstellen“.

Wenn Sie Spaß am sportlichen Wettkampf haben und nebenbei auch noch ordentlich fit werden wollen, dann sollten Sie mit Karate anfangen. Letztlich geht es aber nicht um den Sieg oder die Niederlage, sondern darum persönlich zu wachsen.

20.09.2013| Laura Krampe © womenshealth.de
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