Antidepressiva Wann und wieso Pillen gegen Depressionen sinnvoll sind

Bei Depressionen helfen Antidepressiva, die Stimmung wieder aufzuhellen
Antidepressiva können bei einigen Formen der Depression tatsächlich sehr helfen. © fizkes / Shutterstock.com

Viele halten Depressionen für eine vorrübergehende Phase, für die niemand Pillen braucht. Dabei leiden Betroffene sehr, und Antidepressiva können ihnen häufig helfen

Tabletten sind Alltag. Den Blister mit der Anti-Baby-Pille im Café auspacken oder bei Kopfschmerzen die Kollegin nach einer Aspirin fragen? Ganz normal. Es ist auch total okay, wegen Unterleibsschmerzen oder Migräne eine Verabredung abzusagen. Was aber passiert wenn du sagst: „Rechnet nicht mit mir. Ich stecke in einer depressiven Episode und nehme Antidepressiva“? Oft gibt's da nur lange Gesichter und Schweigen.

Dabei ist Depression eine weit verbreitete Erkrankung. Die Deutsche Depressionshilfe bestätigt, dass im Laufe ihres Lebens jede vierte Frau von der Krankheit betroffen ist. Zusammen mit den männlichen Leidensgenossen sind es 5,3 Millionen Depressionskranke. Die Mehrheit lässt sich beim Hausarzt behandeln, und der verschreibt laut Statistik häufiger Medikamente als Psychotherapien.

Aber nicht nur die Krankheit wird oft tabuisiert, auch die Medikamente. Warum sind Antidepressiva so ein Tabuthema? Es scheint, als herrsche immer noch die Meinung vor, eine Depression sei lediglich eine Phase. Ein trauriger Gemütszustand, aus dem du mit ein bisschen Schokolade oder Urlaub schon wieder rauskommst. Dabei ist eine Depression eine Krankheit, die Betroffene stark einschränkt.

Depressionen gehen oft mit Antriebslosigkeit einher
Eine Depression heißt nicht nur, ein bisschen traurig zu sein. © fizkes / Shutterstock.com

Was sind Antidepressiva?

Antidepressiva sind Medikamente, die bei Depressionen die negative Gemütslage aufhellen und Antriebslosigkeit verringern können. Auch auf Begleiterscheinungen wie Schlafstörungen können sie positiv einwirken. Allerdings sind ihre Wirkstoffe nicht harmlos und können durchaus Nebenwirkungen verursachen. Nicht zuletzt deswegen sind Antidepressiva verschreibungspflichtig.

Wie wirken Antidepressiva?

Letztlich steuern sie über chemische Stoffe körperliche Prozesse. Die enthaltenen Wirkstoffe beeinflussen Botenstoffe im Gehirn, die zur Übertragung von Nervenimpulsen zuständig sind, vor allem die Neurotransmitter Noradrenalin und Serotonin, die für die Stimmung und unseren Antrieb verantwortlich sind.

Diese Antidepressiva gibt es:

  • Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer
    Bekannt unter: Fluoxetin, Paroxetin, Citalopram, Sertralin Wirkung: Hemmen die Wiederaufnahme von Serotonin aus dem synaptischen Spalt zurück in die Nervenzelle, die Serotoninkonzentration im synaptischen Spalt steigt.
    Nebenwirkungen: Eher selten. Sexuelle Dysfunktionen, Magen- Darm-Beschwerden
  • Selektive Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer
    Bekannt unter: Venlafaxin, Duloxetin, Milnacipran Wirkung: Hemmen Serotonin und auch die Wiederaufnahme von Noradrenalin. Verbessern die Stimmung & wirken antriebssteigernd.
    Nebenwirkungen: Eher selten. Appetitlosigkeit, Übelkeit, Schlafprobleme, Unruhe, Mundtrockenheit
  • Benzodiazepine
    Bekannt unter: Diazepam, Lorazepam, Temazepam Wirkung: Schnell angstlösend und schlaffördernd. Wird oft zur Überbrückung eingesetzt, bis das eigentliche Antidepressivum wirkt.
    Nebenwirkungen: Abhängigkeit (schon nach 4 Wochen möglich!), Müdigkeit, Schwindel, Benommenheit

Viele Frauen trauen sich nicht zuzugeben, dass sie Antidepressiva nehmen
Antidepressiva lösen keine Probleme, können aber helfen, mit ihnen zurecht zu kommen. © fizkes / Shutterstock.com

Wie wirksam sind Antidepressiva?

Die Wirkweise von Antidepressiva ist umstritten. Studien, welche die Wirkung von Antidepressiva mit Placebos vergleichen, zeigen, dass die so genannte Effektstärke statistisch nur bei 0,2 liegt. Diese Wirkungsschwäche gilt allerdings nur dann, wenn das Medikament gegen leichte und mittlere Depressionen eingesetzt wird.

Mit der Schwere der psychischen Erkrankung steigt auch die Erfolgsquote der Tabletten. Aber letztlich ist ja auch der Placeboeffekt ein Effekt. "Ein großer Teil der positiven Wirkung der Medikamente kommt dadurch, dass Patienten wissen, sie bekommen etwas, das ihnen helfen kann", sagt Prof. Dr. Tom Bschor, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie.

Welche Nebenwirkungen können Antidepressiva haben?

Neben einer klassischen Nichtwirksamkeit kann es weitere Probleme geben: Nebenwirkungen wie zum Beispiel Übelkeit, Verdauungsprobleme, Mundtrockenheit oder sexuelle Dysfunktion kommen vor.

Beim Absetzen ist wichtig: Die meisten Antidepressiva haben aus chemischer Sicht eigentlich kein Abhängigkeitspotenzial – mit Ausnahme der Benzodiazepine, die Schlafmittel enthalten. Trotzdem kann es zu Entzugssymptomen kommen, weshalb eine ärztliche Begleitung so wichtig ist.

Antriebslosigkeit gehört zu den Symptomen einer Depression, gegen die Antidepressiva helfen können
Antriebslosigkeit gehört zu den Symptomen einer Depression, gegen die Antidepressiva helfen können. © fizkes / Shutterstock.com

Was unterscheidet eine Depression von einer Verstimmung?

Dass die Depression allzu oft mit einer stressbedingten Verstimmung verwechselt wird, bestätigt auch Prof. Ulrich Hegerl, Vorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und emeritierter Facharzt für Psychiatrie, Neurologie und Psychotherapie: "Jeder kennt das: Verlusterlebnisse, Überforderung oder Partnerschaftsprobleme schlagen auf die Stimmung. Die Depression ist aber etwas anderes und fühlt sich auch anders an."

Wichtig zu wissen: Eine Depression kann auch ganz ohne das Auftreten großer Stressfaktoren auftauchen. "Entscheidend ist die Veranlagung dafür. Wenn man diese hat, braucht es keinen äußeren Belastungsfaktor."

In seinem Buch „Antidepressiva – wie man sie richtig anwendet und wer sie nicht nehmen sollte“ (Südwest, 20 Euro) erklärt Prof. Bschor, dass eine Depression zwar keine Erbkrankheit ist, diese Anfälligkeit oder Veranlagung, die so genannte Vulnerabilität, aber sehr wohl vererbt wird. Negative Erfahrungen in der Kindheit können sie noch verstärken. Unter diesen Voraussetzungen können akute negative Lebensumstände die Krankheit dann leicht auslösen oder sie verschlimmern.

All das sind aber nie die echten Ursachen einer Depression. "Allerdings sind sogar Betroffene selbst oft überzeugt, dass eine aktuelle Problematik im Lebensumfeld schuld sei", so Hegerl, „Dann leuchtet es nicht direkt ein, wieso man Antidepressiva nehmen sollte. Man versteht nicht, dass es sich um eine Krankheit handelt, die eben behandelt werden muss."

Etwa 1,8 Milliarden Antidepressiva werden jedes Jahr verschrieben.
Jährlich schlucken die Deutschen ungefähr 1,5 Milliarden Tagesdosen Antidepressiva. © fizkes / Shutterstock.com

Warum verschweigen viele, dass sie Antidepressiva nehmen?

Menschen mit Depressionen werden von ihrer Umwelt auch wegen genau dieser Unkenntnis oft als schwach oder nicht leistungsstark abgestempelt. Und das ist wohl auch der Grund für die Stigmatisierung. "In einer Leistungsgesellschaft hat man erfolgreich zu sein und Ergebnisse vorzuzeigen. Da passt es nicht, nur mit der Krücke von Medikamenten leistungsfähig zu sein und genug Antrieb zu haben", so Bschors Bilanz.

Das ist vielleicht eine Erklärung dafür, dass heute zwar 8-mal so viele Tagesdosen Antidepressiva verschrieben werden wie noch im Jahr 1990, dass über diese Menge von 1,4 Milliarden Tabletten aber kaum jemand spricht. All das soll natürlich nicht bedeuten, dass der Griff zur Tablette auch immer der richtige Weg sein muss.

Welche Alternativen zu Antidepressiva gibt es?

Es gibt viele andere Maßnahmen, die ausprobiert werden können. Eine Therapie liegt nahe, allerdings sind die Plätze knapp, zumindest bei Kassen-Therapeuten. Die aktuellen Zahlen der Bundespsychotherapeutenkammer zeigen: Man wartet fast 20 Wochen, um an einen ersten Termin zu kommen. Wohlgemerkt: nur für den Besuch einer Sprechstunde, in der ein Therapiebedarf dann erst ermittelt wird.

Die Techniker Krankenkasse hat deshalb vor einigen Jahren einen digitalen „Depressions-Coach“ entwickelt. Dieses Online-Behandlungs-Tool richtet sich an leicht bis mittelschwer erkrankte Menschen. In etwa 6 Wochen soll hier ein neuer Umgang mit der Depression erarbeitet werden – mithilfe strukturierter Module, intensiver Schreibaufgaben und persönlichen (aber schriftlichen) Rückmeldungen durch Therapeuten. Ob diese Methode sinnvoll ist, liegt natürlich immer am individuellen Erleben der Betroffenen. Gleiches gilt übrigens auch für die verschriebenen Medikamente.

Final lässt sich sagen: Wem Antidepressiva helfen, der sollte keine Angst haben, auch offen darüber zu sprechen. Der Meinung ist auch Facharzt Bschor: "Es sind schließlich keine Substanzen, die die Persönlichkeit verändern. Sie stellen lediglich den ‚Normalzustand‘ des Körpers wieder her."

Informationen und Hilfe bei Depressionen findest du auch bei der Deutschen Depressionshilfe.

25.09.2019| Dana Jansen © womenshealth.de
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